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Jüdische Wochenschau · 1962-11-30 · 1988 (30.11.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1988 (30.11.1962)
Date
1962-11-30
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German, Spanish
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S* « 3 - FRANQUEO PAGADO Concesión 908 t a 2 <3 S2 TARIFA REDUCIDA <<3 Concesión 1629 MANA ISRAELITA Año XXIII. BUENOS AIRES. VIERNES 39 DE NOVIEMBRE DE 1%2 No. 1988 EL EJEMPLAR en toda la República PUEYRREDON 2190 19 fcq. T. E. 83 2613 Buenos Aires „Nicht verpflichtet“, Juden zu retten In zwei grossen Prozesi sen in Israel ist immer wieder der Name Kurt Becher; gefallen. Dieser Manu, der heute ein prosperierender Grossunternehmer in Brej men ist, wurde wiederholt j sowohl im Kastner-Verfah | ren als auch im Eichmannj Prozess genannt. Wie nuu! kürzlich der ,.Maariw“-Kor- . respondent, Dr. P Arns 1 berg, aus Deutschland mel-! dete, ist Becher von einem ' deutschen Gericht gewisser- I massen rehabilitiert wor-! den. ★ Der 52jährige silberhaarige und elegante Geschäftsmann, eine angesehene und bekannte Erscheinung in ' seinem Wohnort Bremen, I wird allgemein als M.ilio-. när bezeichnet. Angeblich' sollen seine Geschäftsverbindungen nicht nur in die i Türkei, sondern auch bis nach Israel reichen. Man schätzt das Bechersche Vermögen in manchen Kreisen auf 80 Millionen DM ein. (Im Eichmann-Prozess war sogar von 120 Millionen DM die Rede). Jedenfalls ist es j heute nicht opportun, sich ■ daran zu erinnern, dass der tüchtige Getreidegrosshänd ler in der Hitlerzeit den Rang eines SS-Standanenfiihrers bekleidete. Damit war er — als Generalleutnant — dem SS-Obersturm bannführer Adolf Eichmann. mit dem er in Buda pest zusammenarbeitete, rangmässig weit überlegen. Dr. Ansberg repakituhert. dass Herr Becher im März 1944 nach Budapest kam. Ungarn war von der deutschen Armee kurz vorher besetzt worden, und zwar am 19. März 1944. ßeche - j fungierte als Komm and an* der Aufrüstungsbeschaffung; der Waffen SS. Er sollte j Pferde und Sattelzeug rej quirieren. Die Waffen-SS galt als Creme der SS unc wurde seit 1940 für Kriegsaufgaben eingesetzt. Angesichts seiner hervor. stechenden Talente wurde Becher auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler als eine Arj hoher Proviantmeister eingesetzt. Aus seiner Aussage, die er für das Eichmann Verfah ren .leistete, indem er vor einem deutschen Gerichtshof Fragen beantsvortete, geht hervor, dass er als passionierter Reiter einem Sport-Klub angehörte, der nach der ,,Machtergreifung'“ zur SS „gleichgeschaltet wurde. (Man erinnert sich vielleicht auch noch, dass Dr. Servatius dagegen protestierte, Becher habe in die Fragen einige Tage vor dem „Verhör“ Einblick erhalten und -ich so auf seine Aussage sorgfältig vorbereiten können.) Als „Geschäftsfiinrer Himmlers“ entfaltete Be eher in Budapest alsDald eine fieberhafte Tätigkeit. Nach der jetzt gültigen Rechtsauffassung in der Bundesrepublik kann man ihn allerdings nicht wegen Mordes vor Gericht stellen, da er keine direkte Verbindung zu den Vernichtungs Aktionen hatte. Mit Depor. tationen oder Vergasungen hat er sich nicht unmittelbar befasst. Nach der Formulierung des Maariw-Kor respondenten diente er nur als „Geschäftsführer der gewaltigen SS-Todesfabrik“ Jedenfalls hat ebendieser Becher in den Jahren 1944 und 1945 die Verhandlungen mit den jüdischen Vertretern in Ungarn geführt und hat sich auch an den Ver handlungen mit dem Repräsentanten des amerikanischen „Joint“, Sally Meyer, in der Schweiz beteiligt. Bekanntlich ging es dabei um den berüchtigt berühmten Vorschlag „Juden gegen Lastwagen“. Die vorherrschende Auslegung läuft darauf hinaus, dass Becher von der Judenheit verschiedene wirtschaftliche Werte erlangen wollte, wobei er mit der