Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2070 (26.6.1964)
- Date
- 1964-06-26
- Page
- [Seite 12] (sequence 12)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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O CÛ ©q t o S FRANQUEO PAGADO Concesión 908 © ÿ *» g»a < O TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Año XXV. ISRAELITA BUENOS AIRES, VIERNES 26 DE JUNIO DE 1964 No. 2070 EL E J Ert PLA R IfA en toda ta República PUEYRREDON 2190 19 teq. T. E. 83 2613 Buenos Aires Ein Mann namens Amin Rashad Von dem seit 1950 in Kairo ansässigen Journalisten Peter Kufcainsky wurde ein sensationeller Bericht über den derzeitigen Aufenthalts, ort und die heutige Tätigkeit Müllers veröffentlicht. Die Angaben stimmen auch mit den Nachforschungen englischer Reporter überein. Der Verfasser des Artikels sagt von sich, dass er in den letzten Kriegsjahren als Leutnant der Wehrmacht bei der Abwehr in Mailand gewesen und geflohen sei, als man ihn wegen Unterstützung des 20. Juli zum Tode verurteilt habe. Um den für die Hin. richtung seiner Kameraden verantwortlichen SD-FUhrern auf der Spur zu bleiben, habe er nach dem Zusammenbruch des Naziregimes von Italien aus Verbindung zu der illegalen Organisation aufgenommen, die damals — und später, wie zahlreiche Fälle beweisen —, belasteten Personen zur Flucht ins Aus. land verhalt (zuletzt einen in Braunschweig wegen vielfachen Mordes verurteilten SS- Reiterof fizlers). Kubainsky kann in der Tat mit einer Menge von Details aufwarten, die Interesse verdienen. Sein Bericht wirft un. ter anderem die Frage auf, ■was in der Bundesrepublik unternommen wird, um der Naziorganisation auf die Spur zu kommen und ihr endlich das Handwerk zu legen. Enge Mitarbeiter Heinrich Müllers hatten schon vor vielen Jahren bei alliierten Dienststellen ausgesagt, dass ihr ehemaliger Chef seinerzeit entkommen sei. Und auch der frühere SS-General Gottlob Berger, der heute in Gerstetten bei Heidenheim lebt, erklärte wiederholt auf Grund seiner Erlebnisse wäh. rend der letzten Kriegstage, dass Heinrich Müller niemals in Berlin begraben worden sei. Kombinationen? Vermutungen? ... Nein! Müller ist im Frühjahr 1945 tatsächlich entkommen. Er lebt! Und auch die Augenzeugen seiner damaligen Flucht sind am Leben. Was also ist in jenen Ta. gen vor etwa 19 Jahren geschehen? Und was ist aus dem Chef des „Endlösers“ der Judenfrage geworden? Im Morgengrauen des 27. April 1945 trafen sich an der Weggabelung einer Ausfallstrasse von Berlin drei Männer, die mit schäbigen Wehrmachtsuniformen bekleidet waren. Sie verliessen die Reichshauptstadt auf Schleichwegen. Sie wollten sich in dem Durcheinander nach Westen durchschlagen. Etas vorläufige Endziel war Wörgl in Tirol, wo man die ersten Wochen auf einem Bauernhof verbringen und von wo man dann den Sprung ins Ausland wagen wollte. Die drei Männer waren ent. schlossen, alles auf eine Karte zu setzen, denn sie wollten dem Gericht der Siegermächte entgehen. Es handelte sich bei ihnen nicht um Deserteure der in Auflösung begriffenen Deutschen Wehrmacht, sondern um den ehemaligen SS-General Heinrich Müller (den Chef der Gestapo), um den Kriminalinspektor Hans Scholz und um einen ehe. maligen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) namens Heiden. Die drei Flüchtlinge verfügten über Papiere und Sondergenehmigungen, die sie sich selbst rechtzeitig ausgestellt hatten. In der Nähe von Kassel ge. rieten die drei einer alliierten Militärkontrolle in die Hände; ihnen gelang jedoch nochmals die Flucht. Bei diesem Zwischenfall wurden Müller und Scholz aber von Heiden getrennt. Etwa eine Woche später erreichten die beiden München. In der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1945 überschritten sie illegal die deutschösterreichische Grenze bei Mittenwald. Im Morgengrauen des 17. Mai betraten die zwei Flüchtlinge in der Nähe der Ortschaft Scharnitz