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Jüdische Wochenschau · 1965-09-24 · 2135 (24.9.1965) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
26 (1965)
Issue
2135 (24.9.1965)
Date
1965-09-24
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Viernes, 24 de Septiembre de 1965 SEMANA I S R A IL IT A Año XXVI. — N» 2135 — 5 Die Stadt Nürnberg hat ' eine besonders unbewältigte " Vergangenheit. Mit dem Na. men dieser, Stadt assoziiert man unwillkürlich die Nürnberger Gesetze, die Reichs- . Parteitage und das antisemitische Schandblatt “Der Stürmer.’’ So ist es zu verstehen, dass gerade die Stadt Nürnberg heute versucht, eine ganz neue Note anklingen zu lassen, gewissermassen auch wiederum eine alte Tradition dieser über 900-jährigen Stadt aufgreifend, denn Nürnberg war in den Tagen Albrecht Dürers ein humanistisches Zentrum. Es will es wieder werden. Das Nürnberger Gespräcn, erstmalig vor kurzem in der Meistersingerhalle abgehalten, bildete den Auftakt. Worum ging es? Um Haltungen und Fehlhaltungen in Deutschland. Bewältigung nicht nur der Vergangenheit, sondern auch und vor allem der Gegenwart und der Zukunft. Als Zeugen der unbewältigten Vergangenheit ragten die Mauern der Monsterbauten der Reichsparteitage, eine Art Kolosseum und eine germanisierte Akropolis gen Himmel. Der Oberbürgermeister erklärte mir, dass das Wegsprengen dieser Ungetüme, zwölf Millionen D-Mark . kosten würde: der Stadtbau-., meister raunte mir zu, dass dies zu niedrig kalkuliert sei. Es ist also billiger, die Vergangenheit unbewältigt stehen zu lassen und die Millionen - Beträge konstrukti- ■ ven statt, destruktiven Zwecken zuzuführen. Neben dem Kolosseum hat sich inzwischen ein Wanderzirkus ' etabliert. Die Nürnberger sagen: “Noch ein Zirkus.“ Alte berühmte Städte haben Symbole, die zu Wahrzeichen wurden. Das humoristische Symbol Nürnbergs ist der “Nürnberger Trichter’’. Dieser berühmte Nürnberger Trichter war ur- ‘ sprünglich nichts als ein barockes Lehrbuch der Poeterei, ein Nachzügler der Meistersingertradition. Aber in abgewandelter Bedeutung s ist der Nürnberger Trichter ins Bewusstsein der Welt / eingegangen: als ein probates Mittel, die Weisheit einzutrichtern, in diesem Sinne ■ will das Nürnberger Ge- , spräch, das zu einer stän- digen Einrichtung werden - S9II, ein grosser und breiter , Nürnberger Trichter werden, der in viele Köpfe lichte Gedanken des Humanismus ' und der Brüderlichkeit infil-; trieren soll, eine Einrichtung, die frei von Vorurteilen die Atomsphäre in der Bundesrepublik reinigen will: durch Klarheit zur Wahrheit. Einundsiebzig Gäste aus Deutschland, dem weiteren Europa und Amerika und der Schreiber dieser Zeilen aus Israel fanden sich auf Initiative des Oberbürgermeisters von Nürnberg Dr (Jrschlechter und seines Kulturreferenten Dr. Hermann Glaser ein. Dr. Glaser mach-; te in letzter Zeit viel von sich reden durch sein Buch "Spiesser . Ideologie”, das ■ von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert handelt und auf die gefährliche Sprachverdunklung hinweist, in der “das Klischee dominierte, der Mensch sich in einem Gehäuse der Worte bewegte; sinnlos und im Kreise sich drehend." Das war in den Nürnberger Gesprächen anders Profesoren und Schriftsteller Publizisten und Journalisten bemühten sich um klare Sprache, um schonungslose Aufdeckung von Tabus der Gesellschaft und Ur- und Leitbildern. Der Kampf gegen Stereotype wurde aufgenommen, und man ging Um heisse Eisen nicht herum, so etwa um das Thema: “Antisemitismus als Erscheinungsform de*-Rassenhasses 'und