Mannheim
Compact Memory

Jüdische Wochenschau · 1961-03-17 · 1861 (17.3.1961) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1861 (17.3.1961)
Date
1961-03-17
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German, Spanish
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9616703-9612115-9612296--1181-9612304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

FKANQJEO P/.«ADC Coac*iioa 908 Con« ación 1S29 TARIFA REDUCIDA Año XXII. BUENOS AIRES, VIERNES 17 DE MARZO DE 1961 Na. 1861 EL EJEMPLAR! •n toda la Rapúblinit} - Buanot Airaa PUCYRREDON 2190 1« iaq. T. E. 83 . 2613 Was Eichmaim einem Journalisten gesagt hat Ein Zitat von Adolf Eich, mann selbst ist die beste Einleitung zu der seltsamen Geschichte, die zur Veröffentlichung seiner .Memoiren" in der grossen amerikanischen Zeitschrift ,,Life" führte: ..Wieviele Jahre wird das Schicksal mir noch gewähren?” — liest man am Anfang der ersten Fortsetzung — ..Ich weiss es nicht. Was ich weiss, ist. dass jemand die heutige Generation und die späteren über die Ereignisse meiner Zeit ins Bild versetzen muss. Ich schreibe diese Geschichte im Vollbesitz meiner physischen und geistigen Freiheit, ohne unter irgendeinem Einfluss oder Druck zu stehen. Mögen die Geschichtsforscher der Zu. kunft objektiv genug sein, um sich der Wahrheit nicht zu entziehen, die ich hier festhalte. Ich habe es langsam satt, wie ein namenloser Landstreicher zu leben, zwischen zwei Welten verloren, selbst von der Polizei meines eigenen Vaterlandes ge. ' sucht zu sein. In Nürnberg haben diejenigen meiner Untergebenen, zu denen ich am meisten Vertrauen hatte. gegen mich ausgesagt. Sie waren nicht die einzigen. Vielleicht haben all diese Männer mich belastet, um sich selbst reinzuwaschen. Doch wenn das jahrelang so geht und jeder sich den anderen anschliesst, um die Fehler aller mir in die Schuhe zu schieben, entstellt schliesslich eine Legende, in der das meiste Uebertreibung ist. In Wirklichkeit war ich nur ein kleines Rädchen in der Maschinerie, die die Anweisungen und Befehle fles Deutschen Reichs ausf-ührte. Ich bin weder ein Mörder noch Organisator von Massenexekutionen. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, mit guten Eigenschaften und vielen Fehlern. Ich war nicht ,,der Zar der Juden”, wie eine Pariser Zeitung mich genannt hat. und ich bin nicht für alles verantwortlich, was ihnen Gutes oder Schlechtes an- ' getan wurde. Dass ich an der physischen Vermeidung der Juden beteiligt war, gebe ich frei und ohne Zwang zu. Schliesslich war ich der. der die Juden in die Lager transportierte. Hätte ich sie nicht dorthin gebracht, so ( wären sie dem Schlächter nicht ausgeliefert worden. . Doch, was ist da zu ge- , stehen? Ich habe Befehle au.Ngeführt. Es wäre ebenso absurd, mich für die ganze , ..Endlösung der Judenfragc" verantwortlich zu machen, wie es grotesk wäre, ' dem Direktor der Eisenbahn. die für den Transport der Juden verwendet wurde. diese Verantwortung auf zubürden. Was wäre ge- '■ schehen, wenn damals jeder . darüber nachgedacht hätte,] was man ihn zu tun zwang?; Man kann das heute in der ..neuen’ deutschen Armee tun. Aber zu unserer Zeit i war Befehl Befehl. Wenn ich einen Befehl Adolf Ilit- , lers, der damals der Füh-1 rer des deutschen Reichs , v'ar, sabotiert hätte, wäre | ich nicht nur ein Schuft ge- wesen, sondern ein verach. tungswürdiges Schwein wie jene, die ihren Soldateneid j verrieten, um sich den Verbrechern anzuschliessen, die die Verschwörung vom ■ 20. Juli 1944 gegen Hitler | organisierten .. Ich bereue nichts und werde nicht Busse tun. Es wäre zu einfach, zu behaupten, dass ich mich von einem Saulus in einen Paulus verwandelt hatte. Nein, ich muss offen sagen, hätten wir alle zehn