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Jüdische Wochenschau · 1962-11-30 · 1988 (30.11.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1988 (30.11.1962)
Date
1962-11-30
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German, Spanish
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JÜDISCHE WOCHENSCHAU Año XXIII. — No. 1988 — 9 ^- ' * ^rran» 39 de Noviembre de 1992 Theodor PUEYRREDON 21901. St. jfe ♦ ♦. T. E. 83 - 2613 Ueber Weizmanns Zionismus Oll KURT BLUMENFELD NACHRICHTEN AUS ISRAEL ' Um Weizmann gerecht werden zu können, muss man in das Geheimnis seiner komplizierten Natur eindringen, welche sich in sei* ner Fähigkeit zeigte, Menschen um sich zu sammeln, und in seinen Auswirkungen auf politische, geistige und menschliche Kräfte. Die Elemente, welche seine Seele und seinen Geist formten, sind ein schwer zu entzifferndes Rätsel. Und man sollte nicht vergessen, dass man leicht in die Irre geführt werden kann, wenn man es mit einem vollständigen Bild zu tun hat, das in jeder Hinsicht Harmonie ausstrahlt. Das Leben des Menschen, nicht nur der grossen Persönlichkeiten, kann niemals in seinem ganzen Umfange erfasst werden. Es ist nur in ei nem glücklichen Augenblick möglich, es mit einem flüchtigen Blick zu erkennen, um im nächsten Augenblick von Zweifeln geplagt zu werden, ob man auch richtig gesehen hat. In persönlichen und manches Mal auch öffentlichen Gesprächen über seiner, eigenen Zionismus liebte es Weizmann, sich selbst und das Geheimnis seiner Wir kung zu erklären. Einmal sagte er: „Ich bin ein Chederjingel aus Russland." Oder: „Ich bin ein Irauiseher Jude und der Zionismus ist eine jiidisch-litaui sehe Bewegung." Als er in England lebte, wurde er einmal gefragt, von wo er die Gewissheit habe, dass das Judentum ihn als seinen Vertreter betrachte. Er antwortete: „Ich weiss aus meiner Jugendzeit, dass in Pinsk die Strassen mit Weizmanns gepflastert sind, und diese lebhaften Erinnerungen aus der Jugend täu sehen einen nie.“ Weizmann, der die Seele eines Künstlers besass. versuchte sich auch in der Welt der Politik. Wenn man ei' nen Unterschied machte zwischen Politiker und Staatsmann, bemerkte er des öfteren: „Das sind philologische Spitzfindigkeiten. Wir können nur Politiker sein. Man ist ein Politiker; ob man auch ein Staats mann war, wird die Nachwelt wissen — falls man nicht zufällig Fehler ge* macht hat.“ Zu gewissen Zeiten wollte er gerne „realistischer Politiker" genannt werden. Er praktizierte jedoch niemals „realistische Politik“, und ich hatte immer den Ein dr uck, dass diese Idee nicht gerade mit seiner Natur harmonierte. Wie jeder Politiker war er ein Spieler, der sich‘keinem System unterwarf, insbesondere nicht einem starren. Es war Weizmanns Glück, dass Westen und Osten in ihm nicht verschmolzen. Auf diese Weise sah er mit einem Janus-Geist sowohl die ein« wie die andere Welt. Sein Einfluss war überall, wo er w'irkte. gleich gross. Es gibt niemanden, der so viele Menschen be schädigte und der in der Erinnerung aller, mit denen er zusammentraf, einen unauslöschlichen Platz fand, wie Weizmann. Er besass mansche Kräfte. Ich kann nicht genau erklären, was es war, ich weiss nur, dass ich immer wieder überwältigt wurde, obwohl ich im voraus jedes Wort kannte, das "Weizmann dann sagen würde, wenn er eine he stimmte Wirkung erzielen wollte. Wenn er einen markanten Satz gesprochen hatte, wiederholte er ihn des öfteren, allerdings mit kleinen Abweichungen, und es hörte sich so an. als ob er jedes Mal seine Worte neu fühlte und erlebte. Ich erinnere mich an eine Versammlung in Berlin, auf der er sagte: „Ich habe das jüdische Schicksal in einer Weise erlebt, dass ich alle Schmerzen durchgemacht habe." Es war einfach gesagt, aber jeder Hörer stand unter dem Eindruck der Worte: „Ich habe alle Schmerzen durchgemacht“. Es war möglich, in einem einzigen Satz all die Ereignisse langer Jahre zu