Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2080 (4.9.1964)
- Date
- 1964-09-04
- Page
- [Seite 7] (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Viernes, 4 de Septiembre de 1964 LA SEMANA ISRAELITA Año XXV. No. 2080 Der Astronom. David Gans Vergleicht man das Geistesleben der spanischen und italienischen Juden mit dem ihrer Brüder in Deutschland im Mittelalter und noch darüber hinaus, so fällt auf, dass die ersten grossen Anteil an der Erforschung der profanen Wissenschaften hatten, während die deutschen Juden sich einem Studium dieser Art, so weit es ging, entzogen haben. Schon der grosse Humanist Reuchlin, ein Freund und Verteidiger der deutschen Juden, beklagte, dass diese in der Philosophie völlig unbewandert seien. Und so fand Rabbi Serachja ben Jizchak in Rom es unverständlich, dass ein aus Deutschland eingewanderter Schüler keine Ahnung von Philosophie hatte. Demgegenüber konnte sich der deutsche Rabbi Jakob Landau in Neapel nicht genug wundern dass einer seiner Schüler Kenntnisse der Physik und der Metaphysik besass. David Gans war der erste deutsche Jude, der sich der Pflege profaner Wissenschaften zuwandte. Er wurde 1541 in Lippstadt (Westfalen) ge. boren und entstammte einer alten Rabbinerfamilie. Schon sein Grossvater, Seligmann Gans, war in Lippstadt ansässig. Es scheint, dass nach, her die Juden aus Lippstadt vertrieben wurden worauf ein Teil der Familie Gans nach Prag zog. Nachdem David Gans im Elternhause das traditionelle Talmudstudium begonnen hatte, setzte er dieses bei Rabbi Reuwen Fulda in Bonn und später bei Rabbi Elieser Trevers in Frankfurt a. M. fort. Allein sein unruhiger Geist und Wissensdurst liessen ihn bald den Wanderstab ergreifen. Er ging nach Polen und sass in Krakau zu Füssen des berühmten Rabbi Mosche Isserles (R’MO), einer der führenden rabbinischen Autoritäten seiner Zeit, der den jungen Schüler aus Deutsch, land überaus herzlich aufnahm. Isserles unterschied sich wesentlich von den meisten von Dr. YCMTOV LUDWIG BATO Juden in Shitomir Wien. — In der ukrainischen Stadt Shitomir wohnen unter 110.000 Einwohnern 20.000 Juden. Im Jahre 1962 wurden die letzte Syn. agoge dieser Stadt abgerissen, um Wohnhäusern Platz zu machen. Die Behörden gaben das Versprechen ab, einen anderen Platz für eine neue Synagoge zur Verfügung zu stellen. Dieses Versprechen blieb bis jetzt unerfüllt, trotzdem die Synagogeninstanzen immer wieder darauf drängten. Es wurde ihnen auch nicht bewil. ligt, aus eigenen Mitteln ein Bethaus zu errichten. Schon im Jahre 1961 entliessen die Behörden den Schochet und die Gemeindebeamten. seiner Amtsbrüder durch seine Vorliebe für profane Wissenschaften. Er liebte es, in seine Werke philosophische Gedankengänge einzuflechten war ein Kenner der Astronomie und ein Freund geschichtlicher Erkenntnisse. Er spornte seinen Schüler David Gans, der bereits den griechischen Mathematiker Euklid in hebräischer Ueber. Setzung studiert hatte, zum weiteren Studium der Mathematik und Sternkunde an. Rabbi Mosche selbst versah mit Anmerkungen die Chronik „Sefer Juchassin“ des Abraham Zacuto, wofür er übrigens von Eiferern gerügt wurde, was ihn jedoch nicht davon abhielt, seinen Schüler David Gans zui Abfassung einer umfassenden Chronik anzuregen. Es war wahrhaftig ein glückliches Geschick, das David Gans nach Kra. kau geführt