Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1882 (6.6.1961)
- Date
- 1961-06-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Ausser einer begrenzten Zahl einzelner Fälle hatten sie sieh niemals als ..Staatsbürger jüdischen Glaubens“ der Länder bezeichnet, jn denen sie lebten. / P°st-Assimilanten waren jene Juden Zentral- und West-Europas, die in allen Schattierungen der europäischen Kultur erzogen und davon erfüllt waren und die ft?n Zionismus erst nach Gewissenskämpfen annahmen. Sie mussten zunächst zugeben. was sie bisher verneint hatten — dass es ein jüdisehes Volk gibt, zu dem sie gehören, und dass es ein jüdisches Problem gibt, das nicht automatisch durch den ständigen Fortschritt der Zivilisation gelöst werden könne. Das amerikanische Juden, tum ist vergleichsweise jung Ein grosser Prozentsatz ist irgendwo auf dem Wege von der osteuropäischen Vergangenheit mit ihrem angeborenen jüdischen Nationalismus zu einer mehr oder minder vollständigen Assimilation an die Umwelt. Die einfachen Kategorien von Pr;i- und Post-Assimilanten können auf sie keineswegs angewandt werden. Das erklärf es. warum amerikanische Juden in ih .rer Reaktion auf jüdische Probleme stärker als die Juden Zentral- oder Westeuropas von ihren Gefühlen und Erregungen beeinflusst werden als von vernunftsmassigen Ueberiegungen Ausserordentliche Ereignisse di? ihnen Stolz und die Befriedigung geben - etwa die Abenteuer und Gefahren der Hagana und der Alija Bet die Errichtung des jüdischen Staates, ein siegreicher Nrieg gegen zahlenmässig überlegene Gegner — oder andere, die in ihnen Gefüh ß des Mitleids und der Sympathie. des Schreckens .und des Zornes erregen — wie Gaskammern, Flüchtlingslager. Heimatlosigkeit und Leiden von Flüchtlingen sind die massgebenden Faktoren für ihre Entsehei düngen und bestimmen die Weitherzigkeit ihrer Hilfe. Ihr Zionismus ist näher, obwohl nicht identisch, der Art von Zionismus, der aus dem jüdischen Nationalismus Osteuropas entstand, ln den meisten Fällen gründet er sich mehr auf angeborene nationale Gefühle . als auf intellektuelle Erwägungen und ideologische Erkenntnisse, während das Umgekehrte für die stärker assimilierten Juden Zentral- und Westeuropas gilt. * Als ich auf den Rat Dr A'eizmanns vor zwanzig Jahren nach Amerika kam fand ich die Orientierung ebenso wie die Struktur und die Arbeits-Methoder des amerikanischen Zionismus .geradezu verwirrend.. Sie schienen mir völlig verschie- ¡ den von allem, was ich in Deutschland oder * Mittei- Europa gekannt hatte. ■) ■ Die Führer waren' der Sache ergeben. Sie war ein wichtiger Teil ihres Lebens, und sie widmeten ihr Zeit und Geld. Aber trotz der Erfahrungen der Hitler-Periode glaubten viele von ihnen im Grunde ihres Herzens nicht an manche der fundamentalen zionistischen Lehren. i ¡ Da gab es jene, die es vorzogen zu denken, dass, die i Vereinigten Staaten zu einer .Gruppe von Ländern gehören. in denen kein jüdisches Problem existiert oder je-! mals existieren könnte. Amerika war nach ihrer Definition nicht Galut (Diaspora). sondern eher Chutz jLa'arez (ausserhalb des 1 Landes Israel). L Die Verantwortlichkeit dafür ruhte zu einem grossen Teil auf der Zionistischen Weltorganisation, die jahrelang in dem schicksalhaften Fehler verharrte, den Wert 1 und die Notwendigkeit, die Bewegung lebendig zu erhalten. zu unterschätzen.! Als nach dem Ende des ersten Weltkriegs die Tore Palästinas für jüdische Einwanderung geöffnet wurden und unser Kolonisations- Werk in grösserem Ausmasse begann, als Zehntausende osteuropäischer Juden freiwillig und enthusiastisch die notwendigen Menschenkräfte stellten, war alles, was man vom Resj der zionistischen Weit verlangte. Geld, Geld und immer mehr Geld. I Man dachte, dass die Oeffnung der Herzen für den Zionismus nur eine Notwendigkeit während der vorbereitenden Periode war, dass 'cs