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Jüdische Wochenschau · 1960-05-27 · 1781 (27.5.1960) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
21 (1960)
Issue
1781 (27.5.1960)
Date
1960-05-27
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German, Spanish
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— Viernes, 27 de Mayo de 1960 La SEMANA ISRAELITA Año XXI. — No. 1761 yietf** Von den Grundlagen des Judentums Diese Grundfrage wird immer wieder von zahlreichen Menschen aller Zeiten gestellt, seien sie Juden oder Nicht- Juden. Auch in allen vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden wurde sie aufgeworfen, an ge fangen von den biblischen Zeiten des Patriarchen Abraham bis auf d heutigen Tag. — Ebenso dürfte es sicher sein, dass sie ia allen kommenden Jahrhunderten und Jahrtausenden gestellt werden wird, von Juden und von Nicht-Judeu —, und sicherlich würde sie auch dann noch gestellt werden, selbst wenn es (hypothetischer Weise) gar keine Juden mehr auf der Erde geben würde! Denn die „Grund-Essenz“, das „Wesen des Judentums“ wirken ja in der ganzen irdischen Welt nach, „urbi et orbi", und es gibt überhaupt kein entscheidendes Zeitalter in der modernen Erdgeschichte, d. h. seit dem 3. Jahrtausend v. d. g Z, das nicht davon beeinflusst worden wäre —. nicht im Osten und nicht im Westen —, nicht im Norden und nicht im Süden —, überall und in allen Brei- „ten auf dem Son ne «-Satelliten, „Erde-’ genannt — II. So w'ird es begreiflich, dass jene Grundfragen nach der „Grund-Essenz“’, nach dem „Wesen des Judentums” immer wieder auftauchen, ebenso wie sie in der Vergangenheit immer wieder auf getaucht sind und auch in der Zukuuft immer wieder auftauchen werden. Daher will ich versuchen, aus persönlicher Auffassung und Erlebaiswelt jene Grundfragen rein persönlich zu beantworten —, immer wieder von dem Gedanken und Empfinden und selbst von der Hoffnung getragen, damit wenigstens einen „Beitrag“ zu geben, der vielleicht in dem einen oder anderen einen gewissen Widerhall finden könnte, ein nachdenkliches Einhalten, eine geistige Erweiterung —, oder gar ei-. Be moralische und metaphysische Bereicherung würde bedeuten kännen.- Dies ist der Sinn der vorliegenden Zeilen fiber das Thema, das uns beschäftigt: „Von den Grundlagen des Judentums.“ — III. Als eine Grundlage des Judentums sehe ich dessen H<n tob der Gottheit an, dem Einen Grundwesen, das die ganze Kreation erfüllt, die daher als integraler Ausdruck und als Auswirkung der Göttlichkeit erfasst werden muss. Ñadí dem sogenannten „Schöpfungsbericht” in den ersten Kapitelp der Génesis wird die gesarqte Kreation sogar als ein direkter, geradezu personalistischer Akt der Gottheit dargestellt —, ein Akt voller Rätsel und nicht aufgeklärter Mysterien. Ferner glaubte man in späteren Zeiten, sogar .min „Datum“’ kalendarisch festlegen zu können, nämlich das Jahr 3761 v.d.g.Z. Aber an dieser „kalendarischen Festlegung”- haben die geistigen Führer unseres Volkes ih- •e mannigfachen symbolischen Deutungen und philosophiashe Vorbehalte gemacht, ohne damit das Geringste an ih- *er eigenen Ueberzeugungskraft einzubüssen... Auch in •Baseren Ausführungen kann an diesen „temporalen Einaelheiten’“ vorbeigegangen werden. — Denn in der vorliegenden Studie handelt es sich ja aicht um eine Frage des „Temporal-Kalendarischen” —, Bondern es geht uns um das Grundproblem des „Ewig-Spititualen”! ' Ausserdem haben, wie soeben schon angedeutet, sehr viele bedeutende geistige Führer der jüdischen religiösen “Welt einen ähnlichen Standpunkt wie den meinigen eingenommen —, und es gibt keinen einzigen denkerischen Kopf in der schöpferischen religiösen und intellektuellen .Welt des geschichtlichen Judentums, der in seinen Schriften, Kommentaren, Anmerkungen, Erklärungen