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Jüdische Wochenschau · 1964-10-23 · 2087 (23.10.1964) · p. [Seite 1]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
25 (1964)
Issue
2087 (23.10.1964)
Date
1964-10-23
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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PÜEYKKEDON 2190 — 1? teq. la JèmcutaJsAjGjelUa T E. 8 3 2 fi 1 3 Año XXV. BUENOS AIRES, VIERNES 23 DE OCTUBRE DE 1964 N? 2087 Ein grosses Durcheinander Die Orientierung wird für den Durchschnittsbürger immer schwieriger. Die Ereignisse überstürzen sich, ohne dass ihre innere Gesetzmässigkeit -in Erscheinung tritt. Man hört und liest zum Beispiel, dass der russische Parteichef und Ministerpräsident Nikita Krutschew völlig überraschend zurückgetreten sei. Einige Tage nach diesem Geschehen kann sich noch niemand eine Vorstellung davon machen, welche Gründe eigentlich zum Rücktritt geführt haben. Man weiss nur, dass die Formel Krutschews von der friedlichen Koexistenz der sich feindlich gegenüberstehenden Blockmächte aufrecht erhalten bleibt. Damit erscheint die gemeinsame Zukunft der Menschheit gesichert. Man wird wohl kaum behaupten können, das wieder einmal der Personenkult, der nach Stalins Tod plötzlich eine so grosse Rolle — wenigstens nach aussen — spielte, Anlass zu der Abberufung Krutschews von seinen führenden Posten gegeben hat. Wenn man die Grundthese der Krutschewschen Politik beibehält, warum also war em so krasser Wechsel überhaupt erforderlich? Es dürfte bisher keinen plausiblen Grund hierfür geben. Vielleicht muss man in der Regie für das Abrollen dieses Schauspiels um Krutschew die Absicht erblicken, die bestehende Verwirrung noch weiterhin zu vergrössern. War doch Krutschew einer von denen, die alles taten, um den Blick der Menschen zu verschleiern. Nicht nur seine Absichten sollten unerkennbar sein, auch das grosse Ziel verschwamm unter sich widersprechenden Forderungen und politischen Schritten. Es gibt durchaus keine logischen Gründe für russisch-ägyptische Freundschaft, um eines von vielen Beispielen herauszugreifen. Trotzdem hat Krutschew in. einer geradezu verwirrenden Form Freund- und Feindschaftsbekundungen gegenüber den Aegyptern folgen lassen. Es spielte keine Rolle dass Nasser niemals vollends mit dem Westen' gebrochen hat und in seinem eigenen Lande die Kommunisten verfolgte. Die Beziehungen zwischen Russland und Aegypten waren von absurden Zufällen bestimmt und standen im Zeichen eines wahllosen Opportunismus. Krutschew hat bewusst alle Tendenzen gefördert, die auf eine heillose Verwirrung der breiten Massen hinzielten. Wer die Orientierung über seinen eigenen Standort verliert, der kann leichter geführt werden als diejenigen, die genau wissen, wo sie stehen und wohin sie zu gehen beabsichtigen. Mit dieser Politik war es Krutschew sogar gelungen, die sonst selbstbewussten Amerikaner zu erschüttern. Man kann den modernen Amerikanern gewiss viele Vorwürfe machen, aber denjenigen nicht, sie wüssten, was sie wollten. Es ist erstaunlich, dass ein so grosses und kraftstrotzendes Land so häufig einen tölpelhaften Eindruck macht. Ganz gewiss sind die amerikanischen Absichten, anderen Völkern zu helfen, meist absolut aufrichtig! Aber sehr häufig muss man den Eindruck gewinnen, dass es die Amerikaner wenig interessiert, andere Menvon B. B. SAMUEL sehen oder Völker zu fördern, dass sie vielmehr ganz nüchtern ihren eigenen Gewinn ausrechnen. Eine solche Verallgemeinerung wäre jedoch ungerecht. Der Eindruck aber entsteht des öfteren. Während Krutschews Zick- Zack Politik einer kalten Berechnung entsprang, spiegelt die gleiche Politik, von den Nordamerikanern betrieben, nur deren Unsicherheit wider. Ein besonderes Beispiel, das überdies sehr krass ist, bietet die Rolle Kubas in der internationalen Politik. Da tagten in Kairo die .nicht-gebundenen* Staaten. Man hat den Begriff .neutral* vermieden, denn in Wahrheit ist auch nicht ein einziges dieser Länder neutral und... auch nicht ungebunden. Da dieser Kongress in der ägyptischen Hauptstadt