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Jüdische Wochenschau · 1963-06-28 · 2018 (28.6.1963) · p. [Seite 9]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2018 (28.6.1963)
Date
1963-06-28
Page
[Seite 9] (sequence 9)
Language
German, Spanish
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Viernes, 28 de Junio de 1963 Año XXIV. — No. 2018 — 9 Theodor Herzl Gesellschaft PUEYRREDON 2190 1 St. * * * T. E. 83-2613 Zu Arthur Ruppins 20. Todestag: Der Architekt des Aufbaus Abend-Schulen Nach all unseren Erfahrungen gehört zu den Seltenheiten, dass ein Mensch in sich die Anlage und das Streben, der reinen Wissenschaft zu dienen, gleichzei tig mit der Fähigkeit und Bereitschaft vereinigt, seine geistigen Kräfte dem praktischen Leben, dem tätigen Wirken im Dienste der Wirtschaft und der Wohlfahrt einer Gemeinschaft zu widmen. Ebne seltene Ausnahme war Dr Arthur Ruppin, der langjährige Leiter der zionistischen Kolonisationstätigkeit in Erez Israel. Nachdem er dae Studium der Rechtswissenschaft und der Soziologie erfolgreich beendet hatte, übte er kurze Zeit den Beruf eines Rechtsanwaltes aus, wurde sich aber bald bewusst, dass dies nicht seinen eigentli chen Inneren Neigungen entsprach. So nahm er 1904 den Ruf an, an die Spitze des damals von einigen jüdischen Organisationen in Berlin gegründeten „Büros für von Dr. GEORG HERLITZ Statistik der Juden“ zu tre ten. Dies schien endlich der Boden zu sein, auf dem zu arbeiten Ruppins wissenschaftliches Streben Befriedigung finden konnte. Hier war alles unbebauter Boden, unerforschtes Gebiet, auf dem Ruppin Neuland des Wissens entdecken und Probleme die ihn bewegten, er forschen konnte. Seine Arbeiten im „Büro für Statistik der Juden“ und insbesondere seine Veröffentli chungen, vor allem sein Werk „Die Juden der Gegenwart“ schufen ihm sehr schnell einen Namen in der jüdischen und in der allgemeinen wissenschaftlichen Welt. Zur selben Zeit vollzog sich ein neuer Wechsel in seinem Lebensweges Ruppin die Leitung des neu geschaffenen Paläetina-Amtes in Jaffa übernahm, also praktisch mit der Durchführung der zionistischen Ko- Zwei zionistische Jubilare Oscar Schwarz Am 29. Juni vollendet einer der besten zionistischen Aktivisten, der langjährige Tesorero der THG ihr Gründungs- und ständiges Vorstandsmitglied, Oscar Schwarz, das 75. Leben« jahr. Niemand, der es nicht weiss, käme auf den Gedanken, dass dieser Mann im „Greisenalter“ stehen könnte, denn seine physische Rüstigkeit und geistige Beweglichkeit «ind die gleichen wie vor 15 oder 20 Jahren. Oscar Schwarz ist noch immer das Vorbild der jüdisch-zionistischen Aktivität stets bereit, eine Aufgabe im Interesse der Organisation 2u übernehmen, diese nach aussen ruhig, sachlich, würdig, aber auch, wenn es notwendig ist, mit Energie und Tatkraft zu vertreten, die sogenannte „Kleinarbeit“ mit der «.eichen Liebe zum Ideal durchzuführen wie irgendeine Mission von weitrei ehender Bedeutung. Oscar Schwarz stammt aus der Provinz Posen, einem alten jüdischen Kulturboden, auf dem er schon um 1911 seine ereten Begegnungen mit der zionistischen Welt gehabt hatte. In Stettin, nach dem Weltkriege, setzte er an leitender Stelle der zionistischen Ortsgruppe diese nationale Tätigkeit für die Fonds, für die „Eroberung der Gemeindestuben“, für die Verbreitung zionistischen Gedankengutes fort, ln Buenos Aireo sofort nach seiner Einwanderung, er kannte er die Notwendigkeit, in unserem zentraleuropäischen Sektor und in engem Kontakt mit dem argentinischen Jischuw für die Durchsetzung der zionistischen Ziele zu wirken, auch, viel leicht erst recht, nach der Staatsgründung Israels. An «einem 75. Geburtstage dankt die THG ihrem verehrten Freunde, Chawer. Mitarbeiter, für all seine rastlose Tätigkeit im Dienste unserer Ideale und wünscht ihm an der Seite seiner gleichfalls überall sehr geschätzten Gattin, umgeben von der Liebe der Kinder und Enkelkinder noch viele