Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 3 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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222 vollbringen; als wäre es noch nicht genug erwogen worden, als hätten wir noch nicht alle Fälle vorausgesehen, als müßte gleichsam noch im letzten Momente diese Möglichkeit überdacht, jene Erwägung in Betracht gezogen werden. Auch Sie, w. B., dürsten sich heute in ähnlicher Lage und Stimmung befinden.- Obgleich sich Ihre Herzen lange vorher gefunden, obgleich Sie lange vorher Ihren Willen unverholen kundgegeben, sich gegenseitig zu ewigem Bunde die Hände zu reichen, so können Sie doch im gegenwärtigen Momente, wo Ihr durch Zeit und Ueberlegung reif gewordener Entschluß zur Thatsache werden, wo Ihr beiderseitiges Gelöbniß von der Religion Gesetzeskraft und Weihe erhalten soll, ein Gefühl ,innerer Wehmuth und Beklommenheit nicht unterdrücken. Darin liegt aber nichts Auffälliges, Ueberraschendes, das ist vielmehr eine natürliche, leicht begreifliche Erscheinung. Wenn wir schon dort, wo es sich um Dinge von untergeordneter Bedeutung handelt, vor der Ausführung zaudern und zögern, als fürchteten wir, unser Unternehmen könnte mißlingen, wie sollte nicht beben und zagen Ihr Herz in einen: Augenblicke, wo Ihre Hand aus der dunklen Urne des Lebens dasjenige Loos hervorholt, von dem Ihr ganzes künftiges Glück abhängig wie sollte Ihnen nicht bange werden vor einem Schritte, dessen Folgen sich durch nichts bestimmen und berechnen lassen, dessen Gelingen an so viele Bedingungen geknüpft ist, und von dem es, ist er einmal gethan, im eigentlichen Sinne keine Rückkehr mehr giebt? Soll ich mir Ihr heutiges Verhältniß bildlich vorstellen, daun denke ich mir, als hätten Sie eine große Reise vor, nach einem Lande, das Ihnen meist fremd, oder nur vom Hörensagen bekannt ist, zu dem Sie nur durch ein ausgedehntes Meer gelangen können — und als sähen wir alle, die wir uns hier gleichsam zu Ihrem Abschiedsfeste versammelt haben, Sie vom sichern Gestade in den leichten Kahn steigen, der Sie an das andere User hinübertragen soll. Vor Ihnen breitet sich heute noch der glatte, klare Meeresspiegel aus, keine Wolke trübt noch den reinen blauen Himmel über Ihnen, kein Getöse stört den trauten heitern Frieden, der im weiten