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Jüdische Wochenschau · 1940-11-08 · 29 (8.11.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
1 (1940)
Issue
29 (8.11.1940)
Date
1940-11-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German, Spanish
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0 \ JÜDISCHE WOCHENSCHAU Lion Feuchtwanger : Titus haue sich gerade für eine kleine Weile niedergelegt. Er sprang hoch, sah den ungeheuren, von niemandem befohlenen Aufbruch der Legionen. Und dann sah er den Rauch aufsteigen und die Flammen. Er lief aus" seinem Zelt, wie er war, ohne Abzeichen seines Ranges, ohne Rüstung. Mitten in den wilden, frohen Tumult hinein lief er. Viele erkannten ihn, doch sie machten kein Wesens daraus. Sie riefen ihm zu, eilig, vergnügt: Komm mit, Kamerad. Lauf mit, schmeiss mit, schmeiss das Feuer. Hep, Hep. Er wollte wehren, dem wüsten Unfug steuern. Wollte ers wirklr? Hep, Hep, schrie er wie die andern, gegen seinen Willen. Und: Schmeiss das Feuer, »Kamerad, Kamerad, schrie er. Die Wachen vor dem Zelt hatten den Aufbruch des Prinzen bemerkt. Die alarmierten Offiziere, die Garden bahnten sichdurch das Getümmel einen Weg zu ihm. Endlich, er war schon durch das Tor in das Innere des Tempels hineingespült, erreichten sie ihn. Er hatte sich wieder in der Gewalt. War das er gewesen, der mitgeschrien hatte? Lösch! schrie er jetzt. Wasser! Und: Löscht, Wasser! schrien die Offiziere. Unter die rasenden Soldaten stürzten sie sich: Löscht, Wasser! Mit ihren Weinrebstöcken hauten die Zenturionen auf die Verwilderten ein. Allein es war sinnlos, den Tobendei? wehren zu wollen. Tollwut, Mordrausch hatte sie gepackt, die ganze Armee. Sie hatten so unendlich lange gewartet, diese heissen, zermürbenden Monate hindurch, das da, das Bewusste unter ihre genagelten Stiefel zu treten. Jetzt wollten sie sich rächen für die Qual, sie stürzten heran, römische Legionen, syrische, arabische Kontingente der Xasalflr.n, sich mischend. Keiner wollte zu kurz kommen, sie hatten Eile, sie gönnten es einer dem anderen nicht, : dass er früher daran war. Der Weg, der gebahnt werden sollte, war nicht fertig. Ueber den glühenden Schutt stürmten sie herbei, zertraten einander, stiessen sich in die rauchenden Trümmer. Ueber ganzeBerge von Leichen drangen sie vor. Als Titus sah, dass es gegen das Ungestüm der Armee keinen Widerstand gab, betrat er mit seinen Offizieren das Mittelschiff des Tempelhauses, das von dem brennenden Teil durch eine dicke Mauer getrennt war. Hoch und kühl, unberührt von der Hitze und dem wüsten Getobe draussen, hob sich der Heilige Raum. Der Leuchter war da, die Schaubrottische, der Räucheraltar. Langsam schritt Titus vor, zögernd, bis zu dem Vorhang, hinter dem das Geheimnis war, das Allerheiligste. Seit j Pompejus hat kein Römer diese Stelle betreten. Was ist hinter dem Vorhang? Ist vielleicht doch ein abergläubischer Spuk dahinter, ein Eselskopf, ein Ungetüm, aus Tier und Mensch gemischt? Mit der kurzen breiten Hand greift Titus nach dlem Vorhang. Hinter ihm spähen gespannt die Gesichter sei ner Offiziere, vor allem eines, breit,, rosig, das des Hauptmanns Pedan. Was ist hinter dem Vorhang? Der Prinz reisst ihn zurück. Ein dämmeriges, nicht grosses Geviert zeigt sich. Titus tritt ein. Es riecht nach Erde und nach sehr altem Holz. Der nackte, ungehauene Stein ist da, der den Hügel gipfelt, eine grosse, beklemmende Einsamkeit, sonst nichts. “Naja”, quäkt der Hauptmann Pedan achselzuckend, “Irrsinnige”. Der Prinz atmet auf, als er wieder in dem helleren Viereck des Aussenraumes stand. Er sah die noble Schlichtheit der Halle, ihr Ebenmass, die heiligen Geräte gross und einfach an den Wänden. “Wir müssen das retten, meine Herren”, sagt er, nicht laut, doch dringlich “Wir