Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 734 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609040--0890-9609054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 784 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 45. r Aus Rußland. Der Minister des Innern, Staatssekretär Iwan Durnowo, ist seines Amtes enthoben worden. In dieser kurzen Meldung liegt ein Ereignis, das für uns Inden in Rußland von weitgehendster Bedeutung ist. Durnowo, der hier mit Recht der russische Haman genannt wird, verfolgte mit größter Rücksichtslosigkeit die russischen Juden. Er war es, der die Ausweisung der in Moskau und den Zentralgouvernements befindlichen jüdischen Handwerker, denen unter Alexander II. das unbeschränkte Wohnrecht eingeräumt worden war, bei Alexander III. besürwortete und dann schonungslos durchsührte. Erst in neuester Zeit wies Durnowo die Juden aus dem Kaukasus und aus dem Dongebiete aus, trotzdem die dortige orthodoxe Bevölkerung gegen diese Ausweisungen sich erklärte. Alle Beschränkungen, welche gegen die Juden in Rußland in den letzten sechs Jahren verfügt wurden. Wenn nun auch die Politik der russischen Regierung den Juden gegenüber im wesentlichen keine andere werden dürste, so wird sie doch infolge der Enthebung Durnowo's nicht mehr ein solches Gepräge der Gehässigkeit tragen. — Kier und dort. - Tie Angriffe gegen das sog. Schächten sind zumeist mir Angriffe gegen das „Werfen" der Tiere. Letzteres wird durch einen Apparat beseitigt, . der von dem Schlachthofdirektor Tr. Schadow in Hirschberg konstruiert ist. Tie Vorrichtung gleicht im wesentlichen eimm großen Operationstische, ans welchem die Tiere ruhen und ohne gegen das rituelle Schächten zu verstoßen, geschnitten werden können- Das Niederwerfen des Tieres ist beseitigt. Tiefer Sckächtapparat ist bereits, verschiedenen Kommisionen und Fachleuten im Betriebe vorgeführt worden die ihr Urteil einstimmig dahin abgaben, daß er tadellos funktioniert und den Akt des Schlichtens zu einem viel humaneren gestaltet. — Dem fünsundzwanzigsten Bericht der Israelitischen Waisenknaben-Anstalt in Pose n über das Jahr 1894 entnehmen wir, daß die Anstalt 25 Zöglinge, darunter 3 Lehrlinge, beherbergte. Dieselben besuchten die Mittelschule und Bürgerschule: der Neligionsunterricht wurde in der Anstalt erteilt. Am 1. April 1895 trat Herr Tr. Falkenstein, der bisherige Pflegevater, in den Ruhestand und wurde durch Herrn Lehrer Katzenstein - Wetzlar ersetzt. Die Einnahmen betrugen Mk. 24 960,15 (incl. Mk. 9350 Legate), die Ausgaben Alk. 23 788,90; Ueberschuß Mk. 1177,25. An Mitgliedern zählt die Anstalt 445. — In einer der letzten Sitzungen des Bezirksausschusses in Hannover wurde die Synagogeu-Gemeinde Diepholz zur Rückerstattung von 7 Mark 8 Pfennig an ihren früheren Lehrer verurteilt. Es hat diese Entscheidung eine prinzipielle Bedeutung. Nach dem in .Hannover bestehenden Gesetze haben die Lehrer das Wahlrecht in ihrer Gemeinde, das sie aus leicht erklärlichen Gründen meistens nicht ausüben. Ter betreffende Lehrer machte von seinem Rechte Gebrauch, worauf die Synagogeu-Gemeinde Diepholz nun ihrerseits ihn zur Zahlung eines Gemeindebeitrages zwang. Der von dem Lehrer dagegen erhobenen Berufung beim Bezirksausschüsse wurde stattgegebcn und durch das Urteil entschieden, daß die Lehrer trotz der Ausübung des ihnen zustehenden Wahlrechts nicht beitragspflichtig sind. — Tie städtische Schuldeputation in Z e m p e l b u r g hat beschlossen, die dort bisher bestandene zweiklassige jüdische Volksschule mit der evangelischen zu einer paritätischen Volksschule zu vereinigen und die Lehrer zu übernehmen. — Die israelitische Gemeinde in Dortmund beabsichtigt, eine neue Synagoge zu bauen und will dafür 350,000 Mark aufwenden. Das Gotteshaus soll 1200 Sitzplätze enthalten und zwar 750 unten und 450 aufsteigend aus Empore augeordnet. — Am 27. Oktober erfolgte in