Mannheim
Compact Memory

Jüdische Wochenschau · 1961-06-23 · 1887 (23.6.1961) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1887 (23.6.1961)
Date
1961-06-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German, Spanish
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9616703-9612115-9612546--1424-9612547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions (1 not found in this text)

JÜDISCHE UIOM PUEYRREDON 2190 - )* i*q Ano XXII. JûxJèfftxu^jSshjoelUa BUENOS AIRES, VIERNES 23 DE JUNIO DE 1861 T. E. 8 3 - 2 6 1 3 No. 1*87 Eichmann sagt als Zeuge aus ER PI.AEDIERT „NICHT SCHULDIG” Jerusalem. — Eichmann hat nunmehr den Kampf um seinen Kopf begonnen. Der Angeklagte, der nur noch ein Schatten des einstigen Chefs von Hitlers Judendezernat ist, tritt als einziger Zeuge der Verteidigung auf. um die während I der Gerichtssitzungen ge-! gen ihn vorgebrachten An-1 klagen und Beweise zu wii deriegen. Wie vorausgesehen, begann Eichmann mit der, Versicherung, er habe' nichts mit der Massenab-1 Schlachtung von 6 Millionen Juden durch die Nazis zu tun gehabt. Er stand unbej weglich in seinem kugelsicheren Glaskasten, wäh-| rend Richter Mosche Lan- ■ dau ihm c’en Zeugeneid abj nahm. Eichmann weigerte sich, auf das Neue Testament zu schwören. Er erklärte: „Ich w;ll bei Gott schwören, »n den ich glaube. aber ich bekenne keine, Religion.” Vor Beginn des Verhörs i hatte der Verteidiger, Dr. Robert Servatius, dem Gericht erklärt, „die Verantwortung für die Ausrottung der Juden falle einzig und allein auf die politischen Führer des Dritten Reiches”. Sein Mandant, so führte er aus, sei „nicht in d«r Lage gewesen, Befehlen zuwiderzuhandeln’', sondern habe sogar entgegen der allgemeinen Annahme, den Versuch unternommen, das Leben von zwei Millionen Juden zu retten. ES WAREN BEFEHLE Auf die Fragen seines Verteidigers antwortete Eichmann, wegen seines untergeordneten Ranges in der Nazimaschinerie habe er nichts gegen den „tragischen und unsinnigen” Befehl Hitlers, die europäischen Juden auszurotten, unternehmen können. ( Er fügte hinzu, seiner Meinung nach hätten die Juden ausserhalb Deutschlands einen eigenen Staat gründen müssen, und aus diesem Grunde habe er. Eichmann, sich für die Idee der Schaffung eines jüdischen Staa- : tes in Madagaskar einge- I setzt. I „Das Wichtigste war, ihnen ein eigenes Land zu ge- I ben”, versicherte Eich- I mann. „Das hielt ich für das einzig Richtige.” Eichmann hatte eine Kopie der von der Verteidi-; gung aufgestellten Fragen , vorliegen. Wie man glaubt, j dürfte das Verhör des An- I geklagten sechs Tage in Anspruch nehmen. Danach , wird Generalstaatsanwalt | Gidecn Hausner ihm Frai gen stellen. | EICJIMANN BEKLAGT SICH! Wie Eichmann behaupte-1! te, hätten ihn die israeli-1 'sehen Agenten, die ihn in; Buenos Aires festnahmen. ' J an ein Bett gefesselt und gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben. dass er | freiwillig bereit sei, vor eij nem israelischen Gericht zu erscheinen. „Ich wurde gezwungen, eine Erklärung zu . j unterschreiben. die man I mir diktierte. Das kann man nicht freiwillig nennen”,1 ER LERNTE HEBRAEISC’H Eichmann war bemüht,!;den Eindruck zu erwecken,; 1 dass er sich immer für das ¡Leben der Juden und ihre; Geschichte interessiert ha-] be. Er erzählte, einmal habe er seine Vorgesetzten Behörden um die Erlaubnis ersucht, Hebräisch lernen zu dürfen. i „Man sagte mir, ich. könnte einen Rabbiner verhaften und mich von ihm unterrichten lassen”, be-, ¡richtete Eichmann. „Aber j! ich teilte diese Meinung | nicht. Man machte mich . darauf aufmerksam, dass i (Fortsetzung auf Seite 8) | EINE BEFREMDENDE MASSNAHME Dr. W. — Das Entschädigungsamt in Mainz ist für sehr viele Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung zuständig, vor ailen Dingen für eine grosse