österreichischen Boden. Die nächsten zwei Tage verbrach, ten sie in einem Heuschober. Nach einem abermaligen Fussmarsch, der wegen der im Lande patroullierenden Streifen jedoch mehrmals unterbrochen werden musste, erreichten Müller und Scholz am 24. oder 25 Mai Innsbruck, wo sie einen Verwandten des ehemaligen RSHA.; Mitarbeiters Alois Brunner j aufsuchten, der ihnen half, sich während der nächsten I drei Wochen auf verschiedenen Bergbauernhöfen zunächst in der Umgebung von Wörgl (Tirol) und später in . den Bergen oberhalb von j Gries am Brenner, zu verber. I gen. Die beiden waren u. a. einige Tage auf dem Schwai- : gerhof, der hoch über der Ortschaft Gries, unweit der italienischen Grenze, gele- I gen ist. Der Uebertritt nach Italien über den Brenner misslang zweimal. Ursprünglich wollten die beiden Flüchtlinge auf italienischem Boden in einem Schuppen des Besitzers vom „Albergo Lupo‘‘ (unweit der Brenner.Bah nstaj tion) übernachten und von dort ihren Weg nach Bressa- , none (Brixen) fortsetzen, wo I im Kloster Neustift ein Aufenthalt für mehrere Tage : vorgesehen war. ' Die Route wurde jedoch geändert. Brunners Verwandter I besorgte aus dem UNRRA. 1 Lager in Wörgl zwei Personalausweise für Müller und | Scholz, die wohl schon mit ' Unterschrift und Stempel des Blick in die Welt von HAROLD SCHWARCZ Mit eine’- selten gesehenen Einmütigkeit lehnten Wa. shington, London und Paris den von Krutschew und Ullbrich Unterzeichneten Freundschaftsvertrag ab. — Expräsident Juscelino KubitscJhek erklärte, dass es keine Demokratie in Brasilien mehr geben würde. Brasilien durchlebe die schlimmste Phase seines politischen Lebens. In Rio de Janeiro wurde eine Liste mit den Namen von bisher 22 Persönlichkeiten bekannt gegeben, die ihrer politischen Rechte für verlustig erklärt wurden. — Wie aus Bonn mitgeteilt worden ist, seien ehemalige SS-Angehörige entgegen anderen Mitteilungen nicht dem Wiedergutmachungsreferat des Bundesverwaltungsamtes in Köln zugeteilt worden Diese Personen seien nur mit allgemeinen und unpolitischen Dienstaufgaben betraut worden ... — In Britisch-Guayana kam es aus rassistischen Gründen zu schweren Zusammenstössen, zumal der Gouverneur, Ri. chard Luyt, die Regierung des Premierministers Cheddi Japan bei verschiedenen seiner Massnahmen nicht konsultierte. — Präsident Johnson versucht den Zypern-Konflikt zu schlichten und hat Besprechungen mit dem griechischen Ministerpräsidenten Papandreou und dem türkischen Premier Inonu einberufen. — Zu einem Abkommen gelangten Indonesien und Mala, sien auf der Konferenz in Tokio, nachdem Soukamo, der indonesische Diktator, schwerste Drohungen gegen den neuen Inselstaat ausgestossen hatte. Man wird in den Urwäldern von Borneo Beobachtungsposten einrichten, um festzustellen, ob sich die von Indonesien bisher unterstützten Guerillas auch wirklich zurückgezogen haben. — In Japan kamen durch Erdbeben viele Menschen ums Leben und wurden hohe Sachwerte zerstört. Es handelte sich um das schwerste Beben seit etwa 40 Jahren. — Nikita Krutschew, unermüdlicher Reisender, weilt zu einem Besuch in den skandinavischen Ländern. In Kopen. hagen, wo er seine erste Station machte, wurde er mit auffallendem Applaus begrüsst. — Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gab ihrem Mitgl ed Italien einen grossen Kredit, um der Gefahr der Inflation zu steuern. Die von der italienischen Regierung ergriffenen Massnahmen gegen die Inflation werden von der EWG kontrolliert — Wie von der spanischen Regierung mitgeteilt wurde, ist eine Gruppe von ca. 100 Personen unter dem Verdacht kommunistischer Betätigung verhaftet worden. Mit dieser Behauptung werden in allen faschistischen Regimen Unbequeme beseitigt. Die Meldung erscheint umso unwahr, scheinlicher, weil gleichzeitig behauptet wird, diese angeblichen Kommunisten seien Anhänger Moskaus und Pekings. Der Präsident von Haiti, Francois Duvalier, liess