Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 2 (1875-1876)
- Issue
- 8-9 (5.1876) Mai-Juni
- Date
- 1876-05-01
- Page
- Seite 266 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Sollten wir da etwa versuchen, das tiefbetrübte Elternherz zu > täuschen und den Verlust als gering darzustellen? Können wir das? W Ach, wer da hineinblickt in das zerrissene Elternherz, wer da die M blutende Wunde sieht, der weiß es wohl, daß nur die Zeit es ver׳ > n!ag, die Wunde, wem: auch nicht zu heilen, doch wenigstens zu W lindern. Und dennoch, dennoch dürft ihr euer Herz dem Tröste nicht W verschließen. Seht, wenn wir bedenken, wie viele Widerwärtigkeiten dem W Menschen auf seinem kurzen und manchmal doch so langen Wege W von der Wiege bis zur Bahre begegnen, so werden wir zuweilen > versucht sein, einen frühzeitig Dahingegangenen eher zu beneiden, I als zu bedauern und zu beklagen und mit Koheleth auszurufen: V ״ ושבח אני המתיםIch preise mir die Todten!" I Aber ich weiß, was ihr denkt: ״Ja, dem Kinde ist wohl, I aber uns, uns fehlt es, fehlt es überall; jede Stätte im Hause, l1 an der es weilte, erinnert'.uns an dasselbe; wir können nicht mehr in das liebliche Kinderauge schauen, nicht mehr die sanfte Stimme »" vernehmen!" — Ich begreife das. Aber ist das nichts, daß Gott W" euch sieben Jahre lang dieses Glück gegönnt, daß ihr sieben Jahre lang den Anblick des Kindes genossen? Möchtet ihr die Zeit, von M dem Tage an, als sein erstes Lächeln euch beglückte, aus dem Buche eures Lebens streichen? Seht, auch für diese sieben Jahre seid ihr l11 Gott zu Danke verpflichtet. Darum beruhigt uub tröstet euch; trö- 111 stet euch mit Dem, was Gott euch gelassen. W Als Jacob die Nachricht erhielt, daß sein geliebter Joseph einen! Raubthiere zur Beute gefallen, wollte er sich nicht trösten, nicht beruhigen lassen. — Warum? Sein ahnendes Gemüth vermochte sich nicht von der Hoffnung loszureißen, daß Joseph noch lebe. — Als David vom Tode seines Kindes benachrichtigt wurde, stand er auf von der Erde, tröstete und beruhigte sich. — Um das lebendig Verlorne ist das Herz dem Tröste unzugänglich, über das dem Tode Verfallene sollen und müssen wir uns trösten. Nehmet euch diesen Gottesmann, nehmet euch David zum Muster und ehret das Andenken eures Kindes dadurch, daß ihr seiner wohl mit Mhrung, aber nicht mit wildem Schmerze gedenket. Ihr werdet dann die Kinder, die euch geblieben, mit um^o größerer Liebe umfassen. — Möge euch Gott vor weiterem Verluste behüten!