aber jetzt in der Zeit der Verwii\lichung wichtiger 1 sei. die Taschen zu öffnen. | Die Folge war dass während d>e jüdische Welt mit Propagandamaterial durch die nationalen Fonds über- ' schwemmt wurde, sehr we- : nig für die Anregung und Entwicklung zionistischen Denkens getan wurde. Jene, die dem Strom Einhalt gebieten wollten, wurden als Theoretiker und unpraktische Idealisten verlacht. Aber wenn eine Bewegung nicht unaufhörlich ihre geistigen Grundlagen erneuert, wird sie notwendigerweise ein Stadium erreichen, in dem sie ihre Fähigkeit verliert. erfolgreich auf dem geistigen .Feld zu kämpfen. | Der Wahrheit gemäss muss festgestellt werden, dass der amerikanische Zionismus sich in den letzten zwei Jahrzehnten bemerkenswert , entwickelt hat, aber nicht auf organisatorischem Gebiet. | Es gibt immer noch keine einheitliche Zionistische Organisation, die all die verschiedenen Gruppen umfasst — Allgemeine Zionisten, Arj beiter-Zionisten, Misrachi — wie wir sie in Deutschland i und anderen europäischen Ländern hatten. Die Parteien vereinigen sich nur zur . Ausführung «oezietiev Prnjekfe. jedoch im übrigen hütet jede eifersüchtig ihre : Unabhängigkeit:! Aber auf anderen Gebieten sind gewisse beträchtliche Fortschritte erzielt wor> den — hauptsächlich glaube ieh. a's ein Re ultat der intensivierten Anstrengungen der Jewish Agency auf erzieherischem Gebiet. Das Thecdor HerzI Institut in New York, unter Leitung von Dr. Emanucl Neuman. ist ein Beispiel. Dort werden täglich Vorlesungen über jüdische und zionistische Geschichte. über . jüdische 1 Wissenschaft lind Kunst, über die wirtschaftliche .Entwicklung Israels gehalten; hebräische Kurse für ' Anfänger und Fortgeschritten:: werden veranstaltet. Und jüdische Gelehrte und Studenten der jüdischen I Vergangenheit und Gegenwart können sich der sehr umfassenden zionistischen Archive und der Bibliothek bedienen. Aber bedeutender als all dies ist die Erkenntnis des amerikanischen Zionismus, dass der Kauf des Schekels, die Beiträge zu den Fonds und die Annahme politischer Resolutionen nicht genug sind. Die Idee der Chalutziut die vor zwanzig Jahren nicht nur nicht ernst genommen, sondern auch als für nord amerikanische Juden nicht annehmbar charakterisiert wurde, ist bereits volkstümlich geworden. Jedes Jahr gehen mehr und mehr Juden nach Israel um sich dort niederzulassen, nicht nur junge Menschen, sondern ganze Familien. Ist diese Einwanderung auch noch zahlenmässig gering, so ist doch die blosse Tatsache, dass sie sich regelmässig fortsetzt, von Bedeutung. Der nordamerikanische Zionismus hat erkannt, dass ein echter Zionist verpfiieh- , ist- Israel als einen integralen Teil in sein Leben einzuschliessen. Das bedeutef nicht, dass er in Israel leben muss. Es mag entscheidende Gründe geben, die ihm dies nicht möglich machen. Aber in diesem Falle müsste er mindestens durch die Investition eines Teils seiner Mitte! in Israel seine persönliche Beziehung zur Wirtschaft des jüdischen Heimatlandes hersteilen. Nach der Errichtung des Staates Israel entstand eine Debatte darüber, ob eine zionistische Bewegung und 1 die zionistische Organisation noch notwendig sei?n. und wenn, in welchem Umfang. Zu dieser Zeit schrieb ich einen Artikel über ,,Die Zukunft der Zionistischen Bewegung“, der in ,,The Con giess Weekly“ vom 16. Mai 1949 erschien. Darin regte ich radikale Veränderungen in der Struktur und dem Charakter der Zionistischen Organisation an. Viele meiner Anregungen I waten ähnlich und in gewissem Masse identisch mit den Vorschlägen, die zehn; Jahre später bei der Sitzung des Aktions-Comites in Jerusalem im Dezember 1959 formuli;rt wurden. Wie ich verstehe, sollen diese Vo.sehläee dem nächsten Für diejenigen, der die Geschichte des politischen Zionismus und insbesondere die Gesta ten seiner politischen, geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Führer