hatte In den sechziger Jahren verliess Gans Polen und ging nach Prag, dieser damaligen grössten Gemeinde der deutschen Judenheit, wozu ihn auch der Umstand bewogen haben dürfte, das sein Bruder Seligmann dort wohnte und in der Gemeinde eine bedeutende Rolle spielte. — Hier setzte er seine rabbinischen Studien beim Hohen Rabbi Löw (Maharal), fort, überdies fand der wissens. durstige Jüngling überaus günstige Gelegenheit, an dem pulsierenden geistigen Leben der böhmischen Hauptstadt teilzunehmen. Kaiser Rudolf II., der sich von Wien fernhielt und in Prag residierte, war ein Freund der Künste und der Wissenschaft. Er scharte die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit um sich, und diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Gans Gelegen, heit fand, mit den grossen Astronomen Tycho Brahe und Johannes Kepler, sowie einer ganzen Anzahl von jungen Wissenschaftlers engen wissenschaftlichen, ja sogar freundschaftlichen Verkehr zu pflegen. Für Tycho Brahe übersetzte er aus dem Hebräischen ins Deutsche die Alfonsischen Tabellen, die um 1250 von zwei jüdischen Gelehr. ten aus Toledo, Jehuda ben Mosche Cohen un Isaak ben Sid, angefertigt wurden. Diese dienten zur Berechnung der Sonne des Mondes und der Planeten und stellten damals ein grundlegendes Dokument der modernen wis. senschaftlichen Sternkunde dar. Gans wandte sich öfter an Tycho Brahe und Kepler mit Fragen auf dem Gebiet der Sternkunde und der astronomischen Mathematik und baute nachher die Erklärungen in seine verschiedenen Werke ein. Für sein Verhältnis zu den genannten Astro. nomen ist bezeichnend, dass er an ihren Forschungen und persönlich Untersuchungen teilnahm. Kaisei Rudolf liess das Schloss Benatek in der Nähe von Prag zu einer Sternwarte umbauen und betraute Tycho Brahe mit ihrer Leitung. Dreimal wurde Gans in die Stern, arte berufen, in der in 13 parallel gelegenen Räumen, die mit den notwendi. gen astronomischen Apparaten ausgestattet waren, Tycho und zwölf Astronomen die Himmelskörper beobachteten. In allen drei Fällen verbrachte Gans je fünf Ta. ge in Gesellschaft der gelehrten Sterngucker. Dass diese Wissenschaftler den jüdischen Ghettobewohner eines gelehrten und freundschaftlichen Verkehrs würdigten, ist zweifelsohne auf seine Bildung und astronomischen Kenntnisse und vielleicht auch auf sein sym. pathisches Wesen zurückzuführen. Ausser einigen kleineren Schriften geometrischen, arithmetischen und astronomischen Inhalts hat David Gans zwei grosse Werke ver. fasst: die Chronik „Zemach David“ und das Werk „Nechmad we-naim“, das sich mit Astronomie und astronomischer Geographie befasst. Im ersten Teil der Chronik „Zemach David“, die im Lau. fe der Jahrhunderte ein überaus volkstümliches Buch wurde, stellt David Gans in Form kurz gehaltener chronologischer Notizen die Hauptgestalten der jüdischen Geschichte von der Urzeit bis zum Jahre 1592 dar — alles auf Grund jüdischer Quellen — während der zweite Teil ein Verzeichnis der wichtigsten Ereignisse der Weltge. schichte bietet. Im Vorwort zum zweiten Teil des „Zemach David“ glaubt Gans, der damaligen Sinnesart der Judenheit Rechnung tragen zu sollen, und schreibt: „Ich bin mir dessen wohl bewust, dass die von mir hier aus nichtjiidischen Büchern angeführten Berichte über Kriege und sonstige Vorkommnisse gar vielen ein Anlass geben werden, mich laut zu schelten und zu verdammen.