Jahre der Gesundheit und der Freude am Lande Israel, das er vor fast drei Jahrzehnten zum ersten Male sah, und das er s.G.w. in absehbarer Zeit abermals besuchen wird. Möge er noch lange unser Vorbild an Pflichterfüllung und Treue zu den alten Idealen bleiben. Juan Meyer-Keyt Es ist noch nicht lange her, da zählten wir unseren lieben Chawer Juan Meyer- Keyt zur „älteren Jugend“. Nun ist er 50 oder wird es am 28. Juni, doch mit jugendlichem Elan spricht er mit Vorliebe zu unserer neuen Jugend, deren Probleme er gut vensteht, denn er war selbst sehr früh in der zionistischen Jugend ein Aktiver. Juan Meyer-Keyt ist gebo rener Berliner und im jüdischen Leben dieser Stadt, bereits vor 1933, war es vor allem die Turn- und Sportbewegung, in der ganz aufging. Er nahm an den Makkabiaden in Erez Israel von 1935 und 1937 aktiv Anteil, und auch in Argentinien verdankt ihm die nationaljüdische Tätigkeit für den Sport viele Anregungen. Seit Jahren gehört er dem Vorstand der „Theodor Herzl Gesellechaft“ und dem Comité des KKL an. Unlängst besuchte er Israel und brachte schö ne und interessante Filmaufnahmen von der Reise mit. Auch diesem treuen Diener an der zionistischen Sache, dem bewährten Förde rer jüdischer Kultuarbeit, wünschen wir, dass er noch Jahrzehnte für die Zukunft von Volk. Land und Sprache wirken möge. Vorstand der THG Ionisation betraut wurde. Ruppin nahm diesen Vorschlag, der ihm von der Leitung der ZO gemacht worden war zunächst nur bedingt an. Er kannte Erez Israel nicht wollte es aber kennen lernen, um sich selbst zu entscheiden, ob und was in dem Lande durch dessen Wiederbesiedlung mit Juden zu leisten möglich sei, und ob er selbst imstande sein würde, das zu Leistende zu vollbrin. gen. So fuhr Ruppin im Jahre 1907 nach Erez Israel. Das Ergebnis dieses mehrere Monate dauernden Aufenthaltes war nicht nur ein durch ungewöhnlichen Scharfblick und nüchterne Klarheit ausgezeichnetes Gutachten über die kolonisatorischen Möglichkeiten in Erez Israel, sondern auch sein Entschluss, das Angebot des damaligen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Professor Wanburg anzunehmen. Seit Februar 1908 bis fast! unmittelbar zu Ruppins To- | de im Januar 1943 ist beim Aufbau des neuen jüdischen Zentrums in Erez Israel — I zunächst durch das Palästina-Amt in Jaffa (1908—1919), dann durch die Zionistische Exekutive (1920—1929) und schliesslich durch die Jew ish Agency for Palestine (1929—1942) — nichts unternommen worden was nicht von Arthur Ruppin durchdacht, geplant, in allen Einzelheiten vorbereitet und un Nathan Blumenthal s. A. Wenige Wochen, bevor er das 87. Lebensjahr -hätte vollenden können, ist Nathan Blumenthal, unser äl teßtes Mitglied, dahingegangen. In diesem Manne verliert die zionistische Bewegung und, darüber hinaus, die jüdische Gemeinschaft dieser Stadt, einen der aktivsten Menschen, der sich für alles Jüdische lebhaft interessier te und biß ins höchste Alter hinein keine Mühe und Zeit scheute, um einen interessanten Vortrag zu hören oder einer Aussprache über jüdische Fragen beizuwohnen. Die gut fundierte jü dische-religiöse Bildung von der Heimat her — mit Stolz nannte er sich einen Schüler des ehrwürdigen Lübecker j Rabbiners Dr. Salomon Car- I lebach — machte es ihm I leicht im neuen Lande am j Gemeindeleben Anteil zu I nehmen. Gern pflegte er zu I erzählen, wie er a!