Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1830 (25.11.1960)
- Date
- 1960-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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FRANQUEO P/.tïADO ConcNiia 908 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Año XXI BUENOS AIRES, VIERNES 25 DE NOVIEMBRE DE 1960 No 1830 EL EJEMPLAR» en toda la República j ** Buenos Aires PUEYRREDON 2190 19 Uq. T. E. 83 . 2613 M oroer von ■i ■i Es wav arn 4. Oktober 1955, ln Oldenburg, wähl end des Prozesses gegen einen jener Unmenschen, die an den Massenmorden in den Vernichtungslagern der Nazis teilgenommen haben. Soeben wurde als Belastungszeuge der extrg aus Cholon nach 'Westdeutschland gekommene. 69jährige- Abraham Ochs veinororren. In einer Pause, wä brend seiner Aussage, mu. Sterte er die Bänke, auf -de- •*fen die von der Verteidigung geladenen Gegenzeugen Platz genommen hatten —• und erblasste. Denn wenn ihn Seine Erinnerung nicht völlig Puschte, sass dort kein andeier, als derselbe Thoma. rtek, der als Komplize des Angeklagten damals selber ata der Ermordung vieler Dutzende Juden schuldig geworden war. Nach Sitzungsschiuss begab sich Herr Ochs unverzüglich zur Polizei, und noch am gleichen Tag wurde Thomanek in Haft genommen. Im eisten Strafverfahren, das gegen ihn geführt wurde, bestritt, er alles, wurde aber dennoch zu 15 Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Als sein Verteidiger Berufung einlegle, tat die Staatsanwaltschaft das gleiche. Nun ging man daran, den Berufungsprozess sorgfältiger als den erst, instanzlichen vorzubereiten. Die Anklage - Behörde des Landes Rheinland/Westfalen sorgte nicht nur für eine weit detaillierter als früher ausgearbeitete schriftliche Begründung; sie veröffentlichte in Israel und anderwärts ausserhalb der Bundesrepublik auch Inserate, in denen die Ueberlebenden der betreffenden Bager auf ge. fordert wurden, sich zu melden. Sie machte sich erbötig, diesen Zeugen ihre Reisekosten, den Aufenthalt am Pro. zessort und Verluste durch das Fernbleiben von ihrer Berufsarbeit zu vergüten. ISRAELIS ALS „MINJAN-MAENNER” Dt. Berufungsprozess fand in Hagen statt, einer Stadt mit einer Bevölkerung von Brüderlichkeit Montevideo. — Im Theater Solis fand ein Chor- (tonzert der jüdiseh-christ. °fichcn Bruderschaft statt, dessen Reingewinn für die hiesige Entbindungsanstalt bestimmt ist. Bei der Veranstaltung wirkten der israelische Synagogen eher, der Icttbolisene J uv ntus-Chor und de. .-uut . slantische Sebastian Bach-Chor mit. Das Koi , < rt hatte einen ungewöhnlichen Erfolg nicht nur als musikalisches Ereignis sondern auch als ein Mittel zur Annäherung zwischen den drei ReRfr'nren HTA 170.000 Menschen — und einer so kleinen Zahl von Juden, dass sie in ihrer Synagoge keinen Minjan bilden. Das er möglichten ihnen erst die 23 als Belastungszeugen gekommenen Israelis, die während zweier Wochen im Zentralhotel einlogiert wurden, das einem nach Hagen zurückgewandelten Juden gehört. j Die übrigen Mitglieder 1 dieser Gemeinde bestehen gleichfalls aus .Jordim. oder aus einigen wenigen osteuropäischen Juden, die dorthin verschlagen worden waren. So konnte zweimal am Schabbat, unter Teilnahme der Israelis, wenigstens ein regelrechter Gottesdienst abgehalten werden. i VOM GANG DES PROZESSES j Das Verfahren begann am 10. Oktober unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirek- : tors Schulte, dern zwei andere Berulsrichter und sechs ¡Geschworene zur Seite standen. Die Anklagebehörde hatte 2wei ihrer besten Staatsanwälte zur Verfügung gestellt. Der Angeklagte, Paul Thcmanek, im 51. Lebensjahr, bezeichnete sich als Eisendreber von Beruf. Er machte den Eindruck