das Problem des “Fremden’’ in der Gesellschaft" Dieses Seminar wurde von Dr. H. G. Adler aus London geleitet, der durch sein Büch über Theresienstadt und seine Dokumentation über Auschwitz weithin bekannt geworden ist, und der Schreiber dieser Zeilen sprach hier vor Nürnberger Lehrern und Erziehern über “Entmytholo. gisierung des Juden." Nicht der wirkliche Jude, der weder Untermensch noch Uebermensch ist, bildet Zielscheibe des Hasses, der Furcht, der Verachtung, sondern ein mythischer Jude, der in sich die Elemente des Verräters Judas, des wurzellosen Ahasver und des geld- und blutgierigen Shylock ' in sich vereinigt. Erst in der Ernüchterung zur Wirklichkeit, nicht in der Errichtung gines philosemitischen Gegenmythos kann Heilung gefunden werden. In einer Arbeitsgruppe “Urbilder und Tabus in ihrer Auswirkung auf die Gesellschaftsstruktur” mühten sich an drei Vormittagen Historiker und Psychiater Professoren für politische Wissenschaft, Juristen, Journalisten aus Presse, Radio und ^Fernsehen und Rehgionswissenschaftler um scharfe Definitionen und sozialpsychologische Perspektiven. Die Teilnehmer dieser Arbeitsgruppe stammten aus London, München, Jerusalem, New- York, Ceylon und vielen anderen Städten und Ländern. Gleichzeitig mit dieser Arbeitsgruppe tagten zwei weitere über ideologische Stereotype und Leitbild-Modelle lind über Geschichtsdeutung und Selbst Verständnis. Die Leiter der Arbeitsgruppen fassten dann die Ergebnisse ihrer Gehirn- Trusts vor einem nach Hunderten zählenden Publikum zusammen. Diese Referate wurden auch vom Bayrischen Rundfunk und anderen Stationen mitgeschnitten. Eine neue Und sehr beliebte Form der Information der Oeffentlichkeit sind Pb diumsgespräche, wobei meh rere Teilnehmer vor einen breiten Publikum ein “ungesichertes Gespräch” führen, d. h. keine vorgearbeiteten Referate mitbringen. “Nürnberg hatte vier solche Podiumsgespräche: Vaterland — wirkende Vergangenheit — erfüllbare Zukunft —, wozu man sich den Schweizer Historiker Professor Hofer (Bern) zur Eröffnung geholt hatte. Das Podiumsgespräch über Auschwitz eröffnete Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer, der aus dem Auschwitz-Prozess bekannt ist. In einem Podiumsgespräch : "Deutschland — wiederbesucht” konnte ich unter Leitung von Thilo Koch von der “Revue” mit Peter de Mendelssohn über eine merkwürdige Frage diskutieren: er kehrte sofort, noch vor Kriegsende, als Verbindungsoffizier zwischen den Engländern und den Amerikanern zeitweise wieder nach Deutschland zurück, um durch Zeitungsgründungen am Werke der Wiedererziehung mitzuwirken. Ich konnte mich bis 1956 nicht entschliessen, deutschen Boden Jiddische Zeitung Jerusalem. — Vielleicht wird in Bälde eine jiddische Zeitung hi dar Sowjetunion erscheinen, wie der Journalist Meir Ben Gur nach seiner Rückkehr von einem Besuch in Russland berichtete. Er gab an, von diesem Plan von Aharon Vergelis, dem Herausgeber der Zeitschrift „Sowjetisch He toi and" unterrichtet worden zu sein. —e von SCHALOM BEIS CHORUS wieder zu betreten. Das sind verschiedene Haltungen, aber in einem waren wir uhs einig: “Was gewesen, kehrt nicht wieder ... Er blieb in London, ich in Jerusalem sesshaft. Thilo Kochs Frage; “Würden Sie nach Deutschland zurückkehren?” hat keiner der fünf Teilnehmer des Podiumsgesprächs aus Jerusalem, Oxford, New York, London und Stockholm bejahend beantwortet. Das Publikum reagierte darauf keineswegs sauer. Es beklatscht unangenehme Wahrheiten ... dieses Publikum. Zu solchen Veranstaltungen kommen natürlich vorwiegend die