Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 28 (1967)
- Issue
- 2211 (31.3.1967)
- Date
- 1967-03-31
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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“ > « «? FRANQUEO PAGADO Concesión 90S ♦•3 t »JO TARIFA REDUCIDA ü £> Concesión 1629 SEMANA ISRAELITA A no XXVIII. B U BN Oí» A IROS, VIERNES 31 DE MARZO DE 1M1 EL EJEMPLAR w* toda la Rapúblioa 20.- PUCYRREDON 2190 t* leg. Bueno» Aire« T.E. 83 - 2613 mJBtC Im kirchlichen Anzeiger Im Kirchlichen Anzeiger für die Eradiözese Köln — Amtsblatt des Erzbistum» Köln — vom 1. März 1967 veröffentlicht der Kardinal einen Erlass, der durch diese« Amtsblatt an sämtliche Geistliche der Kölner Erzdtöze. »* ging- ,,Die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit haben auch in diesem Jahr in der Zeit vom 5. bis 12. März zur Woche der Brüderlichkeit aufgerufen, die insbesondere der Verständigung zwischen Chri sten und Juden dient. ..Sie steht diesmal unter dem Leit-wort: .Seid wach. sam\ Tatsächlich ist Wachsamkeit notwendig, wenn nicht eine« Tages die Barbarei der nationalsozialistischen Diktatur wiederkehren soll. Unter ihr haben am furchtoarsten unsere jüdischen Mitbürger gelitten. Innerhalb und ausserhalb Deutschlands sind wenigstens sechs Millionen Juden, darunter mehr als eine Million Kinder, in.,schrecklichster Weise hingemordet worden. ES bleibt ein nicht auszu löschen des Schandmal des deutschen Volkes, dass sich Tausende von Helfershelfern gefunden haben, diesen wahnwitzigen Plan eines Men. sehen auszuführen, der alle sittlichen Bindungen von sich geworfen hatte. ,,Es ist notwendig, dass alle sich um ein friedliches Zusammenleben mit unseren jüdischen Mitbürgern bemühen, und geschehenes Unrecht, soweit wie möglich, wiedereutzumaehen. Wir alle woben in der Woche der Brüderlichkeit dieses grossen Anliegens im Gebete gedenken. Josef Kardinal Frings Erzbischof von Köln““ Köln, den 23. Februar 1967 (Nachbemerkung der Redaktion: Mit dieser Erklärung hat der Kölner Kardinal in anerkennenswertmutiger Weise den Einwendungen Rechnung getragen, die gegen sein« Aeusserungen im Gespräch mit Rab* biner Dr. Nussbaum erhoben worden sind.) v«n ALISON MACLEOD Jeder Wintersportler, der die bekannte Skibahn vom Patscherkofel nach So'bad Hali hinuntergleitet, kommt an einer hübschen kle ner. Kirche vorbei, die Judenstein heisst. Oesterreichische Führer nennen diesen Ort niemals gegenüber englischen Turisten. Natürlich kennen sie den Namen. In dem rei senden Tiroler Ort Rinn. — eine Meile entfernt —, verkaufen Oesterreicher einem stolz Postkarten mit dem Aufdruck ,,Judenstein, Wallfahrtskirche*. Als ich die Kirche zum ersten Male sah. die im Wald etwa 9 Meilen von Innsbruck versteckt liegt, war das an einem Sonntag - morgen. Die Messe wurde zelebriert für eine Menge, die in den Vorraum der Kirche überflutete. Worin bestand die Anziehung? Am gleichen Nachmit tag ging ich in die Kirche, mit meinem Mann und unserer 13jährigen Tochter. Zu unserer Rechten als wir uns gegenüber dem Altar be fanden, war ein Feldstück Eine grell angemalte Statu« ein Kind darstellend hockte auf dem Felsstück, zurückgelehnt wie überrascht. Das gleiche Kind fand sich gemalt auf jeder der „Ex-voto“- Tafeln längs der Kirchen wände. Es sah aus wie ein Mädchen, aber die Yotivtafeln sagten Dank dem „Heiligen Kind Andreas von Rinn“-. Andere Tafeln besagten ,,Dem Märtyrer-Kind Andreas“. Wer es gemartert hatte, wann das war und warum, das konnten wir nicht herausfinden. Gemälde aus dem 19. JahrhunJert, | im Struwwelpeter-Stil, zeig- : ten die Unfälle, die Andreas’ j Verehrern zugestossen waren. I Sie waren von Baikonen ge- I stürzt, ihre Pferde waren ih- | nen durchgegangen