Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1908 (8.9.1961)
- Date
- 1961-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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i:«'- jüdische me JfoJe¿*uí¿*jCiJsAjC¿e¿J£a TIKYRREDON 2d>0 — l» i*q- T E. SJ’Slt Sk. •$> um ):gä ' .-/•VAV Año XXI!. — Runos Aires, Viernes 8 de Septiembre de 19S1 — N’ 1!)9S fer./r »■ . -- •* . íw®S r**. WIE ICH ES SEHE 9fi L, EWIGEN FRIEDEN” von JEHUDA GOTTHEIMER Es gehört Mut dazu, in dieser Zeit der höchsten Spannungen und fürchterlichen Drohungen vom ,.ewigen Frieden'’ zu sprechen. Es bleibt aber unsere stete Aufgabe und Verpflichtung, unseren Anteil zur Verwirklichung dieser alten ethischen Forderungen beizutragen. An der Schwelle eines neuen Jahres erfüllen uns neue Hoffnungen und neuer Glauben. Die weihevollen Festesstunden, mit denen die Juden den Anbruch ihres neuen Jahres begrüssen, sollen uns den Gedanken der Erneuerung, die Wunder des Neuwerdens und Weiterlebens in die Erinnerung rufen, die vom Menschen in der Hast des Alltages allzu leicb| und schnell vergessen oder übersehen werden. Im Gegensatz zum lauten Treiben anderer Völker, die im übermütigen Lärmen ihre Freude über das aus der Ewigkeit der Zeit auftauchende neue Jahr zum Ausdruck bringen, finden wir in der Ruhe innerer Besinnung die Kräfte, die uns befähigen sollen, erneut den Kampf um unsere geistige, nationale und physische Existenz aufzunehmen. Zu Beginn eines neuen Jahres beten und hoffen wir auf Frieden. Während des ganzen Jahres spricht der gläubige Jude seine täglichen Gebete, in denen immer wieder der Gedanke des Friedens und die Wohltat eines friedlichen Lebens als Ideal bezeichnet und als Wunsch zum Ausdruck gebracht werden. Gib uns Frieden Wir wissen alle nur zu gut, dass sich die Menschheit in diesen Stunden und Tagen wieder einmal am Abgrund eines Krieges befindet, der diesmal alles Leben ersticken und zur totalen Vernichtung führen kann. Wir wissen alle, dass das Ideal des Friedens fern ist, und dass vom Frieden zu sprechen und den Frieden zu verlangen, beinahe nur die Aufgabe eines Wüstenpredigers darstellt. Bleiben wir aber bei diesem Beispie]. Ist nicht das jüdische Volk Jahrhunderte hindurch der Prediger in der Wüste der Menschheit gewesen? Umgeben von feindlichen Elementen, von den Kräften der Zerstörung und der Verfolgung hat das jüdische Volk den Glauben bewahrt und überlebt. Noch ist diese Wüstenwanderung nicht beendet, noch herrschen nicht die jüdi- _ sehen Forderungen der Freiheit und des Rechtes, der Gleichheit und des Friedens für alle Menschen. Der ewige Frieden ist keit» Illusion: er ist ein 6edanke. dessen Realisierung in weiter Ferne liegen H “ mag, aber dessen Verwirklichung erreichbar und unbedingt erforderlich ist. Der Fortschritt der Wissenschaft und der Technik haben dem Menschen die Möglichkeit der Zertrümmerung und der totalen Vernichtung gegeben, worüber sich alle Gelehrten und Staatsmänner klar sind. Wahrscheinlich könnte sogar die Erde durch solche Kräfte, die von Menschenhand und Menschenhirn ausgelöst werden, aus ihrer Bahn gestossen werden, was ebenfalls den ausnahmslosen Untergang des Menschengeschlechts bedeuten würde. Diese Gefahr der vollkommenen Vernichtung müsste .eigentlich’ genügen, um das schreckliche Unglück zu verhüten, das ein neuer Krieg selbst dann mit sich bringen würde, wenn die kriegführenden Länder sich darauf einigen würden, keinen Gebrauch von den Atomwaffen zu machen. Wenn ein kleines Kind sich ein einziges Mal verbrennt, hütet es sich davor, noch einmal mit dem Feuer zu spielen. Aber die Menschheit mit ihren grossen und mächtigen Staatsmännern ist ganz offensichtlich noch nicht aus diesem Kindheitsalter herausgekommen, sodass sie aus den Warnungen der Vergangenheit noch immer nicht die notwendigen