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Jüdische Wochenschau · 1964-04-17 · 2060 (17.4.1964) · p. [Seite 1]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
25 (1964)
Issue
2060 (17.4.1964)
Date
1964-04-17
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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JÜDISCHE lUOCMU Ijm ^XsfuOJ&lUcL 16, Jahrestag des Staates Israel PTTEYRREDON 2190 — 1? izq. Año XXV. BUENOS AIRES. VIERNES 17 DE ABRIL DE 1964 No. 2060 Optimismus und Glauben Mit einem ungeheuren, ungebrochenen Optimismus ju ibelte die Menschheit am Tage der letzten Jahrhundertwende; das 20. Jahrhundert sollte eine Steigerung des Wohlstandes, des Fortschrittes. der Zivilisation sowie der grossen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften bringen, die ■man in den letzten 20 Jahren de,3 zuendegegangenen , „grand siècle“ geschaffen hatte. Gewiss gab es ge- | legentliche internationale j Spannungen und Krisen, soziale Auseinandersetzungen mit einer aufstrebenden, rebellierenden Arbeiterschaft, die man mit gewissen Konzessionen zu beschwichtigen versuchte; aber es hei rechte Frieden mii all seinen Segnungen. Handel und Industrie blühten auf, die Schiffahrt entwickelte sich, und man konnte mii Riesen, gewinnen den Kolonialvölkeru die — recht zweifelhaf ten — Vorteile modernen Lebens bringen sowie in fern;n Ländern Eisenbahnen und Kanäle bauen. Es ging vor. wä rte. Die Juden in den westlichen Ländern hatten wenig Veranlassung, mit aieser Entwicklung unzufrieden zu sein. Hatten doch meist weniger als hundert Jahre genügt, um aus gebeugten Gestalten und verachteten Ghetto-Bewohnern Doktoren und Geneimrä.e, angesehene Gelehrte. Aerzte, Rechtsanwälte und andere Würdenträger zu machen. Auf allen Gebieten batten sich Juden ausgezeichnet. Sie wo ren zu Wiesen, zu Macht, zu Ansehen und zu Geld gekommen. Sic waren Weltbürger geworden. Man respektierte sie. Gewiss gab es antisemitische Zwischen fälle und Tendenzen, die Bewegung des Hofpredigers Stöcker und anderer Unbelehrbarer, gewiss gab es Judenverfolgungen in fernen. Ländern, die natürlich einen Westjuden nicht trafen, der .fortschrittlich“ war, denen man aber nicht teil, nahmslos gegenüberstar.d. Dafür gab es Hilfevereine und andere Kreise, die Spenden sammelten, um den armen Brüdern beizustehen. Aber diese sicherlich bedauerlichen und auch nicht angenehmen Dinge -m eurovon JEHL DA GOTTHEIMER semitismus“. munkelten die Wort: gespenstischer Ana- Juden. Manche waren unzuj chronismus. War es etwa frieden, dass ein Jude einen! nicht unheimlich, zu welso hohen Rang auf der militär'sehen Stufenleiter erklommen hatte. Wozul, meinten die einen, warum nicht?, entgegneten die anderen. Man lebte echliess. lich im Zeitalter der Gleichberechtigung, der Assimilation, der Emanzipation... Oder etwa nicht?... Dreyfus wurde schnell vergessen. Der Taumel des permanenter.' Fortschritts übertönte die Warnungen, die Reaktionäre oder Pessi- | misten gelegentlich laut I ten wollte dieser werden Hessen. Der ,.gesun bendig machen, de jüdische Optimismus“, der damafe erfunden wurde, täuschte über manche Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten hinweg, die das Leben mit sich brachte. Man nahm kaum davon Kenntnis, chen Ergebnissen. Feststellungen und Folgerungen dieser Dr. Herzl gelangte? War es nicht gespenstisch, wie er. der wie ein assyrischer König aussah, von Land zu Land reiste, um Anhänger für seinen phantastischen Plan und politische Freun!e für sein verfolgtes Volk un ter den Mächtigen dieser Erde zu werben? War es nicht ein unzeitgemässes Begehren, einen jüdischen Staat zu errichten? Die To_ Herzl le-; Das Rad j der Geschichte zurückdrej hen, sagten die westlichen j Juden, die sich in ihrer Ru- I he gestört fühlten. Wir sind j doch