Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2008 (19.4.1963)
- Date
- 1963-04-19
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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o fifi «5. t 2 FRANQUEO PAGADO Concesión 908 r® M c U b o < u TARIFA REDUCIDA Concesten 1629 ISRAELITA AÑO XXIV BUENOS AIRES, VIERNES 19 DE ABRIL DE 1963 No. 2008 el Ejemplar Ifl _ en toda la República PUEVRREDON 2190 1? Izq. T. E. 83 2613 Buenos Aires NAZI UND ANTISEMIT Blick in die Welt Die Untersuchungen gegen den Kriminalrat Theo Saevecke. die zur Zeit im Auf trage der Bundesregierung in Norditalien durchgeführt werden, haben bereits schweres Belastungsmaterial sichergestellt. Mit Rücksicht darauf dürfte der nachstehende Artikel von besode rem Interesse sein. D, Red. — ★ — Theo Saevecke, bis vor kurzem stellvertretender Chef der Sicherungsgruppe Bonn des Bundesverfassungisschutzes und früher Leiter des Referats Hoch- und Landes verrat, hatte an der Aktion gegen den „Spiegel“ einen hervorragenden Anteil genommen. Als dann gewisse Kenner der Materie sich den Dirigenten dienes Skandals ein wenig näher besahen, zog man den Kriminalrat aus der exponierten Frontlinie heraus und siedelte ihn vorsorglich in der Etappe und zwar in Wiesbaden an. Wer ist dieser Theo Saevecke? Saevecke, der aus T.ülieck stammt, war im Gymnasium seiner Vaterotadt. wenn auch kurzhosig, bereite lange vor Hitlers „Machtergreifung“ ein fanatischer NS- Plmpf. Er verfasste üble an tisemitisehe Spottverse auf einen Lehrer, den die Fama als „Judenabkömmling“ erklärte. Der Arme war in Wahrheit ein guter evangelischer Christ... Als lTjähriger Sekundaner (der Jüngling Saevecke war politisch so aktiv, dass er sich für sein Lehrpensum wenig interessiert zeigte und; die Obertertia zweimal ab- ' solvieren rnusßte), gründete . Saevecke eine illegale SA-! Schulzelle (im Jahre 1928!) | und trat heimlich den ersten! Formationen der Lübecker SA bei. Kein Wunder, dass dieser „alte Kämpfer“, der schon so jung begonnen hatte, sich für die Mörderpartei zu be geistern, Karriere machte, als die Gangster da« Heft in der Hand hatten. Schon als 23-Jähriger hatte er eine beachtliche Funktion in der Kriminalpolizei des 3. Reiches, und im Jahre 1940 war der 39-Jährige Hauptsturmfiihrer bei der Gestapo in Posen. In einem von ihm selbst verfassten Lebetvdauf sagte der heute bundesrepu blikanische Kriminalrat am 25. Juni 1940 von sich selbst: „Am 15. Dezember 1928 trat ich .. zur Lübecker SA über und gehörte dieser bis zum Jahre 1938 aktiv an. Zur Zeit gehöre ich noch ate SA- Sturmführer dem z. V. Führerkorps der Standarte LH E. Maikowski, Berlin, an. j deutschen Wortschatz stär- Meine Uebernahme zur SS ] ker eingegangen ist, verninvon KURT KAISER-BLUETH schwebt bei der SD Dienststelle in Posen. Es muss bemerkt werden, dass die SA - Formation „Maikowski“ in Berlin-,Moabit eine besonders berüchtigte und blutige Vergangen heit hatte. Diese SA-Formation bestand — die Berliner eines gewissen Alters wissen sich zu erinnern — zum erheblichen Teil aus authentischen Berufsverbrechern und Gewalttätern übelster Sorte. An allen Ueberfällen auf Juden. Mitglieder des republikanischen Reichsbanners Schwarz-rot-gold und sozialistische Funktionäre war diese Elite- und Scheck formation der NSDAP führend beteiligt. Von ihr gingen auch die sog. „Kurtür stendamm - Pogrome“ vom März 1932 aus, bei denen SA-Terror-Gruppen jüdisch aussehende Passanten auf der Strasse anfielen, sie mit Gummiknüppeln nieder schlugen und zum Teil aus. raubten. Auch gegen jüdische Geschäfte ging der uniformierte Mob vor. Der später von Hitler liquidierte Graf Helldorf, damals Chef der Her liner SA. später Polizeipräsident von Berlin, leitete diese-Aktion, die eine Art vorgeahnte Generalprobe für