tagte, lag sein Programm von Anfang an fest. Sicherlich war die Teilnahme Kubas eine Ue- I berraschung. Kuba mit seinem Fidel Castro gilt jedenfalls in den amerikanischen Ländern als der Bannerträger des Kommunismus. Niemand hat bisher daran gezweifelt. Mit welchem Recht man dieses Land als nicht gebunden oder neutral ansehen könnte, ist nicht bekannt. Aus dem Konzert der amerikanischen Völker wurde Kuba vor wenigen Wochen ausgeschlossen, weil es zum Ostblock gehört, weil es kommunistisch ist, weil es den Direktiven Moskaus folgt. Einige südamerikanische Länder haben sich nur ungern dem Beschluss gebeugt, die Beziehungen mit Kuba abzubrechen, aber sie haben es getan. Dieselben Völker oder Länder haben Beobachter zur Kairoer Konferenz geschickt, wobei sie die Anwesenheit Kubas nicht weiter störte. Noch inkonsequenter waren die Amerikaner selbst, die ein Begrüssungsschreiben an die Kairoer Konferenz sandten, obwohl Kuba an ihr teilgenommen hat. Wer kann sich in diesem bewussten Durcheinander noch zurechtfinden? Die von den Westländern subventionierten Aegypter und Algerier haben alles versucht, „einen Dialog zwischen den USA und Kuba“ einzuleiten. Dieses Verhalten der Amerikaner erhöht das Misstrauen, das viele lateinamerikanische Staaten den Amerikanern entgegenbringen. Man kann in Amerika nicht Wasser predigen und in I Nordafrika Wein trinken. : Man kann nicht für den Frieden plädieren, aber auf der anderen Seite die Kriegstreiber in Aegypten und Algerien unterstützen. Klare politische Parolen und eindeutige Massnahmen, die nicht den Stempel der Unaufrichtigkeit auf der Stirn tragen, sind erforderlich, wenn die Amerikaner die Führung behalten wollen. Kein Wandel zu erwarten New York. — Trotz des kürzüchen Regierungswechsels in der Sowjetunion dürfte nicht zu erwarten sein, dass die Nachfolger Krutschews die seit langem eingehaltene antisemitische Unie ändern werden. Dies äu sserte der Sonderberater des Präsidenten Johnson, Myer Feldman, der auf einer Veranstaltung gegen die antisemitischen Verfolgungen in Russland als Redner auf trat. Feldman, der eigens von Washington hierher geflogen war, erklärte sich „schwer besorgt“ um das Schicksal der russischen Juden. Ueher 2.000 Menschen füllten den Platz im East Side, auf dem die Kundgebung stattfand. Andere Redner waren Senator Jacob Javits, Senator Kenneth Keating, der Abgeordnete John V. Lindsay, der Generalstaatsanwalt von New York Louis Lefkowitz und Staatskontrolleur Arthur Levitt, der eine Botschaft Robert Kennedys verlas. Alle Redner verwiesen auf die Notwendigkeit, dass die Weltmeinung mobilisiert werden müsse, um gegen die Vorenthaltung der religiösen Freiheit für die drei Millionen russischen Juden zu protestieren. (ITA) Erklaerung der Knesset Jerusalem. — Mit 51 gegen 2 Stimmen bestätigte di» Knesset eine schon früher abgegebene Erklärung, in der sie gegen die Tätigkeit deutscher Wissenschaftler in Aegypten protestiert und ihrem Bedauern Ausdruck verleiht, dass die Deutsche Bundesrepublik noch immer keine konkreten Massnahmen beschlossen habe, um diese Wissen, schaftler zurückzurufen. Anträge der Opposition, Repressalien gegen Westdeutschland wegen seiner zur Irreführung der Weltmeinung angetane Verschleppungstaktik zu ergreifen, wurden mit 46 zu 36 Stimmen abgelehnt. Der Ministerpräsident wies in seiner Rede, mit der er die Debatte im Parlament abi schloss, darauf hin, dass Bundeskanzler Ludwig Erhard er-! neut versprach, „alle Möglichkeiten zu erschöpfen“, um di©; Israelis von dem Eindruck zu befreien, dass sie von der Arj beit der deutschen Wissenschaftler bedroht seien. Er füg. i te jedoch hinzu, dass diesem Versprechen Taten folgen müssten, damit es einen Sinn haben sollte. (ITA) WIE ICH ES SEHE Der schwarze Christus von JEHUDA GOTTHEMER Abba Eban in Kolumbien Der 35 Jahre alte Dr. Martin Luther King, amerikanischer Neger, wurde durch den Nobelpreis für den Frieden in diesem Jahr ausgezeichnet. King kämpft nicht nur für die Rechte der Neger, er ist auch ein Feind jeder Aggressivität. Sein Vorblid ist der Mahatma