erleben. Während des Krieges war ich auf einem kleinen, aber bedeutenden Treffen in den USA. zu dem Menschen gekommen waren, die bis dahin nie zugänglich gewesen waren. Gouverneur Lehmann führte den Vorsitz. Weizmann wurde von klugen Politikern über die Schwierigkeiten in Palästina ausgefragt, die damals nicht leicht zu erklären waren. Ein prominenter Gast erklärte. dass Palästina ziemlich klein sei, um die Antwort auf das jüdische Problem zu sein, „aber Palästi¬ ES GIBT NUR EIN ZION: ...Zion gegen einen anderen Staat einzutauschen, ist für uns unmöglich, weil Zion mit unserer ganzen Ge schichte verwoben ist, und nur dort kann sich auch an uns die alte Legende von dem Riesen erfüllen, der durch die Berührung mit dem Boden seine Kraft zurückgewann. Wenn das jüdische Volk zum zweiten Mal seinen Boden berührt, wird es wieder ein ewiges Volk werden, wie es vor Zeiten war... OST- UND WESTJUDENTUM: ... ein intimer Zusammenhang zwischen den Juden des Ostens und des Westens muss gesucht werden. Aus diesem Grunde und um des nationalen Zweckes willen muss mit allen Mitteln versucht werden, den westeuropäischen Zionismus mit jüdischem Inhalt zu erlü] len. Durch Werke und Institutionen. insbesondere auf jüdisch-kulturellem, auf literarischem künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet kann der Inhalt gelün den werden... AUF DEM 17. KONGRESS, 7. JULI 1831, IN BASEL: •ich habe wiederholt meiner tiefen Enttäuschung und Unzufriedenheit über die Haltung der Regierung in England und noch mehr über die Administration in Jerusalem Ausdruck gigeben. Keine Regierung, wie na ist in der Lage, mehr Juden aufzunehmen als die Vereinigten Staaten“, erklärte Weizmann: „Seit der amerikanische Präsident eintausend Flüchtlinge in die Staaten hineinliess, stellte die gesamte amerikanische Presse die Frage, wie man diese eintausend Personen absorbieren welle, und die Vereinigten Staaten sind so gross wie ein Kon tinent. Palästina wird so viele Juden aufnehmen, wie zu kommen wünschen.“ „Wie kann man die Frage der Aufnahmefähigkeit beantworten?“ fragte einer der Anwesenden. „Ich bin kein Statistiker", antwortete Weizmann, „die Fachleute werden schon eine Antwort finden.“ Gouverneur Lehmann war mit dieser Beantwortung nicht zufrieden und entgegnete: „Wir möchten etwas Genaues hören. Wie viele Juden haben in diesem kleinen Land Platz?“ „Im Hau^e der Mutter ist immer genügend Platz", entgegnete AVeizmann, und er sagte es sc, dass es noch heute in meinen Ohren klingt,, und ich weiss. dass es den anderen Zuhörern genauso erging. Alles, was er sagt, verliert seine Wirkung, wenn es gedruckt wird. Als er einmal ein glänzendes Essay. über Jaures im Palais Bourbon schrieb, versuchte Herzl zum ersten Male, die mächtig sie auch sein mag, kann es sich leisten, mit einem feierlich gegebenen Versprechen zu spielen. Ich fürchte, dass die R?gierung dadurch, dass sie die grossen moralischen Kräfte, die in der zionistischen Bewe gung liegen, nicht voll würdigt und dadurch, dass sie vergessen hat. dass in einer Zeit grosser Not für sie die Gefühle eines leidenden Volkes sich Grossbritannien zugewandt haben. — ich fürchte, dass die Regierung durch die Bagatellisiei nng eines grossen staatsmärnisehen Aktes die Sympathien eines alten Volkes aufs Spiel gesetzt hat... AUS DER EROEFF- NUNGSREDE FUER DIE HEBRAEISCHE UNIVI R- SITAET AM 1. APRIL 1825: . . wir wollen nicht, dass sie eine Kopie der Universitäten des Westens wird Unsere Universität soll ihren Ruhm darin sehen, dass sie den Fonds des Wissens der Menschheit vermehrt. Will die Universität wahr sein, gegen sich selbst wie gegen die jüdischen Traditionen, so darf sie nicht allein für die Juden da sein. Soll sie jedoch der Ausdruck unseres Wesens sein, wenn sie das Mittel sein soll, durch welches "wir unseren Blick auf die Welt richten, muss die Sprache der Universität Hebräisch sein, denn jüdischer Geist und hebräische Sprache