Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1862 (21.3.1961)
- Date
- 1961-03-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616703-9612115-9612305--1189-9612312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Martes, 21 de Marao de 1961 LA SEMANA 1SBAEL1TA Ane XXII. — No. 1862 — 7 Theodor Herzl PUEYRREDON 21901. St. W; f. E. 83 - 2613 100 Jahre religiöser Zionismus!-^ grossen Ereig"isdsenB | Mit diesem gewiss sehr diene ganz besondere Bei aktuellen Thema eröffnete Achtung. Im Jahre 1860, demselben, in dem der Begründer des modernen Zionismus, Theodor Herzl, geboren wurde, entstand bereits der Gedanke der Neubesiedlung Palästinas, wurde aber nicht mit nationalen, sondern mit religiösen Argumenten begründet. Seine Anreger waren zwei Rabbiner der alten Schule aus den ehemaligen Gebieten Preussens. Zvi Hisch Kalischer aus Lis. sa und Elia Gutmacher aus der winzigen Posener Gemeinde Borek stammend. Kalischer im westpreussischen Thorn, Gutmacher in Pieschen und später in Graz tätig. „Eines Tages“, so wird in der von Buber herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude’’ <11, 5) berichtet, „erhielt Gutmacher von seinem vieljährigen guten Freund, vom berühmten Rabbi Zvi Hirsch Kalischer, eine briefliche Einladung zu ihm nach Thorn zu kommen, um über eine hochwichtige Volkssaehe zu beraten. Das war die erste Versammlung jüdischer Notabein und Rabbivon Rabbiner Dr. 1SEUFELD ner in Deutschland, die Rab- I toi Hirsch Kalischer Ende 1860 einberief, um die Frage der Besiedung Palästinas zu erörtern, und in der der Grundstein der Chibbat- Zion-Bewegung gelegt wur-! de, die einen grossen Teil j der jüdischen Orthodoxie Deutschlands umfasste und später von hier aus in anj dere Länder Übergriff.“! Gutmacher hatte vorher in ' seiner Schrift „Zofnat Paj neach“ mit klarem Blick j erkannt, dass im Judentum nicht nur durch Verfolgun- | gen, sondern auch und gera- I de in ruhigen Zeiten Gefahr droht. Er sah deutlich, dass im Westen der wirtschaftliche Aufstieg der Juden Hand in Hand mit moderner Aufklärung ging und damit die Grundlagen des Judentums allmählich unterhöhlte. Zwar lebten die Juden seiner Gegend noch im Sinne der Thora, aber es konnte nicht ausbleiben, dass auch sie allmählich vom Geist der Zeit ergriffen und dem Judentum lang. sam entfremdet werden würden. Als Heilung hierfür sah er die Rückkehr nach Erez Israel an, wo man den thoratreuen Juden eine Stätte der Zuflucht errichten könne. Die Thorner Konferenz hat nun den Grundstock für diese religiöse Palästinaarbeit gelegt. Kalischer legte nach der Thorner Konferenz seine Gedanken in einer Schrift: „Drischat - Zion“ (Sehnsucht nach Zion) nieder, die er in Lyck 1861, also vor hundert Jahren, erscheinen liess. Auf Grund religiöser Schriften sah er die jüdische Kolonisation in Palästina als notwendig an. Er betonte nur die religiöse Seite des Problems und schlug zur Verwirklichung die Gründung einer Gesellschaft wohlhabender Juden vor, die Palästina kolonisiern und die Juden’ zu landwirtschaftlicher Betätigung zurückführen sollte. Dieser Schrift folgte die Tat: in Frankfurt an der Oder, wo sich zu den Messen viele Juden trafen, wurde noch im selben Jahre 1861 von Chaim Lurie, Kalischer und Gutmacher die erste Palästina-Gesellschaft gegründet. Die Gedanken, die Kalischer in seiner Schrift niedergelegt hatte, gaben im folgenden Jahre einem aus ganz anderen westlichen Kreisen stammenden und ganz anders gesonnenem Mann, Moses , _uge Hess, viele Anregungen Referat „Rom und J<'X' Mit diesem gewiss sehr aktuellen Thema eröffnete die Theodor-Herzl-Gesellschaft ihr diesjähriges Winter-Veranstaltungsprogramm und dieser Abend, zu dem ausser Mitgiedern der Organisation auch eine grössere