Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1884 (12.6.1961)
- Date
- 1961-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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/ "SIE HABEN MEINE TRAENEN GELOEST” 1 von S-CHA LOM ROSENFELD (Jerusalem) LITERATUR i Zwei vergessene i Eine Postkarte, die nur die Worte enthält: ,.Ieh danke Ihnen", ohne Datum, ohne Adresse, ohne Unterschrift. Ein kleiner, graugelber Umschlag, wie er für offizielle Korrespondenz benutzt wird, und darin — ein ..gelber Fleck” mit dem Davidstern und dem Buchstaben J. ohne Beischreiben und ohne Angabe des Absenders. Noch eine Postkarte, diesmal unterschrieben, mit einem Segensspruch aus der Tiefe eines jüdischen Herzens: ,,Gott segne und erhalte Dich . Da sind Hunderte von Postkarten, Briefen, Telegrammen — aus allen Teilen des Landes, aus allen Teilen der Welt, in allen Sprachen. All das. was sich aufgehäuft hat. te und durch die grosse Anklagerede gelöst und befreit wurde, brach in einem mächtigen, nichtendenwollenden Strom hervor. Ein Monat ist seit Beginn des Prozesses verstrichen — des Prozesses, der zu vielen Befürchtungen Anlass gab — nicht nur bezüglich der Meinung der Aussenvvelt, obg eich auch viele deswegen Bedenken hegten. Man befürchtete, dass die Wunden, die im Laufe der Zeit einigermassen verheilt waren, wiederaufbrechen, dass schwachgewordene Erinnerungen in all ihrer Schrecklichkeit aufgeweckt werden würden; man fürchtete auch, dass das grausige Bild eines zur Schlachtbank geführten Volkes einen schädlichen Einfluss auf die hiesige Jugend haben würde. Es ist noch zu früh, um Schlussfolgerungen zu zie. hen; es fehlt der nötige Abstand und der Masstab zur Bewertung der Tatsachen. Doch ein gewisses Anzeichen der allgemeinen Reaktion findet man in der Sammlung von Glückwunschschreiben und Dankbriefen, die sich täglich auf dem Tisch des Oberstaatsanwaltes Gideon Haus¬ ARNOLD ZWEIG Bilanz der deutschen Judenhei! Erste in Deutschland erschienene Ausgabe mit einem Nachwort von Achim von Barries. 328 Seiten — DM 18,80 (gebunden) HANS KOHN: MARTIN BUBER Sein Werk und seine Zeit 2te um ein Geleitwort des Verfassers und ein Nachwort von Dr. Robert Weltsch vermehrte Auflage ca. 500 S gr. 8?, Leinen gebunden DM 24.80. MARGARETE SUSMAN Frauen der Romantik 3. veränderte und erweiterte Ausgabe 178 S. mit 16 Bildnissen auf Kunstdruckpapier, m Leinen gebunden 12,80 DM. FLAV1ÜS JOSEPHUS Geschichte des jüdischen Krieges Uebersetzt und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Dr. H. CL.EMEN TZ Ki. 8». 095 Seiten, 2 Karten »ui noufr. P«piei in Leiner geb. DM 25.— Joseph Melzer Verlag, Koeln MCZARTSTRASSE 13 ner aufhäufen, besonders in den unzähligen Briefen die nach seiner grossen Anklagerede eintrafen. Ich erhielt die Erlaubnis, einige von diesen Briefen durchzusehen. Ich suchte nicht die Briefe von Personen von Rang und Stand heraus — sie sind zahllos — noch die von Juden in allen Ländern der Zerstreuung; ich bemüht» mich, die Briefe der Ueberlebenden herauszufinden, die jetzt in unserer Mitte leben, in deren Hörweite täglich die Zeugenai * agen des Prozesses gegeben werden; ich wollte die Reaktion der im Lande gebürtigen Jugend feststellen und die unserer aus Afrika stammenden Brüder, die in ihren Herkunftsländern kaum etwas über diese Schreekenspericde erfahren hatten. Das Bild, das sich ergab, ist unvollständig, aber überzeugend. Ich erwähnte den ,.gelben Fleck“, der in einem Umschlag ohne Begleitschreiben gesandt wurde. Herr Hausner erhielt noch einen ,,gelben