dürfen das nicht untergehen lassen”, forderte er. Der Hauptmann Pedan grinste. Schon züngelte es an den Toren, an alle Türangeln hatten sie Feuer gelegt. Es war zu spät. In grosser Eile schleppten die Soldaten die heiligen Geräte weg. Sie sind schwer, aus massivem Gold. Zehn Mann keuchen unter dem Leuchter, sie stürzten zusammen. Der Leuchter schüttert zu Boden, erschlägt einen Träger. Die Soldaten, angetrieben von den Zurufen des Prinzen, von den Stockhieben der Zenturionen, beugen von neuem die Rückeir, schleppen die Geräte aus dem brennenden, stürzenden Heiligtum. Sie trugen hinaus die zwölf goldenen Schaubrote, die Weihgeschenke, die ul bernen Trompeten der Priester, falteten den herrlichen babylonischen Vorhang zusammen, dessen Stikkerei den Anblick des Himmels zeigte. Der Prinz stand auf den Stufen des Tempelhauses, hinter seinem Rücken das Feuer, und schaute zu, wie der Leuchter, der Schaubrottisch durch das Getümmel schwankte, dem hömischen Lager zu, auf, nieder, über den Leibern, Köpfen, Schilden wie Schiffe auf bewegtem Meer. Die Legionäre mittlerweile tobten durch das Heiligtum, besofSan von Blut und Triumph. Sie plünderten, ,was sie erraffen konnten, rissen die goldenen und silbernen Beläge von den Toren, von den Wänden. Halsbrecherisch kletterten sie an den Aussenmauern, um die dort angebrachten Trophäen zu erbeuten, Feldzeichen und Waffen alter syrischer Könige, Feldzeichen der 10. Legion, vor vier Jahren dem Cestius Gail genommen. Sie plünderten die Kleiderkammer, die Gewürzkammer, die Halle der Instrumente. Die Arme voll kostbarem, seltsamem Gerät, trabten sie eilig durch das riesige Geviert. Dies war die‘Krone des Feldzugs. Um dieses Haus des unsichtbaren Gottes niederzureissen und zu plündern, war man gestorben zu Zehntausenden, hatte man Ekel und Strapazen auf sich genommen. Jetzt wollte man es ganz auskosten. ->ie schrien, sie stiessen nieder, lachten einfältig, stampften tanzend mit ihren genagelten Stiefeln über den Boden, dessen Marmor und Mosaik überdeckt war von Leichen und von blutigen Feldbinden mit den Initialen Makkabi. In den finstern Gängen, die hinunter zu den Schatzkellem führten, stauten sich die Massen. Diese Kammern waren gut verschlossen, aber die Ungeduldigen hatten nicht gewartet, bis man die Riegel mit Hebeln und Maschinen öffnete, sie hatten Feuer an die Mer tallbeschläge der Türen gelegt. Allein das Innere hatte Feuer gefangen, bevor die Türen aufgingen, und nun schmolz es aus den Schatzkammern heraus, ein dicker, zäher Strom fliessenden Metalles. Es flössen in ihm Weihgeschenke römischer Kaiser und parth’scher Könige, Ersparnisse der Armen aus Galiläa, Schätze der Reichen aus Jerusalem und den Seestädten, Hunderttausende von Gold-, Silber- und Kupfermünzen, geprägt von den Rächern Israels, mit dem Hoheitszeichen Makkabi und mit dem Datum: Erstes, Zweites, Drittes Jahr der Befreiung. Knallend rissen die grossen Vorhänge; ihre glühenden Fetzen flogen durch die Luft. Krachend stürzte das Gebälk des Tempelhauses, Mauertrümmer ihm nach. Bis plötzlich ein Ton kam, mächtiger als das Prasseln der Flammen, das Stürzen des Gebälks, das wüste Singen der Soldaten, das Geschrei der Sterbenden, ein Ton, schneidend, heulend, wimmernd, von den Bergen ringsum furchtbar und scheusslich zurückgeworfen. Es war die hunderttonige Schaufelpfeife. Man hatte das Unding wegzuschleppen versucht, dann aber als wertlos liegen lassen, nun strich der Wind der Flammen durch die Schaufelpfeile und machte sie tönen. Es war, als weckte dieser Ton die Oberstadt, die, nachdem die jüdischen Soldaten die Brücken zum Tempel zerstört hatten, gesondert auf ihrem Hügel lag. Die Verhungerten, Erschöpften der Oberstadt sahen den Rauch, das erste Feuer, sahen dann die Flammen um sich greifen, bis