Deutsche, sagten viej le, was haben wir mit ei-! nem jüdischen Volk zu tun? ISRAEL GEDENKT DER MAERTYRER Jerusalem. — Israel trauerte 24 Stunden um die sechs Millionen Märtyrer des jüdischen Volkes, die von den Nazis in Europa ermordet wurden. Tel Aviv, das sorst des nachts stets hell erleuchtet ist, lag vollständig im Dunkel. Im ganzen Lande wurden Trauerfeiern abgehalten, von denen die eindrucksvollste die der jiddisch sprechenden Einwohner bildete, bei der zahlreiche Ueberlebende aus den Konzentrationslagern anwesend waren. Am Morgen des Trauertages war der gesamte Verkehr für zwei Minuten unterbrochen. Unter denen, die an der Veranstaltung in Jerusalem teifnahmen, befand sich Staatspräsident Salman Shazar, Ministerpräsident Levi Eshkol, Mitglieder des Kabinetts und Knesr-et-A'bgeordnete, das Diplomatische Korps und lausende Israelis. In seiner Ansprache versicherte Levi Eshkol, dass ,,der Schatten der Ausrottung niemals mehr die Seiten der jüdischen Geschichte verdunkeln werde“. Er betonte dass die „Geschichte die Mobilisierung aller jüdischen Kräfte für das neue jüdische Leben lehrt, dessen Symbol Israel ist“. Er wandte sich gegen die kürzlich geäussete Auffassung, die europäischen ^Fuden hätten gegen das Vernichtungsprogramm der Nazis nicht den nötigen Widerstand geleistet, und wies darauf hin. dass die Geschichte selbst die „böswillige Anschuldigung“ widerlege, dass das Morden leichter gewesen sei, weil die jüdischen Gemeinden nicht organisiert gewesen wären Andere Redner waren Dr. Arie L. Kubovv, der Leiter des Jad-Waschem .Zentrums, und der Ghettokämpfer Schalorr, Yolavsky. dass ein Journalist namens Theodor Herzl, der als Bühnenautor und Schriftsteller einen guten Namen besa^s, die Juden zur Selbstbesinnung und zur Schaffung eipäischen Osten waren nur j nes „Judenstaates“, wie er Irlnl« a niif Ja.. 1a,, aU I . _ a kleine Flecken auf der leuch tenden Sonne neugewonnenen Glücks. Alle Menschen und unter ihnen die Juden sahen mit einem unbegrenzten Opti mismus in eine strahlende Zukunft. Wer hatte schon darauf geachtet, dass der französische Hauptmann Dreyfus offensichtlich zu Unrecht verurteilt und degradiert wor. den war. Es war ein Prozess wie viele andere. ,,Anti sein Traumziel nannte, aufgerufen hatte. Schwärmer hatte es jedoch zu a len Zeiten gegeben. Meistens waren sie in Tagen der Not aufgetreten, sie stellten eigentlich in diesem Augen, blick allgemeinen Wohlstandes, allgemeinen Fortschrittes und eines ungeteilten Optimismus über die glückliche Zukunft der Mensch, heit einen gespenstischen Anachronismus dar. Das war das richtige Sowjet-Waffen für die Araber Washington. — Die Sowjetunion hat an Syrien mehrere Schiffe geliefert, die Vorrichtungen für den Abschuss von Raketen besitzen, wie eine hier eingetroffene Meldung bestätigt. Es handelt sich um Moto‘boote des Modells „Komar“. Aus sicheren Quellen vet lautete, dass diese Lieferungen Ende l!963 begannen. Inzwischen sind den Syrern zumindest sechs dieser Raketenboote übergeben worden. Vor ungefähr einem Jahr erhielten die Aegypter von den Russen ähnliche Schiffe, die auf 32 Kilometer Entfernung Raketengeschosse abfeuern können. In der USSR werden diese Art von Booten hauptsächlich an Grenzkusten eingesetzt. Im Jahre 1962 lieferte Russ laod den Kubanern ähnliche Modelle. (ITA) — Und was viele in Deutschland sagten, wurde von vielen in anderen Ländern wiederholt, auch im europäischen Osten. Herzl, seine Prophezeiungen, seine Organisation. seine Bewegung und sein Volk wurden ignoriert. Hsrzls Voraussagen seien töricht, so meinten sie, sie sind gefährlich und I schädlich und sie lassen sich! vor allem nicht mit dem „guten jüdischen Optimis. mus“ in Einklang bringen. Herzl war vielleicht nicht der erste, wohl aber der wirksamste, der sich gegen dieses