oder sie hatten langwierige Krankheiten durchgemacht; aber das ,.Märt.vrer-Kind“ hatte sie durch seine Fürsprache im ¡Himmel gerettet. Neuere Vo- | tivtafeln besagten .Herzli- | chen Dank* seitens zurückgekehrter Kriegsgefangener Wer aber war dieser An dreas? Wir machten uns daan, die Deckengemä’de zu studieren. Mein Manr sagte: . Da ist Abraham bei der Opferung Isaaks “. „Nein“, sagte meine Tochter, ,.das ist es nicht. Der Engel hielt Abraham gerade noch an, aber diese* Kind ist wirklich ge opfert worden, schau hin. da spritzt Blut über den ganzen Platz* Jetzt erst wurde ins klar, dass die Mörder — orieota l’sche Figuren mit grosser Nasen und einem Ausdruck boshafter Freude — Juden waren. Ein anderes Gemälde zeigte die Mutter des Kindes auf der Suche nach ihm und ein drittes zeigte einen Mann, der es an die Juden verkaufte. Das war kein« Reliquie aus dem Mittelalter, die man etwa zufällig übersehen hatte. Die Deckengemälde waren entweder ziemlich neu oder doch kür?lich retouchiert Ein „Skelett“ des Kindes über dem Altar war glänzend beleuchtet. Seit 1272 haben Päpste den Gläubigei gesagt, dass Juden keineswegs Christenkinder ermorden. Aljer örtliche Kulte, die aut derlei .¿¿J,,. t-r-jtu-Tnu SMLit-HflN RSJKM-tSg* Erinnertmgsmarke an das Erscheinen des Sohulehan Aruch. JUDENSTEIN Impreso n I« Imprenta POLIGLOTA — RJvadavia 831 Registro da Mt Propiedad Intelectual N* 909.491 Verkauf d«r „Schaiom“ Bonn. — Das israelische 26.000 Tonnen-Schiff „Schalom“ ist von der Hamburg- Amerika-Linie käuflich erworben worden, wie diese Schiffahrts-Gesellschaft mit. teilte. Das Schiff wird auf den Namen „Hanseatic“ umgetauft und für Fahrten im Nordatlantik benutzt werden Das für Israel vor drei Jahren in Frankreich gebaut« Schiff kann 1.100 Passagiere befördern. Es dient« für der. Passagierverkehr zwischen Haifa und New York. Die Nachricht vom Verkauf der „Schaiom“ an eine deutj sehe Linie zu Ende des Jah- ■ res stimmt mit den Nachj richten überein, dass Israel seinen im Jahre 1955 aufgenommenen Passagierdienst im Atlantischen Ozean einzustellen beabsichtigt, da dieser unrentabel ist.. Die israelische Schiffahrts-Gesellschaft ZIM. der die israelischen Passagierdampfer gehören, hat, wie es heisst, Subsidien in Höhe von 675.000 Dollar erhalten, um ihre Verluste im Jahr 1967 zu decken. Der Verkaufspreis der „Schaiom" soll sich auf 18 Millionen Dollar belaufen. Der Bau des Schiffes hat seinerzeit 20 Millionen Dollar gekostet. — (ITA) Legenden fussen, hären unbehindert fortbestanden. Im Trento und anderen Orten wurden Juden gefoltert, bis sie deriei Verbrechen bekannten. Aber in Rinn besteht keinerlei Dokument, wonach ein Jude auch nur verhaftet worden wäre Wiewohl »an annahm; der Mord sei 1462 geschehen. so wurde loch bis 1575 nichts darüber geschrieben. Ein Grabstein «ui dem Kirchhof in Rinn, der die Geschichte widergibt stammt aus dem Ja-hre 1910. (Er erwähnt nicht Juden sondern nur „grausame Leute, von Hass gegen Christen angetrieben“). — Wir dachten, dass jemand gegen „Judenstein“ Protest erhoben haben müsste. So suchten wir die Synagoge io Innsbruck ausfindig zu machen. „Eine Synagoge sagte der Angestellte im Hotel, „was ist das?