allmählich der ganze, weisse Tempelberg von den Wurzeln auf zu glühen schien. Sie brachten nichts aus ihren ausgedorrten Kehlen als ein schwaches Gewimmer. Aber als nun der grosse Schrei der Schaufelpfeife aufheulte, brach auch aus ihren Leibern das letzte Leben hervor, und aüsi dem Gewimmer der Hunderttau-' sende in der Oberstadt wurde jetzt ein Schreien, ein gelles, ununterbrochenes, 'weisses Geschrei, und d:<e Berge nahmen das Geschrei auf und schrien es zurück. * Die ausgelosten Priester hatten die Funktionen ihres Dienstes verrichtet, als geschähe rings “um sie; nichts Aussergewöhnliches. Hatten sich eingekleidet, die Reinigung des Altars, der heiligen Geräte vollzogen wie jeden Tag. Schon waren die ersten Flammen da, schon waren die ersten Römer da, die Priester gingen durch das Getümmel hindurch, als sähen sie nichts. Die Römer liessen die Weissgekleideten mit dem blauen Priestergürtel zunächst unbehelligt. Dann aber machten sie sie nieder wie c e andern. Sie sahen mit einer gewissen Befriedigung, dass ein Mann, der den blauen Priestergürtel dieses Gottes trug, wenn man ein Eisen in seinen Leib stiess, genau so starb wie ein anderer. Johann von Gischala hatte, als er mit seinen Truppen den Tempel verliess, dem Erzpriester Phanias angeboten, ihn mitzunehmen. Aber Phanias hatte es abgelehnt. Wenn er nur herausbringen konnte, was Gott von ihm will. Es ist senr schwer, weil Gott ihm nur einen einfältigen Verstand gegeben hat. Wie schön wäre es, wenn er Bauarbeiter hätte bleiben dürfen. Jetzt irrt er herum, hilflos, weinerlich, seine tüben, braunen Augen suchen, wen er um Rat fragen könnte, ängstlich lauscht er, ob nicht etwa in seinem Innern eine Stimme Gottes spricht, aber er kann nichts hören. Das alles ist nur, weil er, dem Schatzmeister nachgegebend, seinen achtteiligen, sündenreinigenden Ornat in ein unzugängliches Versteck hat bringe; lassen. Wenn er jetzt den O: trüge und die heiligen JuweleijfMcles Grossen Dienstes, dann würden sich die Flammen zu seinen Füssen legen wie gehorsame Hunde, und die Römer würden tot Umfallen. Zusammen mit andern Priestern geriet er in die Hand der Römer. Die Soldaten schickten sich an, die Priester niederzumachen. Die baten um Schonung. Schrien, der Erzpriester sei unter ihnen. Die Soldaten brachten sie vor Titus. Titus ist in Eile, man verlangt ihn am südlichen Tempeltor. In seiner Umgebung ist der General Litern. Der Prinz sieht, wie der General gespannt auf ihn blickt, mit einem ganz kleinen Lächeln. Dieser Litern hat es damals im Kriegsrat nicht verstehen können, dass er für die Schonung des Tempels eintrat, sicher hält er ihn für einen ästhetisierenden Schwächling. Dieser Tölpel da ist also der Erzprieser. “Verwahrt ihn”, sagt Titus, “ich will ihn im Triumph aufführen”. Dann sieht er die andern Prister, zwanzig zermürbte, elende Körper, schlotternd in weissen, feierlichen, viel zu weiten Gewändern. Sein Gesicht wird launisch, bösartig, kindisch. Er kehrt sich ab. Im Begriff zu gehen, über die Schulter hin, sagt er zu den Priestern: “Ich hätte Ihnen Ihr Leben veilleicht gesch^ikt meine Herren, um Ihres Tempels willen. Aber nachdem Ihr Gott offenbar nicht gesonnen ist, seinen Tempel zu erhalten, ziemt es Ihnen als Priestern, mit diesem Tempel unterzugehen. Habe ich nicht recht, meine Herren?” Er ging, und die Profose bemächtigten sich der Priester. Wie die andern Priester, hatte sich der alte Doktor Nittai, nachdem er seine Gläubigen in den Tempel geführt hatte, ernst und zuversichtlich an die Verrichtungen seines Dienstes gemacht. Die Flammen brachen hervor, sein altes, mürrisches Gesicht lächeüte. Er hatte gewusst, heute wird ein Zeichen kommen. Als das Tempelhaus brannte, war er nicht wie die anderen durch die Höfe geflohen, vielmehr stiegen er