Millionen Juden umgebracht, die in Hit. lers Statistiken 1933 ursprünglich angegeben waren: ..Sehr gut, wür haben einen Feind vernichtet.” Dies sind nur einige von den 15.000 Worten, die ..Life” veröffentlicht hat. Nur fünfzehntausend von den 300.000 Worten, die den Herausgebern zur Verfügung standen. Sie bestanden aus der Niederschrift vielstündiger Ge. spräche, die Wilhelm Sassen, ein deutsch-holländischer. in Buenos Aires ■wohnhafter Journalist auf Tonband aufgenommen hatte. Vier Jahre bevor die Leute vom israelischen Ge. heimdienst Eichmann fanden und aus Argentinien entführten. hatte Sassen; sein Interview bereits abgeschlossen. Er hatte sogar ..Life” ein erstes Angebot gemacht, das aber abgewiesen wurde. I Sassen selbst ist ein Mann mit belasteter Vergangenheit. Halb Holländer, halb , Deutscher, diente er in der Waffen-SS. Mitten im Krieg kehrte er nach Amsterdam , zurück, um dort eine nazifreundliche Zeitung zu leiten. Nach der Niederlage; wollten ihn die Holländer als Kollaboralionisten abur- 1 teilen. Er flüchte jedoch nach Irland, von wo er 1947 nach Argentinien ging, j Seitdem arbeitet er als freier Journalist für viele Zeitungen und Zeitschriften, j darunter ..Life”. Er hat nie i seinen Namen geändert. Na. türlieh fand er in Argenti- | nien zahlrciclie nazistische Freunde. , von SYDNEY C. COOPER stellte sich als Ricardo; Krumey, ehemaliger Gehil. , fe von Eichmann, vor. Als j er erfuhr, dass Sassen Jour- I nalist war, sagte er. er habe eine „explosive” Ge- , schichte zu erzählen, die historisch sehr interessant wäre. Sie beziehe sich auf! die während des zweiten Weltkrieges getöteten Ju- I den. Neugierig geworden, 'lud Sassen den Mann zu; sich ein und fing an. ihn vor i einem Tonbandgerät zu interviewen. „Ich hatte keine Sekunde den Verdacht, dass er Eichmann sei”, versichert Sassen. „Er hat. te mir gesagt, Eichmanr sei bei Linz umgekommen.” j Eines Tages jedoch pas- | sierte dem Mann mit dem Tic ein Lapsus. Während ei-; nes Interviews platzte er 1 plötzlich heraus: ,Wie konn-; te ich, Eichmann, befehlen, ■dass...” Sassen stellte das 1 Aufnahmegerät ab und sagj te: „Ich denke, Sie haben ' mir nicht mehr viel zu sagen, nicht wahr?” i Sassen berichtet weiter: „Nachdem ich seine wahre! Identität entdeckt hatte, in. teressierte mich die Sache brennend, und ich suchte; herauszufinden, ob ihn sein 1 Gewissen zum Reden veranlasst habe oder andere Gründe. Ich betrachtete es als berufliche Pflicht, im Rahmen des Möglichen die erschütternde und blutige Geschichte des Judenmassakers während des Krieges ’ abzuklären. Ich dachte, man müsse die in alle Ein- _ zelheiten gehenden Erinne- I rur.gen Eichmanns dazu be- ' nützen, um Licht in dieses I dunkle und schreckliche Kapitel der neueren Geschich- , te zu bringen. Die Deut. I sehen wie die Juden, ja, die ganze Menschheit hatte ein Recht auf diese Abklärung.” i GESPRAECHE j ZWEIER NAZIS j Wohlverstanden, das ist ¡Sassens Version, aber es ■ bestehen gute Gründe für; ' die Annahme, dass er von | Anfang an wusste, mit wem; , er sprach. Schliesslich wa- : ' ren Eichmann wde er Nazi, I ehemalige SS - Angehörige | und jetzt Emigranten, und 1 es ist klar, dass zwischen den beiden Männern auf! Grund dieser gemeinsamen ' Vergangenheit eine gewisse Vertraulichkeit aufkam. Ei. j ner der wenigen Männer, der den vollständigen Text der Gespräche gelesen hat, sagt: „Sie wimmeln von der Art ordinär-vertraulicher Sprüche, die alte Waffenkameraden zu wechseln lieben. Es sind typisch zwei Nazis, die sich miteinander unterhalten.” Eichmann traf sich mit Sassen allwöchentlich in Sassens Wohnung. Es fanden etwa 30 Sitzungen statt, deren jede durchschnittlich vier Stunden dauerte. Der Text wurde nach den Ton. bändern von