Phantom des „guten jüdischen Optimismus“ gestemmt hat. Gewiss war Herzl das Musterbeispiel ei nes assimilierten Juden seiner Zeit: Freidenker. Korpsstudent, Jude am Rande ohne innere Bindung zur jüdi. sehen Kultur, zur jüdischen Gedankenwelt, zu den Massen des jüdfeehen Volkes. Aber Herzl w'ar ein Mann grösster Intelligenz, unbedingter Aufrichtigkeit, vor allem zu sich selbst und ein mutiger Mensch, der das Herz hatte, sich zu korrigieren, seine ruhmreiche Laufbahn als Dichter aufzugehen, sich einem selbst entdeckten Ideal unterzuordnen und ein neues Leben zu beginne«. das nur seinem Vollcewidmel war und der Zukunft galt. Entdeckungen und Erfindungen „überkommen““ mit. unter den Menschen, der sie macht. Ein plötzlicher Gedanke schlägt ein —, einem Blitz vergleichbar. In Herzl löste die Degradierung von Dreyfus jedoch nicht rur einen Gedanken aus: er erkannte nicht allein die Un. haltbarkeit der allgemeinen jüdischen Situation im tragischen Schicksal des Einzelnen, dieses hilflosen, unglücklichen, um seine Ehre kämpfenden französischen Hauptmanr.s Dreyfus, der j fallen musste, weil er Jude : war. Herzl erblickte in dieser schauerlich - dramatischen Szene nicht allein das tiefe Elend seines Volkes, zu dem er sich in diesem Augenblick der Not eines anderen zugehörig fühlte. Aus der für einen westeuropäischen Juden typischen Ideologie seiner jüdischen Existenz erwuchs bei Herzl das jüdische Erlebnis: von dieser Stunde an dachte er nicht allein w'ie ein Kind des jüdischen Volkes, er kehrte nicht nur mit seinem Verstände zurück, sondern er fühlte wie ein Jude, er empfand den Pulsschlag des Volkes, seine Leiden, seinen Schmerz, seine Hoffnung und seine Sehnsüchte. Mit diesem Augenblick hatte Herzl seinen Glauben an sich, an sein Volk, an seine wirkliche Aufgabe und an die Menschheit wiedergewonnen. Von dieser Stunde an wusste Herzl dem leeren, opportunistischen „guten jüdischen Optimismus“ eine wahre Kraft entgegenzustellen: unseren Glauben. Der Verlauf unserer jüdischen Geschichte von der Veröffentlichung der unscheinbaren Broschüre aus dem Jahre 1896 bis heute führte vor nunmehr 16 Jahren zur Verwirklichung uralter jüdischer Vorstellungen durch die Beschreitung des von Herzl vorgezeichneten Weges. Herzls Prognose war nicht optimistisch. Er hat den Juden der guten, alten Zeit, den Juden des Fortschritts und des bürgerlichen Aufstieges, den Juden jener Epoche selbst gewallter Sorglosigkeit ein schwarzes Bild der Zukunft vor Augen führen müssen. Er hat sie gewarnt vor den Ausschreitungen des Mobs und den Rufen des Pöbels „Juden ’raus!“ Man hat diesem vermeintlichen Pessimismus Herzls jenen nichtssagenden Optimismus entgegengesetzt, der die damalige 'Zeit charakterisierte. Aber Herzl teilte diese Art leeren Optimismus nicht. Er war zu einem Seher geworden, der di.c Schicksal seines Volkes vorausahnte oder der die übermenschliche Kraft hatte, sich aus dem Taumel der Begeisterung und dem .Optimismus* dieser Tage herauszuressen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren. Den Mut zur rauhen Wirklichkeit, den hat Herzl bewiesen. Diesen Mut aufzubringen, hat der Zionismus uns gelehrt. Zionismus ist nie.n; 1$ ein nichtssagender, hohler Nationalismus gewesen. Jüdischer Nationalismus bedeutet das Bekenntnis zum jüdischen Volk und seiner Zukunft. Das ist der Inhalt unseres Glaubens an uns selbst undan unseren ,na- Erklaerungen Levi Eshkols j Jerusalem. —~ In einem j exklusiven Interview für die | Jewish Telegraphic-Ageney gab Ministerpräsident Levi j Eshkol der Hoffnung Aus-! druck, dass „der Mittelosten 1 durch die erfreuliche Aussicht auf eine Annäherung zwischen Ost und West in den Bannkreis des verringerten Spannungsfeldes gezogen werden würde.