Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1984 (2.11.1962)
- Date
- 1962-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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© B FRANQUEO PAGADO Concesión 908 r® M C W L. TARIFA REDUCIDA < U Concesión 1629 Año XXIII. BUENOS AIRES, VIERNES 2 DE NOVIEMBRE DE 1962 No. 1984 EL EJEMPLAR 1Q _ en toda la República ,Wl PUEYRREDON 219« 1» fcq. T. E. 83 2613 Buenos Aires Die englischen Faschisten Ein Bild Adolf Hitlers in brauner Parteiuniform. mit Hakenkreuzbinde wurde im Debattensaal des britischen Unterhauses emporgehalten. Es prangte 'auf einem in London gedruckten englischen Flugblatt der sog. ,.Nationalsozialistischen Bewegung“, das ein Labour- Abgeordneter dramatisch dem Ministerpräsidenten Ha rold Maemillan und den anderen Unterhaus-Abgeordneten zeigte. Ueber dem Hitlerbild steht in grossen Blockbuehstaben: ,,Hitler hatte recht!“ Darun ter steht: „Demokratie bedeutet Judenherrschaft, nationaler Untergang und Rassenschande. Nur der Nationalsozialismus kann unsere Rasse und unser Volk ret. teu.” ★! Natürlich besteht die neue „Nationalsozialistische Bewegung“, deren „Führer“ der 39jährige unverheiratete Schullehrer Colin Jordan ist, nur aus einer kleinen Handvoll komplexbeladener „Parteigenossen“. Sie hat weni ger als hundert Mitglieder. Doch England ist heute das einzige Land Europas, in dem es völlig legal ist, eine „Nationalsozialistische Partei” zu gründen, die Haken- . kreuzabzeichen trägt, ein! mit Hakenkreuzen und Hit-; lerbildern geschmücktes „Hauptquartier“ in London I hat, ihren Namen ins neue Londoner Telephonbuch ein trägt, und — völlig legal — Propaganda drucken lässt, die Hitlers Konzentrationslager und 'Gaskammern rechtfertigt und zur Nach ahmung empfiehlt. Weil die englischen Gesetze so etwas ermöglichen, hofft Colin Jordan, England zum Zentrum des internatio nalen „Neo-Nazismus“ zu machen. Er spielt „Kampfzeit der Bewegung“. Seine — völlig legal — gedruckte Nazipropaganda schickt er j per Post an Freunde in I Deutschland, Oesterreich, I Südamerika und anderen Ländern .. i Jetzt fordern die gesamte! Labour-Partei und viele Kon servative ein neues Gesetz, das Aufhetzung zum Hass gegen irgendeine Rasse, Religion oder Volksgemeinschaft auch in England eben so illegal machen würde wie in der deutschen Bundesrepublik, Oesterreich und anderen freien Demokratien Europas. Aus Gründen der Zeit kann vor Weihnachten kein neues englisches Gesetz geschaffen werden. Bis dahin ARGENTINIEN GEGEN RASSENHASS Vereinte Nationen. — Der argentinische Delegierte, Mario Pico, erklärte in der 3. UN-Kommission im Zu sammenhang mit den Kundgebungen von Rassenhass und Intoleranz, dass er im Prinzip den Resolutionsvor schlag unterstütze, weil die Regierung und das Volk Argentiniens sich entschieden einer jeden Diskriminierung widersetzen. Es habe keine Diskriminierungen irgendwelcher Art in Argentinien nach den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen gegeben, so versicherte Pico. Er bezog sich auf die Aus sage des israelischen Delegierten Michael Comay, der ausgeführt habe, dass Argentinien von einer beunruhigenden antisemitischen Welle überflutet werde. Der Jüdische Weltkongress habe eine Umfrage veranstaltet, die ergab, dass es sich um einige wenige bedauerliche Fälle handelte. Einige Mel düngen in der Auslyidspresse hätten den Eindruck erweckt, diese Ausbrüche seien ernst, so setzte er hinzu, aber die betreffenden Berichte seien offensichtlich stark übertrieben gewinn. „Wir erklären kategorisch dass unsere Regierung und unser Volk diese Episoden aufrichtig bedauern“, sagte er. „und wir wünschen klarzustellen, dass wir diese Kundgebungen ablehnen, weil sie unseren Gefühlen widersprechen.