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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-10 · 28 (10.7.1896) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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..fi-rrt*?:. Seite 476. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. wie die bestehenden Kolonieen durch die deutschen Juden ge- | fördert werden können und hierbei zu berücksichtigen, ob nicht die Gründung einer Spar- und Kreditbank zu diesem Zwecke erforderlich und möglich sei." — Das Wiener Tollhaus. Als die Judenhatz in Deutschland begann, soll der entschlafene Berthold Auerbach tief verletzt den Ausspruch gethan haben: „Deutschland ist ein Tollhaus geworden". Welche Analogie der hochgestimmte Mann für Oesterreich geschaffen hätte, läßt sich jetzt schwer sagen. Fast keine Sitzung des niederösterreichischen Landtages vergeht ohne einen antisemitischen Skandal schlimmster Art. Am 3. d. M. wurde im niederösterr. Landtage ein Gesetz betreffend Abänderung des Landtagswahlrechts beraten. Wie die jüdischen Litteraturvereinsredner in Deutschland, so wissen die antisemitischen Parlamentsredner in Oesterreich alles in eine gewisse Beziehung zu den Juden zu bringen. Gregorig z. B. hielt bei der gen. Beratung eine Hetzrede wider die Juden, die sogar einzelnen Antisemitenblättern in Berlin ein wenig stark vorkam. Hier die Szene nach dem Parlamentsbericht: Gregorig führte aus: Der Jude ist ans Wohlleben auf Kosten der Christen gewöhnt. In den Badeorten finden Sie 90 % Juden, die hingehen, um ihren Leib zu stärken, um im Herbst mit gesunden Krallen zurückzukommen und das Eigentum der Christen anzugreifen. In Karlsbad finden Sie die gesamten Wiener und Berliner Kridare. (Der Landmarschall forderte den Redner aus, zur Sache zu sprechen.) Gregorig: Der Luxus wird doch nur von Jüdinnen getrieben, das Laster zumeist von Jüdinnen oder von Weibsbildern, die von Juden ausgehalten werden. Gregorig griff dann die jüdischen Advokaten und Aerzte an, und fuhr fort: Die Juden besitzen eine Frechheit, die über alle Grenzen geht, auch das Gewerbe wird von ihnen durch Betrug und Schwindel zu Grunde gerichtet, die jüdischen Fabrikanten arbeiten nur in Betrugsware. (Der Landmarschall forderte den Redner nochmals auf, zur Sache zu sprechen und solche Ausfälle zu unterlassen.) Gregorig: Nachdem mich der Landmarschall in der Verteidigung des christlichen Volkes (!) hindert, werde ich abbrechen. Ich beantrage folgenden Zusatz: Juden, getaufte oder nicht getaufte, sind vom aktiven Wahlrecht ausgeschlossen. (Gelächter.) Der Jude ist gemeingefährlich, es giebt gegen die Uebergriffe des Juden nichts anderes als die Einziehung der Judengüter und bis das gesetzlich erreichbar ist, gebührt diesen übersrechen Individuen nichts als die Hundepeitsche. — Landmarschall: Ich rufe Sie zur Ordnung! (Beifall). — Abg. Schneider erklärte, er könne den Juden Menschenrecht nicht zuerkennen, man sollte dahin streben, daß der Umgang zwischen Menschen und Juden als „widernatürliche Unzucht" unter das Strafgesetz falle. (Gelächter.) Die Ablehnung des Antrages mit allen gegen drei antisemitische Stimmen vermochte den Eindruck, daß man sich nicht in einem Parlamente, sondern in einem Tollhause befinde, nicht abzuschwächen. — Präsident Herzl. Herr Dr. Theodor Herzl, Verfasser der Broschüre „Der Judenstaat" und anderer feuilletonistischer Scherze, ist aus einer