Erkenntnisse und Rückschlüsse für ihr gegenwärtiges Handeln ziehen kann. Wir verstehen unter ,,ewigem Frieden” jene Zeit, in der die Schwerter in Pflugscharen umgeschmiedet werden und die Menschen ruhig nebeneinanderleben. Das ist die grosse messianische Mission des jüdischen Volkes, die von der zivilisierten Menschheit in der einen oder anderen Form übernommen worden ist. So haben es Israels Propheten Jesaja und Micha verkündet, dass ein Volk nicht mehr gegen das andere das Schwert zücken werde, und dass sie alle ,,das Kriegführen nicht mehr lernen” werden. Ueber dieses Thema hat auch der berühmte Philosoph Immanuel Kant einen Traktat geschrieben (1795), der den Titel „Zum ewigen Frieden” trägt und dem Kant ein kurzes einleitendes Wort vorangestellt hat: „Ob diese satirische Ueberschrift („Zum ewigen Frieden”) auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirts worauf ein Kirchhof ge- Hoffnung und Zuversicht H. Sw — In einer Zeit grösster Spannungen rüstet sich die jüdische Welt’ in traditioneller Form den Beginn eines neuen jüdischen Jahres feierlich zu begehen. Die Menora wurde vom Staat Israel zum Symbol gemacht. Dieser .Leuchter’ ist ein Zeichen der Kraft des Glaubens eines Volkes an seinen Gott, der Kraft des Glaubens eines Volkes an sich selbst. Die Menora symbolisiert darüber hinaus die unlösbare Verbindung unserer Vergangenheit mit der Gegenwart; sie ist die Trägerin des Lichts, das dem Volke in schweren Tagen den Weg weisen soll. , ,, So spricht das Staatswappen Israels zu uns und allen Völkern. Neben der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem wurde die Menora errichtet, die wir auf dem nebenstehenden Bild sehen, ein monumentales Werk des Bildhauers Benno Elkan. Dort steht sie wuchtig und imposant Eine neue Jugend ist inzwischen aufgewachsen, die nichts mehr von den Schlacken unserer Galutgeschichte weiss und die jene Berichte über die Leiden des Volkes wie Fakten aus längst versunkenen Zeiten hinnimmt. Man hat vielfach darüber debattiert, ob diese Einstellung der israelischen Jugend richtig sei oder nicht. Aber wenn man sich der Mühe unterzieht, die psychische und psychologische Situation der jüdischen Jugend in der Diaspora zu unter- < suchen und mit der zu vergleichen, der wir in Israel begegnen, werden wir feststellen können, dass die Unterschiede nicht allzu erheblich sind. Auch unsere Jugend hier wie überall ist „gegenwartsnah orientiert”. Sie betrachtet das Schicksal ihrer eigenen Eltern als ein Geschehen, das vor langer Zeit vor sich gegangen sein mag, aber wenig innere Beziehung zu ihrem eigenen Leben hat. Die Schreckend £ liamen der nazistischen Bandenführer stehen in den Augen und im Bewusstsein der neuen Jugend in der gleichen Linie W7ie Ham an oder andere Antisemiten, die sich gegen unser Volk vergangen haben. Jugend ist immer gegenwartsnah und gegenwartsbejahend. Mit ungebrochener Kraft und einem gesunden Opitimismus sucht sie die Lichtseiten des Lebens. Das gibt ihr den notwendigen seelischen Schwung und die unbelastete Kraft, den Kampf aufzunehmen, der jeden Menschen, jede Jugend, jedes Geschlecht erwartet. Israels Jugend ist mit seiner Gegenwart vertraut; die israelische Jugend lebt picht in einer Welt der Illusionen und der Unwirklichkeiten. Israels Jugend kennt die Gefahren, die sie umgibt. Denn diese Gefahren sind überall, sie sind nicht theoretischer Natur, sondern wirken schon auf cias Gemüt des Kindes. Das ist die überall vorhandene Grenze, die Feindschaft und Tod bedeutet. Das weiss ein israelisches Kind. Es betrachtet diese Grenze mit einer konkreten Einstellung als eine Wirklichkeit, als eine natürliche Reaktion auf eine feindliche, unfreundliche. vielleicht Verderben bringende Tatsache. Israelische Kinder leben nicht in einer Welt des „als ob” alles gut wäre, weil nicht