Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610012--1340-9610016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 280. " Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. sondern znmeist noch gar „unter Durchschnitt," somit oft weniger noch als wir; daher fort mit der altgewohnten Verehrung, die weiter nichts ist als „Phrase, Heuchelei, Firlefanz" :c.? Haben wir dann etwas gewonnen? Geitau das Gegenteil, sollte man meinen! Die Gegenwart ist arm an wahrhaft jüdischen Männern, mithin sind die Aussichten für die Zukunft auch trübe. So rauben Sie uns wenigstens nicht auch noch die Vergangenheit! Indem man uns teilweise die Vergangenheit nimmt, nimmt man uns auch die Zukunft. Kritisieren Sie an den Lebenden so viel Sie wollen, aber unsere Toten, zumal die ans alten Jahrhunderten, lassen Sie uns in Ruhe und sie ihren Ruhm weiter genießen. Das schadet uns gar nicht; im Gegenteil es nützt uns insofern, als unsere Jugend sich die Männer zum Vorbild dienen lassen und ihnen nachzueifern sich bemühen kann. Was Dr. Bernfeld über die Litteratnrvereine sagt, und namentlich die Art, mit der er sie behandelt, muß auch zurückgewiesen werden. Vielleicht ist bei Ihnen in Berlin auch hierin nicht alles, wie es sein konnte. In den Provinzen aber haben die Vereine sich bestens bewährt und stiften hier wie dort fortgesetzt Segen! Das alte Wort: de mortuis etc. gilt doch glücklicherweise auch heute noch. Durch das Herunterzerren eines Moses Mendelssohn und Manasse ben Israel von ihrem in der Jndenheit ihnen nun einmal eingeräumten hohen Piedestal verletzt der Mann die Gefühle vieler Tausende unserer Glaubensgenossen. Und zu welchem Zwecke denn? Schriebe er ein eigenes Geschichts- oder litterar-historisches Werk, so könnte man sagen, es geschehe dies im Interesse der historischen Wahrheit, oder auch, in seinem eigenen Buche kann ec machen, was er will. In einer Zeitung aber, die der Lektüre des Tages gewidmet ist, die vielleicht auch von einzelnen Urteilslosen gelesen wird, gehören derartige in Form einer Korrespondenz abgedruckte Kritiken nicht hin. Denn um diese zu begründen, ist der Raum ja zu karg bemessen; auch habe ich bisher nach Argumenten vergebens gesucht. B. sagt einfach: es ist nicht wahr, daß der Mann so und so bedeutend war — das Gegenteil ist der Fall, „ich" weiß es nämlich besser und dergleichen! — Ihr Blatt hat sich von den häßlichen Lobhudeleien aller Silberhochzeitler, Gemeinde-Parnossim rc. bisher wohlweislich fern zu halten gewußt, weil diese die anderen Blätter füllenden Albernheiten Widerwillen erregen. Erregen diese aber Widerwillen, so erregen die fortwährenden Angriffe gegen die Toten für die Tauer, dazu noch in der verspottenden Art des Dr. B-. geradezu Unwillen. Und das ist fast dasselbe?) Königsberg i. Pr. M- F. Rabbiner, Prediger und Lehrer. Von Lion Wolfs. III. Im vorigen Artikel glaube ich bewiesen zu haben, daß die hierarchischen Bestrebungen unserer Rabbiner nur Schreckgespenste sind, die niemand mehr fürchtet, die keinem gefährlich *) Wir kommen auf diese Angelegenheit in nächster Nr. zurück Red. werden können. In beu preußischen Gemeinden ist die Herrschaft der Rabbiner über die anderen Beamten überhaupt ein Unding, weil ihnen jede behördliche Autorität fehlt, und auch die Land- und Bezirksrabbiner wirken eher zum Schutze der Lehrer gegen herrschsüchtige Vorsteher als zu ihrem Schaden. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Und was ist im Grunde genommen der llnterschied zwischen einem Gemeinderabbiner und einem sogenannten Kultnsbeamten, der in einer mittleren Gemeinde als „Mädchen für Alles" wirkt? Schon ist eingetroffen, was ich vor Jahren in einer Broschüre prophezeit habe: Die Zukunft gehört nicht dem jüdischen Elementarlehrer, — denn unsere jüdisch-konfessionellen Schulen stehen auf dem Aussterbeetat, — und nicht dem einseitig vorgebildeten Rabbiner, denn die Provinzgemeinden verringern sich und ihren Etat. Die Zukunft gehört vielmehr dem Kultnsbeamten, der alle Aemter in einer Hand vereinigt. Gemeinden in der Größe bis zu 100 Familien engagieren einen Beamten als Prediger, Lehrer und Kantor und einen zweiten als Schächter und Synagogendiener. Vier größere Gemeinden, die bisher einen Rabbiner besoldet, haben im letzten Jahre diesen Modus schon eingesührt und andere werden nnzweiselhaft folgen. Und auch der geistige Unterschied zwischen den genannten Beamten ist nicht erheblich groß. Soweit geborene Deutsche als Rabbiner inbetracht kommen, ist es mit ihrer Kenntnis der talmudischen Litteratnr nicht viel besser bestellt, als bei dem seminaristisch vorgebildeten Lehrer. Ter eine weiß wenig und der andere noch weniger. Die Kandidaten, die aus dem Osten nach Deutschland kommen, bringen mehr talmndisches Wissen mit, als ein Deutscher in seinem ganzen Leben erringen kann. Rur die Gymnasialbildung haben sie vor uns voraus, und diese wird wieder durch die Kenntnisse in der Liturgie und in der Musik ausgeglichen. Wohl weiß ich und habe es selbst schon oft empfunden, daß wer nicht das Glück hat, Dr. zu heißen, nicht als vollberechtigt, sondern als Eindringling betrachtet wird, der nicht in die Versammlung der Großen kommen dürfe? Allein auch das ist zu ertragen, in dem Bewußtsein, daß die Rabbinerversammlungen der letzten zwei Dezennien nichts, aber auch gar nichts Vernünftiges zu Tage gefördert haben, es müßte denn sein, daß die Maybaumsche Hagadah allgemein eingeführt würde — in dem hebräischen Urtert wenigstens. Ich habe in der Rabbinersrage schon wiederholt Stellung genommen, und man hat mir eben so oft imputiert, ich sei ein Feind der ausländischen Rabbiner und Kultusbeamten. Dagegen verwahre ich mich auf das entschiedenste, nicht sowohl deswegen, weil ich gerade in diesen Kreisen meine besten Freunde habe, sondern weil ich der einzige war, der in einer Audienz bei dem damaligen Minister v. Pnttkamer gegen die Ausweisung der ausländischen Beamten protestiert habe. Ich habe allerdings wiederholt dagegen protestiert, daß die Gemeinde in der Hauptstadt des deutschen Reiches nur, und ich möchte sagen: grundsätzlich nur Ausländer engagiert, und gefordert, daß unter den vielen Beamten wenigstens ein geborener Deutscher Gnade stnde vor den Augen der Berliner Machthaber. Das ist noch heilte meine Meinllng, und sicher