Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1874 (9.5.1961)
- Date
- 1961-05-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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JÜDISDIElllOCIIEnSClUU] PUEYRREDON 2190 - i*q. Jfc JeMXiH&D&lGJZliici T. E. 8 3 - 2 6 1 3 Año XXIL BUENOS AIRES, MARTES 9 DE MAYO DE 19«! No. 1874 Wir haben Widerstand geleistet Weitere Zeugenaussagen im Eichmann-Prozess STELLUNGNAHME BONNS Bonn. — Ein Sprecher des Bundesjustizministeri- 'V _r»___i,« um irena punkt dieser Aussagen bilj die Ghetto-Kämpfer lieber dete die Erklärung, die An. | sterben als sieh wie Tiere tek Zuckerman abgab. I zur Schlachtbank führen las- Wiederhoite Male wäh. j sen. ums in Bonn sagte volle Hil-! ‘““* p"“USS£f!;"! RECHTSMIL* E 17_u_ ... der vorangegangeaen Tage fragte der Vorsitzende,: A fe bei Vernehmungen zu, denen Zeugen in Westdeutschland im Rahmen des Eichmann_Prozesses unterworfen werden sollen. Entsprechend dem internationalen Rechtshilfeabkommen zwischen der Bundesrepublik und Israel werde alles getan werden. um dem Prozess dienlich zu sein. — Der Justizminister Dr. Schaffer erklärte im Bundestag, dass die Regierung neue Dokumente vom Dokumenten-Zentrum in Washington aus der Nazizeit erhalten hat. Wenn auch noch nicht alle Unterlagen geprüft worden sind, habe die zuständige Kommission den Eindruck gewonnen, dass diese neuen Dokumen. te für die Verfolgung der Kriegsverbrecher von grossem Nutzen sein werden. NEUE ZEUGEN AUS WARSCHAU Jerusalem. — Vor dem Gerichtshof erschienen weitere Zeugen, die im Warschauer Ghetto gelebt und am Aufstand des Ghetto teilgenom. men haben. — Den Höhe- Richter Moshe Landau, die Zeugen, wie es möglich gewesen wäre, dass eine verhältnismässig kleine Anzahl nazistischer Wachtmannschaften eine so grosse jüdische Bevölkerung völlig terrorisieren und beherrschen konnte. „Warum habt Ihr nicht gekämpft und Euch gewehrt?”, frag, te der Vorsitzende. Einige Zeugen antworteten, dass die Juden keine Aussicht auf einen erfolgreichen Widerstand hatten, da sie eng zusammengepfercht und unbewaffnet gewesen sind. Die richtige Antwort auf diese Frage gaben dann die Widerstandskämpfer des Ghetto, die berichteten, dass sie zu den „Waffen” gegriffen hätten, obwohl sie nicht mit Erfolgen rechnen konnten. Die Ueberlegen. heit der deutschen Armee an Menschen und Bewaffnung musste von Anfang an den aufgenommenen Kampf als hoffnungslos erscheinen lassen. Erfüllt vom Glauben an die Gerechtigkeit für alle Menschen wollten DIE ZUSTAENDE IM GHETTO Bei der Zeugenverneh-; mung erklärte eine Frau, das Warschauer Ghetto war mit Juden derart angefüllt, die auf kleinstem Raum le. ben mussten, dass der Ausbruch von Epidemien vorauszusehen war. 10 bis 15 Personen mussten in einem Raum liegen. In Wirkhat beschlossen, einem Anj i,chkeit war das Ghetto ein trag der Verteidigung auf. grosses Gefängnis, aus dem Vernehmung von vier Zeu-| niemand herausgehen durfgen stattzugeben, die der te. Eine Möglichkeit zur Verteidiger genannt hat.! Behandlung oder Isolierung Diese Zeugen sind: Der irii-; d^r Kranken hat kaum behere deutsche Generalmajor j stander:. Selbst die Tren- Friedrieh Six: der frühere j nung der Lebenden von den Major Hermann Krumey,; Toten war äusserst sehwie. der frühere Generalgouver. . r;!r> da es Bestatneur von Saloniki, Dr. Mer- \ tungsmöglichksiten für die Der Vorsitzende unterbrach dann die Zeugenvernehmung, um einen Be. Schluss des Gerichtshofes mitzuteilen. Das Gericht ten, und der frühere Abtei lungschef im Reichsaussenministerium, Eberhard von Thadden. Die vier Zeugen werden vor einem deut. sehen Richter durch einen Repräsentanten Israels