kennt, wäre £s eine reizvolle Aufgabe. einmal ein vergleichendes Bild der Männer und Frauen zu zeichnen, die im Laufe von über sechs Jahrzehnten di- Bewegung durch alles Auf und Nieder ihrer Entwicklung getragen haben. Da finden sich Männer, die das Schicksal mit dem ,.Charisma des Führers“ in und ausserhalb der Bewegung bezaubert und emporgehoben. eben geführt haben (Theodor Herzl. Chaim Weizmann und David Ben Guricnt. Da gab es andere, die die Menschen durch die Macht ihrer Redegabe und die Leidenschaft ihrer Hingabe an die Idee zur Bewegung brachten und an ihr festhielten (Max Xordau, Schmarjahu Levin. W. Jabotinsky. Stephan Wise, Abba Hiller Silver. Nachum Gcldmann). Dann wieder gaben Männer und Frauen der Bewegung ihre umfassenden Kenntnisse und ihre praktischen Anlagen, dis für den Aufbau des jüdischen Gemeinwesens in Erez Israel geeignet und notwendig waren und zwangen dadurch jüdische Menschen in den Bann der Bewegung (David Wolffsohn. Otto Warburg. M. Ussischkin, Jechiei, Tschlenow. Arthur Rupoin. Chaim Arlosoroff, Berl Kaznelson). i Wodurch aber ist. so muss man fragen. Nachum Sokolow, dessen Geburtstag kürzlich zum 100. Mal wiederkehrte. zu einem Führer der zionistischen Bewegung geworden, er. der weder die ■ Begnadung einer Führerpersönlichkeit besass, noch — bei aller oratorischen Be- 1 gabung — ein die Menschen durch sein Wort hinreissender Redner war, noch endlich bei allem fast grenzenlosen Umfang seiner Bildung und seiner Kenntnisse, die praktischen Fähigkeiten hatte, diese seine das ganze Wissen umfassenden Kenntnisse in den Dienst der Bewegung zu stellen? Uns will scheinen, der Aufstieg Nachum Sokolows zu einer der Führergestalten der zionistischen Bewegung (er war von 1905 bis 1909 Generalsekretär der Zionistischen Weltorganisation, wie 1911 bis 1920 Mitglied ihrer Leitung, von 1920 bis 1931 Vorsitzender ihrer Exekutive und von 1931 bis 1935 ihr Präsident) beruhte auf der Tatsache, dass er die Verkörperung einer von jüdischer Tradition ganz erfüllten Persönlichkeit darstellte. di-? aber den Weg zur europäischen Kultur gefunden hatte, ohne die Bindung zu den tiefsten Wurzeln und Schätzen jüdischen Kul- Zionist?n-Kongress vorgelegt werden. Es bleibt abzuwarten, ob der Kongress sie annehmen wird oder ob das Bündnis zwischen .vested interests“ und dem Gesetz der Untätigkeit wieder eine Verzögerung in der Ausführung der längst fälligen Re organisations - ^assnabmen verursachen wird. ron Dr. GEORG HERLITZ i (Jerusalem) .. turgutss zu verlieren. Schliesslich war ia eines der Ziele der zionistischen Bewegung immer die geistjgc Renaissance des , jüdischen Volkes, die Erneuerung hebräischer Kultur :m Rahmen der geistigen Bewegung dieser unserer Zeit gewesen. Dem Bilde eines Juden aber, der durch die Entwicklung seines Lebens, durch seinen Gang durch die Kultur des eigenen jüdischen Volkes und gleichzeitig durch das Bildungsgut Europas im 19. und 20. Jahrhundert zu einer Art Typus des ..neuen jüdischen Men sehen“ — im kulturellen Sinne wenigstens — geworden war. entsprach in der zionistischen Bewegung wohl kaum jemand in höherem oder auch nur im gleichen Masse wie Nachum Sokolow. Er war gleichzeitig der Träger der in den Institutionen des ..Cheder“ und der ...Teschiwa ' durch die Jahrhunderte aufbewahrten und weiter überlieferten jüdischen Kulturgüter sowie der Mann der aus der Vereinigung der Kulturschätze Griechenlands. Roms und der europäischen Völker hervorgegangenen Bildung. die an den Universitä ten West- und Mitteleuropas gelehrt wurde. Nachum Sokolow erschien in der zionistischen Bewegung zuerst auf d:n Zio. nister-Kongressen zur Zeit Theodor Herzls als ein Referent ffir jüdisch-? Kultur-, Bildung.?