Reise nach Konstantinopel begriffen. Unterwegs sind ihm Ehren erwiesen worden, als wäre er schon Präsident der Republik Palästina. So ist er an der Landesgrenze Bulgariens von zwei Verehrern und in Sofia von einer 600köpfigen Menge erwartet worden. Bei seiner Ankunft schwenkten, wie ein offiziöser Bericht aus Sofia meldet, alle Anwesenden die Hüte und begrüßten ihn mit einem „Baruch habba“. Es wurden alsdann zwei Ansprachen gehalten, und Dr. Herzl soll so gerührt gewesen sein, daß Thränen in seinen Augen sichtbar wurden. — Einen gleichen Effekt hat das bloße Lesen des Berichtes bei uns erzielt. — Drumonts Gedächtnis. Marquis Mores — ein Opfer jüdischer Rachsucht. Wir haben vor acht Tagen vorausgesagt, daß diese Entdeckung gemacht werden würde, und sie ist gemacht worden; Herr Drumont, der Herausgeber der Libre Parole, hat sie gemacht. In einem offenen Briefe zeigt uns der „Univers Israelite“, was Monsieur Drumont alles zu leisten imstande ist. Der Brief lautet: „Der Tod des Marquis Mores bietet Ihnen wiederum Gelegenheit, die Juden der niederträchtigsten Absichten zu beschuldigen. Die Juden sollen Mores ermordet haben, wie sie einst den Oberst Flatters und seine Begleiter ermordet haben (in dieser seiner Begleitung befand sich auch der Sergeant Demery, ein notorischer Jude). Aber das Gedächtnis ist eine schöne Sache und die Logik gleichfalls Ihnen fehlt beides und unter diesen Ulnständen ist es zum Teil schmeichelhaft für Sie, daß Ihr Judenhaß Sie jede Erinnerung verlieren läßt für das, was Sie früher geschrieben haben. In «Pa firance juive“, Band I, Seite 42, schreiben Sie nämlich: „Flatters war Jude von Geburt und er starb unzweifelhaft als Opfer einer religiösen Idee wie seiner eifrigen Hingabe an die Wissenschaft!" Und heute ist Flatters ein „Opfer der Juden" geworden. Dieses Citat aus dem Evangelium des Boulevard Montmartre genügt, um an beit Fingern herzählen zu können, welche Fortschritte Sie bereits gemacht haben. Man weiß wahrhaftig nicht, was man mehr bewundern soll: die Verblendung Ihrer Leser oder die Unverfrorenheit, mit der Sie denselben blauen Dunst vormachen." — Tolstoi über die Judensrnge. Nach einer Mitteilung der „Jewish Chronicle“ soll sich Graf Leo Tolstoi über die sog. Judenfrage und die Stellung des Kaiser Nikolaus II. zu dieser Frage wie folgt geäußert haben: „Ich verstehe, offen gestanden, weder die antisemitische Partei, noch die Mittel in diesem Kampfe, noch die Frauen, welche die Antisemiten unterstützen. Kürzlich erhielt ich den Besuch eines österreichischen Abgeordneten, der mir auseinandersetzen wollte, daß die Antisemiten die wahren Liberalen seien und nur den Kapitalismus bekämpften. „Aber was hat das mit der Gleichheit der Konfessionen zu thun?" fragte ich, „für mich ist die Gleichheit Aller vor dem Gesetze eine unumstößliche Forderung! Welches Elend, wenn diese Forderung nicht in der Verfassung gewährleistet ist, und welch noch größeres Unrecht, wenn dies Recht sestgelegt ist und die Regierung es doch nicht beobachtet. Unser Kaiser ist ein Feind des Antisemitismus. Erst vor wenigen Tagen wurde ihm eine Liste von Offizieren zur Beförderung vorgelegt, in der sich auch die Rubrik „Religion" befand. „Wozu ist es nötig, die Religion anzugeben?", ries Zar Nikolaus aus, „sie hat nichts mit dem Verdienst zu thun." — Wir wünschten, die Nachricht wäre wahr. z -t!

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