und einem Vertreter der Verteidigung einvernommen werden. Anklage und Verteidigung | müssen nach dem Gerichtsbeschluss Innerhalb weni. ger Tage die Fragen formulieren, die den vier Zeugen vorgelegt werden. vielen Toten des Ghetto gab. Die Jugend organisierte sich trotzdem. Langsam wurde der Willen zum Wi- (Fortsetzung auf Seite 3) NEUE VERHAFTUNG Dr. W. — Während sich israelische Sprecher darüber beklagt haben sollen, dass das allgemeine Interesse am Eichmann-Prozess sehr schnell abgeflaut ist, kommen Nachrichten aus Israel, dass die psychologischen Wirkungen der Zeugenaussagen auf die Kinder und Jugendlichen zu einer Erhöhung nervöser Erscheinungen geführt haben. Besonders schwer sind diese psychologischen Wirkungen auf die ehemaligen Häftlinge, die diese Katastrophe überleben konnten. Die Eltern werden von ihren Kindern mit Fragen überhäuft, aus welchen Gründen es zu diesen Geschehnissen kommen konnte. Jedenfalls ist hier ein Problem entstanden, das als unmittelbare Folge des Prozesses die Jugend Israels berührt, die fassungslos diesen Ereignissen gegenübersteht. Gleichzeitig melden die Nachrichtenbüros eine neue V.rhaftung und eine verstärkte Suche nach Kriegsverbrechern. In Berlin ist es gelungen, einen Heinz Jentsch festzunehmen, der heute 43 Jahre alt ist und als Bau- Unternehmer tätig war. Dieser Jentsch war einer der Wachtleute im Schreckenslager Mauthausen, wo er sich durch besondere Grausamkeiten hervorgetan hat. Er soll der Erfinder des „Todesregens” gewesen sein. Wie informierte Kreise hierzu berichten, habe Jentsch mindestens 400 Morde auf seinem Gewissen. Wie bestätigt wird, soll Jentsch Häftlinge des Lagers im schärfsten Winter nackend aus den Baracken getrieben und sie so lange mit eiskaltem Wasser bespritzt haben, das an ihren Körpern erfror, bis sie tot umfielen. Die Verhaftung dieses Monstruums, das bisher unangefochten seinen Geschäften in Westberlin nachgehen konnte, wurde durch die Hamburger Polizei veranlasst Man erhielt von den Verbrechern des Jentsch wäh. rend des Prozesses gegen Hans Chmie’.ewski, den Exkommandanten des Lagers Mauthausen Kenntnis, der inzwischen zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. Die sadistischen Greueltaten des Cchmielewski übersteigen die menschliche Vorstellungskraft und lassen das Blut in den Adern erstarren. Die Oeffenthchkeit erwartete lebenslängliches Zuchthaus für diesen Verbrecher — in der Bundesrepublik ist bekanntlich die To. desstrafe abyeschafft —, sodass die Verurteilung zu 15 Jahren als ausserordentlich milde empfunden wurde. Wie ferner mitgeteilt wird, stehen weitere Verhaftungen bevor. — WIE ICH ES SEHE Man sieht die ersten Folgen \ «on JEHÜDA GOHHEMER Allmählich werden auch die Skeptixer einsehen, dass dem Eichmann-Prozess eine ungewöhnliche Bedeutung beizumessen ist. Das Aufleben der schrecklichen Vergangenheit ruft noch einmal das Weltgewissen. Wird es auf diese Stimme der Millionen Toten hören? Der israelische Gerichtshof will den Prozess auf den Angeklagten beschränken. Der Vorsitzende sträubt sich dagegen, dass das ge. samte, die Nazis im allgemeinen belastende Material vor dem Tribunal ausgebreitet wird. Der Generalstaatsanwalt dagegen ver. tritt die Auffassung, dass die Taten des Eichmann nur dann richtig bewertet und beurteilt werden können, wenn sie auf dem Hintergrund des Zeitgeschehens verstanden werden. Man darf damit rechnen, dass sich dieser Standpunkt durchsetzen wird. In mancher Hinsicht sind bereits die ersten Konsequenzen des Prozesses feststellbar, der seine tiefen Schatten in ferne Länder ausstrahlt. Bereits nach der Verhaftung Eichmanns häuften sich die Nachrichten