“ — Eine Angestellte im Reisebüro meinte, sie habe noch nie von derlei gehört. Aber ein junger Mann im selben Büro machte die Adresse der „Israelitischen Kultus-Gemeinde“ ausfindig. ergab sich, dass das die OLG Koblenz auf Irrwegen Dr. W.: — Das Oberlandesgericht (OLG» Koblenz hat sich in Jetzter zeit durch eine Reihe von Entscheidungen „ausgezeichnet“, deren einziger Sinn darin zu suchen ist auf dem billigsten Wege die Ansprüche der Opfer der NS-Verfolgungen abzuwürgen. In den meisten Fragen wird eine Revision nicht zugelaseen, da es sich angeblich um reine Tatsachen festste llung handelt; so liegt es in der Hand des entscheidenden Senats. endgültige Entscheidungen zu treffen, denn die Revisionsbeschwsrde beschränkt bereits da« Vortragsrecht des Klägers bzw. Beschwerdeführers. Nicht alte Entschädigungssenate des OLG Koblenz wenden die gleichen rigorosen Interpretationen an, duroh welohe sich vor allem der Senat unter dem Vorsitz des Senats Präsidenten .... — Nix hervortut. I. Ueber das Problem der Berechtigten rach Paragraph 160 BEG wurde an dieser Stelle bereits gesprochen, über jene Ver. folgte, die am Stichtag 1. 1. 1947 nicht in Deutschland waren, sondern entweder erst später aus Polen oder anderen Ostländerr. suewanderten oder aber bereits in Uebersee gewesen sind. Diese Leute seien keine | Flüchtlinge gewesen, sagt OLG Koblenz, denn Polen habe sie nicht verfolgt, jedenfalls nicht die Regierung; und diejenigen, | die Juden erschlagen haben, — was in viej len Fällen geschah, — seien bestraft worj den... Deswegen sei kein Anlass gewe-; sen, dass die Juden Polen verlassen, was | n.ebr als 90 Prozent der Ueberlebenden ta- I ten, die damals von der Ansicht des Nix- | Senats nichts wussten und offensichtlich j irrtümlich in freie Länder gingen. 1 Das Problem ist so ernst, dass man die Haltung und Ansicht des OLG Koblenz r.icht ironisieren soll, sondern mit aller Schärfe die halbgelehrten Deduktionen, die selbst nicht von einem Zynismus über die Tragik des jüdischen Schicksals frei sind, als das zurückweisen muss, was sie wirklich sind: Diabolische Entstellungen der Wahrheit, wobei es selbstverständlich offen bleibt, ob hier Böswilligkeit oder Absicht oder einfach Nichtwissen vorliegt. Das Nichtwissen müssen wir jedoch für schwerwiegender als jede« andere Motiv halten, denn ein so hohes Gericht dürfte sich die erforderlichen Kenntnisse der geschichtlichen Zusammenhänge und Ereignisse beschaffen, bevor es ein — abschliessendes und unanfechtbares — Urteil über die unglücklichen Opfer der Verfolgungen fällt. — II. Inzwischen ist ein Fall bekannt geworden, in dem sich das beklagte Land darauf beruft, man könne nicht von Verfolgung sprechen, da die Klägerin selbst das Urteil eines polnischen Gerichts, das nach dem Krieg erlassen worden ist, im Wortlaut vorgelegt habe, durch welches die Verfolgte ihr Haus wiederbekommen habe. Dieser fadenscheinige Einwand muss Ver Stimmung auslösen. Denken wir an die Lage der Juden in Deutschland während der Jahre 1933 bis 1938, als die vollständige Entrechtung begann. Die Juden waren | i erfolgt, was unstrittig ist. Eine Fülle von j Gesetzen und Rechtsverordnungen usw. -f. urde ab April 1933 erlassen, durch welche die Juden Schritt für Schritt unter Ausnahmerecht gestellt worden sind (vergleiche: Dr. jur. Bruno Blau. Das Ausnahmerecht für die Juden in Deutschland (1933—1945), 3. Auflage 1965). — Obwohl die Juden verfolgt waren, be. kamen sie übrigens deutsche Pässe, zuletzt mit einem J, vorher aber normale deutsche Pässe. Sie standen formell auch noch nach der Auswanderung unter dem Schut? des Deutschen Reiches. Deutsche Auslandsbehörden haben diese Pässe — nicht immer, aber häufig — auf Verlangen erneuert. Haben die Juden damit aufgehört., verfolgt zu sein? — Von Judeu wurden iai, de« ersten Jahren »ach der Machtergreifung zahlreiche Prozesse bei deutschen G« richten angestrengt, und es gibt viele Urteil«. dass sie in diesen Prozessen zu ihrem Recht gekommen sind. Haben sie deswegen aufgehört, Verfolgte des NS-Regimes zu sein? — Es gab sogar deutsche Richter und Staatsanwälte, die in Strafprozessen. selbst wegen „Rasse«schändet1, wirklich Recht gesprochen haben und den NS-Grössen nicht den Gefallen taten, den Juden auf