sich von seinem Parlament auf Lebenszeit wählen (!). — Der britische Premier, Sir Alee Douglas Homes, erklärte in einer Debatte über Aussenpolitik im britischen Unterhaus, er teile die Auffassung der Opposition und würde die Aufnahme des roten China in die UN befürworten. — UNRRA-Office versehen waren, sonst aber noch keine Eintragungen über die Inha. ber der Ausweise enthielten. Die Eintragungen besorgten .die Männer selbst — auf so etwas verstanden sie sich. Dann wurde die neue Reiseroute festgelegt. Fs war in den letzten Junitagen des Jahres 1945, als Müller und Scholz in dem idyllisch gelegenen weissgetünchten Haus in der Ortschaft Nauders aufkreuzten, in dessen oberen Stockwerk der alte Bergführer Blaas noch heute zwei ärmlich ein. gerichtete Räume bewohnt. Blaas ist ein alter Mann, der den grössten Teil des Geldes, das ihm in die Finger kommt, in Alkohol umsetzt. In Nauders nennt man ihn den „Berggeist“. Als Müller md Scholz ihm ihr Anliegen vortrugen und ihm Geld boten, war er so. fort bereit, die beiden über die Berge nach Reschen zu bringen, von wo aus die Flüchtlinge allein den Weg nach Meran fortsetzten. In Meran suchten Müller und Scholz einen alten Bekannten auf: Josef Wolf, einen ehemaligen Mitarbeiter des RSHA unter Kaltenbrunner. Wolf war seinerzeit an dem „Unternehmen Bern, hard“ (Vertreibung falscher englischer Pfund-Noten während des Krieges) beteiligt gewesen. Man hatte ihn zu. sammen mit Dr Gröbl und Dr.-Ing. Schwendt in Italien und in den Balkanländern eingesetzt. Dieser Wolf sorgte nun für die Weiterreise Müllers und Scholz von Meran nach Rom. Der Ausweis Müllers laute, te auf den polnischen Namen Jan Belinski, der Ausweis von Scholz auf den jugoslawischen Namen Stepanovic. In Rom trafen Heinrich Müller alias Belinski und Scholz alias Stepanovic mit dem kroatischen Jesuitenpater Mihailowitsch zusammen, durch den eine Verbindung zum Bischof Hu dal herge. stellt wurde, der in Rom in der 4. Via dell Anima residierte. Einen Monat später trennten sich die Wege von Müller und Scholz. Der ehemalige Gestapo-General blieb bis Ende 1945 in Rom. wo er nacheinander im kroatischen Priesterkolleg, im Teutoni. cum (deutsches Kloster im Vatikangebiet), das nahe beim deutschen Friedhof gelegen ist, und im Collegium Germanieum, Rom, 110. Via Nicolo da Tolentino, wohnte. Mit Hilfe der ONARMÖ (Hilfsorganisation für Flüchtlinge) begab sich Heinrich Müller dann nach Spanien. In Madrid traf er mit dem ebenfalls geflüchteten belgischen Faschistenführer Leon Degrelle zusammen, der sich Dr. Sanchez nannte. Müller wohnte hier in der 18. Calle S. Antonio. Im Sommer 1949 aber fühlte er sich auch in Spanien vor Entdeckung nicht sicher genug. Er floh weiter nach Aegypten. Hier wohnte er unter dem Namen Alfred Mar. des im „Deutschen Heim“ in Kairo-Bagallah 9. Haret-Ber. kel.El-Hageb. Das „Deutsche Heim“ ist eine Art Pension, von der ein Teil als Altersheim für die deutsche Kolonie der Stadt dient. Verwal- I tet wird die Pension von der evangelischen Diakonisse des Keiserswerther Ordens Jo. hanna Freitag. Ob der Diakonisse die Identität Müllers bekannt war, ist nicht bekannt. In Kairo trat Müller zum islamischen Glauben über, wodurch er die Möglichkeit bekam, sich einen mohammedanischen Namen zuzule. gen. Der ehemalige Chef der Gestapo nannte sich von jetzt ab — und nennt sich noch immer — Amin Rashad. Ansässig geworden, bemühte Müller sich um die Aufnahme von Beziehungen zu deutsch - freundlichen, ein. flussreichen Leuten, zum Beispiel zu Prinz Abbas Halin, zu Prinz Ismail Daoud, zu Ali Mäher Pasha und zu dem ehemaligen ägyptischen Generalstabschef Aziz El Masri Pasha. Der frühere SS.General wechselte in den letzten Jahren wiederholt seine Wohnung, zuletzt, nachdem der englische Journalist Harper ihm auf die Spur gekommen war. Gegenwärtig wohnt Müller in einem Zweifamilienhaus in der 14. Strasse des Kairoer Vororts Meadi. In Meadi hat auch der aus Miin. chen geflüchtete ehemalige^ KZ-Arzt Eisele seine Praxis. Müller enthielt sich in den ersten vier Jahren mangels passender Gelegenheit jeder politischen Tätigkeit. 