Zahl von Mitgliedern der! befreundeten Gemeinden, j vor allem von „Bet Israel”, ' erschienen war, dürfte als; ein voller Erfolg anzusehen! sein. Dr. Hardi Swarsensky,! Präsident de 1 ngetegten po- •*im GROSSER von Dr. IV. M. GELBER. ZIONIST Jerusalem (Schluss) Nach seinem ersten Besuch in Erez Israel im Sommer 1907 kam er zum Schlüsse, dass man für eine Erweiterung und Vertiefung der Palästinaaabeit eintre. ten müsse. Er wandte ailch sein besonderes Augenmerk der politischen Lage nach der jungtürkischen Revolution im Jahre 1908 zu, da er in ihr neue Möglichkeiten für den Zionismus sah, der seiner Ansicht nach die Schaffung eines grossen Jisehuws in Erez Israel mit Genehmigung und unter dem Schutz der neuen konstitutionellen türkischen Regierung erstreben müsse. IN OPPOSITION UND EXEKUTIVE Tschlenow stand in Opposition zu der zionistischen Exekutive unter Wolfsohn und wurde bald als einer ihrer Führer angesehen. Er hätte einen bedeutenden Anteil an dem Sieg, den der synthetische Zionismus auf dem 10. Kongress errang. der Tätigkeit des Palästi-. Tschlenow dann in London naamtes in Jaffa unter Dr. an. Weizmann und Sokolow! Arthur Ruppin und erfolgj waren gegen die neutrale reiche politische Arbeit in! Politik, die Tschlenow bis der Türkei. Der Ausbruch des Weltkrieges setzte dieser Epoche ein jähes Ende, und Dr. Tschlenow musste nach Russland zurückkehren. RUSSLAND UND LONDON Von einem such in Erez zweiten Be. Israel kehrte Tief besorgt, wer die zionistische Politik weiter führen und was das Schicksal des Jischuw sein werde, schlug Tschlenow vor, das zionistische Zentralbüro zu verlegen und Kopenhagen. 1914 beteiligte er sich an einer Sitzung des grossen Aktionscomites. die in dieser Stadt stattfand und bei der er und Sokolow betraut wurden,in den Ländern der Entente den Boden für die zionistischen Bestrebungen vorzubereiten. Ende 1914 kamen beide nach London und leiteten dort gemeinsam mit Dr. Weizmann die politische Arbeit. Im Mai 1916 kehrte Tschlenow nach Russland dahin verfolgt hatte, da es ihrer Meinung nach, unvorstellbar war, dass beide kriegführende Parteien i gleichzeitig den Zionismus j unterstützen würden. Daher I sei es notwendig, eine klare , i proenglische Linie festzule-! c*'e- Es j gen. BALFOUR-DEKLARATION Tschlenow sehr ermutigt; zurück. Bald verlangte man und voll Zuversicht zurück da er den Eindruck gewonnen hatte, dass die praktische Arbeit im Lande grosse Fortschritte mache. Beim 11. Kongress wurde Tschlenow zum Mitglied des Engeren Aktionscomites der Exekutive gewählt, und hiermit begann für ihn eine neue Epoche. Als zweiter Vorsitzender der Exekutive leitete er faktisch ihre gesamte Tätigkeit. Diese Exekutive, die in Berlin ihren Sitz hatte, konnte auf bedeutende Leistungen hinweisen: ein grosser! AuL von ihm, dass er wieder nach England gehe, aber er schob seine Reise immer wieder auf. Auch Achad Haam hielt es für notwendig. dass «Ich Tschlenow nach Londoj» begebe, aber dieser sah «Ich ausserstande, in einer solchen Zeit Russland zu verlassen. Endlich jrHste Tschlenow im Juli l!Mf, zur Zeit der Revolution von Petersburg ab und fclng nach Stockholm, wo er das Manifest der Poale Zion verfassen half, welches für die Internationale Konferenz der sozialischwung in Organisation und stischen Parteien bestimmt Erziehung, die Erweiterung ‘ war. Im Oktober 1917 kam Zur Zeit der Verhandlungen um die Balfour-Deklaration vertrat Tschlenow die Meinung, dass diese einen zwar nach 1 konkreten Inhalt bekommen Im Jahre | miisse. da sie in der vorgeschlagenen Form eine Konzession an die Araber bedeute und nichts Konkretes, Praktisches zu Gunsten der Juden enthalte. Er hatte den Eindruck, dass England j in erster Linie an Russland I