Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 29 (1968)
- Issue
- 2296 (29.11.1968)
- Date
- 1968-11-29
- Page
- [Seite 9] (sequence 9)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Viernetf, 29 de Noviembre de KH» JÜDISCHE WOCHENSCHAU Ado XXIX. — N» 2296 - 5 NACHRICHTEN AUS ALLER WELT Deutsche, die Juden retteten Jerusalem. — Insgesamt 25 Deutsche die zur Nazizeit Juden gerettet haben, wurden im Jad Waschern empfangen und geehrt. Die Gruppe, welche sich aus einzelnen Deutschen und Repräsentanten deutscher Organisationen, die Juden geholfen haben, zusammensetzt. besuchte Israel im Rahmen einer vom westdeutschen Ausschuss der Verbände für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstalteten Reise. Einige von ihnen wurden während ihres Aufenthalte im Lande von den Juden begleitet, denen sie das Leben retteten. (JCNS) (kmeraikonsul in Jerusalem. — Jizchak Unna, jetziger Erster Sekretär der Israel-Botschaft in Bonn und früherer Presse- Attaché der londoner Bot- #«*****4»«***«*»« Bm ffi&Sp''- Anlässlich der internationalen Sportspiele für gelähmte Sportler hat die israelische Postverwaltung eine Gedenk- Briefmarke im Werte von 6,40 IL herausgegeben. Schaft, wurde zum israelischen Generalkonsul in Johannesburg ernannt und wird sein neues Amt vor Ablauf dieses Jahres antreten. Der 46jährige Diplomat wurde in Hamburg geboren nnd wanderte 1935 nach Palästina aus. Er diente im Weltkrieg bei der englischen Armee und später in der Jüdischen Brigade. Im Unabhängigkeitskrieg kämpfte er als Offizier in den Reihen der Hagana. (JCNS) Kongress der Interpol Jerusalem. — Vierhundert Polizeioffiziere aus 22 Ländern erschienen zum JVeltkongress der Internationalen Polizeibehörde (Interpol), der in Jerusalem eröffnet wurde. Der Versammlungsort sollte ursprünglich Beirut sein und wurde nach Jerusalem verlegt, weil die libanesischen Behörden sich geweigert hatten, Vertreter der israelischen Polizei zuzulassen. (JCNS) Mahnmal in New York New York. — Nach mehreren Jahren des Streits um die Errichtung eines Monuments für die sechs Millionen jüdischen Märtyrer wurde jetzt von einem Ausschuss jüdischer Organisationen und der newyorker Kunstkommission der Entwurf des bekannten Architekten Loujs Kahn angenommen. Das Mahnmal soll im Battery Park stehen in der Nähe des Ortes, -wo die Einwanderer in New York ankamen, nachdem sie in Ellis Island das erste Mal nach dem Verlassen Europa» gelandet waren, (JCNS) Hardi Swarsensky: Pogrom fot (Zu den Ereignissen im November 1938) ' (4. Fortsetzung) Das deutsche Judentum war ln keinem Augenblick bereit, sich kämpf- und widerstandslos den Nazischergen auszuliefern. Lange nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurden Stimmenlaut, die am Verhalten der führenden jüdischen Kreise harte Kritik übten und behaupteten, man habe sich zu einem willigen Organ der NS-Wünsche machen lassen. Diese Behauptung ist falsch; sie entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939) gab es keine jüdischen Kollaborateure, von einigen kleinen Denunzianten abgesehen, die mit der Führung nichts zu tun hatten. Wenn man sich überlegt, über welche Macht die Nazis verfügt haben und in welcher rücksichtslosen Form sie von ihr Gebrauch zu machen pflegten, dann wird man sogar den Mut und die menschliche Grösse vieler der leitenden jüdischen Persönlichkeiten bewundern müssen, die damals nicht nur mit Würde, sondern mit letzter Entschlossenheit und mit der Bereitschaft, alle persönlichen Konsequenzen auf sich zu nehmen, die jüdische Sache verteidigt haben. Erst vor kurzem hat der Berliner Probst Heinrich Gruber, der gegen Eichmann in Jerusalem ausgesagt hat und die Gewalt des Dritten Reiches am eigenen Körper zu spüren hatte, auf die unvorstellbare Zwangslage hingewiesen, in der sich jeder befand, der damals unter dem Hakenkreuz lebte. Die deutschen Juden oder die in Deutschland lebenden Juden haben mit der Organisierung ihres Widerstandesgegen den Naziterror sofort begonnen. Dass hierbei die Zionistische