1953 aber begann er wieder aktiv zu werden und beschäftigte sich mit Anti-Zionismus. In gleicher Weise betätigen sieh Leopold Glaim (ehemaliger Chef des SD in Polen), Bernhard Bender (ehemaliger Lei. ter des „Judenreferats“ in Warschau), Heinrich Seilmann (Gestapo-Chef von Ulm), Joachim Däumling (früher bei der Gestapo in Düsseldorf) und andere. Auf antijüdische Dinge versteht man sich. E)s entstand eine regelrechte Interessen, gemeinschaft, die sich neben der Herstellung und dem Vertrieb nazistischer Pamphlete die Aufgabe gestellt hat, die rechtsradikalen Gruppen in den verschiedensten Ländern nach einem raffiniert ausgeklügelten Pro. gramm zu koordinieren. Ihre Handlanger sitzen überall in Ehiropa. Gestapobeamte unter Anklage Freiburg. — Wegen Beihilfe zum Mord an etwa zweihundert polnischen Juden werden sich der 56 Jahre alte Versicherungsangestellte Robert Weiss.' mann aus Freiburg und der 59 Jahre alte Handelsvertreter Arno Sehmisch demnächst vor dem Freiburger Schwurgericht ver. antworten müssen. Die Anklage gegen die beiden ehemaligen Gestapobeamten bezieht sich auf den Vorwurf, sie hätten an einigen der Eischiessungen 1942 und 1943 im Bezirk Krakau selbst teilgenommen. Argentinien und Rassenhass New York. — Der argentinische Verteidigungsminister Dr. Leopoldo Suarez wurde während seines new. yorker Aufenthaltes von einer Delegation des Jüdischen Weltkongresses unter Führung von Dr. Nachum Goldmann aufgesucht. Dr. Goldmann zeigte sich befriedigt darüber, dass die argentinischen Behörden die antisemitischen Bestrebungen unterdrücken, die seit ei. nigen Jahren die traditionelle, argentinische Toleranz gefährden. Der Leiter der Abteilung für internationale Angelegenheiten des Welt, kongresses, Dr. Maurice Perlzweig, wies auf die Umtriebe der Arabischen Liga und ihre Zusammenarbeit mit antisemitischen Elementen in Argentinien hin und Dr. Suä. rez versprach, seiner Regierung die Besorgnisse des Weltkongresses zu übermitteln. Der argentinische Verteidigungsminister versicherte ab. schliessend, dass seine Regierung den in der Verfassung vorgesehenen Garantien entsprechend religiöse oder rassische Intoleranz in keiner Form dulden werde. — Araber uneinig Beirut. — Das Hohe Comité der Araber von Palästina, dessen Präsident der Ex-Grossmufti von Jerusalem, Hadj Amine Al Husseini ist, machte in der Versammlung der arabischen Staatschefs in Kairo den Vorschlag, die Gültigkeit des palästinensi. sehen Nationalkongresses, der im Mai in Jerusalem stattfand, nicht anzuerkennen. Als Grund hierfür gab das Comité an, dass der Kongress nicht nach dem freien Willen des Volkes in Palä. stina gewählt worden sei. Daher soll diese Angelegenheit noch einmal in der Spitzenkonferenz der arabischen Welt, die im September stattfindet, zur Beratung kom. men. (ITA) Protest- Demonstration Genf. — Mehr als 300 Dozenten der Hochschule für Maschinenbau, der Handelsakademie und anderer Fakultäten protestierten öffentlich dage. gen, dass die Schweiz die Kriegsvorbereitungen gegen Israel unterstützt, indem sie Aegypten mit Waffen beliefert. „Journal de Geneve“ erinnerte daran, dass vor 9 Jahren die Regierung den Export von Waffen in die Länder des Mittleren Orients verboten ha be. „Doch gibt es Mittel und Wege, das Gesetz zu umgehen“, schreibt die Zeitung. Dieser Mittel und Wege bediene sich. unter anderen auch der ägyptische Ingenieur Hassan Sayed Kalil, der in Zürich lebt. Der Direktor seiner Firma, die Waffen nach Aegypten liefert, ist ein gewesener SS-Mann, Ferdinand Wertner, der seine Sympathie für das verschwundene Hitlerregime unumwunden zugibt. (ITA) Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831 Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 104