und selbst grösseren Werken nicht die gleichen oder zumindest ähnlichen Auffassungen und seine dahingehenden vorsichtigen Ueberlegungen und Vorbehalte dargeboten hätte... I IV. i Alber die Gottheit als das Eine und Einzige Grund Íresen ia allem was uns umgibt, sichtbar oder unsichtar „Herr des Himmels und der Erde“ und „Kenner ynd Prüfer des menschlichen Herzens“ —, oberste Geyalt m allen Na.turkräften und in allen nur möglichen Moralischen und seelischen Erscheinungen und daher Auch „Oberster Seelenrichter“ und' „König und Richter fern allem Weltgeschehen. diese Grundhaltung steht von Anfang an fest, und hat sich auch in allen komnoenden Jahrtausenden und Jahrhunderten erhalten, bis Äuf den. heutigen Tag! Auch keinerlei archäologische, paläologische, astronomische und kos miogische Aufdeckung irgendwelcher Art, keine mehr oder weniger wahrscheinliche Theorien fiber die Entstehung der Erde, des Sonnensystems, der Milchstrassen und der in allerweiteste Welträume vordringenden kosmischen Körper und deren Auswirkungen Raum und Zeit und „Erden-Zeitlichkeit” können dar- Ín etwas ändern. Die Grundintuition des Judentums leibt die Einheit und Einzigkeit der Gottheit, als ein (Ürundpfeiler der geschichtlichen und denkerischen jüdischen Welt! V. Hier wird sofort die doppelte Seite des jüdischen Gottes-Begriffes klar, seine sogenannte „naturale“ Auswirkung auf die Schöpfung und die Weltdinge, im Sinne einer, sagen wir, naturwissenschaftlichen oder gar naturalistischen Verwirklichung —, und seine fundamentale epiritualistische Auswirkung auf das gesamte moralische und soziale Handeln, auf alle Phänomene der Seele und der menschlichen Vergesellschaftung und selbst zur Tierwelt —, auf die Beziehungen zum eigenen Ich, zur Familie im weiteren Sinn und zum eigenen Stamm —, zum eigenen Volk, zur „Gemeinschaft der Völker“ und immer weiter greifend zu dem, was heutzutage „das menschliche Weltgewissen“ genannt werden kann. Eine Vorwegnahme mancher späteren philosophischtheologischen Denk-Systeme vollzieht sich hier —, und selbst das wundervolle Wort von Emenuel Kant vom ,.gestirnten Himmel über mir und dem Sittengesetz in mir“ wird in der jüdischen Weltauffassung einige Jahrtausende früher völlig erfasst und vorweggenommen, von Dr. HERMAN WEYL wenn auch in anderen Redewerdungen, anderen der jeweiligen Zeit angepassten literarischen, psychologischen und philisophisehen Redeweisen —, aber immer und immer wieder als die gleiche Grundlrge des jüdischen Welterlebnisses die Jahrtausende hindurch postuliert VI. „Der gestirnte Himmel über uns”, so lesen wir schon in den ersten Kapiteln der „Genesis', die sieh auf die früheste Zeit der jüdischen Existenz bezieht. Dann wird dieser „Sternenhimmel über uns“ bei dem Patriarchen »I Ulf -'i KpsiïS . :.„j Abraham zu einem kosmisch-moralischen Grunderlebnis ersten Ranges, zu einer ‘Wesens-Schau der Unendlichkeit des Universums, die gleichzeitig an das ureigenste Wesen der Gottheit gebunden wird. Im WelterMbnis ddr folgenden Stammväter wiederholt es sich, auf ihren so mannigfachen, .heimgesuchten Wanderschaften, auf ihrem hin und her schweifenden Suchen nach eigener äusserer und innerer Sesshaftigkeit. In Aegypten verschmilzt wohl ihr „Sternenhimmel“ mit manchen kosmologisehen und astronomischen Lehren der dortigen Gelehrten, Priesterschaften und Sternendeuter’n- —, ohn aber deren zweckgebundenen, finanzpolitisch interessierten und Herrschaft heischenden Charakter anzunehmen. Selbst das Wort „Himmel“ (Schamayim) wird gelegentlich synonym für die all-umfassende Gottheit (Adonay oder Elochim). — So zeigt es sich im ganzen biblischen Schrifttum —, in den herrlichen Reden von Moses, unserem Lehrer, manifestiert es sich —, in den Stammeskämpfen und Glaubens-Symbolen unter Josua und