“ Gans findet es aber beschämend, dass die Völker die in ihren Ländern wohnhaften Juden wegen ihrer mangelhaften Kenntnisse verabscheuen. „Sind wir wirklich und wahr, haftig das Volk“, fragt Gans, „von dem es in der Heiligen Schrift geschrieben steht: ein weises und einsichtiges Volk ist diese grosse Nation“? Gans war ein frommer, traditionstreuer Jude und blieb es bis an sein Lebensende. Er erklärt in seiner Chronik, dass er selbst dem aggadisehen (poetischen) Teii der Schriften unserer Weisen vol. len Glauben schenke, andererseits aber ging er in der Darstellung der jüdischen Geschichte seine eigenen We- UNA PINTADA.;? ¡Y OLVIDESE! AHIËS , ge, wobei er manchmal den Anschauungen der führen, den Rabbiner in die Quere kam. Es ist bezeichnend, dass er das Werk „Meor Enajiin“ des italienisch-jüdischen Gelehrten Asarja de Rosi, das 1574 in Mantua erschien und wegen seiner kritischen Einstellung von verschiedenen Rabinen, darunter auch von seinem Lehrer, dem Hohen Rabbi Löw, mit dem Bann belegt wurde, nicht nur las, sondern geradezu in seinen Spuren wandelte. David Gans, der gründli. che profan-wissenschaftliche Studien betrieb, ist immer wieder bestrebt, diese seine Beschäftigung durch Aussprüche neuerer und älterer Autoritäten zu rechtfertigen. Das Buch .Zemach David“ wurde übrigens ins Lateinische (Leyden, 1692) und ins Jiidisch.Deutsche (Frankfurt a. M., 1698) übertragen. Sein zweites grosses Werk „Nechmad we-naim“, das er vier Wochen vor seinem Tode vollendete, ist eine astronomische Schrift samt einer historischen LTebersicht über die Entwicklung der Astrono. mie bei den Juden und in der nichtjüdischen Welt. In diesem Werke überliefert Gans eine Bemerkung Tycho Brahes, wonach die Weisen des Talmud der Auffassung der Gelehrten der anderen Völker gefolgt seien, die die Ster, ne für unbeweglich und die Planeten für beweglich hielten. Tycho habe den jüdischen Weisen recht gegeben, die anfänglich entgegengesetzter Meinung waren. Gans vertritt die Meinung, dass die Grundlagen der astronomi. sehen Wissenschaft von den Juden geschaffen worden seien. Von ihnen hätten die Aegypter die Astronomie und Mathematik erlernt und später den Griechen überliefert, die sie ihrerseits wieder den Juden beibrachten. Ptolomäus selbst soll — nach Gans — bei den jüdischen Gelehr. ten Alexandriens gelernt haben. i Auch in diesem astronomi. ¿Chen Werke wird er in seiner Einstellung zu den Quel. len immer freier und kühner, so dass er an einer Stelle, wo seine Auffassung im Gegensatz zu der Ansicht der alten jüdischen Weisen steht, einfach erklärt, .dass in Fragen der Astronomie und der Masse der Erde die Ansichten der Weisen und die der Astro. St. Louis. — Der dritten Sitzung des Kirchenkonzils, die am 14. September im Va. tikan eröffnet werden soll, wird ein Schema vorliegen, i in uem ausgesprochen wird, dass die ganze Menschneit und nicht allein die Juden für die Kreuzigung Christi verantwortlich sind, wie in der Kanzlei des Kardinals Joseph Eimer Ritter verlautete. Der Kardinal gab persönlich bekannt, dass das Wort „Gottesmörder“ aus dem jetzt vorliegenden Entwurf entfernt worden ist, aber als Begriff weiter in dem Programm des Konzils figuriert. „Soweit ich weiss“, äusserte der Kardinal, „steht das Wort , Gottesmörder“ nicht mehr in dem Schema, aber der Sinn, dass das jüdische Volk nicht für den Tod ChrL sti schuldig gemacht werden kann, ist erhalten geblieben. Die Diskussion über das Schema ist noch im Gange. Seine Fassung ist noch nicht definitiv. Es besteht die Möglichkeit, dass das Wort Gottesmörder' wieder darin aufgenommen wird, bis das Konzil Zusammentritt.