ß einer i der letzten Auswanderer die Reise über den Fernen; Osten nach Argentinien hai b« unternehmen müssen, : und wie er so die seltene Gelegenheit gehabt habe im September 1940 dem Gottes dienst in der Grossen Synagoge von Moskau beizuwohnen, was ihn tief beeindruck te. Alle, die Nathan Blumenthal kannten und verehrten, seine vielen Freunde, die er überall be«ass, werden dank bar an ihn denken und ihn niemals vergessen. ter seiner Aufsicht durchgeführt worden wäre. Ruppin ißt auf allen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gebieten der Initiator alles dessen, was man ge wohnlich den Aufbau des neuen jüdischen Palästina“ nennt und was die tatsächliche Grundlage und Vorbereitung für die Entstehung des Staates Israel bildete. Ob e« sich in der Frühzeit um die Schaffung von Gesellschaften für den Boden kauf oder für die Entwicklung der Industrie und des Handels im Lande handelte oder später um die Grundlage für den Aufbau der ersten rein jüdischen Stadt Tel Aviv oder endlich um die Grundlagen für den Aufbau einer ausschliesslich von Ju den betriebenen Landwirtschaft durch die Schaffung der für die jüdischen Ein Wanderer geeigneten Siedlungsformen, so gibt es nichts, was nicht von Ruppin vorbedacht, geplant und verwirklicht worden ist. Die Gründung der mit ihren finanziellen Anteilen in der ganzen jüdischen Welt verbreiteten Gesellschaften, wie die „Palestine Land De velopment Co.“, die „Palestine Real Estate Co.“, das „Palestine Industry Syndicate“ die „Palestine Trade Co“, alles ist Ruppins Werk. Aber auch die Gründung der ersten landwirtschaftlichen genossenschaftlichen Siedlung Marawia, der ersten landwirtschaftlichen Kommune Kwuza Degania sowie der ersten landwirtschaftlichen Betriebs-Kooperative (Moschaw Owdim) Nahalal und viel später der ersten von deutschen Juden errichteten, auf Hühnerzucht basierten mittelständischen Dörfer — all das geht auf die Ideen und die Initiative Ruppin« zurück. Arthur Ruppin hat drei Jahrzehnte hindurch die Fundamente für den Wieder aufbau Erez Jisraels geplant und befestigt. Er war, wie es einer seiner engsten Mitarbeiter einmal formuliert hat, der Architekt des Aufbaus Erez Jisraels. — Aussprache-Abend Der nach längerer Pause erstmalig am 10. Juni in den Räumen der ACIBA durchgeführte Aussprache, abend über aktuell» Fragen wies tiotz des regnerischen Wetters einen relativ guten Besuch auf. Nachdem Dr. Hardi Swarsensky mit einem kurz zusammengefassten Ueberblick über die Lage der Juden in der Welt die Difikussicn eröffnet hatte, j ergab sich eine interessante i Debatte über die künftigen deutsch-israelischen Beziehungen, Einwanderungspro bleme Israels, die Situation der Juden in Ländern faschistischer oder linksextremistischer Diktatur, über die Spannungen zwischen den Weltmächten u. a. m. Die grosse Aufmerksamkeit mit der die Anwesenden den einleitenden Worten sowohl als auch den diversen Fragen und entsprechenden Er widerungen folgten, zeigte eindeutig die Notwendigkeit Wie sieht die heutige Zusammensetzung der „Bevölkerung“ der Grundschulen in Israel aus, welchen Gemeinden gehören die Kinder an, aus welchem Milieu stammen sie, woher stammen ihre Eltern? Diese Fragen sind ja fast gleichbedeutend mit der Frage der zukünftigen Zusammensetzung der erwachsenen Bevölkerung im Staate. Es liegen nun abschliessende Ziffern über den Schulbesuch im letzten Schuljahr vor. und da ergibt sich folgendes Bild: Rund 45 % aller Schüler der Grundschulen gehörten Einwanderer - Familien an, die nach 1948 aus asiati«chen und afrikanischen Ländern gekommen waren. Die Zahl der Kinder aus solchen Familien betrug in den Gvmnasien 16 Prozent, in den Fachschulen 37 Prozent und in den Abendschulen 58 Prozent der Gesamtzahl der Schüler. Auf die Bedeutung dieser Ziffern für die israelische Gegenwart, Zukunft und die Gestaltung des Schulwesens und überhaupt des Lebens im Staate wies kürzlich einer der führenden Persönlichkeiten des telaviver Schulwesens, Dr. Schaul Levin, in einem viel beachteten Referat hin. BEDEUTUNG DER ABENDSCHULEN Besonders die Anendschulen werden von den Einwanderer-Kindern auß den erwähnten, im allgemeinen nicht gerade fortschrittlich entwickelten Staaten viel besucht. Dies muss ganz besonders anerkannt werden, denn es zeigt, dass diese jungen Menschen tagßüber arbeiten müssen, um ihren meist notleidenden und meist sehr kinderreichen Fa. milien zu helfen. Abends versuchen sie sich dann fort zubilden, — in erster Linie, um ein Fach zu