einem deutj sehen Stenographen abge-, nominen und getippt. Spä. j ter fügte Eichmann Berner- ■ klingen und Korrekturen bei. j Er schrieb zudem eigenhän-; dig mehrere Kapitel. Die definitive Fassung des Ma. j nuskriptes umfasste sein | ganzes Leben, von der Kind-j heit bis z.ur Flucht aus den i amerikanischen Gefange-' nenlagern, nach dem Krieg. Es enthält lange Einschiebungen über jüdische Geschichte, die Politik Hitlers in bezug auf die Juden und die Gründung des Staates Israel. Anlässlich der Schilderung seiner Reise nach Israel im Jahre 1937 schreibt Eichmann: „Ich habe genug gesehen, um von der Art, wie die jüdischen Siedler ihr Land aufbauen, beeindruckt zu sein. Ich habe ihre verzweifeilten Lebenswillen bewundert, um so mehr, als ich selbst Idealist bin.” Im Verlauf der Gespräche las Sassen Eichmann Auszüge aus antinazistischen historischen Werken und den gegen ihn im Nürnberger Prozess gemachten Aussagen vor. Eichmann bekam manchmal Zornausbrü. che. „Sie bekommen das Manuskript”, sagte er eines Tages, .erst wenn ich tot oder gefangen bin. Darm wird es wichtig sein. Heute würde es niemand veröffentlichen wollen.” (Schluss folgt» Neue Version über Wallenbergs Tod IN EINER BAR IN BUENOS AIRES Nach der von ihm selbst erzählten Version der Ereignisse, wartete er eines Tages im Jahre 1955 in einer Bar in Buenos Aires auf einen Freund, als ihm am Nebentisch ein Mann auffic], der „eine Brille trug und am linken Mundwinkel einen Tic hatte. Da ich mich für Theater und für Gesichter sehr interessiere”, erzählt Sassen weiter, ..begann ich den Mann zu beobachten und das passte ihm nicht. Er schaute umher, um zu sehen, ob ich nicht jemand anders fixiere, dann sagte er brüsk auf Deutsch zu mir: „Was interessiert Sic so?” Und darauf kamen wir ins Gespräch.” ElCmi ANX VERHAFT SICH „Der 'Marin mit dem Tic” j Raoul Wallenberg, ein | wohlhabender Mann, der j seine Aufgabe im schwedi-! sehen diplomatischen Dienst nur zu Rettungszwecken; auf sieh nahm, um mög-! liehst vielen in Ungarn vom Tode bedrohten Juden durch; Ausstellung von Reisepapie. ren zur Flucht zu verhelfen, : ist verschollen. Alle paar I Monate taucht immer wieder ein Gerücht auf, dass er sich — einmal da, einmal dort — irgendwo noch am Leben befinde. Bisher aber ' erwies sich keiner dieser Berichte als stichhaltig.! Während der Sammlung von Material zum bevorstehenden Eichmann Prozess stiess ich im Archiw des Gedächtniswerkes „Yad Washem“ in Jerusalem dank der freundlichen Ani leiHing des sachkundigen, j dort tätigen Werner David; Melchior auf Dokumente, 1 die den Gedanken nahebringen, dass der „Rettungsen- , gel“ Raoul Wallenberg in Eichmanns Auftrag ermordet worden ist. Für gewisi senlosse Massenmörder kann es ja keine Rolle spielen, auch Diplomaten „bei freundeter Staaten“ unvbringen zu lassen. I Wir veröffentlichen hier i die bisher nur einem gewis. i sen Kreis in Schweden bekannten Dokumenle: In einem von Erdmannsdorff | aus der Berliner Zentralstelle am 17. 12. 1944 nach | Budapest abgesandten Telei gramm wird berichtet, dass 1 der schwedische Gesandte; in Berlin dagegen protestiert 1 hatte, dass Eichmann die ° Absicht habe, „den soge- | nannten Judenhund Wallen, borg zu erschiessen“. Dieser „Protest“ scheint aller. . dings in einer für Nazis viel von MEIR FAERBER, Tel Aviv zu höflichen Form vorge- ' das Erschiessen und sonsti nommen worden zu sein,! als dass Schweden damit; hätte Erfolg haben können, i In dem berliner Telei gramm heisst es weiter: „Es handelt sich um Lega- I tionssekretär Wallenberg, der bei der schwedischen , Gesandtschaft in Budapest ’ tätig ist und vor allem die I Frage der Erteilung von Schutzpässen für Juden be. I arbeitet. Aesserungen ähni licher Art habe der Stell.! Vertreter des SS-Komman- : dochefs namens Droegger I (soll richtig heissen: Dan- ' neeker) getan. Ferner sei; gemeldet worden, dass ein 1 jüdischer Angestellter der Gesandtschaft mit seinen 3 | Fanulisumitgliedern durch unbekannte Tater ersehos- 1 sen worden ist.