eines kerngesunden Mannes und liess es — wenigstens zunächst — keineswegs an selbstsicherem Auftreten fehlen. Als die Anklageschrift verlesen wurde, blieb er passiv; nur manchmal runzelte er die Brauen. Ihm wurde vorgeworfen, in den Jahren 1941 bis 1943 im Bezirk Tarnopol 118 Juden und Jüdinnen durch Revolverschüsse ermordet zu haben und sich direkt ap der •— mit Massenmorden verbundenen — Liquidierung der Zwangsarj beitslager vor. Tluste und jBuczacz beteiligt zu haben, in denen über 2.000 Juden interniert gewesen waren. Als Belastungszeugen waren Insgesamt 60 Personen geladen worden und erschienen Der Angeklagte erklärte nach Verlesung der Anklageschrift auf die Frage, ob er sich schuldig bekenne, mit Nachdiuck: „Ich habe nicht einen einzigen Juden getötet.” Er sei im Bezirk von Hultschin, in Mähren (CSR), als Sohn eines Bergwerksinspektors geboren, fuhr er fort. Einer seiner Brüder habe es bis zum Titel eines Musikproftssors gebracht, er selber aber hätte die Volksschule nur rnit Mühe durchgemacht. Dann habe er sielt abwechselnd sowohl in der CSR wie in Deuischland aufgehalten, und darunter gelitten, dass die Tschechen in ihm einen Deutschen sahen, und die Deutschen einen Tschechen. Vor dem letzten Weltkrieg arbeitete er nach seiner Aussage in einer Fabrik in Deutschland. Als der Krieg ausbrach, sei er dort .militärdienstpfliehtig gewesen, hätte sieh rnit Erfolg aber zur Hilfspolizei gemeldet, weil ihm das gjcheier ¡schien. Nach der Besetzung Polens sei er in <jje SS gekommen und der Sicherheitspolizei in Lemberg zugeteiit worden. Er habe es dann zum Feldwebel mit dem Dienst in den Militärmagazinen von KZ-Lagern gebracht. deren Insassen beim Wegebau auf der Strecke Tamopol-Kiew „eingesetzt” waien. Damals, erklärte Thomanek, habe er den SS-Gene- 'ral- Katzmarm zum ersten (Mal kennengelernt. Das sei fahrend einer Anspraehe jvor SS-Leuten gewesen, in der Katzmann wörtlich gesagt habe: „Ihr seid in Feindesland, und die Juden sind unser grösster Feind. Sie haben den Krieg entfesselt. Sie alle werden fiüher oder später daran glauben müssen und es macht also keinen Unterschied, ob beim Bau jedes Chausseen _ Kilometers tausend oder zehntausend Juden draufgehen. Jede Scheibe Brot, die sie essen, geht unseren Frauen und Kindern in der Heimat ab.” Deshalb habe Katzmann in dieser Rede und später angewiesen, alle nicht arbeitsfähigen Juden „umzulegen”. .Ohne vorherige Warnung sei ¡jeder von ihnen zu erschiejssen, der zu flüchten versuche: und gelinge ihm die ¡Flucht, seien jedesmal zehn andere an seiner Stelle zu er. schiessen. „Ich hörte davon zum ersten Mal”, fügte Thomanek mit gespielter Naivität hinzu. „Bis dahin hatte ich überhaupt noch nie gehört, dass Juden hassenswerte Geschöpfe sind. In der Gegend, in der ich aufwuehs, hatte es keine Juden gegeben, Nun dachte ich — wenn! ein General Hitlers das sagt, stimmt es sicher auch ” Im Jahre 1943 übertrug ihm dieser SS-General die Verantwortung für ein Zwangsai beitslager im Bezirk von Chortkow. Anfangs befanden sich dort, nach der Erklärung des Angeklagten, als Häftlinge nur gut ausgebildete Handwerker und andere Fachleute. „Die Juden kamen aus freien Stücken ins Lager. Ich gestattete ihnen, sich dort mit ihren Familien häuslich einzurich. ten, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Zunächst wurde ¡das Lager nicht einmal von i Stacheldraht umzäunt. Die Lage änderte sich nach einem Besuch des Generals Katzmann. Er war bei mir abends zu Gast. Als meine Frau im Nebenzimmer schlafen gegangen war, forderte er mich auf, energisch durchzugreifen. Im Mai 1943 inspizierte danach der SS-Untersturmführer Paul den Bezirk und das Lager. Auf seine