alles gut ist. Aber sie bejahen diese Welt, ihre Welt ohne jeden Vorbehalt. Für sie gehört die feindselige Umgebung natürlicherweise zu ihrem Leben. Deswegen sind sie auch selbstverständlich und in jedem Augenblick bereit, auf die feindliche Umwelt zu reagieren, wie ein gesunder Mensch reagiert, indem sie sich wehren. Diese Gegenwartsnahe der israelischen Jugend, dieser Optimismus, diese Bereitschaft und diese selbstverständliche Treue zu sich selbst, zum Volk, zu Israel — das sind die ungeheuren Kraftreserven, über die wir verfügen. Diese realistische Begeisterung, fern von allem was wir von jugendlichen Illusionen der vorangegangenen Generationen wussten, ist eine ungeahnte motorische Kraft, die mitreisst. Weil es sich nicht um einen sicherlich echten, aber nur in der Welt der Ideen ruhenden Optimismus handelt, wie wir ihn selbst erlebten, sondern um eine Lebensauffassung und -einstellung, die fest mit dem Boden des Heiligen Landes verwurzelt ist, deswegen ist dieser Zukunftsglaube der israelischen Jugend viel unmittelbarer, viel fester, viel ungebrochener und — wie wir hoffen — auch unzerbrechbar. Diese arbeitende, kämpfende, aber auch frohe Jugend, die in nichts den Jugenden anderer Völker und anderer Län-f der nachsteht, — weder im Guten noch im Negativen —, diese Jugend, die lacht und spielt, die sich quält und die dennoch tanzt, ist der gewaltige Aktivposten Israels wie des ganzen jüdischen Volkes. Unsere jüdische Jugend — in Israel wie in den Ländern der Zer- . Streuung — gibt uns Hoffnung und Zuversicht. Wenn auch die Zeiten schwer und der Horizont voller Wolken ist, mit jedem neuen Jahr werden auch neue Hoffnungen geboren. Dass sie sich nicht vollends in Träume auflösen, dass aus Hoffnungen ein Stück Realität werden; kann, hängt nicht nur von der Jugend, sondern ein wenig auch von $ jedem einzelnen Menschen ab, von seinem Willen, an der Entste- # hung einer besseren Zeit mitzuwirken. malt war, die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur die Philosophen gelte, die jenen süssen Traum träumen, mag dahingestellt sein.” Kant spricht dann davon, dass der „weltkundige” Staatsmann sich ohnehin nicht an die Ausführungen des von ihm als Theoretiker und Schulweisen betrachteten Philosophen halten würde; er unterstreicht den rein philosophischen Charakter seiner Ausführungen, um nicht mit dem Polizeistaat in Konflikt zu geraten, der damals Mittel¬ und Osteuropa beherrscht hat. Mit dieser „clausula salvatoria” fordert er die Regierenden auf, hinter seinen Gedanken keine Gefahr zu wittern, und versucht sich „wider alle bösliche Auslegung” zu verwahren. Nur nebenbei muss bemerkt werden, dass derartige, vorweg ge- Rosch Haschanah - Ausgabe 5722 MMtíBMS9ÉÍriíÉÉÍÍÍÍÉS2t9ÉtS^n EflrS M ann—IMPflaMSHM nommene Entschuldigungen fiir alle. die für den „ewigen Frieden” eintreten, bereits wieder angebracht erscheinen, damit sie nicht in den Verdacht geraten, eine ..falsche, irrtümliche und nicht geduldete Gesinnung” zu haben. Das gilt übrigens für alle Teile dieser zerrissenen Welt. Obwohl zu einer Zeit geschrieben, in welcher die Menschen nicht ahnen konnten, dass es einmal gelingenwerde, atomare Kräfte zu lösen, wie dies nun heute tatsächlich der Fall ist, schilderte der grosse „Theoretiker” die Schrecken eines Krieges, der beiden kriegführenden Seiten das Verderben bringen werde. Die überragende Kraft des Denkens, die in der Weisheit Kants zutage tritt, hat ihn den Tag voraussehen lassen, an dem die Menschen imstande sein würden, sich gegenseitig auszurotten. Deutlich zeigt es sich, dass die „Theo- - retiker“ und die „Idealisten“, die so oft in der Geschichte als Phantasten gebrandmarkt von der Realpolitik nichts verstehen würden, auch in diesem Punkt diejenigen waren, die Entwicklungen und Ereignisse (Schluss auf Seite 2>