Anzahl in südamerikanischen Ländern lebender Juden, die in Ghetti und Konzentrationslagern die schrecklichsten Grausamkeiten über sich haben ergehen lassen müssen. Jahre und Jahre schleppte die Behörde die Entscheidung dieser Fälle hinaus, bis die höchst unzureichende Entschädigung von 150,- DM pro Monat .Freiheitsentziehung” ausgezahlt wurde. Wir wollen hier r.icht über die Geringfügigkeit dieser Entschädigung sprechen, die vcm Gesetzgeber festgeiegt wurde, sondern uns geaen die Praxis der Verwaltungsbehörde wenden, die mit einer nicht zu verantwortenden Langsamkeit unter allerlei Vorwänden gearbeitet hat. Ursprünglich wurden diese Fäll? nach Eingang der Anträge bearbeitet, dann wechselte man dieses System und erfand „Rangklassen”, bei denen die älteren Jahrgänge zuerst berücksichtigt werden sollten. Schliesslich kam die Verwaltungsbehörde auf die Idee eine Aussenstelle für diese Fälle zu schaffen, die in Berlin etabliert worden ist. Das Ergebnis war überraschend gut. In den wenigen Monaten ihrer Tätigkeit erledigte diese Berliner Aussenstelle des Amtes Mainz mehr Fälle, als die alte Behörde in Mainz im Laufe eines Jahres jemals zustande gebracht hat. Endlich war eine vernünftige Organisation geschaffen, endlich wurden Beamt? eingesetzt, die den ehrlichen Willen zeigten, dem Geist der Entschüdigungsgesetze gerecht zu werden. Jetzt werden wir informiert, dass aus unverständlichen Gründen die bisherige„Leitung der Aussenstede offensichtlich deswegen abgerufen werden soll, weil sie schnell und gut arbeitete... Natürlich ist d;es nicht die offizielle Begründung. Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, über die Motive dieser bof: emdenden Massnahme unterrichtet zu werden, die sich eindeutig gegen die Interessen der Geschädigten wendet. Die Opier der Verfoigungen haben lange genug gewartet, um sich erneut zu Opfern, diesmal unberechtigter Experimente der Verwaltungsbehörde, machen zu lassen. sagte er. WIE ICH ES SEHE »♦»»♦»«♦♦»»»««♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦A « * ♦ Wie Rolle des Grossmuftil ♦ » » » » » ton JEHUDA GOTTHEIMER Der Eichmann - Prozess, ■ se Kreise über dfe denkbar der so viele bis darbin unbegrössten Beziehungen verkannte Tatsachen und Zufügt, die es ihnen ermögsammenhänge ans Licht! licht haben, selbst die gebrachte. liess noch einmal j suchtesten Kriegsverbredie traurige Vergangenheit ■ eher in Sicherheit zu brinauferstehen. Namen und! gen. Wie die Ermordung der Ereignisse, die längst ver-¡Juden nur dadurch öewerkgessen waren, wurden wiestelligt werden konnte, dass der lebendig. Den meisten, Hunderttausende mitwirkob sie nun die Berichte in Uen, so konnte die „Retden Zeitungen i^sen. in den tungsaktion” der Nazis nur Radiosendern hörten oder' durchgeführt werden, -weil aut dem Bildschirm der Tezahlreiche Stellen die Aulevision sahen, kam es wohl gen verschlossen oder offen zum Bewusstsein, wie halfen, die Verbrecher ihschnell Selbsterlcbtes von rer vielfach verwirkten neuen Eindrücken verdrängt Strafe zu entziehen. Diese wird. Beinahe alle empfan- Helfershelfer sassen in den den es als einen Fehler oder höchsten Steilen europäieine bedauerliche menschli-' scher Länder und überseeiche Schwäche, dass niemand scher Staaten. Dieses Kapimehr sich -eigentlich dessen tel ist aber bisher kaum in gebührender Form erin-' durchforscht, obwohl es unnert, was damals geschah. ter vielen Gesichtspunkten Zu den grossen Feinden wich^g wär^ diese Zusam' des jüdischen Volkes gehörmenhange einmal aufzukläte auch der ehemalige Grossmufti von Jerusalem,1 ™ussd-f allf meine Haj Amin el Husseini, de; Aetmerksamke.t auf diesen den Krieg überlebt hat und Punkt lenken. Sehr bald heute im Zentrum juden- £ fe.ststellen> dass feine,lieber Hetzer, in Kairo,' d Erkenntl}is der ver- Asyl gefunden hat. Aehniich fPfad* .,n.t«rna: wie andere Nazis setzt auch £°"a*!r Piraten<: Schritt auf der Mufti seine unheilvolle SchrUt schwieriger w.rd, Tätigkeit im Rahmen der £?1,Lersci*c'wnd V^le BJ' sich ihm heute bietenden *lhgte sofort versuchen die Möglichkeiten *ort. Ans die- ZU v<!rwis<ienr Ma" sem Grunde wäre es zweck- * Ben Dschungel massig, dem rreiben dieses I «^.mmsveller Menschen. Mannes grösser? Aufmer-kpuppen Beziehungen. Busamtceit zu schenken und ros >fd Verbrecher kurzihn nicht nur ab eine über-i“m e,ne Organisation holte geschichtliche Remi-!?