Ghandi. King erhielt den Friedenspreis, obwohl Persönlichkeiten mit klingenden Namen auf der Liste figurierten, unter ihnen der frühere amerikanische Präsident General Dwight Eisenhower und der erste bundesdeutsche Kanzler Dr. Konrad Adenauer. Man kann das norwegische Parlament zu seiner Entscheidung beglück, wünschen. Es ist interessant, dass King bereits der dritte Farbige ist, der den Nobelpreis für den Frieden erhalten hat. Der erste war Dr. Ralph Bunche, der die Waffenstillstände zwischen Israel und den arabischen Staaten geschlossen hat, und der zweite ist Albert Luthuli, der Führer der südafrikanischen Freiheitskämpfer. Die Wahl Luthulis und Dr. Kings hat einen ausgesprochen politischen Charakter. Das norwegische ■ Parlament wollte mit der Er- ’ nennung dieser beiden schwarzen Vorkämpfer für die Ge-! rechtigkeit und Menschlichkeit deren Ringen um die Lösung eines der schweren Menschheitsprobleme fördern. Vorbüd des Dr. King, der ein christlicher Geistlicher ist, war und blieb Gl^andi, einer jener grossen Friedensapostel, der inmitten einer aufgewühlten Zeit unbeirrt seinen Weg des unbewaffneten Widerstandes geschritten ist. Auf diesem Wege befreite er sein 400 Millionen Volk von kolonialer Unterdrük kung. Dass der Mahatma das Vorbild des schwarzen Christen King ist, deutet in einer ebenso eindrucksvollen wie mystischen Form auf das Ewig-Menschliche hin, das nicht .religionsgebunden* ist, sondern in den unwandelbaren Gesetzen der jüdischen Ethik seinen einmaligen Ausdruck gefunden hat. Religionen trennen die Menschen, obwohl sie Liebe und Frieden predigen. Das Judentum ist keine Religion und kein religiöses Bekenntnis, zu dem es von einigen .jüdischen Geistlichen* in Neues Religionsgesetz in Spanien Madrid. — Max Mazin, der Präsident der jüdischen Gemeinden Spaniens, gab seiner Ansicht Ausdruck, dass das neue sponische Gesetz welches den legalen Status der nichtkatholischen Religionen in diesem Land behandelt, eine Normalisierung des religiösen Lebens herbeiführen werde und auch für die Juden von grosser Bedeutung sei. Seine Erklärung wurde vom Aussenministerium veröffentlicht. Mazin der auch Vizepräsident der spanischen Liga für jüdisch-christliche Freundschaft ist, hatte auf die Wichtigkeit des neuen Gesetzes für Spanien und seine Juden hingewiesen, „da es Bedingungen schafft, die schon in der ganzen Welt Geltung erlangt haben.“ Den Umstand, dass sie bisher in Spanien noch nicht eingeführt wurden, schrieb er der numerischen Geringfügigkeit der nichtkatholischen Minderheit im Lande zu, die bei einer Gesamtbevölkerung von 33 Millionen nur rund 55.000 Personen beträgt. Nach der Schätzung Mazins leben insgesamt ungefähr 7.000 Juden in Spanien, hiervon 3.000 in Barcelona, 2.000 in Madrid, 1.700 in Melilla und 200 bis 300 in Ceuta, die in allen diesen Städten eigene Synagogen besitzen. (ITA) der Epoche der Assimilation und allgemeinen Gleichmacherei gestempelt werden sollte. Deswegen ist das Judentum seiner Idee nach — im Gegensatz zu allen Religionen — kein trennender, sondern ein verbindender Faktor. Nicht einen Augenblick hat das Judentum oder die Jude nheit in ihrer prinzipiellen Stellung zur Negerfrage geschwankt. Unter den amerikanischen (weissfarbigen) Vorkämpfern für die Gleichberechtigung der Neger waren und sind Juden führend tätig. Nicht nur weil Juden zu allen Zeiten unter der Diskriminierung und Zurücksetzung aus rassistischen oder anderen Gründen gelitten haben, stehen wir heute in der Front der Vorkämpfer für Recht und Gleichheit. Recht und Frieden, Gleichheit und Gleichberechtigung sind jüdische Postulate, die von unserem Volk der Menschheit übermittelt worden sind. Wir haben es mit diesen Forderungen an alle Menschen und Völker und für alle Menschen und Völker immer sehr ernst gemeint. Juden haben niemals geschwiegen, wo es um die Freiheiten ging. Juden haben auf allen Barrikaden der Geschichte gekämpft, wo für Menschenrecht und Menschenwürde eingetreten wurde. Die Rassenkämpfe in Nordamerika werden von allen gerecht Denkenden als ein Anachronismus, als ein Rückschritt