Er neuerung beschleunigter Deportationen der ungarischen Juden in di« Gaskammern drohte. (Eichmann: Er hat durch Drohungen die „Atmosphäre für seine Geschäfte“ geschaffen). Be eher allerdings hat eine andere Version zu bieten. Er will sich der Waffen-SS nur zum Schein abgeschlossen haben. Seine wirkliche Absicht war nach seiner Dar Stellung vielmehr „die Rettung von Juden“. Dr. Arnsberg vergleicht diese Version mit den Erklärungen des Adenauer Helfers Dr. Globke, der ja auch nur „mildernd gewirkt“ haben will. Heute sei es vielfach bundesrepublikanische Mode, die damalige Nazi-Tätigkeit individuell mit . gu ten Absichten" zu beschönigen. Becher hatte jedenfalls das besondere Glück, einen jüdischen Entlastungszeugen zu finden. Der verstorbene Dr. Kästner erklärte seinerzeit vor dem Gericht von Nürnberg, am 4. Juli 1947, unter Eid, dass Becher „zweifellos zu den wenigen hilfreichen SS-Beamten gehörte“. Er habe mit wenigen anderen den Mut gehabt, sich dem Vernich tungsprogramm zu wider setzen, indem er versuchte, Menschenleben zu retten. Andererseits hat Eichmann in seinem Polizeiverhör in Israel ausgesagt. Be eher habe bei den Verhandlungen mit den jüdischen Vertretern gedroht, er werde den Befehl zur Wieder aufnahme der Deportationen in die Gaskammern ge ben. Von Freudiger, damals Mitglied des Vorstands der jüdischen Gemeinde und des Rettungsrats, erklärte seinerseits, dass Becher ge gen Lieferungen an seine SS-Einheit „Schutzbriefe“ ausgab. Trotzdem ist. laut dem Bericht des MaariwKorre spondenten. der Oberstaats anwalt von Frankfurt am Main überzeugt, dass der Kaufmann Kurt Alexander Becher des Raubes und der Erpressung verdächtig sei. Daher hat er dringend um i Erlass eines Haftbefehls ersucht. Diese Bitte wurde je. doch vom Oberlandgericht in Frankfurt im August 1961 abgelehnt. Der Gerichtshof begründete sein Verhalten damit, dass in der Sache Becher vielleicht von Plün derung, Erpressung und sogar Betrug die Rede sein könne. Jedoch sei das Ge rieht zu dem Schluss gekommen, dass kein „zu dringlicher Aktion nötigender Verdacht" vorliegt. Becher behauptet unab lässig, dass er unter Zwang handelte. Er habe sogar einige hundert Kinder gerettet, und sei immer gegen das Morden gewesen. Er habe Juden in die Schweiz gebracht, sei aber gezwungen gewesen, ihnen dafür Geld „abzunehmen“. Es ist nicht ausgeschlos sen, dass Becher tatsächlich bereits Mitte 1944 merkte, dass die Niederlage unaus bleiblich sei und ein „Endsieg“ nicht einmal mit „Wunderwaffen“ herbeigeführt werden könhe. Auch Himmler wusste um diese Zeit schon Bescheid, wie es aus ■ dem Buch von Dr Kempner hervorgeht. Nach dessen Ansicht kann sich Becher nicht als moralischer Held und Retter ausgeben. Er leitete die Ver handlungen. die zur Uebergabe der Manfred - Weiss- Werke in Budapest führten. Damals wurden in einem Sonderflugzeug 35 jüdische Beteiligte und prominente Angestellte des Konzerns als „Gegenleistung“ in ei nem deutschen Sonderflug zeug nach Lissabon befördert. Der „Maariw“-Korrespondent Dr. Arnsberg findet es charakteristisch, dass ein deutscher Gerichtshof den Haftbefehl gegen den ehemaligen Standartenführer nicht erlassen wollte. Be eher war mit den Deportationen infolge seines Amtes Israel und die EWG Brüssel. — Der israelische Finanzminister Levi Eshkol traf am letzten Wochenende aus Paris in Begleitung von 25 israelischen Finanzexpzrten Industriellen und Diplomaten in Brüs sei ein, um die Unterhaltungen über die Gestaltung der Handelsbeziehungen mit den Mitgliedstaaten d?s Gemeinsamen Europamarktes auf zunehmen. Vor seiner Abreise aus Israel verwies Eshkol darauf, dass ange siehts eines so heiklen The mas „grosse Anstrengungen vonnöten sein werden, um eine Formel für den Anschluss Israels an oen Europamarkt zu finden.