Fleck” zusammen mit ei. nem herzzerreissenden Brief: ,,Ich habe diesen Fleck lange Zeit hindurch aufbewahrt, als eine Erinnerung für mein« Kinder. Doch jetzt drängt mich mein Gefühl, ihn dem Gericht zur Verfügung zu stellen. Wenn dieser Fleck reden könnte, w ürde er von Schrecken, Leiden, Hunger, Mord, Tränen, Blut, Sehnsucht und Aufbegehren ledon... ,,. .. bitte tuen Sie mir diesen Gefallen . heben Sie ihn hoch, so dass jeder ihn sehen kann und sagen Sie, dass ein vierzehnjähriges Mädchen ihn auf seiner Brust trug, das ein warmes jüdisches Herz hatte und diesen Fleck mit Stolz getragen hat Dies schrieb eine Frau, die von dort kam. Ihr Körper war verwundet worden, doch ihr Geist war unversehrt. Die grosse Anklagerede hatte die Tore des Herzens geöffnet, und die aufgestauten Gefühle vieler Jahre brachen hervor. Endlich konnte sich das Herz seiner Bürde entledigen. Es ist kein Zufall, dass der überwiegende Teil der Glückwunschschreiben und Dankesbrief» an den Oberstaatsanwalt von Ueberlebenden kamen. Ein Briefschreiber war ein elfjähriger Junge zur Zeit, da Eichmann unbestritten in Ungarn herrschte. Er war unter denen, die den „Todesmarseh” nach Oesterreich mitmachten und wurde von Raoul Wallenberg, dem schwedischen Menschenfreund, gerettet. In einfachen, herzergreifenden Worten stellt er sich dem Staatsanwalt vor und dankt ihm. Ein anderer, jetzt ein Soldat der Israel-Armee, schreibt: „Im Namen meiner Eltern, zweier Brüder und zweier Schwestern, die umgebracht wurden”. — Wieder ein anderer, der die tragischen Ereignisse in seiner Gemeinde in einem Buche niedergelegt hatte, sandte das Buch Herrn Hausner und dankte ihm ,,im Namen meiner Frau und meines einzigen, fünfjährigen Sohnes, die in den Gaskammern ihren Tod fanden, und in meinem eigenen Namen, der diese Schrecknisse erlebte . und fährt fort „Ihre liede wird in die Geschichte als ein neues Klagelied eingehen.” Ein Kibbuzmitglied schreibt: „Wenn es eine himm. lisch? Pforte gibt, wird sie nicht durch. Gargarins Flug geöffnet werden, sondern durch diese Erzählung jüdischen Leids.” Aus dem fernen Melbourne sendet eine jüdische Ueberlcbende ein Anerkennungsschreiben. — Die folgenden Zeilen entstammen dem Briefe eines orientalischen Juden, den das Schicksal vor den Scheusslichkeiten der Nazis bewahrt hat: ..Ich danke Ihnen für die vielen Tränen, die wir täglich beim Anhören der Zeugenberichte vergisssen. Die Frauen weinen rückhaltslos, aber auch die Männer können den Schmerz in ihrem Herzen nicht bezwingen und vergiessen Tränen in Anwesenheit ihrer Frauen. „Ich danke Ihnen für die Gefühle jüdischer Brüder, lichkeit, die in unserem Herzen erweckt wurden. Die Prüfungen unserer europäischen Brüder übertreffen bei weitem die unseres Vaters Abraham, denn er legte nur einen Sohn auf den Altar, aber jene brachten ihre ganze Familie als Opfer dar. „Wir, die Angehörigen der orientalischen Landsmannschaften, wissen, dass nicht unserer Verdienste wegen uns dieses schreckliche Schicksal erspart blieb. Niemand kann die Beschlüsse des Himmels ergründen, aber der Glaube in unserem Herzen ist stark, dass wir nicht umsonst verschont geblieben und in diesem Lande mit jenen jüdischen Ueberlebenden vereinigt worden sind.” Noch ein Brief: „Als ich in Bergen Bels?n befreit wurde, war ich erst 14 Jahre alt, und ich hatte immer gehofft, eines Tages den Verlust meiner Eltern und meiner ganzen Familie rächen zu können. Doch jetzt bin ich Ihnen Dank schuldig, denn es scheint, dass mein Schmerz ein wenig gestillt worden ist.” Ein