aller folgenden Richter —, und seiner gloriosen Bestätigung begegnen wir in den mächtigen Hymnen und Ermahnungen aller unserer Propheten, in den wundervollen Gesängen der Psalmen, in den Klagen des Hiob, in den tiefsinnigen und nachdenklichen Büchern der „Spruch-Weisheiten”. Selbst in dem Lebensgefühl der nicht in den „Heiligen Kanon“ aufgenommenen religiösen Werke jener Zeit findet es sieh, die man im allgemeinen unter dem Namen „Apokryphen“ (das heisst: „Ketuwim Acharonim”, die letzten biblischen Schriften) zusammenfasst, und noch in den „Pseudo-Epigraphen“ wird es bis ins letzte bestätigt. Dieser „gestirnte Himmel über uns“ bleibt in allen folgenden Jahrhunderten erhalten, im Talmud (Mischnah) und Gemarah), in unserem früh- und spätmittelalterlichen Schrifttum mit den merkwürdigen und vielfach krausen Ideen der „Scholastik“ und der sogenannten „Naturwissenschaften“ jener Zeiten —, bis hinein zum Frühbeginn und zur vollen Blüte der „Renaissance“, hin bis zu der Epoche der„Aufklärung“. In allen späteren Zeitabschnitten setzt es sich fort, auch im sogenannten „wissenschaftlichen Modernismus“, hin bis zu dem heutigen Tag mit seiner ganz besonderen Eigenart der wissenschaftlichen Methoden, Forschungen und Ergebnisse. In allen diesen hier nur ganz kurz angedeuteten, aber weit ausholenden Lebensräumen lebt und wirkt die faszinierende und unerschöpfliche Kraft vom „gestirnten Himmel über uns“, in seiner sowohl physischen wie metaphysischen Pracht. „Denn wenn Deine Himmel ich sehe — das Werk Deiner Hände — Mond und Sterne, die Du darin geborgen... Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenken brauchest! Was der Erdensohn, um sich seiner zu bekümmern! Und gleichwohl hast Du dem Göttlichen ihn sehr genähert —, und mit Würde und Schönheit hast Du ihn bekränzt...“ (Psalm VIII, Verse 4 bis 6) VII. „Das Siltengeseiz in uns": vom ersten Tag der jüdidischen Existenz an ist diese Kraft dem jüdischen Dasein aufs innigste verhaftet und kann gar nicht mehr von ihr getrennt werden. In den gleichen, soeben angeführten Quellen unseres Schrifttums wird es vollkommen evident und sicherlich noch viel mehr als die zuerst angeführte Grundkonzeption vom „gestirnten Himmel über uns“. Denn das Entscheidende ia der Existenz des jüdischen Volkes war ja sein sozial-politisches Dasein und das „Zusammen-Leben“ —, daher haben auch unsere geistigen und politischen Meister und Führer besonders die Prinzipien und Grundlehren dieses „Zusammen-Lebens“ aufgestellt und gefordert, da diese ja für alle Söhne und Töchter Israels aufgestellt und gefordert sind, und im weiteren Sinn für aas gesamte Menschentum Gültigkeit haben. Ursprünglich hatte sich dieses „Sittengesetzin uns“, den Zeiten entsprechend, mehr in patriarchalischer B orm vollzogen —, und der Patriarch war gleichzeitig der Führer und Meister, der Seelenhirt und der gerechte Richter. In dem Zeitraum von Moses, unserem Lehrer, und seiner allernächsten Mitarbeiter vollzieht sich eine Wandlung: aus den stamme&mässig und patriarchalisch geeinten Volksmassen wird eine im Volk-Sein geformte jüdische Welt. „Bne-Israel“, die „Sühne Israels“, heissen sie nunmehr. Damit werden sie zu einer nationalen( sozial-politisch geeinten und geschichtlich zu erfassenden Einheit, zu einer „historischen Entität”, zusammengeschweisst und erhoben. Nunmehr herrscht vorläufig das „nationale Recht“, das die Verwirklichung des „Sittengesetzes in uns“ postuliert und rückhaltlos verlangt. Schritt für Schritt kann man diese Entwiekl\ng in unseren „Heiligen Schriften“ und den folgenden, oben erwähnten literarischen Geisteswerken verfolgen. In allen Lehren und Hymnen der Bibel wird es verwirklicht, in den Persönlichkeiten der grossen jüdischen Lebensgestalter, die Moral, Recht und politische Macht zu vereinigen