feierlichster Weise die Einweihung der in G r e b e n st e i n errichtete neue Synagoge. Den Feierlichkeiten wohnten der Regierungspräsident und der Landrat bei. Die Festpredigt hielt Landrabbiuer Dr. Prager aus Kassel. — Rabbiner Tr. Rosenberg in Arad hat, entgegen den Beschlüssen der jüngsten Rabbiner-Versammlung, einem zwischen einem Protestanten und einer Jüdin geschlossene Misch-Ehe am 18. Oktober eiugesegnet. - Die englische „Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden" giebt bekannt, daß sie in diesem Jahre bereits 35,648 Lstr. (712,960 Mark) verausgabt und dafür 1 Erwachsenen und 5 Kinder „bekehrt" hat. Jeder „Bekehrte" kostet also rund 120,000 Mark! Seit ihrem Bestehen hat die Gesellschaft 43Ls Millionen Mark für ihre Zwecke ausgegeben. Wie viel wirklich Gutes hätte mit dieser riesigen Summe gestiftet werden können! Wieder wurde eine Anzahl von im Staatsdienste stehenden Juden in Italien vom König durch Ordensverleihungen ausgezeicbnet. Kavaliere Silvio Animi, Direktor des Haupt-Departements des Finanzministeriums „wurde zum Kommandeur der Krone Italiens ernannt; Kavaliere Professor Leone Bolaffio, Mitglied der Kommission zur Reformierung der Handelsgesetze und Kavaliere Marco Matri, Mitglied des Gemeinderates in Rom, wurden in den Rang von Offizieren desselben Ordens erhoben; Signor Gnglielmo Jung,' Archivar und Hauptmann Enrico Finzi, Doktor im Militär-Sanitäts-Corps wurden zn Kavalieren der Krone Italiens resp. St. Maurice ernannt. — Wie die „Now. Wremja" meldet, haben etwa 200 finnische Bauernfrauen dem Gouverneur von Wiborg ein Gesuch um Schließung aller Restaurants in den Dörfern des Gouvernements eingereicht, unter 'der Motivierung, daß diese Lokale die Bauern und Bauernsöhne vollständig zu Trunkenbolden machen. — In Finnland wohnen fast gar keine Juden^wer also macht dort die Bauern zu Trunkenbolden? — Der Sultan der Türkei hat unseren Glaubensgenossen Levy Effendi, welcher auf dem Gebiete agrarischer Forschung als Kapazität gilt, zum Agrar-Jnspektor von Syrien ernannt, mit der Mission, über die Versuche mit Kaffee-Plantagen dort und auch in Tripolis Bericht zu erstatten. .— Makedonien, welches durch die politischen Wirren bis vor wenigen Wochen im Vordergründe des Interesses stand, zählt 1,551,000 Einwohner, welche sich folgendermaßen verteilen: 410,000 christliche Bulgaren. 46,000 mohammedanische Bulgaren, 350,000 Albanesen, 280,000 Türken, 1450, Griechen, 120,000 Serben, 95,000 Zinzaren, und 40,000 spanische Juden. Der Rest besteht aus Zigeunern und Ausländern. — Wohl die erste Frau, die je in einer Synagoge predigte, war Frau Rachel Frank. Dieselbe bestieg jüngst die Kanzel des Tempels in San-Franzisko und sprach über „Die Beziehungen des historischen Judentums zur Gegenwart". — Die Zeitungen meldeten den Tod von Muley Mohammed, Sheriff von Wazan lllössan), dem zweiten Sohne der Sheriff, der einst in England eine Deputation der Englisch-Jüdischen Gesellschaft empfing. Der Verstorbene übte großen Einfluß aus aus die wilden Bergstämme in der Nähe von Wazan, und seine strenge Befolgung der Gesetze des Islam machte ihn nicht nur bei den Moslems, sondern auch bei den eingeborenen Juden beliebt, welchen er stets volle Gerechtigkeit zu teil werden ließ. Kries- und Fragekakkli. — Worauf beziehen sich im Gesang am Meere die Worte: ,.idic>- halto beosecho el n’weh kodscliecho“? Die Ansicht Aben Esra's, daß dieselben ans Mattan Thora Hinweisen, kann wohl nicht befriedigen, da dieses Ereignis doch fast zwei Monate nach dem Auszüge stattfand. T. in H. — Giebt es ein, mit jüdischer Geschichte systematisch verbundenes Lehrbuch der Weltgeschichte für israelit. Schulen? (Nein! Red.) wseheii- Nov. 1895. Cheschw 5656. Freitag . . . 8 21 Sonnabend . . 9 22 Sonntag . . . 10 23 Montag . . . 11 24 Dienstag . . . 12 25 Mittwoch . . 13 26 Donnerstag . . 14 27 Treitaq . . . 15 28 Kaitttfetv. "N (Sabb.-Ausg. 5,4).