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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 270 (sequence 10)
Language
German
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/ Seite 270. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. I -I erst mit ihrer Vertreibung fing Spanien an, so tief zu sinken. Wo war ein Land, in welchem unsere Väter die Verfolgung mit Verrat, den Druck mit Untreue vergalten? Kaum daß sich eine einzige Spur im Kampfe des westgotischen Reiches mit den Mauren davon findet — da galt es aber ein unerträgliches Joch mit achtungsvoller Behandlung und bürgerlicher Freiheit zu vertauschen. Ueberall, wo ihnen nur ein wenig freier Spielraum gewährt wurde, rechneten sie es sich zur Ehre und zur religiösen Pflicht, dem Vaterlande mit Anfopfernug zu dienen. So ist das Bürgertum der Inden kein Erzeugnis der neueren Zeit, sondern die alte prophetische Mitgabe bei dem Scheiden aus Palästina. I. V. Die Peitsche des Herrn Daniel Itzig. Eine wahre Begebenheit. Von M. K. (Schluß.) Um zwei Uhr war der Fremde wieder bei Itzig, der ihn seiner Familie in der herzlichsten Weise als seinen Jugendfreund und ersten Geschästskompagnon vorstellte. Nach Tisch zeigte er ihm sein Haus, worüber der Fremde sich nicht genug wundern konnte. Solche Möbel, -solche Kandelaber hatte er noch nie in eines Juden Haus gesehen. „Wissen Sie was, lieber Samuel, morgen Nachmittag fahre ich mit Ihnen nach meinem Landgut vor dem Schlesischen Thore. Das wird Ihnen gefallen." Verabredetermaßen führte Itzig seinen Arnswalder Freund den andern Tag nach der Meierei, welche heute den Namen Luisenhof oder auch Berlins Sanssouci führt. Diese Meierei war, ehe sie das Eigentum Jtzigs wurde — eine gewöhnliche Meierei, aus der der Banquier einen wahrhaft fürstlichen Besitz geschaffen hatte. Wer Eintritt erlangte, war überrascht. Bassins, Statuen, sogar ein kleines Sommer- Theater war da. Auf der einen Seite befand sich ein Bassin für Wassergeflügel, aus der anderen Seite lagen zwei Bassins von weitläufigen Bosquets umgeben, und zu den Ananastreibereien fehlte anch das Gartentheater mit gemauerten Terrassen nicht. „Was meinen Sie," sprach Itzig, plötzlich vor einer Statne stehen bleibend, „was so eine Fignr kostet?" „Lieber Herr Itzig, unsereins versteht davon nichts," erwiderte Samuel. „Da sind fünf Statuen," fuhr Itzig fort, „davon kostet jede einzelne fünfhundert Thaler. Das da sind sechs Philosophen, die ich von dem berühmtesten Bildhauer Berlins habe arbeiten lassen, die kosten zwölshundert Thaler, und diese acht „Kinder" kommen mir jedes Stück ans zweihnndert und fünfzig Thaler. Der König hat sie aber anch nicht schöner. Jetzt will ich Ihnen aber etwas zeigen, das haben Sie gewiß noch nicht gesehen," sprach Itzig lächelnd. „Ei, ei, ein Myrtenbaum! Welche Pracht!" rief Samuel aus; „damit können Sie ja die ganze „Khille" mit „Hadassim" versehen." „Ich habe diesen Baum eigens pflanzen lassen, um unserm großen Moses Mendelssohn und meinen Freunden alljährlich „Hadassim" schicken zu können," erwiderte Itzig. „Von dem Weine, der dort an dem Hause emporrankt, erhält unser König und Mendelssohn alljährlich die ersten Trauben. Mosche Dessau wird mich in diesen Tagen besuchen, da sollen Sie ihn kennen lernen, diesen Herrlichen!" Itzig durchschritt mit dem Freunde den langen Garten. Plötzlich befanden sie sich in der 'Nähe des Pavillons, wo der Kaffee bereits serviert war. Samuel war in Gedanken versunken. So sehr er sich auch über die herzliche Aufnahme, welche er bei dem reichen Banquier gefunden hatte, freute, so mußte er sich doch gestehen, daß er nicht nach Berlin gekommen sei, um Herrn Jtzigs Besitzungen in Augenschein ^u nehmen und seine Kostbarkeiten zu bewundern. Er hoffte eine seinen eigenen Verhältnissen nach große Summe, ganze zweihnndert Thaler, zur Ausstattung seiner Tochter von ihm zu erhalten. Wie sollte er aber sein Anliegen Vorbringen? Er war nicht gewohnt, die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen, und hatte nicht den Mut, den reichen Mann um ein Almosen anznsprechen. Endlich faßte er sich ein Herz. Was thut der Mensch nicht eines Kindes willen! „Ja, Herr Itzig," Hub er an, „die Wege Gottes sind garwunderbar. Ihnen hat Gott geholfen; Sie sind ein reicher Mann geworden, während ich mich und meine Familie kümmerlich ernähre und nicht aus den Sorgen herauskomme. Als wir in unseren jungen Jahren unfern Viehhandel trieben, haben Sie auch nicht daran gedacht, noch einst Berliner Vorsteher zu werden." „O, lieber Freund," erwiderte Itzig, „glauben Sie sicher, daß ich meinem Schöpfer täglich dafür danke. Täglich spreche ich mit unserem Erzvater Jakob: „Ich bin viel zu gering all' der Gnade und Treue, die du, Allgütiger, mir erwiesen hast. Arm bin ich nach Berlin gekommen. Gott hat geholfen! Er verläßt niemand!" „Denken Sie noch daran, lieber Herr Itzig," sprach Samuel lächelnd, „wie wir einmal eine Peitsche verhandelt haben? Wer hätte damals gedacht, daß Sie einst Eigentümer einer fürstlichen Besitzung werden? Sie selbst haben es wohl nie geahnt, sonst hätten Sie gewiß ein solches Versprechen nicht gegeben, wie Sie es thaten, als Sie mir die Peitsche abkauften. Ich muß noch heute darüber lachen." „Was? Ein Versprechen?" rief Itzig betroffen. „Narretheien! Sie sagten: Was ich einmal über zwanzigtausend Thaler in Vermögen habe, soll Dir gehören — damals dutzten wir uns noch." Wie ein Blitz fiel diese Erinnerung auf Itzig. Er wurde leichenblaß und wortkarg, und hatte Mühe, seine innere Unruhe zu verbergen. Er winkte seinem Kutscher, befahl ihm, anzuspannen und ihn sofort nach der Stadt zu fahren. „Ich habe Anstalten getroffen, lieber Samuel, daß Sie über Nacht hier draußen bleiben; ein wichtiges Geschäft, das mir eben einfällt, zwingt niich, nach Hause zu eilen. Morgen Vormittag laß ich Sie in meiner Equipage abholen." Ter Wagen fuhr vor. „Schlafen Sie recht wohl, lieber Freund; morgen sehen wir uns." Mit diesen Worten drückte er ihm herzlich die Hand und bestieg seinen Wagen.

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