weiterer Brief: , In Ihrer grossen Rede haben Sie dem Leid derjenigen Ausdruck gegeben deren Wunden noch nicht verheilt sind. Säe haben das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Verfolgten in den Angehörigen unseres Volkes geweckt, die weit von der Böhne dieser Schrecknisse entfernt lebten. Ich bezweifle, dass jemals seit dem Ende des zweiten Weltkrieges eine so klare und erschütternde Anklage erhoben wurde.” Ein Einwohner von Bat Jam, dessen Name zeigt, dass er aus dem Orient stammt, schreibt: ..Es fehlen mir die Worte, um auszudrückten, wie tief ich durch ihre Rede aufgewühlt wurde. Ich weinte wie ein Kind . Wenn es möglich wäre, möchte ich Ihnen mehrere Jahre meines Lebens schenken, auf dass Ihr Leben verlängert werde.” Eine junge Sabre, die ihren Brief nur mit „Ruthi” zeichnet, schreibt: „Ich möchte Ihnen im Namen meiner Grossmutter dadi« vog den Nazi» ermordet wurde, und Im Name« meiner vielen Verwandten, die Im Jahre 1896 erschien Theodor Herzls „Judenstaat“. Ein Jahr früher war in der berliner Gewerbeausstellung im Rahmen der kaircer Abteilung auch ein bescheidener Pavillon zu sehen der Erzeugnisse der jüdischen Kolonie Palästinas zeigte. Die Schau verdankte ihr Entstehen den Bemühungen des Vereins „ESRA“ zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien“, der 1883 in Berlin mit Beteiligung von Hirsch Hildesheimer und einer Reihe wohlhabender, religiös-konservativer Juden gegründet worden war, und den man als westlichen Ausläufer der Chowewe Zion in Osteuropa betrachten kann (Richard Lichtheim). von Dr S. BB4i Zwei Mitg'ieder dieses Vereins, die zugleich zu den jüdisch-nationalen Bestrebungen fördernden Akademikern gehörten. Heinrich Loewe und Willi Bambus, unternahmen 1895 eine Reise nach Palästina. In Kairo trafen sie den Baumeister Wohleemuth aus Berlin der für die Gewerbeausstellung eine orientalische Abteilung vorbereitete. Nachdem sie ihm versoroehen hatten, die erforderlichen Mittel aufzubringen. erklärte Wohlgemut sich bereit, dieser Orientabteilung auch einen Platz für das in den Anfängen stehende jüdische Aufbauwerk in Palästina zu reservieren. Und so geschah es Es gab damals im Lande erst 16 Bauernsiedlungen, unter ihnen die grösseren Chedera, Petach - Tikwa, Rechowot, Rischon Lezion und Sichron Jakob. Daneben Beer-Tuwia „Ekron“. Gedera, Harluw, Jessod Ivlamsala, Metulia Mischmar- Hajarden, Ness Ziona und Rosch-Pina. Die Wirtschaftliehe Lage all dieser Siedlungen war mehr oder weniger schwierig. Dennoch konnten sie gute landwirtschaftliche Erzeugnisse von guter Qualität nach Berlin senden. Und im Frühjahr 1896 — So lesen wir in Lichtheims Buch: „Die Geschichte des deutschen Zionismus“ (Verlag Rubin Mass-Jerusalem 1954) — konnten die Judei Berlins in der Kairoabteilung der Ausstellung eine Nachbildung des Davidsturmes sehen und Weine aus den Kellern Risehon-Leziom probieren. Auch andere Landes - Erzeugnisse und Exemplare der hebräischen Zeitschrift „Haikkar“ und „Hazwi“ wurden gezeigt. Das waren Kuriositäten die man ie nach Temoera. ment und Laune mit Rührung oder Gleichgültigkeit, auf alle Fälle aber mit Verwunderung betrachtete, denn von den 90.000 Juden Berlins wussten wohl nur ein paar hundert von der Existenz jüdischer Kolonien in Palästina. Auch Justizrat Bodenheimer besuchte den Pavillon und amüsierte sich über seinen Gesinnungsgenossen Heinrich Loewe, welcher die Schaulustigen im roten Fes empfing und manchen durch seine feurige Beredsamkeit von der Richtigkeit national - jüdischer Ideen überzeugte. („So wurde Israel”, Europäische Verlagsanstalt. Frankfurt a. M. 1958). Als der exotisch ausrehende Führer durch die Ausstellung gefragt wurde, als er stam trefflici lekt: , leben“. „Es i dass un eine z"11 Art T' diesmal gemäss Barons schild. * dieser I ge Rom durch!