jeden Fall zu verurteilen. Aber hörten die Juden deswegen auf, Verfolgte zu sein? — Was also kann der Hinweis auf das Urteil de* polnischen Gericht», man habe einer Jüdin ihr Haus zurüokgegeben, anderes bezwecken, als über de« wahren Sachverhalt hinwegzutäusohen? — III. Auch die hier bereits behandelte Frage der Zugehörigkeit zum deutschen Sprach- und. Kulturkreis, bei der bisher klare Grundsätze galten (vgl. RzW Heft 3/19OT, Seite 105 f.», ist jetzt vom gleichen OLG Koblenz auf andere Geleise geschoben worden. Wie erfinderisch ist doch der Nix- Senat, wenn es gilt die Rechte der Verfolgten einzuengen. Ihm genügt nicht mehr die Zugehörigkeit zur deutschen Sprachgemeinschaft, er verlangt, dass sich der Ver folgte „dem deutschen Kulturkreis so verbunden gefühlt haben müsse dass er sich mit den Traditionen, Wert Vorstellungen und Gebräuchen des deutschen Volkes in höherem Masse verbunden fühlte, als mit denjenigen einer anderen Gemeinschaft'“, wie es an der zitierten Stelle heisst. Geleint ist natürlich,* der Ver folg tu .uwsse sich mit den deutschen Traditionen. Wertvorstellungen und Gebräuchen enger verbunden gefühlt haben als mit den jüdischen. Wenn ein Berechtigter also sagt, er habe nur jüdischen Organisationen angehört, die deutschsprachig waren, so ist dies nach der Interpretation des OLG Koblenz gerade der Beweis dafür, dass er nicht zum deutschen Kulturkreis gehörte, denn die Organisationen waren zwar deutschsprechend, aber nicht deutsohe, sondern jüdische. Diese Gehirnakrobatik ist nicht schwer zu widerlegen, selbst die deutschen Juden gehören nach dieser findigen Auslegung nicht zum deutschen Kulturkreis, weil sie in überwiegender Mehrheit, soweit sie Juden waren, jüdischen Organisationen, z.R zur Abwehr des Antisemitismus u.a. angehörten. Schon einige Weimarer Parteien hatten einen numerus clausus gegen die Juden. Kein Jude konnte Mitglied einer «tuden tischen Korporation und Verbindung werden mit Ausnahme einiger paritätischer Vereinigungen, die aber im wesentlichen auch nur aus Juden bestanden haben. Selbst di« hundertprozentig deutsch eingestellter. jüdischen Studentenverbände, unter ihnen einige mit der Unsitte des „Schlagens*, sind doch jüdische Vereinigungen gewesen. In welche „deutschen“ Vereine konnte nun ein Jude in Polen oder anderswo ein treten? Man hat doch keine Judfen auf genommen, und seiest heute in den goldenen Zeiten der Gleichberechtigung nach den Gesetzen der Bundesrepublik können Juden in Buenos Aires, mehrere tausend Kilometer vom deutschen Stammland - entfernt, in der Regel nicht Mitglieder eine» deutschen Vereins werden. Das sind Fakten, die allerdings dem OLG Koblenz r.icht bekannt zu sein scheinen, abgesehen von allen anderen Problemen, die mit der neuen Theorie und Praxis der Koblenzer Senatsrichter in Zusammenhang stenen. Im Goethe-Haus in Frankfurt liegt ein Fremdenbuch aus. Dort las ich eine Eintragung. die offensichtlich von einen» „deutschen Juden“ stammte Sie lautete- Dem Volk der Dichter und Denker, aber auch der KZ und der Henker“... Wohnung von Herrn Max Rosner war, ein liebenswürdiger Mann, der uns gern über seine Tätigkeit berichtete. „Gewiss“, sagte er „wir haben Probest eingereicht über Judenstein. Wh habec protestiert gegenüber dem Bischof von Innsbruck; wir haben uns an den Papst ge wandt. Aber anscheinend geschieht nichts.“ & fügte hinzu, dass nicht nur Juden protestiert hätten. Wir fragten ihn, wieviel Juden es in Innsbruck gäbe. „In ganz Ti rol und Vorarlberg gibt es 12 jüdische Familien...; mein Vater meine Mutter meine Onkel, alle Verwandten und Freunde, die ich hatte, sie alle wurden hingemordet.1 (aus „New Statesman", London, 17. Febr 1967, S. 221 — übers, von Dr Walter Miese»!