sind nie voneinander zu trennen. Mit der feierlichen Eröffnung d'-eser Universität proklamieren Wirkung einer berühmten Rede von Jaures zu über tragen. In jener Rede wandte sich Jaures gegen die Deportation vor, Verbrechern auf die Teufelsinsel und sagte in diesem Zusammenhang, er werde die Idee einer solchen Deportation wohl ertragen können, wenn ausser dem gemeinen Verbrecher auch betrügerische Kapitalisten von den Küsten Frankreichs in die Hölle von Cayenne geschafft werden würden. Herzl schreibt: ..Ich kann die Wirkung dieser Ansprache mit einem Satz be schreiben: Man sah jenes Schiff“. Jeder, der den Versuch unternimmt, Weizmanns wirkungsvolle Worte zu erklären, wird dieselbe Erfahrung machen, ln grossen Augenblicken besassen seine Worte magische Kraft. Auf der Konferenz der amerikanischen Zionisten im Biltmore Hotel, hei der ich zugegen war, überraschte es mich, dass Weizmann mit erhobener Hand für die Biltmore Resolution stimmte. Als ich ihn nachher fragte. ob er aus Ueberzeugung oder aus taktischen Gründen dafür gestimmt hätte, sagte er mir offen: ..Ich bin dafür, Biltmore bedeutet Teilung und Teilung bedeutet einen jüdischen Staat. Wenn wir den jüdischen Staat fordern, so bin ich nicht überzeugt, dass vir ihr, auch bekommen werden. Aber wenn wir ihn nicht fordern, glaube ich. wir die Gemeinschaft des jüdischen Volkes mit den Völkern der Welt. Die Universität wird die lange Tradition der hebräischen Wissenschaft und der jüdischen Schöpfungen hinaustragen auf das Kampffeld um das Mysterium des Weltalls Sie blickt zurück auf die Schulen der Propheten, auf die Akademiker von Jabneh, Nehardia und Pumpe Jita, auf die jüdischen Gelehrtenschulen der Diaspora, die in Spanien, Italien. Frankreich und Bagdad geblüht hauen. Unsere junge Institution erbittet sich Anregung und Führung von den grossen jüdischen Geistesarbei'ern der Gegenwart in allen T ändern .. . —: o: — TRUMAN UEBER CHA1M WEIZMANN: Als die Nachricht vom Ableben Weizmanns im Weissen Hause in Washington eintraf, sandte der damalige Präsident der USA. Harry Truman, folgendes Telegramm an den Israelii sehen Ministerpräsidenten David Ben Gurion: „Die Menschheit verliert in dem Präsidenten Cbaim Weizmann eine führende Gestalt. Seine Bemühungen um ein Heim für das j idi sche Volk und um den jüdischen Staat, dessen erster Präsident er wurde, sichern ihm die Dankbarkeit und Achtung von Millionen Menschen. Diesen Mann von hohen Idealen kennengelernt zu haben, war für mich eine grosse Ehre.“ ZUCKERRUEBEN In der kommenden Saison wird die Anbaufläche der Zuckerrüben um 5.000 Du* nam vergrössert werden und 52.000 Dunam erreichen. Die drei im Lande bestehenden Zuckerfabriken haben eine Verarbeitungs-Kapazität von 64.000 Dunam Rüben. aber diese Menge wird erst nach Fertigstellung der Landeswasserleitung gehe fort werden können. NEUE ARBEITSPLAETZE In Tiberias und Umgebung sollen neuen Industrieanlagen eröffnet und bestehende erweitert werden, um neue Arbeitsplätze für die alteingesessenen Einwohner des Ortes und die jüngst dort eingetroffenen Neueinwanderer zu schaffen. TROCKENGEMUESE Die Fabrik „Daco“ im Lachisch Gebiet, die im Januar 1961 als gemeinsames Unternehmen des Kibbuz Bror Chajil und einer Grup pe von Investoren aus der Schweiz gegründet wurde, erzeugt 20 verschiedene Sor¬ „dass wir ihn nie bekom men werden.“ W:eizmanns besondere Fä. higkeit, grosse Persönlichkeiten und berühmte Männer zu beeindrucken, lag nicht in seinen taktischen Qualitäten als Staatsmann begründet. Vielmehr fand sie ihren Ursprung in seiner menschlichen Qualität, die unsere höchste Bewunderung verdient. Im Jahre 1929, als auf der Züri, her Konferenz der Ausbau der Jewish Agency sicher schien, traf Weizmann in Berlin ein. Ich hatte ein Zusammentreffen bei Professor Albert Einstein arrangiert, auf dem Weizmann vor einer kleinen Gruppe bedeutender Wissenschaftler sprechen sollte. Wir olie ben vom Nachmittag bis zum frühen Abend zusammen. Ich hatte Weizmann noch nie so aufgeregt gesehen. Ich sagte zu ihm: „War um sind Sic denn jetzt so nervös? Sie werden doch vor einer Handvoll Leute sprechen, denen unsere zionistischen Probleme und die Palästinafrage unbekannt sind. Was’sie ihnen erzählen werden, ist doch für jeder mann neu und interessant, der noch in der Lage ist, das Schicksal des Judentums zu verstehen und sich von ihm bewegen zu lassen.