interessiert war und zu i diesem Zweck den jüdischen j Einfluss auszunutzen suchte. Daher wollte Tschlenow, | dass man von England nicht j nur eine Erklärung, sondern auch Taten verlange, nämlich Böden, jüdische Beamte und ein passendes Finanzsystem in Palaestina, usw. Er akzeptierte schliesslich den pro-englischen Kurs von Weizman und Sokolow, konnte aber nicht der Ansicht zustimmen, dass zwischen England und den Zionisten eine vollkommene Identität der Interessen bestehe. Zu dieser Zeit aber war Tschlenow bereits ein Todeskandidat. Tuberkulose und eine Lugenentzündung setzten seinem Leben und seiner Tätigkeit ein vorzeitiges Ende. Er starb in London am 19 Schwat 5688 (19. Januar 1918). . _ seinem Werk: Jerusalem“. Aber trotz der weltanschaulichen . Gegen sätze toegrüsste der grosse Talmudist und Kabbalist Gutmacher im grossen jüdischen Sozialisten und Philosophen Moses Hess seinen Gesinnungsbruder. Die FranKfurter Gesellschaft wurde 1864 nach der nahen Hauptstadt Berlin, ii der damals schon mehr als 20.000 Juden wohnten, verlegt, und unter dem Namen: „Zentralcomite für die jüdische Kolonisation in Palästina“ erweitert. 1866 gab . Kalischer eine zweite, ver- | mehrte Auflage seines Wer. j kes in Thorn heraus. Im i selben Jahre erliess er zu- | sammen mit Gutmacher ei- . nen Aufruf an die Juden zur Unterstützung des Palästi-! nagedankens. Er versuchte j auch, Moses Montefiore und Adolphe Cr4m ieux, den Xr^i^enten der Alliance Isiadlit« Universelle für I seine Fliiaie zu Sewinnen. j Die Verhandlungen mit CrC- ■ mieux führten 1868 zur Gründung der landwirtj schaftlichen Schule in Mik- \ we Israel durch die Allian- | ce. I Kalischer und Gutmacher sind so die ersten Vorläufer des religiösen Zionismus I der später in der Misrachi- Bewegung organisiert wurwar eine selbstverständliche Ehrenpflicht, dass zwei religiöse Kibbuzim, Tirat-Zwi und Sde Eliahu, nach diesen beiden Wegbereitern benannt wurden. Auch die Stadt Tel Aviv hat schon vor Jahrzehnten eine Strasse nach Kalischer und vor kurzem in den neubenannten Teilen von Jaffa eine Strasse nach Gutmacher genannt. Investitionen in Israel Jerusalem. — Die Gründung einer Investitions- Gesellschaft mit 3 Millionen Dollar jüdischmexikanischen Kapitals wurde hier angekündigt. Die Gesellschaft, die „Fomento” heissen soll, wird von i4" Gesellschaften finanziert, die 50 % des Kapitals beisteuern! werden, während der j Rest durch die Emission j von Wertpapieren in Mexiko gedeckt werden soll, j An der Spitze der Gruppe stellen I. Livej rand und A. Rosenblum. Eine halbe Million Dollar ist schon nach Israel i transferiert werden. — I Export nach Russland un Ungarn Tel Aviv. — In den ersten acht Monaten des abgelaufenen Jahres war eine stariyse der gegenwärtigen jü_ ^■jtri^Sfl^Situation ■ vor dem Hintergrund g’rä^st'T.’L^ Weltgeschehnisse. DIE JUEDISCHE LAGE Der 25. Zkxnistenkongress, der an der Jahreswende 1960/61 zu Jerusalem stattfand, vereinigte zwar eine Höchstzahl von Delegierten zu sehr fruchtbaren Debatten, fand aber in der jüdischen Welt nicht jenes Echo, j das man erwartet hatte, was der Redner auf die re.; lative Ruhe zurückführt, i der sich weite Teile der Juj denheit erfreuen, selbst an-; gesichts einer Lage wie i derjenigen in Marokko, wo grosse Schwierigkeiten vor- , handen sind. ' Auch mit dem Schicksal! der mehr als zwei Millionen russischer Juden befasste sieb der Kongress, deren Leben nicht bedroht ist, die aber daran gehin. dort werden, als Glaubens- ^^««omeinschaft frei zu leben, uua tue man b<- wusst vom Weltjudentum isolieren will. Dennoch zeige sich das Phänomen, dass diese seit mehr als vier Jahrzehnten vom Gesamtjudentum ferngehaltene russische Galut auf die Stunde ihrer seelischen Befreiung