- und Erziehungsfragen. Er wurde nach dem Tode Herzls, als die Bewegung unter ihrem zweiten Präsidenten David Wolffsohn ihre Zentrale in Mitteleuropa < Köln am Rhein) etablierte, ihr Generalsekretär und gleichzeitig der Chef- Redakteur ihrer beiden Zentra,organe in hebräischer und deutscher Sprache. ..Haolam“ und ..Die Welt“. In dieser Tätigkeit kam Sokolow naturgemäss in ganz enge Berührung auch mit den politisch-diplomatischen Aufgaben der Bewegung und entwickelte sich insbesondere dank seiner Beherrschung fast aller europäischen Sprachen. zu einem der erfolgreichsten Interpreten der Bestrebungen des Zionismus vor den Ohren der Staatsmänner. Parlamentarier. Diplomaten und Politiker der europäischen Staaten. Diese zionistische Aufgabe erfüllte Sokolow mit besonderem Erfolge nach dem Er.ass der Balfour-Deklaration und nach ihre" Eingliederung in ein Grossbritannien übertragenes, aber durch den Völkerbund in Genf kontrolliertes Mandat über Palästina, als es von Jahr zu Jahr notwendig war. von den .Staatsmännern der im Völkerbund organisierten Staaten die Wahrung der Rechte des in Erez Israel entstehenden jüdischen Nationalheims zu fordern. Sokolows Unterhaltungen mit den politischen Führern und v£«rfretern der euron.iisrhen Staaten in dieser Richtung hatten keine geringe Wirkung, vielleicht keine gerin- «ere als die Verhandlung des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Chaim Weizmann mit den politischen Führern Grossbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika. Dennoch wäre es fa.sch. darin allein die Gründe der in anderthalb Jahrzehnten immer wieder erneuerten Anerkennung Sokolows als eines Führers der zionisti-, sehen Bewegung durch deren Organ zu sehen. Sokolows Stellung in der zionistischen Organisation und Bewegung beruhte wie wiederholt werden soll, nur zu einem gelängen Teil auf seiner politischen Tätigkeit und deren Erfolgen. Seine allgemeine Anerkennung durch die Individuen und das Koll.ktiv der zionistischen Bewegung war die Wirkung 'seiner jüdischen Erscheinung. des Lebendig Werdens des Bildes eines Juden, der gewissermassen den ..neuen jüdischen Menschen"“ dieses Ziel der Entwicklung jüdisch-kulture len Lebens in dem neuen jüdischen Erez- Isracl, in sich vorwegnahm. Wenn Sokolow zu den Anhängern der Bewegung oder auch zu nichtzionistischen Juden sprach — immer hatten diese den Endruck: em wahrhaft jüdischer Mensch, ein VoRjunde steht vor ihnen. ein Jude, an dem al es jüdisch war. der Inhalt und die Form, die Gedanken und die Sprache, das Er'ebnis der Welt, und des Menschen und di? Gestalt, die ciieses Erlebnis bei der Lebermittlung auf den Hörer durch den Redner erhielt. Immer aber spürten diejenigen. die Sokclows Reden lauschten oder seine Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften lasen, noch ein Zweites; dass neben dem Kulturgut und der kulturellen Form, die die Juuenheit in Jahrtausenden geschaffen hat. gestaltend die Bildung der Zeit, in der Sokolow und c-eine Hör?r oder Leser lebten. mitschwangen Sokolows geistige Produktivität wies gleichzeitig in eine viele Jahrhunderte alte indische Vergangenheit hinab und war doch auch gleichzeitig lebendige Gegenwart. Soko'ow war der Jude der Jahrhunderte indischer Geschichte und der Jude seiner Lebenszeit zugleich und darum der antizipierte ..neue jüdische Mensch“ dessen Werden, wie gesagt, oft als das letzte Ziel des zionistischen Schaffers in einem neuen jüdischen Erez tsrael I proklamiert worden war. Das war letzten Endes das Geheimnis des Erfolges der Persönlichkeit Nachum Sokolows im jüdischen und zionistischen Leben fast ein halbes Jahrhundert lang. Das auch schuf ihn zu einem Führer der zionistischen Bewegung und sichert ihm ein Gedenken noch in vielen jüdischen Generationen Der 10«. Geburtstag Nachum Soko'ows sollte mindestens für die Zionisten in aller Welt ein Anlass sein: sich das Bild dieser jüdischen Kraftqnel'e eines geistig schöpferischen Zionismus in ihrer ganzen Breite und Tiefe lebendig vor Augen zu stellen. :