“ Eshkol äusserte sich bei dieser Gelegenheit zu den Bemühungen Nassers. seine militärische Macht zu verstärken, über die Beziehun- I gen zwischen Staat und Re. I ligion, die Verbundenheit mit der zionistischen Bewegung und die jüdischen Organisationen im allgemeinen. Er unterstrich, dass die Wahrung der Sicherheit Israels „heute und für viele Jahre unsere dringendste Sorge darstellt“, und fügte hinzu: „Die Menschen, die nicht die täglichen Probleme in Israel miterleben, sind ausserstande, sich einen Begriff davon zu machen, dass die Zerstörung Israels der Ausgangspunkt der arabischen Politik ist, wie es die Araber öffentlich und privat und sogar vor den UN verkündigt haben. Dies sind keine nichtigen Drohungen. Unsere Feinde treffen alle Vorbereitungen, um sie in die Tat umzusetzen. Nasser hat erklärt, für ihn handele es sich nicht um die Frage, ob Israel vernichtet werden soll, sondern wann die Vorbereitungen hierzu abgeschlossen sein werden. Uns Israelis bleibt daher keine Wahl. Wir müssen alles tun, um unsere diplomatischen Mittel zu erschöp. fen und unsere Verteidigungskräfte weiter zu entwickeln““. Auf die Frage, was die Grossmäehte tun müssten, | um einer Verschlechterung : der Lage im Mitte losten vor- | zubeugen und ob die Nasser tionalen“ Weg. Aus diesem Glauben ist Israel geworden. Mit diesem Glauben ergriffen die Israelis die ihnen aufgezwungenen Waffen. Aus diesem Grunde heraus wuchs ihnen die Kraft, eine feindliche Uebermaeht zu zerschmettern. Es ist kein Zufall, dass unsere Gegner, vor allem aus arabischen Reihen, den Versuch machen, diesen unseren Glauben anzugreifen und die aus diesem Glauben hervoegehende Solidarität zu zerstören. Aus unserer Geschichte ergibt sich, dass (Schluss auf Seite 2» von den USA und anderen westlichen Ländern geleistete Unterstützung die Aussichten auf den Frieden und die Stabilität in diesem Äawwi erschüttere, entgeg- »«te Levi Eshkol: „Die ömwriäehte können viel tun. i*m die Spannungen auf- Mtiockeen. Mit schwerer Be. sorgnis sehen wir, dass unseren erklärten Feinden, im besonderen Aegypten, Waffen aus dem Osten zuflieseem. loh möchte es klar auosprechen, dass nicht wir es waren, die je neue Waffen m diese Region eingeführt haben, sondern es sind die Araber gewesen, die mit HRfe des Auslands den Rüstungswettlauf verursacht haben. Dieser ist eine sehr schwere Belastung für uns. wenn wir die Erfordernisse der Einwanderung. Absorption und Entwicklung berücksichtigen. Schliesslich hat Nasser keine Bedenken gehabt, die ihm von aussen gelieferten Waffen gegen seine arabischen Brüder ein z-usetzen. Gewiss neiden wir unseren Nachbarn keine Wirt-seha-ftshi 1 fe. die ihr Lebensniveau verbessert und zur Lesung ihrer sozialen und ökonomischen Probleme beiträgt. Doch leider verwendet Nasser einen grossen Teil der Aegypten zur Verfügung stehenden Mittel, um seine Angriffskraft bedrohlich auszubauen.'“ STAAT UM» RELIGION Ueber das Gespräch zwischen Staat und Religion be fragt, und ob die Zeit reif für klare Entscheidungen sei, erwiderte der Ministerpräsident, dieses Problem : bedürfe noch eingehenderen Studiums und sorgfältiger Ueberlegung. Seiner Meinung nach, so äusserte er, sei vorläufig ein Status quo sogenannten Eroberungen vorzuziehen. Sollten hier neue Schwierigkeiten auftauchen, ,,so müssen wir uns auf unfsere geistigen Fähigkeiten verlassen, um neue Lösungen zu finden, die^sich auf die Notwendigkeit gründen, dass unser Volk als ganzes überlebt.“ Levi Eshkol wandte sich gegen die Auffassung, dass das Ersuchen, das die Rabbiner aus USA in dem Sinne an ihn richteten, sich nicht dem Druck der religiösen Kreise zu beugen, als eine Einmischung in die Angele, genheiten Israels anzusehen sei. Vielmehr bilde es einen Beweis dafür, dass die jüdi sehe Welt Israels Probleme miterlebt. (ITA)

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