“ Die israelische Delegation hat keine genaue Kenntnis von den Fragen, die es zu lösen, gilt, da es sich um die ersten Verhandlungen dieser Art handelt. Die Beziehungen zwischen Israel und der Europäischen Wirtschafts - Gemeinschaft (EWG) werden, falls sie zu positiven Ergebnissen führen, in den nächsten Jahren einen entscheidenden Einfluss auf aLe Aspekte der industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung Israels haben. Nach Ansicht der israelischen und lokalen Sachverständigen werden diese Verhandlungen als die wichtigsten seit Israels Eintritt in die Vereinten Nationen betraentet. Wie man erwarte1, dürften die Gespräche lang, schwierig und kompliz.ert sein. Seit 18 Monaten is: Is rael bemüht, die Verhandlungen einzuleiten, und leugnet nicht, dass es europäischer Hilfe bedarf, um seine Industrie und seinen Akkerbau zu entwickeln. Israel kann es sich auch nicht erlauben, sich aus dem Europamarkt ausgeschlossen zu sehen. Es besteht eine gewisse Opposition gegen die Gewährung besonderer Privilegien für Israel, die ' für die Beziehungen mit anderen Ländern einen Pi izedenzfall schaffen könnten. ISRAELS EXPORTARTIKEL Brüssel. — Israelische Ex perten und Sachverständige des Gemeinsamen Europamarktes beendeten eine eingehende Studie des industriellen und landwirschaftlichen Programms Israels für die nächste Zukunft, um die Voraussetzungen für kommerzielle Beziehungen zwischen Israel und den sechs in der Europäiscnen Wirtschaftsgemeinschaft zusammengeschlossenen Nationen zu prüfen. Achtzehn EWG Experten und sieben israelische Delegierte diskutierien die israelische Landwirtschaft aufgrund eines Berichts, den Abraham Offer in Vertre. tung des israelischen Landwirtschaftsministeriums vorlegte. In diesem Memorandum wird untersteienen, dass Israel auf die Ausfuhr von Produkten wie Zitrusfrüchte und Eier angewiesen ist. Die Mitglieder der Kommission zeigten sich höchst interessiert, und viele von ihnen stellten Fragen, um sich über Einzelheiten zu informieren. In einer zweiten Sitzung am gleichen Tage nahm eine Subkommission der EWG einen Bericht über Israels Industrie zur Kenntnis, der von Israel Galed, dem Beigeordneten Direktor des Handels- und Industrieministeriums, verfasst war. Fiir den darauffolgenden Tag war eine Plenarsitzung anberaumt worden, um über die Ergebnisse der bei diesen beiden Kommissions- Sitzungen geleisteten Araeit zu debattieren. Es wurde angekündigt, dass Finanzminister Levi Eshkol nach Israel zurückkehrt und Botschafter Amiel Nachar die Verhandlungen weiterführen wird. (ITA) JUEDiSCHE HAEFTLINGE IN KUBA New York. — Einige der von Castro bei den Verhaftungen im vergangenen Jahr zu Gefängnis verurteilten Gegner seines Regimes sind Söhne von Juden, die auf der Flucht vor Hitler nach Kuba kamen. Dies enthüllte Rechtsanwalt Donovan, der sich für die Frei lassung von 1.100 Häftlingen einsetzt. Er äusserte, „diese jungen Leute seien vielleicht die traurigsten Fälle, weil ihre Familien zum zweiten Mal in einer Generation die Macht eines Diktators zu fühlen be. kommen haben.“ Die Eltern der meisten dieser jungen Leute seien nach Kuba ausgewandert, um dort auf das Visum in die Vereinigten Staaten zu warten, und schliesslich im Land geblieben, weil sie in Kuba zu Wohlstand gelangten. (ITA) in Ungarn direkt in Verbin düng. Nur in diesem allgemeinen Rahmen hatte er ein Interesse, gewissen Juden Erleichterungen zu ver schaffen. Becher erklärt allerdings, er habe von dem Tauschgeschäft „eine Millian Juden gegen 10.000 Lastwagen““ ursprünglich nichts gewusst, sondern sei erst auf „jüdischen Druck“ in die Sache eingespannt worden. In den Verhandlungen mit dem „Joint“ habe er seine Vorbehalte nicht ver borgen. Die Gespräche will er nur weitergeführt haben, damit man ihm „Glauben schenkt“. Das Gericht meint weiter, Becher habe ja die Deportationen