bestrebt sind. So gibt es praktisch gesehen nicht einen einzigen biblischen Text, wo es nicht zum Durchbruch kommt, mit absoluter Evidenz. Im gesamten Talmud (Mischnah und Gemarah) wirkt es sich aus, in den Erzählungen und Gleichnissen der „Aggadah“, und besonders eindrucksvoll in den „Pirke- Aboth“ (Sprüche der Väter), deren Entstehungszeit etwa fünf Jahrhunderte umspannt, und in ähnlichen zeitgenössischen oder späteren Sammlungen. — Das gesamte „geschichtliche Mittelalter Europas“ lässt in den jüdischen Denkern, Führern und Volksmassen dieses ewige „Sittengesetz in uns“ zu immer modernerer, auch ¡abstrakter gefasster Formulierung gelangen, in neuen Kommentaren, philosophischen Werken selbst scheinbar abseitiger Natur, in religiösen und weltlichen Traktaten etc. In welchen geographischen Legionen auch immer, wo jüdische Volksmassen gelebt haben, im Heiligen Land oder in der Zerstreuung, in rr hispanischen, niederländischen oder aschkenasischen Welt, ebenso in Afrika und im Osten Europas, und in mannigfachen, fast versteckten „Enklaven“ des heutigen asiatisch« i Kontinents... überall bricht sich dieses „Sittengesetz in uns“ mächtige Bahn und wird zum Lehrmeister von allen christlichen und islamischen und selbst völlig heic tischen Schülerschaften und Völkermassen! Auch die sogenannte „westeuropäische Aufklärung“ hat es nur bestätigen können. In Moses Mendelssohn ist der grosse Denker und moralische Lehrmeister erstanden, der mit einer geradezu ans Wunderbare reichenden Ausstrahlung auf die gesamte damalige zivilisierte Welt, die j'dische und die nicht-jüdische, des Westens und des Ostens, gewirkt hat. Von ihm aus führt eine direkte Linie bis in die Neuzeit und in die Tage von heute. . Ueberall wird immer tiefer nach dieser ewigen Welt der inneren Seelen-Wahrheit gesucht und gestrebt, nach dem „Sittengesetz in uns“. Selbst in scheinbar derart abseitigen Gebieten wie Politik, Wirtschaft, Soziologie, Psychologie, Psychiatrie, Neurosen-Lehre, Soziale Krankheitsforschung, Privates und Internationales Recht, usw.... überall ist immer wieder diese unerschöpfliche und ewige Kraft am Werk: „das Sittengesetz in uns!” Keinerlei soziale, politische, technische Neu-Ordnung oder Um /älzung und keinerlei moderne und allermodernste' Revolutionen, und welcher Ideologie auch immer, haben daran etwas rütteln können, und werden es auch in der Zukunft nicht tun. Es ist eine ewi^-, dem Menschendasein für L . mer anhaftende, immanente Kraft... „Denn dieses Gesetz, das Ich dir heute anempfehle: nicht ist es verborgen und auch nicht entrückt Nicht im Himmel ist es, dass du sprechen müsstest: Wer stiege für uns in die Himmel hinauf und hole es für uns herab, und gäbe es uns zu wissen, dass wir es dann erfüllen würden! Auch nicht jenseits des Meeres ist es, dass du sprechen müsstest: Wer würde für uns die Meeresfluten überqueren und holte es für uns her und gäbe es uns zu wissen, dass wir es dann erfüllen würden! Sondern ganz nahe in dir ist die Weisung: in deinen Mund und in dein Herz gelegt, um sie zu erfüllen...“ (“Fünftes Buch Moses”, Kapitel 30, Verse 11 bis 14) VIII. Alle angeführten Gesichtspunkte sollen in den folgenden Abschnitten im einzelnen genauer erläutert werden —, und vor allem will ich zeigen, wie die beiden obengenannten Grundeilebnisse immer mehr miteinander verschmelzen, und auf diese Weise den entscheidenden Sinn der jüdischen Welt-Betrachtung und der jüdischen Daseinsform recht eigentlich begründen. (Hier bringt die „Jüdische Wochenschau" einen erstmaligen Vorabdruck aus einer demnächst erscheinenden Schrift des Verfassers: „Von den Grundlagen des Judentums”.) (Nachdruck oder Uebersetzung von besonderer Erlaubnis abhängig. — Copyright Dr. Herrn an Weyl.) 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