und als eine Schande empfunden. Diese Auseinandersetzungen widersprechen den Behauptungen über den amerikanischen Fortschritt, über die amerikanische Demokratie und die zivilisatorische Ueberlegenheit dieses Volkes über die noch nicht entwickelten, zurückgebliebenen Nationen. Die besten Amerikaner haben sich für die Sache der schwarzen Bevölkerung ausgesprochen, die gleiche bürgerliche Rechte für sich in Anspruch neh- Bogotä. — Präsident Guillermo León Valencia gab dem israelischen Vize-Premierminister Abba Eban die feste und nachdrückliche Versicherung, dass er entschlossen sei, die „freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kolumbien und Israel aufrecht zu erhalten“. Dies geschah bei einer Zusammenkunft der beiden Staatsmänner. Eban dankte für die Unterstützung, die Kolumbien seit 1948 Israel leiht, als es sich für seine Aufnahme irt die UN einsetzte, bis zur letzten UN-Sitzung, auf der Kolumbien freie und direkte arabisch-israelische Verhandlungen im Interesse des Friedens forderte. Der kolumbianische Präsident entgegnete, dass diese Haltung seines Landes angesichts der Prinzipien, denen die Politik der zentralamerikanischen Län¬ I men. Das norwegische Parlament hat sich durch die Anerkennung Dr. Kings demon- I strativ — und nicht zum ersten Male — auf die Seite de- 1 rer gestellt, die mit der Ver-; wirklichung der Gleichberechtigung aller Bürger eines Landes ernst zu machen entschlossen sind. Mitunter bedeutet Schweigen bei solchen Auseinandersetzungen ein aktives Bekenntnis. Warum schweigt | die Kirche? I Schon einmal wurde diese j Frage im Angesicht einer kirchlichen Haltung in einer j Schicksalsfrage unserer Zeit 1 formuliert. Man versuchte, diesen „Angriff“, — der gar i kein Angriff war, — als unsachlich und unbegründet ab-; zuwehren. Aber die unsichti bare Anklage wurde nicht wi-; derlegt. Warum schwieg die j Kirche, obwohl auch katho- | lische Priester und Politiker der Bestialität nazistischer I Verfolgungen zum Opfer ge- I fallen sind. Und warum | schweigt die Kirche gegen-! über den rassistischen Exzesi sen in Nordamerika, obwohl auch katholische Kirchen angezündet werden? Irgendei- | neu Grund muss doch eine solche Haltung haben. Stehen; politische Erwägungen einem j klaren Wort für die Gerech-! tigkeit im Wege? j Das sind unbeantwortete I (Schluss auf Seite 2) der gehorcht, unverrückbar sei. Eban folgte der Einladung, auf einer gemeinsamen Sitzung des Senats und der Deputiertenkammer das Wort zu ergreifen. Er sprach spar nisch und führte aus, es wäre begrüssenswert, sowohl im Dienste des Friedens wie zur weiteren Entwicklung ihrer Länder, die Zusammenarbeit zwischen Israel und den Nationen Lateinamerikas noch enger zu gestalten. Er erj wähnte hierbei, dass die Araj ber über ein Gebiet von vier! Millionen Quadratmeilen mit 90 Millionen Einwohnern verfügen, doch Israel sie nicht beneide und sich auch nicht für seine wenigen Quadratmeilen zu entschuldigen denke. Der Beitrag der lateinamerikanischen Völker zur Erhaltung des Friedens könne darin bestehen, dass sie ihre Ablehnung der arabischen Doktrin von der be.; waffneten Gewalt und Ag- , gression zum Ausdruck bringen. Die Mitglieder beider! Kammern spendeten Ebans 1 Worten stehend anhaltenden Beifall (ITA) MELDUNG AUS AEGYPTEN London. — Einer noch nicht bestätigten Meldung aus Kairo zuiolge verlassen deutsche Wissenschaftler, die in Aegypten an der Herstellung fortgeschrittener Waffen arbeiten, in wachsender Zahl ihre Posten. Dies sei auf eine Kampagne der Regierung in Bonn zurückzuführen, doch ebenso auf den Einfluss anderer westlicher Länder, die diesen Leuten einträglichere Anstellungen an anderen Orten anbieten. In der Meldung heisst es, dass jeder zehnte deutsche Wissenschaftler, der an Nassers Raketenprojekt arbeitet, Aegypten schon verlassen hat und noch andere folgen werden. Ungefähr 120 Ingenieure und Facharbeiter, die 60 Prozent der Belegschaft einer Plugzeugfabrik ausmachen, sollen ihre Verträge zum Jahresende gekündigt haben. — (ITA)

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