die Kristallnacht von 1933 war. Im Jahre 1942 war Sae vecke Sonderbeauftragter des SD (Gestapo) in Libyen und Tunis. Er wurde u. a. zur Bereinigung der Judenfrage eingesetzt und hat an der erbarmungslosen Jagd auf Juden in diesen Gebieten teilgenommen. Die Verbrechen, die die Gestapo in Tunisien verübte, sind ohne Zahl, und es gibt eine reichhaltige einschlägige Literatur über dieses schwärzeste Kapitel der tunesischen Geschichte. Ueber 10.000 Ju den, darunter auch zahlreiche Frauen und Kinder, sind damals dem Wüten der Gestapo zum Opfer gefallen. Sie wurden nur zum kleineren Teil an Ort und Stelle umgebracht. Die meisten kamen in den NS-Konzentrationslagern um, in die sie die Häscher des Führers dirigierten. Auch mehrere Emigranten aus Deutschland fielen in die Klauen der Henker und wurden sogleich an Ort und Stelle „liquidiert“. Ab 1943 war Saevecke — man wusste bei Himmler die eifrigen Funktionäre zu ehren — Chef der Gestapo im besetzten Mailand. Unnötig, Einzelheiten über Sinn und Zweck seiner Mission und über ihre tristen Resultate zu berichten. Es gibt genug überlebende Zeugen, die Saevecke anklag-en. Es scheint ausgeschlossen, dass man in Bonn nicht wrusßte, aus welchem Sumpf dieser ausgezeichnete Kriminalist gekommen war, zumal viele, die mit ihm zusam mentrafen, heute erklären, Saevecke habe keineswegs viel Hehl aus seiner Vergangenheit gemacht. Er liebte es sogar, so behaupten wenig.stens die, die ihn kennen, Vergleiche zu ziehen und „den Schneid von früher gegen die schläfrige Polizei-Maschinerie der Demokratie“ auszuspielen. Jeder wusste, dass er bereits früher wesentliche politische und polizeiliche Funktionen ausgeübt hatte. Und, onne dans er direkt auf seine Tätigkeit in der Gestapo hingewiesen hätte, war er doch stets einer ihrer konsequenten Verteidiger. „Man sagt heute sehr viel Unwahres und Ungerechtes über die Gestapo . .“ sagte er einmal bei einer privaten Zusammenkunft zu einem Kollegen, „en gab in ihr auch sehr feine und hochanständige Leute, Leute mit Herz und Verständnis .. “ Das also ist der „Altparteigenosse“ Theo Saevecke. Ausgerechnet diesen Mann hatte man in Bonn mit der vitalen Aufgabe betraut, die Demokratie vor den Angriffen der Staatsfeinde zu schützen, sie zu schirmen und „abzusichern“ .... Das ist nicht mehr skandalös. Das ist einfach absurd und so vollendet unsinnig. dass es nicht in das Gebiet personalpolitischer Fehlgriffe, sondern in das der praktischen Psychiatrie gehört. von HAROLD SCHWARCZ In Kanada triumphierte bei den Wahlen die liberale Partei Lester Pearsons, was in einem Augenblick der wachsenden Rechtsorientierung der meisten westlichen Völker bemerkenswert ist. — Der französische Terroristenführer Georges Bidault, einet Ministerpräsident seines Landes, fand ein Asyl in Brasilien. Er muss allerdings jegliche politische Tätigkeit unterlassen. — Der frühere britische Ministerpräsident Winston Churchill wurde zum amerikanischen Ehrenbürger ernannt. Die greßsen Verdienste Churchills um die Rettung der freien Welt vor der Gefahr des Nazismus wurden durch diese Ehrung erneut unterstrichen. — Eigentlich hatte der bundesdeutsche Kanzler, Dr. Konrad Adenauer, erst kürzlich versproches, dass er im Herbßt (etwa September 1963) zurücktreten werde. Inzwischen soll es sich der greise Kanzler anders überlegt haben, weil er sich zu einem Rücktritt mit seinen 87 Jahren noch zu jung fühlt. — Der kubanische Diktator, Dr. Fidel Castro, hat neun Nordamerikaner freigelassen. Er gab jüngßt auch eine Erklärung ab. in welcher er den amerikanischen Präsidenten Kennedy lobte. — Grosse Trauer hat der Untergang des nordamerikanischen Atom-Unterseebootes „Thresher“ hervorgerufen, das fieberhaft gesucht wird. Man hofft, das Schiff bergen zu können. — Ein Atttentaat