aus der Bundesrepublik — und auch aus Oesterreich — dass man alten Kriegsverbrechern, die lange und vergeblich gesucht worden waren, auf die Spur gekomen sei; einige dieser Burschen wurden auch tatsächlich gefasst, utd*r Hine» der letzte Kom. mandant des Vernichtungslagers Auschwitz. Die Welt horcht auf. Die Berichte über den Verlauf des Prozesses sind nicht sensationell. Man kann dieses Wort im Angesicht des grausigen Geschehens, über das dort gesprochen wird, schwerlich gebrauchen. Die Welt horcht auf, weil es vielen nun doch ins Bewusstsein eindringt, dass die Nachrichten und Informationen über die Greuel der Nazis wahr sind. Dort hören wir Zeugen, die dabei waren, die mit ihren eigenen Augen gesehen haben, wie Menschen von entmenschten Menschen mit Petroleum übergossen und dann in Flammen gehüllt wor-den, lebende, brennende Fackeln, unschuldige Männer und Frauen, die sterben mussten, weil sie Juden waren, und die auf solche Weise verfolgt, misshandelt, gemartert und zu Tode gequält wurden. Also ist es doch wahr, dass die Nazis kleine Kinder ihren Müttern entrissen haben und ermordeten, nur weil es jüdische Kinder gewesen sind. Vielleicht werden wenigstens diejenigen, die solches hören und vor Schrekken erstarren, dafür Sorge tragen helfen, dass diese Verbrechen niemals mehr begangen werden, vielleicht werden wenigstens sie begreifen, dass dieser Weg, auf dem die Menschheit schreitet, nur in neues Verderben, in neues Chaos fiHt. ren kann. Vielleicht werden wenigstens sie ihre Kinder im Geiste der Völkerversöhnung und nicht des Völker- und Rassenhasses erziehen und damit das Fundament dafür legen, dass die kommende Generation sich aus den Niederungen der Zerstörung, des dauernden Kampfes und der Feindseligkeiten erheben können. Dass das Gewissen mancher Kreise geweckt wurde, kann schon nicht mehr zweifelhaft sein. Wir brauchen nur an di“ Erklärung zu denken, die von der protestantischen Kirche in Berlin abgegeben worden ist und die in einem Schuldbekenntnis gipfelt, das durch Nur ein Befehlsempfa enger Eichmanns Verteidigung hat einen Zeugen gefunden, der bereit ist zu erklären, dass Eichmann nur Befehlsempfänger war. Das Gericht wird diese Frage, die für die Schuld- und Strafzumessung von Bedeutung ist, mit der notwendi. gen Sorgfalt und Objektivität zu prüfen haben. Sicherlich ist es falsch, von vor. neherein mit einer festen, vorgefassten Meinung dem Problem und Phänomen Eichmann gegenüberzutreten. Dass nach unserer Ueberzeugung — und nicht nur nach der Meinung von Juj den — die Nazi-Hierarchen j eine ungeheure Schuld auf sich geladen haben, dass Eichmann als der Leiter der entscheidenden Abtei, lung der Gestapo blutbefleckte Hände hat, auch wenn er selbst keinen einzigen Juden persönlich getötet haben sollte (was bekanntlich von ihm behauptet wird, aber nicht wahr ist), war auch ohne diesen Prozess ausser Zweifel. Nunmehr hat Max Merten ben, von B. B. SAMUEL zeugen zu bringen. In dem Augenblick, wo Israel Eichmann unter Anklage ge. stellt hat, musste man auch damit rechnen, dass Zeugen der Verteidigung zu Wort kommen. Dieser Max Merten ist selbst als Kriegsverbrecher von einem griechischen Gericht abgeurteilt worden. Mit seinem Fall hat sich die Oeffentlichkeit, insbesondere auch die Jüdische Wochenschau, vor garnicht langer Zeit beschäftigt. Merten, der vordem in Berlin als Rechtsanwalt niederge. lassen war, wurde dann von den Griechen überraschend freigelassen. Die dunklen Zusammenhänge der Affäre Merten haben Aufsehen erregt, weil gewisse griechische Kreise, die heute der Regierung nabe slehen. in diesen Skandal hineingezogen worden sind. Merten, der nur dann nach