« an einer sie gefn David I wim Mi wählte S nen im bin Mas kleidet reich: E lizot. s*1 Folgen* Das & mit ctos wurde, von Ale wartete i „Rhodos Hambor Planmi Tage su Deshalb hörde c an und benein« hallt Nacht ( in Alex der viel Stadt a nis wart und ai Presse Mort« d Jelln ser nac sen Gr das Los meiner Grossmutter teilten und in meinem eigenen Namen — im Namen eines in Israel geborenen Mädchens, das all diese Leiden nicht geteilt hat. „Ich habe viele schreckliche Berichte über die Nazigreuel gelesen, aber ich war niemals so erschüttert, wi beim Anhören Ihrer grossen Rede. Im Geiste sah ich die vielen misshandelten Opfer, die um Hilfe flehten, die ich ihnen nicht geben konnte. Es ist ein schreckliches Gefühl... „Es ist unmöglich, die gemordeten Juden wieder zum Leben zu erwecken, aber gewiss ist es möglich, die Ehre der zur Schlachtbank Geführten zu verteidig« und der Welt zu zeigen, dass wir eine neue und starke Macht darstelien. Ihr „Ich klage an” und das Unsrige wird Zeugnis für unseren neuen Geist ablegen.” Die Schüler einer Volksschule in einem Kibbuz schreiben: „Aaagespannt und tief erschüttert um uns« Radiogerät geschart hörten wir Ihre Rede über Eich, mann, den Erzfeind unseres Volkes... Unsere Lehr« hatten uns seit langem über das schreckliche Unglück, das unser Volk getroffen hatte, erzählt, aber, um die Wahrheit zu gestehen, haben erst Ihre überzeugenden, von Schmerz und Leid erfüllten Worte uns die Bedeutung dieser schauerlichen Zeit klar gemacht .. „Wir fühlten das Leid der Erwachsenen, aber vor allem waren wir durch das Schicksal der Kinder aufgewühlt, die umgebracht wurden, bevor sie die Möglichkeit hatten, das Leben kennen zu lernen .” So erghsst sich ein Strom von Dank- und Anerkeinungsschreiben. Rabbiner ur.d Jesehiwahscbiiler, Kibbuz mitgliedcr, Schüler, einheimische Jugend und neue Ei». Wanderer — alle sind hier vertreten. Da ist auch du Brief aus Deutsch'and, von einem jungen Mann, der ü* Wort „Ein junger Deutscher” zu seinem Namen hinzufügt, und von einem anderen Deutschen, der sich als Leutnant der Reserve vorstellt, und der' bittet, dass „man uns noch einmal die Cbanee gibt, auf Deutschland stolz sein zu können.” Es findet sich auch d-*r Br;tf eines Arabers: „In Ihrer Rede vertreten Sienicht fl#, die sechs Millionen Gemordeten, sondern die Menschheit.” Da sind Briefe von einem protestantischen Stüd«. ten in der Schweiz, einem britischen Ad igen i)nd ein« Gruppe von Deutschen und Nichtdeutschen aus Sachs«, hausen (die „die schwerste Strafe für den Mörder «¡es jüdischen Volkes”,, fordern). ~ Die . meisten Briefe jedoch stammen von den Uebtr. lebenden der Schreckenszeit. Für sie hedeutet die Au. klagerede und. der Prozess im al'gemeinen ein Denkir.ii für ihre Lieben, die vor ihren Augen umgebracht wurden, eineschmerzstillende Salbe für ihre Wunden ein A!armruf für diejenigen twter uns, die verwes»! könnten, und auch als eine Anklage £sgen die, d.e n. tenlos i leisteten Ich Hundert Nicht« j jüdische sammen kes von ..Als Hitlers i ke s, die Ionen ha mir, He ner Hoc, zesses h Mal — a fcr Müh und wirk Der aus, die Herzen i -.Ges Hank au die sich sanmielt schied n »Es treibung liehe Be schieden nahm tj v% a , "Sei «ns hi, Schmerz Träne \ Mg die Tranen Slaatsa, haben, ■ w»tsch ln*, *•*,