Organisation und mit ihr eine grosse Reihe von Zionisten eine besondere Rolle gespielt haben, ist eine Tatsache, die jedoch keineswegs vergessen macht, dass auch viele Juden aus nichtzionistischen Reihen in der vordersten Front des Widerstandes kämpften. Das Signal zum Widerstand gab ein Zeitungsartikel, der aus der Feder von Dr. Robert Weltsch in der Jüdischen Rundschau in Berlin erschien, dem Zentralorgan der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, deren Chefredakteur Weltsch war. Der Artikel trug im Angesicht des gerade stattgefundenen Boykott-Tages den bezeichnenden Titel: „Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck“ und wurde am 4. April 1933 veröffentlicht. Einige Sätze seien zitiert: „...Der 1. April 1933 kann ein Tag jüdischen Erwachens und der jüdischen Wiedergeburt sein. Wenn die Juden wollen. Wenn die Juden reif sind und innere Grösse besitzen. — Dass die Boykottleitung anordnete, an die boykottierten Geschäfte Schilder mit gelbem Fleck auf schwarzen Grund zu heften, ist ein gewaltiges Symbol. Diese Massregel ist als Brandmarkung, als Verächtlichmachung gedacht. Wir nehmen sie auf und wollen daraus ein Ehrenzeichen machen. — Die jüdische Antwort ist klar. Es ist der kurze Satz, den der Prophet Jona sprach: Iwri anochi. Ja, Jude. Zum Jude-Sein Ja sagen. Das ist der moralische Sinn des gegenwärtigen. Geschehens“. Noch klarer, noch mutiger, noch eindeutiger konnte niemand die Juden zu sich selbst und zu einer jüdischen Antwort auf das Geschehen rings um uns aufrufen. Von diesem Tage an organisierte sich das deutsche Judentum neu, orientierte es sich, schuf jüdische Schulen und Kulturstätten, die zwar nur vorübergehende Funktionen ausüben konnten, aber doch tausenden Juden ihr Selbstgefühl, Lebenshoffnung und Lebensinhalt vermittelt haben. Die im Jahr 1933 geschaffene „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ war der Sammelpunkt aller unserer Kräfte, die nicht nur vereinzelte Pläne und Aktionen der verschiedenen NS-Stellen aufhalten, mildern oder sogar verhindern konnte, die vielmehr der Rettung hunderter, wenn nicht tausender Familien durch Auswanderung diente, unsere Jugend auf ein Leben in Israel vorbereiten half und für eine jüdische Erziehung und Erwachsenenbildung sorgte. Hier ist leider nicht der Platz, über diesen durchaus aktiven, wenn auch aussichtslosen Widerstand der deutschen Juden weiteres auszusagen und auf die Leistungen der Reichsvertretung, des Hilfsvereins der deutschen Juden, des Central. vereins, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland mit allen ihren Untergruppierungen, insbesondere ihren chaluzischen Jugendbewegungen, auf den Jüdischen Kulturbund, das jüdische Schulwerk und viele ändere Zweige der jüdischen Arbeit in der gebotenen Ausführlichkeit einzugehen. Man müsste jener Männer und Frauen gedenken, die an leitenden wie einfachen administrativen Stellen ihr Leben zum Opfer brachten; ausser einigen damals jüngeren Mitarbeitern haben sich die meisten nicht aus der Hölle des Dritten Reiches retten können. Im besten Sinn des Wortes sind sie als Kämpfer für das Recht ihres verfolgten Volkes und als Mitglieder des jüdischen Widerstandes anzusprechen, denen eine ehrende Erinnerung zu bewahren ist. Trotzdem die Naziregierung in den ersten Monaten und auch Jahren ihres Regimes die Juden in der Wirtschaft, offiziell nicht durch Zwangsmassnahmen attackierte, nahm die systematische Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Volksleben ihren ununterbrochenen Fortgang. Mit dem Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit der Eir.gebürger. ten wurde eine Armee von Staatenlosen geschaffen, die nunmehr vollends vogelfrei waren und mit den grössten Schwierigkeiten bei ihrer Auswanderung rechnen mussten, da die freie Welt ausser allgemeinen Worten des Mitleids mit den Verfolgten nicht bereit war, Juden in grösserer Zahl aufzunehmen, vor allem keine Staatenlosen. Der Begriff „jüdisches Blut“ tauchte erstmalig im Reichserbhofgesetz vom 29. September 