wurde gegen den Aussenminister von Algerien, Mohamed Khemisti, verübt, als dieser das Gebäude der Nationalversammlung verliess. Der Täter entkam unerkannt. Ein Regierungssprecher meinte, es müsse sich um einen Geisteskranken handeln. — Gefaegnisstrafen Wien. — 20 Jahre nach der Tat hat das Woiwodschaftsgericht Lodz zwei Männer wegen Mordes an zwei jüdischen Frauen zu je zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Tat und die Identität der Mörder war erst vor kurzem entdeckt worden. (AWZ) an Kischinew Man spricht von dem Pogrom von Kischinew und meint damit die grausamen, blutigen Ausschreitungen, die. unter Duldung durch die zaristischen Behörden, geaen einen beträchtlichen Teil der zu Anfang unseres Jahrhunderts in dieser rußsisehen Stadt lebenden Juden erfolgten. Diese 50.000 machten ein DritteLder Ges^mtbevölkerung Kischinews aus. Der erste Pogrom ereignete sich dort am 6. und 7. April 1903, also vor genau 60 Jahren. 41 Juden kamen dabei ums Leben, etwa 100 wurden schwer, 500 leichter verletzt, 600 Geßchäfte wurden geplündert, 700 Wohnungen zerstört. Schätzungsweise 10.000 Juden waren obdachlos und weit mehr mittellos geworden. Mit dem Wort „Pogrom“, russisch so viel wie ,.Verwüstung“. das — zwangs läufig — ieider auch in den von Dr. E. G. LÖWEN THAL Abnahme von Mazzot verweigert Stockholm. — Von den 11 Paketen mit Mazzot, eie von Schweden aus an Empfänger in der Sowjetunion geschickt wurden, sind 11 Sendungen ohne Erklärung zurückgeschickt worden. Rudef Jesed vom Hilfswerk für Juden enthüllte dass Pakete mit je 6 kg Mazzot nach 11 sowjetischen Städten abgesandt worden waren. Die zurückgeschickten Pakete waren von den den sowjetischen Zollbehörden geöffnet worden. Vor Pessach hatte die Nachrichtenagentur TASS angekündigt, dass Mazzcpakete geschickt werden dürften. Zwei schwedische Parlamentsabgeordnete harten sich an moskauer Regierungsstellen mit dem Ersu chen gewandt, das Backen von Mazzot zu gestatten. Sie teilten mit, dass ihre Schreiben nicht beantwortet wurden. (ITA) det sich, geschicht'ich gesehen. in erster Reihe die Vorstellung von den antijü.dischen Ausschreitungen in Kischinew im Frühjahr 1903 (im Oktober 1905 wurden die Juden der Siadt noch einmal von ähnlich grausamen Verfolgungen heimgesucht). Die Informationen, die gebräuchliche deutsche und englisch» Nachschlage- und Wörterbücher über Herkunft und Geschichte des Wortes „Pogrom“ erteilen, sind uneinheitlich. Bis auf eines, Herders Volkslexikon, das „Pogrom,, mit „seit 1904 Bezeichnung für Ausschreitungen gegen die Juden“ erklärt beschränken sich die konsultierten Kompendien auf allgemeine De finitionen wie ,,(Juden)-Verfolgung“ oder „russische Bezeichnung für gewalttätiges Vorgehen, insbesondere Judenpogrome in Osteuropa“, „Ausschreitungen ge gen Juden oder andere Klassen in Russland“ (Oxford Dictionary) oder „ludem'erfolgung. Judenhetz“. Die Jahreszahl 1904 hängt möglicherweise damit zusammen, dass, obwohl es schon 1881—84 an vielen Stelien des zaristischen Russland zu Ausschreitungen gegen Juden und Bedrohungen von Juden gekommen war, die folgenden 20 Jahre ruhiger waren und dann 1903, nach vorangegangener weiter und heftiger antisemitischer Agitale Schlag gegen die Juden tation, der mörderisch-bruin Kischinew stattfand. Bialik, der die Stadt nach dem Massaker sah, fasste eeine Eindrücke in einem auch ins Englische übertragenen Gedicht zusammen, in dem er eine Spinne als Augenzeugin der bestialischen Vorgänge erzählen lässt, und Maxim Gorki klagte die Gebildeten an, die er als nicht weniger schul dig bezeiehnete als den Pöbel. Die Welt drausoen horchte auf. Kaiser Wilhelm II. liess den Zaren wissen, solche Unmenschlicr.keit sei beispiellos. Dänemark und England reagierten ähnlich. Am deutlichsten