“ In einem dem Korrespondenten der „New York Times“ gewährten Interview betonte Kardinal Ritter, seiner Meinung nach werde sich das Konzil nicht mit einer „verwässerten“ ErKlä. rung über die katholisch-jüdischen Beziehungen zufrieden geben. EIN VERBRECHEN AN CHRISTUS Toronto. — Der Lazbischof von Toronto, Kardinal James McGuigan, verurteilte die Christen, die die Juden für die Kreuzigung Christi verantwortlich machen, und nomen auseinander gehen.“ Merkwürdigerweise wurde sein Werk trotz dieser eigenen Ansichten niemals beanstandet. An der Verfassung des Buches hatte Gans viele Jahre gearbeitet und benützte hierbei auch jüdische Quel. len sowie mündliche Mitteilungen, die ihm Tycho Brahe und Kepler gemacht haben. Jedenfalls legt dieses Werk Zeugnis davon ab, dass der Verfasser ein Mann von grossem Wissen und von tiefschürfendem Denken war und dass er es inbezug auf astronomische Kenntnisse mit den Besten seiner Zeit aufnehmen konnte. gab der Hoffnung Ausdruc aass das kommende Oek menisohe Konzil „ein für 8 le Mal den Kontroverse über dieses Thema ein E de machen werde.“ Er füg hinzu: „Wenn es je ein Fleck auf dem Gewissen t : nes Christen gegeben hat .! war dies sicherlich unse : skandalös zweideutige H: i tung zu den Juden.“ Die E | klärung des Kardinals wk de von der Zeitung „Toroi | to Telegram“ publiziert.! „Die Christen sind heu! zu schwerfällig, um sich R> chenschaft davon abzulege dass der Judenhass in gew. sem Masse auf oberflächi ches theologisches Denke zurückzuführen ist, das d Juden zu Gottesmördern ur zu einer von Gott verflucl ten Rasse stempelt“, füh der Kardinal aus. „ES i: aber zugleich ungerecht un 1 theologisch falsch zu sage: dass die Schuld am Tor Christi die Juden, die zu j<- ner Zeit lebten, trifft, un noch unrichtiger ist es, ihj : Nachkommen mit diese Stigma zu belasten. Diese ii -. tiefsten Grunde unchrist che Meinung befleckt schoseit viel zu langer Zeit dr Gewissen vieler Christen. I steht zu hoffen, dass ds Zweite Oekumenische Kor zil in seiner bevorstehende Sitzung im September m diesem Vorurteil gründlici * aufräumt.“ Aber nach Ansicht de Kardinals McGuigan sollte die Christen noch weiter gt hen und sagen, „dass eine unserer grössten Verbreche wider Christus das Verbrchen des Antisemitismus ist' Daher sei den Christen eir recht logische Aufgabe ge stellt, nämlich die Juden z verteidigen, für die jüdische Rechte und jüdische Würd zu kämpfen, ohne Debatte und ohne Fragen, sonder dies als eine Pflicht anzusehen, die sich die Christe: selbst auferlegen. Diese neue Einstellung z den Juden müsse von jede Religion geprüft werden, un die Initiative hierzu fall den Christen ob, so stellt de- Kardinal fest. ET wies dar auf hin, dass diese Strf mung Kanada schon ergrii fen habe, und zeigte sich zuversichtlich, dass sie sic'- weiter ausbreiten und auf di Zukunft auswirken werde denn „das Schicksal der Ju den liegt in den Händen de Majorität, zu denen wir Chri sten gehören.“ (ITA) La lámpara Argentina La marca de fama mundial