“ Der Redner gab einen Ue berblick über die Vorfälle und die Reaktion der argentinischen Regierung und des Volkes und fuhr fort: „Wir hatten in den letzten 20 Jah ren eine grosse Einwanderung zu verzeichnen und be sitzen eine der grössten jü dischen Gemeinschaften, eine halbe Million Juden, in Argentinien, Die Juden g-e- 1 niessen in Argentinien volle ' Rechte, die sich in nichts! von denen der anderen Bür I ger des Landes unterschei- | den. Argentinien verdankt j den jüdiscnen Bewohnern vieles auf dem Gebiet der I Erziehung, des Handels, der j Industrie und Politik. Die Juden bekleiden in Argentij nien ehrenvolle Posten in der Presse, im Gerichtswesen, im Parlament, der Di plomatie und Wissenschaft. Auf allen Gebieten leisteten die Juden in Argentinien wertvolle Beiträge zum Volksleben. Unsere Verfas sung und unsere Gesetze verurteilen die Diskrimination. Mein mnd habe in | letzter Zeit üt.; Unglück, der! Sehauplatv einiger weniger , Episoden von vereinzelten I antisemitischen Ausschr-ei- | tungen zu sein. Meine Regle \ rung bekämpfte diese mit j Entschiedenheit. I Meine Regierung verfügte ' ¡Massnahmen, und unser In- | nenminister gab Anweisung, i eine eingehende Untersu- 1 chung der Attentate auf jü- ' disch- Institutionen aller! Art durchzutühren. Derarti ' ge Angriffe sind uner- I wünscht und unzulässig. A-- I le Kreise der argentinischen Bevölkerung reagierten einstimmig und ohne Zaudern auf die Uebergriffe einer kleinen Gruppe unverant wörtlicher Individuen. Die bekanntesten Persönlichkeiten des argentinischen öffentlichen Lebens verpönten energisch den Antisemitismus. Die jüdische argonti nische Organisation bezog eine gemässigte Position und dankte dem Präsidenten Argentiniens am 6. Oktober anlässlich seiner Glückwünsche zum jüdischen Neuen Jahr, dass er die menschliche Würde, die Demokratie und die Freiheb im Lande verteidigt habe.“ bleiben in England sowohl die „Nationalsozialistische Bewegung” als auch ihr Hit lerkult und ihre Hasspropaganda völlig legal. Während der letzten Monate verursachten die Umtriebe der „Nationalsoziali sten“ und „Faschisten“ in England mehrere wüste Strassenschlaehten, wie sie das Land seit den dreissiger Jahren nicht erlebt hatte. I Diese Strassenschlaehten! brachten den „Nationatso- I zialisten“ und „Faschisten“ | riesig aufgemachte illustrieri te Berichte und Reportagen! in der gesamten britischen! Presse, viele Reportagen soj wie grosse Diskussionen' im! Fernsehen und Radio, und i mehrere äusserst erregte j Parlamentsdebatten. | Natürlich ist Englands winzige, politisch völlig bedeutungslose kommunisti sehe Partei über diese Entwicklung begeistert. Die britische kommunistische Parteil hat nur etwa 30.000 Mit glieder. und keinen einzigen Abgeordneten. Sie kann sich jetzt in ihrer Lieblingsrolle als führende Kämpferin gegen Nazismus und Faschismus aufspielen. Die Hauptschuld an all dem trägt die britische Regierung, die Anfang Juli die „Gründungs Versammlung“ der „Nationalsozialistischen Bewegung“ am londoner Trafalgar Square erlaubte, obwohl diese Versammlung von ihren Veranstaltern ganz oftiziell als antijüdisch angekündigt wurde. Trotz vorheriger Proteste vieler Unterhausabgeordneter erhielten die „Nationalsozialisten“ diese Bewilligung. Jedes halbwegs intelligente Kind hätte voraussehen kön n-en, wozu dies führen wür de. Dann wurde Colin Jordan von seinem Posten als Schullehrer in Coventry entlassen. Die Schulbehörde von Coventry meinte, ein Mann, der am Trafalgar Square „Hitler hatte recht“ schrie, habe nicht ganz den erwünschten Charakater zur Erziehung von Jungen zwischen 11 und 15 Jahren... In den dreissiger Jahren war der schwerreiche engli sehe Aristokrat Sir Oswald Mosley Führer der „Britischen Union von Faschisten und Nationalsozialisten“ Er war ein Freund Hitlers und Mussolinis, und seine antisemitischen „Sturmabteilungen“ trugen schwarze Hem den als Uniform. Während des Krieges wurde MosTey interniert. Moslev ist jetzt 65 Jahre alt und führt eine Gruppe ^antisemitischer Rechtsextre- misten, die sich „Union-Bewegung“ nennt. Sie be j kämpft die Farbigen in Eng j land. Sie veranstaltete mehrere garstige Rassenkrawalle gegenfarbige Einwanderer aus dem britischen Com- I monweaith. | Zwei Wociien nach Colin \ Jordans Nazi-Versammlung | am Trafalgar Square hielt , auch Mosley eine Versammlung dort ab, für die er trotz I Unterhausprotesten die Re! gierungserlaubnis erhalten j hatte. Eine wütende Menge I beendete mit Gewalt diese ' Veranstaltung noch bevor Mosley erschien.! Eine Woche nach diesem i Fiasko versuchte er, mit drei Dutzend Faschisten hinter Trommlern und Fahnen durch einen Arbeiterbezik von Manchester zu marschieren. C.Die Strasse frei!“). Mosley wurde niedergeschlagen. Zwei Tage später veranstaltete er eine Versammlung im Eastend Londons, im Arbeiterbezirk Hackney, weil dort eine sehr grosse jüdische Bevölkerung lebt. Der Bürgermeister von Hackney ersuchte die londo ner Polizei vergebens, diese Versammlung zu verbieten. Stattdessen lieferten die Pferde der berittenen Polizei viel Pferdemist, der zusammen mit faulem Obst, Eiern und Steinen auf Mosley geworfen wurde. Dies mal wurde Mosley nicht nur ■ zu Boden geschlagen, son { dern auch verprügelt. Die; „Versammlung“ dauerte ge- | nau vier Minuten .. I Nach diesen drei blutigen; Strassenschlaehten binnen j neun Tagen gab es grösste : j Erregung im Unterhaus, j I Der konservative Abgeordj nete Thomas Iremonger er | hielt die einstimmige 'Zustimmung des gesamten Unterhauses für die „erste Lesung“ einer kurzen Zugabe zum Gesetz zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung, das Aufhetzen zum Rassen hass ein Verbrechen ma ehen würde. „Ich bin kein Jude“, erklärte Iremonger. „Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass man von keinem Juden verlangen kann, die Worte .Hitler hatte recht“ zu hören. Ob Juden einer solchen Versammlung frenblei ben sollten oder nicht, ist völlig belanglos. Es ist ein viel grösseres Verbrechen, diese Worte zu sagen, als I Gewalt gegen diejenigen anzuwenden. die sie sagen.“ Aus technischen Gründen 1; kann Iremongers Vorschlag , nicht zum Gesetz gemacht! I werden. Doch Innenminister Henry Brooke versprach, j 1 neue Gesetze zu erwägen. Die Gefahr der Resignation Die nachstehende Meldung ging kürzlich durch die Weltpresse: „Eine erbitterte Strassenschlacht fand in Berndorf^ einer kleinen Industriestadt in der Umgebung von Men statt, wo 1500 Mitglieder einer Vereinigung ehemaliger Häftlinge der Hitlerschcn Konzentrationslager versuchten, sieh der Abhaltung einer Erinnerungsfeier ehemaliger Soldaten der grossdeutschen Wehrmacht zu widersetzen. Die ehemaligen Soldaten setzten zum Gegenangriff ein. Die Gegner gingen mit Gummiknüppeln, Holzlatten I und Steinen aufeinander ios. Ueber 200 Gendarmen mussten intervenieren, um die Kämpfenden unter grössten Schwierigkeiten zu trennen. ) Es gab vier Schwerverletzte und über 30 leichter Ver-! letzte..! Soweit sind wir also wieder, 17 Jahre nach dem Ende I mit Schrecken der nazistischen Diktatur! Die ehemaligen! Opfer der Gasöfen-Spezialisten müssen sich gegen jene j Unbelehrbaren und Unheilbaren zur Wehr setzen, welche nichts Besseres zu tun wissen, als die Tradition dieser ■ Jahre der Schande und der Entehrung auf „Kameraden- | treffen“ zu feiern, die zwangsläufig eine unerträgliche I Provokation für alle die darstellen müssen, die unter i dieser Tradition der Ausrottung so schrecklich gelitten! haben. Was an dieser Wiederauferstehung einer blutigen Vergangenheit, die man vor 17 Jahren in einem unverständlichen Optimismus für endgültig tot hielt, besonders frappiert, ist die apathische Indifferenz, mit der die Weltöffentlichkeit derartige Alarmsignale zur Kenntnis nimmt. Ich habe die Meldung über Berndorf in mehr als dreissie Zeitungen dreier grosser Länder gefunden, auf Französisch, auf Englisch und auf Deutsch. Nicht eines dieser Blätter hat die Schlacht zwischen Neonazis