Jerusalem zu kommen bereit ist. wenn man ihm freies Geleit zusichert, was die israelische Re- Erklärungen abgege-1 gierung generell Kriegsver. die Eichmann entla. | brechern verweigert —, sten sollen. Es dürfte war Militärgouverneur Hitseine Offenheit reinigend selbstverständlich sein, dass lers in Saloniki, wo er — wirkt. Ohne Vorbehalte ein Angeklagter das Bestrej jedenfalls vom griechiwird hier davon gespro. ben hat, solche Entlastungs-1 sehen Gericht, das ihn abchen,- dass sich alle Deutschen verantwortlich und schuldig fühlen müssen, weil sie sich durch ihr (feivernichten, teilen und Allen Wertur- Scheingründen ges) Schweigen zu Kompli-. der selbstherrlichen Verzen der Mordmaschine ge. | nunft stehe das klare Gemacht haben. Vielleicht j bot Gottes gegenüber: „Du wird auch dieses Schuldbe-1 sollst nicht töten!” kenntnis dazu beitragen, die saturierten Geister zur moralischen Umkehr zu bewegen, die ihr belastetes Gewissen im Goldrausch des Wirtschaftswunders zu ersticken versuchen. Die protestantische Synode hat sich übrigens auch zur Frage des sogenannten ,.Euthanasie - Programms” geäussert und festgestellt, das Amt eines Arztes sei es zu heilen und Leben zu erhalten, night aber Leben zu Wir verstehen gut, dass diese und ähnliche Erklärungen und Ermahnungen im Angesicht des Eichmann-Prozesses von der Kirche zum Ausdruck ge. bracht werden, und wir wissen solches Vorgehen auch als eine durchaus positive Erscheinung zu schätzen. Dennoch wird hiermit nicht die Frage beantwortet, aus welchen Gründen diese mahnenden Rufe der christlichen Geistlichkeit erst heute laut werden. Kannten die verantwortlichen Kirchen-Kreise nicht das göttliche Gebot auch schon zu Zeiten der Nazis? Wie war es möglich, dass der gesamte Klerus versagte und sich nicht ermannen konnte, für das göttliche Wort einzustehen, wüe tausende jüdische und nicht nur jüdische Märtyrer zu allen Zeiten bereit w'aren, für ihren Glauben für ihre Ueberzeugung, für ihren Gott zu sterben. Wie war das alles möglich? Man wird sich schwer damit rechtfertigen oder die- (Schluss auf Seite 2) urieilte —. des Kriegsverbrechens und des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig befunden worden ist. Er war für die grausame Deportation der Juden von Saloniki und damit für ihre spätere Vergasung mitverantwortlich. Die Erklärungen Mertens gipfeln in der Behauptung, dass Eichmann Befehlsempfänger war, und dass er, Merten, genau wüsste, wer diese entscheidenden Befehle gegeben habe. Wer das war, hat er noch nicht gesagt, jedenfalls diesmal nicht. Jeder, der mit diesem Fragenkomplex vertraut ist. weiss. dass Merten einen wütender. Kampf gegen den Staatssekretär Adenauers. Herrn Dr. Globke, führt, der nach der Behauptung Mertens der Hauptschuldige für den Tod der griechischen Juden ist. E-chmann war damit ein. verstanden — nach Merten wohlgemerkt — dass diese Juden nach Palästina aus. wandern. Dr. Globke. damals einflussreicher Beamter im nazistischen Innenministerium habe das verhindert. Das ist die Version. die Merten von diesen Vorgängen gab. Seinen Trumpf gegen Globke hat er noch nicht ausgespielt. Wer Globke ist, und welche Rolle er im hitleristi. sehen Deutschland innebatte. wissen wir. Das kann aber nicht dazu führen, dass nunmehr der Eichmann-Prozess für gewesene Nazis das Feld ist, ihre Feindseligkeiten unter sieh auszutragen. Es empfiehlt sieh, diese Vorgänge, die im Hintergrund des Prozes. ses abrolien mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Die von Merten erstrebte Entlastung Eichmanns ist ein Manöver, um seinen erbitterten Feind Giobke anzuprangern. Uns bleibt nur die Bemerkung: .iFeine” Leute.