*e n,c^ nur weitverzweigt niszenz zu betrachten ust, ^ondernuberalle praktischen Möglichkeiten ver- Di? faschistische Internafügt, ihre Leute zu schiittionale, an deren Bestehen; zen, zu retten und zu dekmanehe Juden nicht glauben ken. Nur in wenigen Auswollten, hat in den ersten! nrahmefällen wird es mög- Nachkriegsjahren versucht,! lieh »ein. irgendeinen Bedi? übrig gebliebenen Kräf-j weis zu erhalten, einen Zute zu sammeln. Diese Titig-Uammenhan« aufzudecken, keit war gewiss nicht eiaeinen Be'eiiigten zu erwi- Sacfc. Immerhin haben diesehen. Man findet nur die Indizien, dass diese Internationale arbeitet, wenn sie sich in ihren Aktionen zu weit herauswagt oder allzu dreist an die Oeffentlichkeit dringt. Vorläufig sind die Hauptakteure nur selten in Erscheinung getreten. Die Flucht einiger nazistischer Grössen aus der westdeutschen Bundesrepublik hat vor einigen Monaten Aufsehen erregt wobei wir nur auf die Fälle Dr. Eisele. einen KZ-Arzt, und Zind, einen antisemitischen Schullehrer. hinzuweisen brauchen. Einige Wochen schrieb die westdeutsche Presse gegen diese F.uchtmöglichkeiten, die wohl nur durch die Mitwisserschaft und Mittäterschaft einiger behördlichen Stellen denkbar wäre, aber dann versandete die Empörung und das Interesse der Oeffentlichkeit wurde von der nächsten Sensation abgelenkt. Eisele und Zind sitzen mit vielen anderen Gesinnungsgenossen. unter ihnen, der Grossmufti, in Kairo und werten auf ihre Stunde die noffentlich niemals schlagen wird. Dass es eine grosse Mitwisserschaft geben muss, bewies der Fall Heyde in Schleswig Holstein, jenes Euthanasie-Professors, der nicht nur Jahre hindurch ruhig unter falschem Namen leben konnte, sondern zu neuem Amt und Würden aufstieg. obwohl sehr viele seine wahre Identität gekannt haben. Das gi.t nicht nur für Bayern mit seinem Eisele oder für Schleswig Holstein mit dem Heyde-Sawade, sondern auch für viele südamerikanisebe Länder. durch die zahlreiche Kriegsverbrecher gezogen sind, die Mengele und Eichmann, Bocmaon und "wie sie Professor Friedrich Karl Kaul, Rechtsanwalt in der Deutschen Demokratischen Republik (Ostdeutschland) hatte sich auch in Jerusalem eingefunden, um beim Eichmann-Prozess zugegen zu sein. Kaul gilt als die grösste ostdeutsche Anwaltskanone. Er war nach Jerusalem geschickt worden, um dort die gehörige Propaganda gegen die Deutsche Bundesrepublik (Westdeutschland) zu machen. Nicht die Wahrheitsfindung im Eichmann-Prozess oder die Suche nach Gerechtigkeit waren ganz offensichtlich die Motive, die zur Anwesenheit des Prof. Kaul in noch alle heissen. Wie viele Menschen haben hier oder dort von diesen gesuchten Verbrechern gewusst, die unzählige Opfer auf ihrem Gewissen haben. Wie viele haben von ihnen gewusst, obwohl sie unter falschem , Namen gewohnt haben. Aber noch.nicht einmal alle griffen zu solcher Vorsichtsmasnahme. Mengele lebte ganz offen unter sei- : nem Namen, so sicher fühlte er sich. ' Im Laufe des Eichmann- Prozesses spie.ten Tonbandi Aufnahmen eine erhebliche Rode, die Eichmann in Buenos Aires gemeinsam mit einem holländischen Journalisten hergestellt hat. Der I Verteidiger Eichmanns bestreitet die Beweiskraft die- I ser Tonbänder da Eich- mann von dem Ho.länder , betrunken gemacht