und einstigen Häftlingen kommentiert. Vor zehn Jahren hätte sie noch einen Sturm der Entrüstung ausgelöst; heute zählen derartige Szenen zu einer Selbstverständlich keit, die man sozusagen resignierend als Teil unserer schnell-lebigen Zeit akzeptiert. Dies Schweigen im Blätterwald war nicht etwa das Schweigen einer Presse, die den Angehörigen der Hitler armee gesinnungsverwandt ist. Es handelt sich um grosse und einwandfrei demokratische Zeitungen, von ge mässigt konservativer Tendenz bis weit hinein in die Reihen der Linken. Gefährlicher als Komplizitiät ist noch immer die aehselzuckende Resigaation KURT KAISER BLUETH Appell an die englische Jadenheit Der israelische Waffen-Export Tel Aviv. — Israel exportierte 212.000 Usi-Maschi nengewehre und hatte aus dieser Ausfuhr Eingänge in Höhe von netto 8 Millionen Dollar zu verzeichnen, wie Vize-Verteidigungsminister Schimon Peres auf ei ner Arbeiter Veranstaltung mitteilte. Auf der gleichen Versammlung, der Arbeiter und Angestellte der Kriegsindustrien beiwohnten, erklärte Ministerpräsident Ben Gurion, dass die Uneinigkeit unter den arabischen Ländern einen ungünstigen Faktor für Israel darstelle, da ein jeder der unter sich verfeindeten Araberstaaten für sich den Titel in Anspruch nehmen wolle, „der grösste Feind Israels“ zu sein. Er warnte vor der „gefährlichen Gleichgültigkeit“, die in Israel herrscht, und sagte, es gebe Israelis, die in einem „Narrenparadies“ leben, wenn sie glaubten, dass Israel ein sicherer Ort sei. (ITA) Manchester. — Eine ernste Mahnung an die engli sehe Judenheit. „Notmass nahmen“ angesichts der steigenden Bedrohung durch die „Kräfte des Vorurteils und des Bösen” zu ergreifen, ergir.g von Sir Barnett Jänner, dem Präsidenten des Board of Deputies der englischen Juden. In einer Sitzung dieser Organisation berichtete Sir Barnett über die antisemitischen Aushrii che in England. Als Haupt merkmal des Neofaschismus und Neonazismus in heutiger Zeit bezeichnete er die Tatsache, dass diese Bewegungen einer internationa len Leitung unterstehen. Eu ropäische, skandinavische und internationale Gruppen sind gebildet worden und unterhalten Beziehungen zu aussereuropäischen Organisationen. wie der Redner ausführte. Im Zusammenhang mit der Lage in Lateinamerika sprach Barn dt Jänner über die schwere aussenpclitische Krise auf dem amerikani sehen Kontinent und forder te die südamerikanisehen Regierungen auf, „wirksame Massnahmen zu be schliessen. um im vorhinein zu verhindern, dass die antisemitischen Drohungen in einer Atmosphäre der aufgepeitschten poitischen Leidenschaften in die Tat umgesetzt werden können. Er fügte dieser Aufforde rung hinzu: „Wir begrüssen die Versicherungen, die mir und anderen jüdischen Repräsentanten von den Ver tretern der argentinischen Regierung gegeben worden sind, dass sie gegen Gewatlätigkeiten extremistischer Verbände wie der TacuarJ | einsehreilen werde.“ | Der Referent gab eine Ue-! bersicht über die jüngsten! Gerichtsurteile und Himich! tungen von Juden, die von 1 den sowjetischen Behörden! verschiedener Wirtschaftsj Verbrechen angeklagt war- ' den, und wiederholte das j Ersuchen des Board of Deputies an die sowjetische Regierung, die Strafen her abzusetzen und dem Mass der Vergehen anzupassen “ Er forderte, die Sowjetunion | auf, „einen Aufklärungsfeldzug gegen den Antisemitismus durchzuführen, um die in weiten Kreisen vorhandenen Gefühle der Antlpa thie gegen die Juden im Lande zu mildern.“ Der Board of Deputies beschloss einstimmig, eine Kampagne für die Sammlung von Sonderfonds zu eröffnen. deren Ziel es sein soll, „nicht nur Gelder für die heutige Notlage aufzu bringen, sondern eine Reser ve für einen langen und ständigen Kampf gegen die Kräfte des Vorur'eils und des Bösen zu schaffen.“ — (ITA) Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 104 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 331