Anweisung begann die ukrainische Miliz zusammen mit der . deutschen Sicherheitspolizei, (die Juden von Chortkow aus j ihren Häusern zu evakuieren. Man brachte sie zu eiuicm Hügel und liess sie dort , eine grosse Grube ausheben. Es wurde ihnen, befohlen, sich nackt auszuziehen und zwischen zwei Reihen von Uniformierten zu stellen. Paul kommandierte das Gan. ze; er hatte den Juden auf dem Weg dorthin bereits ihre Wertsachen abgenommen. Danach wuiden sie mit vier Gewebrsalven erschossen. Es waren insgesamt 50t) bis 600 Menschen. Als wir ins Lager zui iickmarschierten, sag-, te ich zu Paul: „Hier blühen I Kirschbäume, irnd dort sind ¡Menschen umgebracht wor-! den”, und er antwortete nur:! „Befehl ist Befehl.” | So, und so weiter schiljderte der Angeklagte mit i nüchternen Worten, ohne ¡Gefühlsbewegung, die Liquijdierung sämtlicher Lager in 'diesem Bezirk, Tluste, Büczacz, Suidowa und Borozow. ¡Als die Reihe an das Ar- ■ beitslager des Namens Chort. kow kam, hätten sich die Ju. den „meuterisch zur Wehr ¡gesetzt. Darauf erschlug ich .einen, der gegen mich handgreiflich wurde, mit einem j Schraubenschlüssel.” DIE ZEUGENAUSSAGEN Als erster Zeuge trat der eingangs schon erwähnte 1 Abraham Ochs aus Cholon auf. Mit von Tränen erstick- | ter Stimme schilderte er, wie einer seiner Vettern, Usia Sarat, und sechs bis acht an. Idere von Thomanek erschossen wuiden. Er habe will- 'kiirlich in eine Gruppe von ¡Häftlingen hineingeschossen, als sie sich zu ihrer Arbeitsstelle begaben. Die Umstände, unter denen das Lager von Chortkow auf. Igelassen wurde, schilderte •als dritter Zeuge der aus Is- , rael gekommene Josef Bertich: „Thomanek sonderte , beim Appell eine kleine Gruppe Menschen ab, und da wussten wir Bescheid. Von allen Seiten bestürmte man ihn mit der Bitte: ,Herr Inspektor, ich auch, ich auch!’, denn es war klar, dass nur diese Gruppe nicht zur Ermordung vorgesehen war. Ei. ner von uns wollte sich mit seiner Frau, einer schönen Blondinen retten, aber Thomanek erschoss sie beide an Ort und Stelle. Nun kam der Befehl: Hinlegen; das war der Augenblick, als der Lagerfriseur Thomanek anflehte, ihn leben zu lassen.” Dem Zeugen ist nicht in Erinnerung, ob der Angeklagte auch die anderen, von den früheren Zeugen erwähnten Lagerinsassen erschossen hat. Thomanek, der diesen Aus. sagen bis dahin apathisch gefolgt war, erhob sich nun plötzlich und schrie in c.en Saal: „Alles Lüge, allss ge, das Lager war offen, sk konnten sich davonmachen, wenn sie glaubten, dass ich sic erschiessen werde...” Die Hörer, in ihrer Mehrzahl jüdische Ueberlebende dieser Greuel, unterbrachen ihn mit erregten Zwischenrufen, so mit den Worten: „Nur als To. ter konnte man dies Lager 1 verlassen.” I . EIN „WEISSER HABE’’ IN DER SS ., Selbst unter diesen entmenschten Kreaturen Hitlers gab es eine Ausnahme wie mm Frau Kippt iman aus fei Aviv erwähnte einen SS-Mann, „der niemals tmen von uns schlug oder auf jt man den geschossen hat. Ja, er gab memem Vater und anderen Juden unter der Hand die roten Ausweise, die mm Verlassen des Lagers berechtigten, fco roöefete sagen, er war «in ,Zaddik . Aber Thomanek wai ein Teufel in Menschen, gestalt.” Ueber die Liquidierung des Lagers Tluste sagte Jizjehak Drohowitzer aus Jerujsaiem aus: „Thomanek befahl immer fünf Juden, sieb ¡mit dem Rücken zu ihm aulzustellen, und ei schoss sie dann mit einer Maschinengewehrsalve. So hat er nach und nach mit eigenen Händen 800 bis 1.000 Menschen ermordet.” Unter den Dutzenden von Zeugen befanden sich zwei, die dem Beziiksjudenrat von Chortkow angehört hatten. Die anderen zum Prozess gekommenen jüdischen Zeugen ¡erklärten von diesen beiden, ¡sie hätten sich dadurch ge < rettet, dass sie jüdische Leii densgenossen bei den Deutsehen denunzierten. Diese beiden Juden versuchten gleichsam also, Thomanek zu (entlasten. Der eine von ihjnen, ein gewisser Maigulies : (heute in Paris lebend) gab ¡zwar zu, dass der Angeklag. j te drei jüdische Haltlinge (und ferner einen jüdischen i Konditoreibesitzer in der Stadt Chortkow erschossen jhabe; der ihm angeblich zu Ischlecht schmeckendes Spei- (seeis vorgesetzt hätte, aber, so fuhr Maigulies foit, „dajmals waren solche Erschie- (ssungen eine tagtägliche Angelegenheit, und Thomanek ¡machte es eben so wie alle.” •Der zweite „Entlastungszeuge”, ein Herr Winter, der heute Inhaber eines gutgeihenden Textilgeschäfts in Wien ist, behauptete, sich überhaupt nicht daran erinnern zu können, dass Thomanek Juden ermordet habe; im Lager habe man ihm nur von der Ersehiessung des Glasers Diamant erzählt, aber mehr wisse er nicht. Als die zwei ehemaligen Mitglieder des Judenrats den Gerichtssaal verliessen, scbiien ihnen die übrigen jüdischen Zeugen zu: „'Lumpen, in Israel würde iWa» Euch aufhängen.'”, und hätten ihnen übel mitgespiejt, wenn die Polizei von Hagen nicht dazwischengetreten wäre. IMMER MEHR AUSSAGEN CE GEN DEN MOERDER Zu den Belastungszeugen der nächsten Sitzungen des Gerichts gehörte beispielsweise Dr. Israel Schorr, der seinerzeit ein in ganz Galizien besten:; bekannter Röntgenologe war, in Choitkow ein gut. ausgeslattetes Röntgeninstitut leitete, ausserhalb des Lagers bieiben duifte — nachdem er Thomanek be. stoch i hatte — und sich schliesslich'' retten konnte. Besse* bleibe hier unzitiert, was er an Furchtbarem nach seiner Darstellung erlebte, als er im Jahre 1944 als Mitglied einer moskauer Kommission die Massengräber der Ermordeten öffnete, um. über die Umstände dieser Untat einen Belicht abzufassen. Ein anderer Zeuge, Mar. kus Kleiner ans New York, dessen ganze Familie -von. Thomanek umgebracht worden war, eregte sich am ltlzten Sitzungstag so, dass er in Ohnmacht fiel und mit einer Herzattaeke ins Krankenhaus gebracht werden musste. AUS SEINER RUHE AUFGESTOERT An diesem letzten Prozesstag kam. es zunächst zum Plaidoyer des Staatsanwalts. Er verlas Auszüge aus den Protokollen des Nürnberger Kriegsverbrecher - Tribunals mit vielen grauenerregenden Einzelheiten, und änderte die Anklage noch, indem er auf einen ihrer Punkte verzichtete, weil die Belastungszeugen dafür nicht, aufzufinden gewesen waren. Aber es blieb so überwältigend viel übrig, dass den Angeklagten seine bisherige .olympische Ruhe’ jetzt endlich «inigermassen im Stich i liess. Plötzlich erhob er sich 1— er ging spät in den Abend — und erkläite mit zitternder Stimme: „In zwei Punkten will ich geständig sein Ja, ich habe zwei Juden er» schossen, und auch noch einige andere, die im Plaidoyer des Staatsanwalts nicht einmal erwähnt sind. Aber ich folgte immer r.ur den mir gegebenen Befehlen.” Dann berieten die Ge. schworenen und als sich das Gericht wieder versammelte, gab der Vorsitzende bekannt, fass Thomanek zu lebenslängbchem Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt worden sei, der schwersten, heute in Westdeutschland möglichen Strafe. Vor dem Gerichtsgebäude kamen die israelischen Zeugen mit den- Staatsanwälten ins Gespräch. „Sie haben gute Arbeit geleistet”, sagten sie ihnen, |nnd einer von ihnen antwortete mit gefrorenem Lächeln: „Bitte, wir haben nur unsere Pflicht getan.” Die 23 Israelis verliessen Hagen noch in der gleichen. Nacht zur Rückreise nach Hause — und so werden die paar Juden der Stadt kiinfitig wieder ohne Minjan sein. Registro de ia Propiedad Intelectual No. 656.635 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Corrientes 3114