Menschen, die guten Willens sind. Die anderen bleiben Zu Hause und lesen die “Deutsche National- und Soldatenzeitung“, oder sie schimpfen am Stammtisch. Zu Hause bleibt zum Beispiel der Verfasser des grässlichen Kinderverführungsbuches "Der Giftpilz”, das in Jerusalem bei Jad Waschern ausgestellt ist, als Beispiel für die planmässige antisemitische Vergiftung deutscher Kinder im Dritten Reich. Der Verfasser geht nur noch selten aus, aber einen Studenten in Nürnberg suchte er auf, der eine Dissertation über Streicher und den “Stürmer” schrieb, und bat ihn händeringend, ihn nicht zu erwähnen ... Zu Hause bleibt auch die Archivarin Streichers, ein altes Fräulein, das heute noch eine Runen- Brosche trägt und seinerzeit die scheusslichen pornographischen Erzeugnisse in Schönschrift katalogisierte. Das Fräulein schwört auf die Runen-Brosche, dass es nie Mitglied der NSDAP war. D:s Fräulein hat nur katalogisierend an der Vorbereitung des grössten Massenmordes der Geschichte mitgewirkt, Eine harmlose, schrullige alte Jungfer. Solche Leuii kommen also nicht zum Nürnberger Gespräch. Aber Jugend kommt. raeCi Diese Jugend hat ein besonderes Problem: sie muss mit ihren Eltern leben. Es ist Kt schwer, mit seinen Kindern fertig zu werden, aber zuweilen unmöglich, mit seinen Eltern (oder Grosseltern) zu leben, sie waren mit dabei, — aktiv oder schweigend — nur in den allerseltesten Fällen Widerstand leistend. Neben dem Tagungssaal hat eine Nürnberger Buchhandlung die Schriften der Gesprächsteilnehmer aufgebaut. Darunter auch vier Bücher von mir. Junge Leser und Leserinnen kommen und bitten um ein hebräiscnes Autogramm. Manche fragen; Wie kann ich nach Israel kommen? Ich weiss keine Antwort und sage daher: per Schilf oder Flugzeug. Aber die Jun. gen sind nicht abzuspeisen. Sie wollen mitarbeiten. Nur einer kann es nicht fassen, dass ich nicht nach Deutschland zurückkehren will. Ein junger Katholik, der in einer protestantischen Umgebung lebt und daher glaubt, sich selbst als r Modellfall für einen Juden ansehen zu können. Ich versuche, ihm den Unterschied in Existenz und Situation klarzulegen, aber es gelingt nicht. ' Gespräch wird heute in Deutschland gross geschrieben. Miteinander ins Gespräch kommen gilt immer als erstrebenswert. Die Stadt Darmstadt hat mit . den Darmstädter Gesprächen einen Anfang gemacht. Nun folgte Nürnberg. Eva igelische und katholische Akademien, Zentralen für politische Bildung, Kirchentage usw. ermuntern und pflegen das Gespräch. Man hat ¡n Deutschland die sokratische Methode entdeckt. Man will durch Gespräche Vorurteile ausräumen. Unausgesproche. nes soll nicht nach innen schlagen. Man hat auch von der Psychoanalyse gelernt: das Uebel aussprechen. Hier aber, wenn das geschieht, wird oft der Ruf laut, man dürfe das eigen.3 ’Nest nicht beschmutzen. Dr. Dietrich Strothman, politischer Redakteur der Wochenschrift “Die Zeit”, gab darauf in der Schlussveranstaltung die Antwort: ‘Ein Nest, das so beschmutzt ist, kann nicht mehr beschmutzt werden.” Diese Worte lösten frenetischen Beifall aus. TELEVISOR AUTOMATICO Sincronismo horizontal y vertical automáticos. Engancha la imagen sin operación manual, corrigiendo por si solo las rayas o deficiencias de emisión, .aún con bajas tensiones. TV til TODO AUTOMATICO AUTOMATICO Control automático de ancho y altura de imagen. Mantiene I» imagen en sus dimensiones normales, incluso con tensiones de red muy inferiores a 220 V. Épi w i W ¡t, y m!ír¡i mu 1 AUTOMATICO Sintonizador "con memoria”. 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