wartet, und es erhebt sich die Frage, ob das jüdische Volk darauf vorbereitet ist, eines Tages, wenn die Stunde schlagen sollte, Hun. derttausenden unserer Brüder zur Auswanderung und Alijah nach Israel zu verhelfen. ISRAELS PROBLEME: Es unterliege keinem Zweifel, so führte der Referent weiter aus, dass in Israel Mangel an Arbeitskräften herrsche, und dass der jüdische Staat neben dem immer bestehenden Sicherheitsproblem auch dasjenige der allzu geringen Einwanderung habe. In diesem Zusammenhang streifte Dr. Swarsensky die durch die Lavonaffaire entstandene Regierungskrise, bei der sich zeige, dass die jüngeren Israelis mehr zu Ben Gurions spezifisch-israelischer Politik neigen und oftmals kein Verständnis für das Jüdische Volk in der Galut haben, was ein normaler Entwicklungsprozess sei. Auch das Verhältnis „Staat—Histadruth“ verke Zunahme des israelischen Exports nach der Sowjetunion und Ungarn zu verzeichnen, wie jetzt mitgeteilt wurde. Die Ausfuhren nach der Sowjetunion stiegen von 81.000 IL im Vergleichsraum des Vorjahres auf 274.000 IL, die nach Ungarn von 613.000 auf 1.45 Millionen IL. diene ganz besondere Ächtung. DER SCHWARZE KONTINENT: Der Redner schilderte sodann die mit elementarer Kraft sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen in Afrika, die vielfach eine sogenannte „Dritte Kraft“ im Konzert der Weltmächte anstreben und verwies auf den engen Kontakt Israels mit «<nif»en dieser Länder, auf! die j^sache, dass Israels landwirtschaftliche Exper. j ten besoxföre Anerkennung :fänden gegen stünden! die fabischen Versuche, Israel aus diesen neuen Verbindungen zu verdrängen, auch die Bemühungen den mohammedanischen und den christlichen Missionen in den neuen Ländern Plätze einzuräumen, was zu einer Schwächung der jungen israelischen Position in Afrika führen könnte. Sehr gut bewährte sich die französisch, israelische Allianz, welche die Gefahr der Isolierung von Israel abwandte. Viel hänge von dem aussenpolitischen Kurs der neuen amerikanischen Regierung unter Kenndy ab, die vielleicht den Frieden im Mittleren Orient erreichen könnte. Auch Cypern, das neue Mit. glied des „Commonwealth“, könne möglicherweise eine wichtig«» Vermittlerrolle zwischen Israel und den .-rahern spielen. Doch überall sei die Hebung des Lebensstandards der breiten Volksschichten das Kernproblem, Um extreme Tendenzen und Diktaturen, um jede Art von Gewaltherrschaft zu vermeiden. DER GROSSE PROZESS: Der Eichmann - Prozess werfe seine Schatten voraus. Man könne verstehen, wenn deutsche Staatsmänner sich Sorge darüber machen, dass die Weltöffentlichkeit auf Grund der furchtbaren Nazigreuel, die behandelt wür. den, abermals sich gegen Deutschland wenden würde, worin letztlich nur eine natürliche Reaktion zu erblikken sei. Aber auch unsere Gegner seien sehr rührig, und diese Gefahr neuer antisemitischer Propaganda werde von unseren zentraleuropäischen Juden vielfach in ihrer Tragweite nicht verstanden. Alle demokratischen Menschen in der Welt glauben an den Gerechtigkeitssinn Israels. Wir Juden, gerade in diesen Tagen zwischen Purim und Pessach, zwischen der Erinnerung an Erniedrigung und der Befreiung aus Sklaverei, müssten zu uns selbst zuriiekzufinder. versuchen. Ist doch der Jude auf Grund seiner Geschichte der Prototyp des Freiheitskämpfers. Vielleicht besteht Israels Aufgabe mehr, als wir zu ahnen vermögen, darin, einen grossen Dienst der gesamten Menschheit zu erweisen, indem dieser kleine und junge Staat, der kurz nach Pessach dreizehn Jahre alt wird, entscheidende Schritte auf den Gebieten des sozialen Fortschritts und des Aufbaues eines wirklichen Weltfriedens tun kann. Mit dieser Hoffnung schloss das mit starkem Beifall aufgenommene Referat. C. W.