“ ges Ermorden aller ihnen momentan unbequemen Leute selbstverständlich war; Schweden und schwedisches Personal mögen aber bitte nicht erschossen werden .. Alles andere ist ja doch vogelfrei. E idman nsdorff be ru h i g te den Gesandten Richert, „wenn solche Aeusserungen gefallen seien, wären sie gewiss nicht ernst gemeint“. Der schwedische Gesandte „räumte diese Möglichkeit ein, verwies aber darauf, dass die zur Zeit voraussichtlich in Budapest herrschende aufgeregte Stimmung zu ernsten Zwischenfällen führen könne". (War vielleicht auch die Ermordung des schwedischen Gesandtschaftsbeani- „Auf meine Frage“, be- richtet Erdmannsdorff wei gehabt haben. Dies trifft insbesondere für Delega. tionssekretär Wallenberg zu, der sich in durchaus unüblicher Weise für ungarische Juden eingesetzt hat, die zum Grenzarbeitsdienst eingezogen waren. Es steht auch fest, dass dabei mit absolut illegalen Mitteln versucht wurde, diese unter Schutzpassverteilung der gesetzlich verankerten Arbeitsverpflichtung zu 'entziehen. Aus dieser Stimmung heraus sind berichtete Aeusserungen möglicherweise gefallen, jedoch nicht als ernsthafte Drohung sondern vielmehr, um auf weitere derartige Manipulationen abschreckend zu wirken. Erwähnte jüdische Ange stellte sind ungarische Staatsangehörige mit schwedischen Schutzpässen. „Eine endgültige Sachdarstellung kann jedoch erst nach Befragung des! ten und seiner Angehörigen „nicht ernst gemeint“?) j Obersturmbann - Führers . In dem - erbetenen Draht- | Eichmann, der siclj zur Zeit * bericht”' der am 20 12• 1944 unterwegs befindet, gegeben dii(he Gesandte dass dievon Budapest abging und : werden .. _ ser Angestellte der schwe-, ejwa fünfeinhalb Stunden | Veesenmayer“. gezeichnet: dischen Gesandtschaft wahrscheinlich ungarischer Staatsangehöriger sei.“! Und nun folgt ein für jene Zeit und das politische! Verhältnis der anderen Staa. ten zum Dritten Reich ebenso typischer, wie heute später in Berlin registriert wurde, können wir nachlesen: „Gesandtschaftsrat Grell berichtet, dass es den Tatsachen entspricht. dass Führer des SD-Judensonder. Dass die Verantwortung für die Ermordung der -Juden Ungarns auf Eichmann lastet, ergibt sich — selbst wenn man keine sonstigen. Dokumente kennt, bereits aus diesen beiden Tele. einsatzkommandos SS-Ober. | grammen. ____ . _ Indirekt ergibt naiv und dumm klingender sfurmbannführer Eichmann ' sich ferner aus ihnen — für Absatz: „Gesandter Richert un(j sejn Vertreter SS-Un- ¡jemanden, der mit den Verfügte hinzu, er sei beauftersturmfiihrer Danniger! hältnissen jener Zeit und tragt worden. Vorstehendes (son auch hier statt Danni. 1 jenes Landes vertraut ist — dem Auswärtigen Amt miti „er rjchUg Dannecker hei- | auch die Wahrscheinlichkeit, zideilen mit der dringenden I °sen) des öfteren in letzter dass Eichmann den Lega- Bitte, die zuständigen Stel- ^eit berechtigten Anlass zu! tionssekretär Raoul Wallen, len in Budapest anzuweisen, j j<ritik gegen Angehörige des j berg einfach umbringen Hess dahin zu wirken, dass kein Judenbüros der budapester ■ um sein Rettungswerk zu Schwede und kein Angeho-! sChwedischen Gesandtschaft zertrümmern, riger der schwedischen Ge_ ■ ‘ sandtschaft erschossen wür- | den.“ So weit hatte sich | die Welt bereits damit ab- .--- gefunden, dass den Nazis im»reso en la Imprenta POLIGLOl’A Registro de la Propiedad Intelectual No. 656.635 /1 ttf ■a! •si J •IFJ - -C Rivadavia 831

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.