erlernen. Die Familien können offenbar auf die finanzielle Beihilfe auch der jüngeren Kinder kaum verzichten, und in Israel gibt ee nicht die ideale Lösung, die in manchen Ländern wie etwa Frankreich besteht, wo die öffentlichen Stellen unbemittelten Eltern finanzielle Hilfe leisten, wenn deren Kinder die Schule besuchen (und somit nicht arbeiten und verdienen können). Israels Behörden ihrer- 1 seits versuchen jedenfalls, den Grundsatz der allgemeinen Schulpflicht einigermassen durchzusetzen, und in Tel Aviv scheint dies tatsächlich ungefähr gelungen zu sein, denn nur 0.2 Prozent der schulpflichtigen Jugendlichen besucht keinerlei Schulen. — Gewisse Skepti ker meinen übrigens, e« stehe noch nicht fest, ob man wirklich allen Kindern aus primitivstem Milieu durch vertiefte Bildung etwas Gutes tue. Es komme dann nämlich häufig zu weitgehenden Diskrepanzen zwischen solch aufgeklärten und gebildeten Kindern und ihren total anders orientierten Eltern. Die jungen Menschen werden ihrem Hanse völlig entfremdet, ohne gleichzeitig in die „fortschrittliche“ Gesellschaft des modernen Israel autgenommen zu werden. Diese Jungen und Mädchen leben, so erklärt man, in einer Art luftleerem Raum, in einem Vakuum, einem Niemandsland; sie gehören nirgendwohin, sind von ihren Ehern separiert, aber in den neuen Kulturbereich ihrer Umwelt nicht eingeglieaert worden. So tragisch dieser Prozess ist, so lässt er sich wohl, so könnte man meinen, nicht immer vermeiden, wenn man auf Abkehr vom Primitiven und Hinwendung zu neuen, demokratisch - aufgeklärten Le- 1 bensformen und — Inhalten ¡ bedacht ist. DORF UND STADT Der genannte Referent wies ferner auf einen anderen, ebeneo bedeutsamen wie schwierigen Punkt hin — dis Frage der Beziehungen zwischen Stadt und Land und des Wohnens und Lebens in entfernten Or*en, weitab von den städtischen Zentren. Man hat nämlich in letzter Zeit verschiedene pädagogisch - soziologische Experimente mit israelischen Jugendgruppen gemacht, und dabei zeigte sich, dass nicht selten gerade begabtere Jugendliche aus Siedlungen und kleinen Orten nicht mehr in ihre Wohnorte zurückkehren wollten. Sie waren einige Zeit zum Unterricht in Internaten in oder unweit der Städte untergebracht worden, ] und nach Abschluss der Ausbildung gab es dann mitunter gewiese Schwierigkeiten. Besonders positiv müssen gewisse Bemühungen mancher unserer Grundschulen — wenigstens in Tel Aviv bewertet worden, die ästhetische Erziehung der Kinder zu fördern. Im Rahmen dieser Bemühungen weroen, auch schon bei Schülern der niedrigen Klassen, Kurse für Musikerziehung, tänze- | risch rhythmisch» Unterweisung und dergleichen eingerichtet, wobei die Eltern zwar etw’as Unterricht«geld j zu zahlen haben, doch nur , relativ geringe Beträge. In I diesem Zusammenhang wäi re es sehr zu begrüssen, wenn die Einricntung aer Jugendkonzerte und der Theatervorstellungen für Jugendliche wesentlich gelordert werden könnten. dieser freimütigen Aussprachen. in denen auch solche interessierte jüdische Menschen das Wort nehmen kön. nen, die nicht gern in gro ssen Veranstaltungen sprechen wollen oder es auch nicht können. Einstimmig wurde der Wunsch laut, derartige Abend« in dreiwöchi gen Abständen zu wiederholen. Entwicklungsstaedte Unter den Angehörigen verschiedener Berufe — und in jüngster Zeit auch unter ßelbständigen Geschäftsleuten, die das notwendige Kapital selbst autbringen können — ist seit längerer Zeit eine Bewegung zur Uebersiedlung in die Entwicklung.sgebiete zu verzeichnen, welche jetzt beträchtliche Ausmasse angenommen hat. Seit man mit der Anfor. derung von in den Entwicklungsstädten erwünschten Fachleuten und Geschäft«- leuteu begann, haben sich schon 2.800 Familien registrieren lassen — 500 Kandidaten für die Ansiedlung in Arad nicht inbegriffen —, von denen inzwischen schon ein Teil an ihre neuen Wohnorte übersiedelt ist.

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