“ Weizmann antwortete erregt: „Sie können mich i nicht verstehen. Ich werde | vor Einstein, James Frank Willstätter und einer ganzen Anzahl von Geistesgrössen sprechen, die unsere Vorstellungen von der Welt zutiefst geändert haben, ich werde vor Männern spre ehen, die Kraft ihres Gehirns fähig sind, die ganze Welt zu verändern.“ Als ich bemerkte, dass er doch vor einem Kollegenkreis sore* chen würde, dem er auf Grund seiner wissenschaftlichen Arbeit zu recht angelü>rte, war in seinen ernsten Zügen etwas Ungewöhnli ehes erkennbar. „Es sind Persönlichkeiten, die über Palästina wahrscheinlich nichts wissen. Sie mögen Recht haben. Ich würde vor allen Staatsmännern der Welt ohne Herzklopfen snrechen. denn ich weiss, dass cs Männer sind, die mehr ten Trockengemüse — je nach der Saison —, darunter Karotten, Rüben, Zwiebel, grünen Pfeffer. Kartoffeln. Kohl, Knoblauch usw. Der Markt für diese Erzeugnisse wird von Jahr zu Jahr grösser. Die Hauptabnehmer sind: England. Holland, die Schweiz. Deutschland, die Vereinigten Staaten und Kanada. Nicht weniger als 95 Prozent der Produktion sind für die Ausfuhr bestimmt. Die für das kommende Halb, jahr vorgesehene Produktion wurde bereits zur Gänze im vorhinein verkauft. Die bei der Ausfuhr erzielten Erfolge haben die Besitzer der Fabrik veranlasst, den Betrieb zu erweitern und die Investitionen zu vergrössern. Während heute die Anlage imstande ist, im Tag — je nach der Gemüsesorte — 20 bis 40 Tonnen aufzunehmen und zu verarbeiten, wird nach der Inbetriebnahme von neuen Maschinen die Tageskapazität auf 70 bis 100 Tonnen! Macht in Händen haben, als wir jemals besitzen weiden, aber ich weiss auch, dass die Sache des Judentums genauso gross und bedeutend ist, wie die geistige Kraft, die wir in unsere Arbeit stecken. Die Männer, vor denen ich heute abend auftreten soll, erfüllen mich mit grösserer Ehrfurcht, als ein Chassid, der vor einem ganz grossen Rabbiner tritt, dessen Gegenwart ihn seiner Bedeutungslosigkeit bewusst macht, obwohl er die hohe Ehre spürt, zu einem solchen Manne sprechen zu dürfen.“ Weizmann gehört zu den Menschen, mit denen sich unsere Gedanken noch an* ge befassen werden. Es erscheint unmöglich, ihn zu vergessen und so tief zu begraben. als sei das letzte Wort schon gesprochen, und ihn zu einem stummen Ka. pitel in der Geschichte der zionistischen Bewegung und des Staates Israel werden zu lassen. Sein Leben und «¡ein Wesen bleiben uns ein Rätsel. Er erklomm das höchste Amt, er wurde der Führer seines Volkes, und in dieser Funktion war er immer darauf bedacht, dass man sich ihm näherte und doch Distanz hielt. Er wollte gewühlt werden, ohne die Massen für sich zu gewinnen. Wenn man über das be vorzugte Schicksal nachdenkt, das Weizmann vei" i gönnt war, und in dessen j Verlauf er nach vielem Leid jenes Glück errang, das er ' „die Verwirklichung se nes | Traumes“ nannte, muss ich sagen, dass auch in den schönsten Augenblicken seines Lebens ein tiefes Gefühl des Tragischen unübersehbar war. Er glaubte, die Welt und das Judentum zu kennen; er sah Russland. Europa und Amerika und stellte ihnen Israel gegen, über. Er strebte danach, eine Brück? zwischen diesen beiden Welfen zu bauen, und niemand wusste besser als er. dass dies ein langer, langer Weg sein würde. Er endete, wie er begonnen hatte: „Es ist ein langer Weg — kein müheloser Weg führt nach Erez Israel.“ Aus Reden Weizmanns steigen.

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