nicht durchgeführt, auch wenn er mit ihnen gedroht haben sollte. Er habe gar nicht die Vollmachten gehabt, solche Befehle zu geben oder aufzuheben. Ein« merkwürdige Ausle gung des Begriffs „Zivilcourage“ findet sich in einer weiteren Bemerkung des Gerichtshofes. Becher sei „gar nicht verpflichtet“ gewesen, solche Rettungsak tionen vorzunehmen, etwa gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Das hätte füi ihn bestimmt eine „grosse persönliche Gefahr“ bedeutet, und das hätte man von ihm gar nicht erwarten können. Von der Drohung, er wür de weitere zehntausend Juden in die Gaskammern schicken, habe nur Eichmann erzählt, so stellt der Gerichtshof fernerhin fest- In diesem Zusammennang schenke das (westdeutsche) Gericht Eichmann keinen Glauben. Ansonsten wäre es ja unwahrscheinlich, dass Juden, die mit Becher ver handelten, über ihn nachher eine positive Meinung äusserten. Der Angeklagte sei berechtigt und sogar ver pflichtet gewesen, den Juden zu erklären, welches Schicksal die ungarische Judenheit erwarte, — angesichts der Hilfsmöglicbkeiten in Händen des „Joint“. Die Begründung des Ge. richtshofes zieht weiter tine philosophische Unterscheidung zwischen „Warnung“ und „Drohung“ und kommt zu dem Schluss, dass Becher nur gewarnt und nicht gedroht hat. Die deutschen Richter meinen weiter, dass von einer Erpressung seitens Be chers überhaupt nicht die Rede sein kann. Er wusste, dass Deutschlands Lage verzweifelt war, und daher sei es durchaus möglich, dass er tatsächlich weitere Tötungen verhindern woilte. Der Gerichtshof gibt also Berufung verworfen München. — Die Erste Grosse Strafkammer" des Landgerichts München I verwarf nunmehr die Berufung der 58jährigen Hausfrau Erika Heyde, der Ehefrau des Euthanasie Professors Werner Heyde alias Sawade gegen ein Urteil des Schöffengerichts München. Das Schöffengericht hatte Erika Heyde im April 1962 wegen fortgesetzten Betruges zu einem Jahr Gefiing nis verurteilt, weil sie vom bayerischen Staat in den Jahren 1952 bis 1959 Hinterbliebenenrente in Höhe von 64.580 Mark bezogen hatte, obwohl sie wusste, dass ihr angeblich verschollener Mann noch lebte. Die Berufung der Angeklagten wurde verworfen, weil sie zur Verhandlung nicht erschien. Erika Heyde ist spurlos verschwunden, auch ihr Ver leidiger wusste ihren Aufenthaltsort nicht. Die Berufung des Staatsanwaltes gegen die Höhe des Strafmasses im Urteil der ersten Instanz würde von der Strafkammer ausgesetzt und wird erst verhandelt, wenn Erika Heyde vorgeladen werden kann. gewissermassen Becher für seinen Opportunismus auch noch eine gute Note. Es wird bei der Erpressung zwischen „Mittel“ und „Zweck“ ein Unterschied gemacht. Das Gericht in Frankfurt meint, man könne heute nicht mehr wie früher von an sich ungesetzlichen Methoden spre chen, sondern man müsse den moralischen Zweck der Handlungsweise berücksichtigen. Im vorliegenden Fall sei es klar, dass der Zweck eine beabsichtigte Hilfeleistung war. Sogar wenn eine Erpressung bewiesen werden sollte, sei sie doch zur Rettung von Juden erfolgt. Die Richter berufen sich auch darauf, dass der ehe malige Justizberater Israels. Chaim Cohen. Bechers Verhalten als .Hilfeleistung“ bezeichnete. Man könne bei der Erteilung von Schutzbriefen nicht von „Erpressung“ sprechen, denn „das Mittel heiligt den Zweck“ Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass Becher nicht an die Wirksamkeit dieser Briefe glaubte. Der millionenschwere bremer Grosskaufmann bleibt also weiter auf freiem Fuss. Der Gerichtshof fand keine Be weise, dass er die empfangenen Riesengelder und Warenmengen nicht an die zuständigen Behörden ablie ferte. Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 104 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831

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