äußserte sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, der der Welt das unmittelbare und 'iefe Mitleid seiner Nation für die Opfer und das Entsetzen der Amerikaner über das verursachte Elend zu verstehen gab. Die Presße sprach von Barbarentum, in vielen grossen Städten der USA fanden öffentliche Protestkund gebungen statt, und entsprechende Entschliessungen wurden gefasst. Eine Bne Brit-Petition an den Zaren der die Annahme ablehnte, war in wenigen Tagen von mehr als 12.000 amerikanischen Bürgern aller Stände unterzeichnet worden. Hilfsmassnahmen kamen in Amerika in Gang In Kischinew selbst organisierten verschont gebliebene Juden einen Hilfsaußschuss. der dann Unterstützung auch von ausserhalb erhielt. Vertreter des russischen geistigen Lebens gaben ihrem Abscheu für das, waß geschehen war, Ausdruck. Westeuropa war mit Herz und Hand zur Stelle. In Ber lin fand im Juni 1903, vom wenige Jahre zuvor gegründeten Hilfsverein der deut sehen Juden einberufen, eine Konferenz zum Aufbau eines einheitlichen Hilfswerkes statt, ohne dase da mit viel erreicht wurde. Die Tatsachen waren stärker: die Auswanderung von Juden aus Russland nahm nach dem Kischine w-Pogrom rapide zu. Da Deutschland, schon wegen ßeiner geographischen Lage, zum wichtigsten Durchwanderungsland wurde, setzte der Hilfsverein entlang der damaligen deutsch-russischen Grenze in zehn Städten Ostpreuscens, Westpreussens und Posens. mit Königsberg an der Spitze, Comités zur reibungslosen Abwicklung der Durchreise der jüdischen Flüchtlinge und zur Erleichterung der Durchführung der Formalitäten ein. Auswanderungshäfen wurden Hamburg und Bremen. Gemeinsam mit Bne Prit und dem 1882 entstandenen Frankfurter Hilfscomité für osteuropäische Juden berief der Hilfsverein im Dezember 1904 eine internationale Wanderungskonferenz nach Frankfurt a. M. ein. 102 Delegierte vertraten 33 Gemeinden, Organisationen (darunter die Zionistische Weltorganisation) und Comi tés in England, Frankreich. Deutschland, Oesterreich IIja Ehrenburgs Memoiren London. — Alexander Twardowsky, der Herausge ber der sowjetischen literarischen Zeitschrift „Nowy Mir“, der die Memoiren Ilja Ehrenburgs mit ihren Kritiken an der Stalinära und dem damals herrschenden Antisemitismus veröffentlichte, ist seines Postens enthoben worden, wie Nachrichten aus Moskau besä, gen. Die Fortsetzungen der Memoiren waren gerade dort angelangt, wo Ehrenburg die Nachkriegnzeit in Russland mit ihren stalinistischen Säuberungen behandelt hätte, als plötzlich die Massnahme gegen Twardowsky angekündigt wurde. Der Nachfolger Twardows kys ist ein für eeine scharf« Kritik an Ehrenburg bekannter Herausgeber. Es wurd« mitgeteilt, dass „Nowy Mir“ den Abdruck der Memoiren nicht fortse’zen wird, bevor Ehrenburg nicht die von der Partei geforderten Aenderungen vorgenommen hat. (ITA) und anderen Ländern. Die ri'ßsische Judenheit war durch ein« Abordnung führender Juden repräsentiert, unter ihnen Nahum Sokolow gest. 1936), der spätere enge Mitarbeiter von Chaim Weizmänn und spätere Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Die Einrichtung eines Zentralbüros für Wanderungsangelegenheiten beim Hilfsverein in Berlin wurde zum Benchluss erhoben, und schon kurz danach begann diese Stelle unter dem energisch, planenden liberalen Politiker Dr. Paul Nathan (Berlin 1857 bis 1927> als Vorsitzenden und Dr. Bernhard Kahn (Schweden 1876—1955 New York), dem später grosser- Organi sator internationaler jüdischer Hilfe für Arme und Verfolgte, als Generalsekretär zu arbeiten. Im Zeitraum 1904—14 sind mit Hilfe des Hilfsvereins fast 200.000 jüdische Auswanderer durch Deutschland geführt worden. Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 104 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831