worden , sei. Ohne auf diese etwas abenteuerliche Geschichte hier eingehen zu wollen, ist doch bemerkenswert genug, dass damit eindeutig erwiesen ist, was bisher immer bestriten wurde: es gab (Menschen, die Eichmanns genaue Personalen gekannt haben, die wussten, das ist der gesuchte Eichmann, i dem eine Reihe von Kriegsj verbrechen zur Last gelegt werden. Ebenso sicher diirf- | te doch sein, dass nicht nur ,der holländische Journalist, , sondern auch andere Men- , sehen dieses Kreises genau Bescheid -wussten, ob ' (Schluss »ui Seite 2) von B. B. SAMUEL Jerusalem geführt haben. Er sollte vor allem jede Chance nutzen, um den westdeutschen Staatssekretär Dr. Globke zu „entlarven” und unmöglich zu machen. Der Eichmann-Prozess ist sicherlich von den verschiedensten Interessenten zu den verschiedensten Zwekken ausgewertet worden. Hiergegen wird sich auch niemond schützen können. Man hatte diesen Vorstoss der Ostdeutschen erwartet; vor allem hatte man in Bonn mit solchen Manövern gerechnet. Leider muss man zugeben, dass die Ostdeutschen in diesem Punkt ein leichtes Spiel haben, denn an der antisemitischen Haltung des Dr. Globke und seiner Mitverantwortung an den Judenverfolgungen kann wohl nicht gezweifelt werden. Selbst in den Kreisen der Bundesrepublik brechen die Angriffe gegen den ehemaligen Kommentator der Nürnberger Gesetze nicht ab. Die Diskussion ist also nicht neu. Das ändert nichts daran, dass Jerusalem wohl nicht der richtige Standort und der Eichmann-Prozess nicht der richtige Hintergrund für die Austragung innerdeutscher Ost - West- Konflikte sind. — — Angriffe gegen Globke. Er wies darauf hin. dass Globk? selbst zugegeben habe, bei der Einführung der zusätzlichen Namen „Israel” und „Sara” federfiihi rend mitgewirkt zu haben. Eine von dem in Ostdeutschland lebenden jüdischen Journalisten Hirsch , veröffentlichte Broschüre „Globke und die Ausrottung der Juden” sei auf j Globkcs Veranlassung in , der Bundesrepublik vert*o- , ten worden. Daraufhin habe er, Kaul, den Wahrheitsbeweis angeboten, hätte je- ' doch nichts von der westdeutschen Justiz gehört Prof. Kaul fasste seine Ausführungen auf der Pressekonferenz kurz zusammen: „Ohne Globke hätte Eichmann keinem Juden ein Haar krümmen können.” — I Diese Behauptung, die reichlich weit gegangen sein dürfte, auch wenr n.an von der Schuld des Dr. Globke noch so überzeugt ist. wurde jedoch von Kaul nicht näher begründet. Der Prozess-Verlauf hat gezeigt, : dass sich die israelischen 1 Gerichtsbehörden nicht in : politische Auseinanderset- I zungen hineinziehen lassen, sondern mit unbestecbli- I chem Gerechtigkeitsgefühl diesen Prozess führer. der j für die ganze Menschheit, ’ bestimmt -aber für unser Auf einer in Jerusalem zusammenberufenen Pressekonferenz lanzierte Prof. Kaul seine — wahrscheinj Volk, von historischer Be lieh durchaus berechtigten deutung ist. Neue anlisemitisdie Methoden Paris. — In Sowjetrussland ist eine neue, verstärkte antisemitische und antiisraeliscfte Kampaarie eingeteitet worden, wie aus in der Sowjetpresse erschienenen Artikeln ersichtlich ist. Die russischen Juden werden rfnter Angabe von Namen und Adressen beschuldigt. . „Parasyten und antisoziale Elemente in der sowjetischen Gemeinschaft” zu sein. Verschiedene dieser Zeitungen drukken „Leserbriefe” ab, in denen Israel angegriffen und angeklagt wird, „seine Spionagedienste zu benutzen, um gegen andere Völker Repressalien durenzuführen”. In diesen Briefen wird versichert, dass „die Armen in Israel noch ärmer und -die Reichen noch reicher” werden. Einige der angeblichen Briefschreiber bitten den Herausgeber, rhre Namen nicht abzti-. drucken, weil „sie befürchten durch Preisgabe ihrer Identität ihre Verwandten io Israel zu gefährden.” (ITA)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.