und die acht Priester um ihn die Treppen des Tempelhauses hinauf. Es war gut zu steigen, jetzt war man noch in einem von Menschenhänden gefügten Bau, aber gleich wird man oben sein, unterm Himmel, nahe bei Gott. | Und nun waren sie auf dem Dach, auf dem höchsten First desj Tempels, unter ihnen waren die Flammen und die Römer. Das Geschrei der Sterbenden, der grobe Gesang der Legionen tönte zu innen herauf, von der Oberstadt her gellte das weisse Geheul. Da kam der Geist über die auf dem First, der Hunger schuf ihnen Gesichte. Schaukelnd im Takt, im vorgeschriebenen Singsang sagten sie Kriegs- und Siegeslieder der Schrift auf. Rissen die goldenen Spiesse, die zur \bwehr der Vögel auf dem T^ach des Tempels angebracht waren, heraus und schleuderten sie gegen die Römer. Sie lachten, sie waren über den Flammen, und über ihnen war Gott, und sie spürten seinen Hauch. Als die Stunde des Priestersegens kam, hoben sie die Hände und spreizten d'e Finger, wie es Vorschrift war, und riefen durch die prasselnden Flammen den Priestersegen und das anschliessende Bekenntnis; es war ihnen leicht und heilig zumut. Als sie zu Ende waren, nahm Nittai die schweren Schlüssel des Grossen Tempeltores, hielt sie hoch, dass alle um ihn sie sahen vnci rief: “O Gott, dm hast uns nicht würdig befunden, dein Haus zu verwalten. O Gott, nimm die Schlüssel zurück.” Und er warf die Schlüssel in die Höhe. Und er rief: “Seht ihr die Hand?” Und alle sahen, wie aus dem Himmel eine Hand kam und die Schlüssel auffing. Dann krachte das Gebälk, es stürzte das Dach, und sie fanden, dass sie einen begnadeten Tod starben. * Kurz vor dem Mittag hatte Pedan die Fackel geworfen. Nachmittags fünf Uhr brannte bereits der ganze Berg. Der erste Feuerposten, den Titus hatte errichten lassen, sah den Brandy und sowie die Däm- & merung kam, hob er ein Signal: Det Tempel ist gefallen. Und es entzündete sich das nächste Feuer, und das übernächste, und im Lauf einer Stunde wusste es ganz Judäa, ganz Syrien. In Jabne erfuhr es der Grossdoktor Jochanan Ben Sakkai: Der Tempel ist gefallen. Der kleine Uralte zerriss seine Kleider und streute Asche auf sein Haupt. Aber noch für die gleiche Nacht berief er eine Sitzung ein. Bis heute”, verkündete er, “hat der Grosse Rat von Jerusalem Kraft gehabt, das Wort Gottes zu deuten, zu bestimmen, wann die Zeiten beginnen, wann der Mond neu ist, wann voll, was Recht ist und was Unrecht, was heilig und was unheilig, zu binden und zu lösen. Von heute an hat der Rat von Jabne diese Befugnis. Unsere erste Aufgabe ist, festzusetzen, wie die Grenzen der Heiligen Schrift laufen. Der Tempel ist nicht mehr, unser ganzes Reich ist jetzt die Schrift. Ihre Bücher sind unsere Provinzen, ihre Sätze unsere Städte und Dörfer. Bis heute war Gottes Wort mit Menschenwort gemischt. Jetzt gilt es, aufs Jota zu begrenzen, was zur Schrift gehört, was nicht. Unsere zweite Aufgabe ist, den Kommentar der Doktoren dauerhaft zu machen für die Zeiten. Bis heute lag der Fluch darauf, den heiligen Kommentar anders weiterzugeben als von Mund zu Mund. Wir lösen diesen Fluch. Wir wollen die 613 Gebote auf zeichnen auf gutem Fergament, wo sie anfangen und wo sie aufhören, sie umzäunen und untermauern, dass Israel für d;e Ewigkeit darauf stehen kann. Wir einundsiebzig sind jetzt alles, was vom Reiche geblieben ist. Reinigt Euer Herz, dass wir ein Reich seien, dauernder als Rom." chied von Worms Worms am Rhein ist der Sitz der ältesten Judengemeinde in Deutschland. Auch die älteste Synagoge Deutschlands befand sich in Worms Der Bau dieser Synagoge, der von dem Ehepaar Jacob und Rahel gestiftet worden war, wurde im Jahre 1034 vollendet. Seitdem hat die Synagoge gute und schlechte Zeiten erlebt, aber immer blieb sie dem Zwecke, dem sie geweiht war, erhalten. Bis zum Jahre 1938. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde sie, zugleich mit tausend anderen Synagogen in Deutschland, ein Raub der Flammen. Das Gotheshaus ist vollständig ausgebrannt. Ein Teil des Gewölbes ist eingestürzt und hat eine der beiden hoher» Säulen mitgerissen. Die steinerne Umrahmung des Aron Hako desch mit den drei Kronen, die von der vierten grösseren Krone — der Krone des guten Namens — überragt wird, ist, vom Feuer ge schwärzt, erhalten geblieben. An der Stelle, wo sich der Aron Hakodesch befand, klafft jetzt ein Loch in der Mauer. Die ThorarcfUen hatten dem Feuer widerstanden, aber man schob Sprengkapseln zwischen die Seforim und vernichtete sie auf diese Weise. 36 Seforim befanden sich in dem heiligen Schrein. Die berühmte Thorarolle die Rabbi Meir von Rothenburg (gest. 1203) während seiner Gef an genschaft in Ensisheim auf Hirschleder geschrieben hat, befand sich unter den vernichteten Rollen. Die Legende erzählt von dieser Thorarolle, dass sie in einem Nachen auf dem Rhein nach Worms geschwommen kam, wo sie von jüdischen Schiffern an Land gebracht wurde Die an der Westseite angebaute Raschikapelle ist ebenfalls ausgebrannt. Der Raschistuhl fehlt. Man berichtet, dass er in Sicherheit gebracht worden sei. Ueber der Vorhalle zur Frauensynagoge befand sich ein früher als Gemeindestube benutzter Raum, der später das kleine jüdische Museum barg. Die dort verwahrten Gegenstände standen in enger Beziehung zur Wormser Gemeinde. Dü waren viele wertvolle Dokumente, die kaiserlichen Privilegien von 1562 bis 1766. Geleitbriefe, Schutzbriefe, eine Judenordnung der Stadt Worms von 1552, ferner Silberarbeiten von Wormser Silberschmieden, prachtvolle Pokale, die Eigentum der Chewra Kadischa waren. Der Aelteste, ein herrlicher Renaissance-Pokal, trug die Jahreszahl 1609. In einer Vitrine befand sich das „Maase Nissim”-Buch des Juspa Schammes, das “Grüne Buche”, in das wichtige Begebenheiten von dem Jahr 1563 ab, eingetragen wurden. Ausserdem Memor- und Minhagbüche*. und schliesslich die beiden kostbaren Machsorim des Simcha ben Jehuda aus dem 13. Jahrhundert, die auf Pergament geschrieben und mit vielen farbigen Initialen und Verzierungen reich geschmückt waren. Ob diese Kostoarkeiten gerettet worden sind, konnte ich nicht erfahren, als ich im September 1039 zum letzten Male die Vaterstadt besuchte, um vor meiner Auswanderung Abschied zu nehmen. Während die Mauerreste aller verbrannten Synagogen in Deutschland abgetragen und dem Erdboden gleichgemacht waren, standen die Ruinen unseres Gotteshauses noch unberührt. Hatte man nicht gewagt, daran zu rühren? Ein hoher Bretterzaun umgab die Trümmer. Man hatte Schilder angebracht, 'dass das Betreten des Platzes strengstens verboten sei. Ich ging den wohlver trauten Weg nach dem Altersheim, das hinter der Synagoge im Garten liegt und konnte von dort aus in die Synagoge gelangen. Früher eine Stätte der Erbauung — jetzt ein Bild des Grauens. Ich trat an die Stelle, wo früher die beiden ewigen Lichter brannten — (im Gegensatz zu anderen Orten, wurden in Worms zwei ewige Lichter gebrannt, zum Gedächtnis an die „Sehne orchim”, die -wei Fremdlinge, die im Mittelalter als die Pest — der schwarze Tod genannt — wütete, und die Wormser Juden beschuldigt wurden, die Brunnen vergiftet zu haben, die Schuld auf sich nahmen, und, durch ihren Feuertod auf dem Scheiterhaufen, die Wormser Gemeinde retteten. Dort sprach ich zum letzten Mal das Kaddisohgebet. Dann löste ich von den Resten des Aron Hakodesch einige kleine Steine ab, nahm sie an mich und verliess die heilige StiAtte, und die Stadt, in der ich geboren und die vier Jahrhunderte hindurch der Wohnsitz meiner Familie war. M. G. 1•/vu H X

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