1933 auf, das bestimmte, dass Bauer nur derjenige sein konnte, der unter seinen Verfahren bis zum Jahr 1800 kein jüdisches Blut hatte. Man gestattete aber den Nichtariern, Landwirte (wenn auch nicht Bauern) zu sein... Durch eine ganze Reihe von polizeilichen und adnflnistrativen Verordnungen wurde die Tätigkeit der Juden auf vielen Lebensgebieten eingeschränkt, die Kontrolle über ihre Zusammenkünfte im eigenen Kreis und selbst in ihren Wohnungen ständig verschärft, die jüdische Arbeit durch eine grosse Zahl von besonderen Anordnungen und Massnahmen erschwert, behindert und in einem erheblichen Umfang unmöglich gemacht, Versammlungen, Vorträge und Lernzirkel, aber auch kulturelle Veranstaltungen und selbst Theateraufführungen überwacht. Bis zum Sommer des Jahres 1935 nahmen die Nazis aber von tieferen Eingriffen in die Sphäre des jüdischen Lebens Abstand, da sie mit inneren Problemen beschäftigt waren und erhebliche Schwierigkeiten zu lösen hatten, die nach aussen hin u.a. in der Röhm-Affäre ihren Ausdruck fanden. Dennoch wurde die Lage immer gespannter, der Terror grösser, die Gefahren bedrohlicher, die Möglichkeiten kleiner, und die Hoffnungen auf eine Besserung der allgemeinen wie vor allem der jüdischen Situation schwanden dahin Die Auswanderung wurde schwieriger, Affidavits nach den USA waren mehr wert als das grosse Los, Zertifikate nach Palästina wurden hart umkämpft, da die Schar der Anwärter mit der Anzahl der von den Engländern zur Verfügung gestellten Zertifikate in ein immer stärkeres Missverhältnis geriet. Ausser den Zertifikaten für Chaluzim gab es eine begrenzte Zahl von Handwerker-Zertifikaten, die aber bei weitem nicht ausreichten. Eine sehr wichtige Möglichkeit bot das sogenannte Kapitalisten-Zertifikat, das ein Vorweisegeld von eintausend englischen Pfunden voraussetzte, die trotz der rigorosen Devisenbeschränkungen von der deutschen Regierung bewilligt wurden. Ueberhaupt verfolgten die Nazi-Instanzen die Politik, die jüdische Auswanderung zu fördern und zu beschleunigen. Schwierigkeiten ergaben sich bei der Schaffung von Auswanderungsmöglichkeiten, da alle Länder, auch in Uebersee, nur eine geringe jüdische Einwanderung erlaubten und auch später im Angesicht der Todesgefahr, die den Juden drohte, nieiit zur Aufgabe dieser einwanderungsfeindlichen Politik, die sich stets mit einem deutlich spürbaren Antisemitismus paarte, zu bewegen gewesen sind. Schon damals waren lange Schlangen vor den jüdischen Reisebüros zu beobachten, die immer länger wurden, je stärker der äussere Druck sich bemerkbar machte. Vielleicht demonstriert keine lange Untersuchung des Problems die Hoffnungslosigkeit der jüdischen Lage so klar wie ein Gespräch, das ein junges jüdisches Paar am Schalter eines Reisebüros führte, dessen Zeuge ich zufällig wurde. Die Frau, etwa 22 Jahre alt, fragte den Beamten des Büros, wohin man auswandern könne. Er ei widerte, man könne jetzt ein Visum für die Dominikanische Republik oder für irgendein anderes kleines Land bekommen, an das ich mich nicht mehr erinnere. Die Frau fragte, wo denn diese Dominikanische Republik liegt. Der Beamte antwortete kurz, was er darüber wusste. Es war bestimmt wenig genug. Dann wandte sich die Frau an ihren Mann; „Gehen wir in die Dominikanische Republik, was meinst Du?“. Der Mann nickte fassungslos, womit er sein Einverständnis zum Ausdruck bringen wollte. Ob dieses Paar nach Santo Domingo gegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber wenn sie dorthin gereist sind, ins Ungewisse und Unbekannte, wenigstens konnten sie durch diesen Zufall, dass das Reisebüro ihnen ein Visum gab, ihr Leben retten. Diese kleine Episode spiegelt die tiefe Tragödie einer Judenheit wider, die zweitausend Jahre auf deutschem Boden gelebt hat, zeigt aber gleichzeitig die „glückliche Situaiton, in der sich die Juden in Deutschland in den ersten Jahren des Naziregimes im Vergleich zu dem furchtbaren Schicksal der europäischen Juden im Zweit Weltkrieg befunden haben. Wird fortgesetzt)