Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 709 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609023--0864-9609028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 709. Der!ifiitfd|#,inlf Parteitag. Es war, als wenn sich der Doktor Eisenbart vervielfältigt, ja verhundertfacht und alle seine Ebenbilder in Erfurt sich ein Stelldichein gegeben hätten. Ja, sie gingen noch weiter, sie erfanden sogar die Krankheiten zu den von ihnen präparierten Universalheilmitteln gleich mit, und das mit Recht, denn für die thatsüchlich vorhandenen sozialen Schäden, die Deutschland nicht in letzter Reihe dieser aus katilinarischen Existenzen stark durchsetzten Partei verdankt, sind sie wahrlich die letzten, von denen man Abhilfe erwartete, und ihren grobkörnigen Quacksalbereien gegenüber ist der derbste Ringen zu delikat veranlagt. Wenn sie ihre Vorratskammer von Schimpfworten und unmöglichen Gesetzesvorschlägen entleert haben, dann ist es ihr Gehirnkasten ebenfalls. Eine kleine Garnitur von aufgefchnappten, ziel- und zwecklos hingeworfenen Schlagworten muß als^ückenbüßer dienen, man fällt sich in die Arme und geht berauscht .... vom Erfolg von einander mit dem schönen Bewußtsein, für die dem bethörten Volke abgezwackten Gelder einen Parteitagabgehalten zu haben. Ihre Erfolge bei den Rcichstagswahlen — dank der UnterstüHnng der gleichgesinnten Brüder — sind ihnen in den Kopf gestiegen; aber sie besitzen noch soviel Selbsterkenntnis, um einzusehen, daß nur beim direkten und geheimen Wahlrecht ihr Weizen blüht, weil jedermann, der noch etwas Scham und Ehrgefühl im Leibe hat und auf Reputation hält, sich hüten wird, Arm in Arm mit ihnen das Weltgericht in die Schranken zu fordern. Sie möchten deshalb auch für die Landtage das „elendeste aller Wahlgesetze" durch jenes ersetzt haben; jedoch wie im kleinen, spielt auch im großen der Eigennutz die Hauptrolle und was für Preußen recht wäre, tonnte die sächsische Gemütlichkeit aus dem Gleichgewicht bringen — der Vorschlag mußte daher fallen. Als vor etwa 30 Jahren ein großer slavifcher Kongreß abgehalten wurde, da stellte es sich heraus, daß die Delegierten der verschiedenen slavischen Stämme sich gegenseitig nicht verstanden, und um nicht ganz „ungetagt" auseinanderzugehen, mußten sie in deutscher Sprache sich verständigen! Was bei einer solchen Karrikatur einer „nationalen" Versammlung herauskommen konnte, ist klar, es läßt sich mit Zero vollständig zudecken, und so ungefähr ging es den „All Heil"—igen zu Erfurt. Was den Hirnverbranntesten Köpfen seit 16 Jahren an frommen Wünschen gegen die Juden entsprungen war, wurde zu einer Resolution verbacken, und nachdem sie, damit mit Ach und Krach zustande gekommen waren, legten sie sich die Frage vor, welche eigentlich die erste hätte sein sollen, wer eigentlich die „bösen Juden" seien, gegen welche man solch schöne Ausnahmegesetze geplant hat? Ucber den Begriff „Jude" konnten sie nicht heranskommen, und damit war eine Ursache gewonnen, wieder einmal zu einem Parteitage zusammenzukonunen. Ein Königreich für Erklärung des Wortes „Jude", ob ein solcher auch noch der Synagoge angehören muß, oder ob es genügt, wenu der Großvater sich erst das Extrabillet für die gute Gesellschaft gelöst hat!! Sonderbarer Schwärmer! Und doch hatten sie in diesem Punkte so recht, schon der Wiedervergeltung halber, zu verlangen, daß über die Juden eine Stammrolle geführt werde, denn die Juden führen ja auch eine solche über den Typus der Antiseniiten, und lesen sie jährlich zweimal in den Synagogen, um das Vergessen zu verhüten, nämlich — die Rolle Esther. Und sowas sollte zurückgestellt werden! Das wäre ein Skandal, wie ein Witz ohne Pointe. Bekannt ist die Erzählung von einem .Kaufmann, der des Morgens seinen Lehrling fragte, ob er schon Staub in das Salz, gemahlene Ziegelsteine in den Zimmt, Kreide in das Mehl und Schnupftabak in den Pfeffer gemengt habe, und nach erhaltener bejahender Antwort ihm zurief: „Run wollen wir beten!!" Nachdem alle Herzenswünsche gegen die Juden in der Absicht, sie zu Menschen dritten Grades herabzuwürdigen, erledigt waren, hört sich das Verlangen nach „Glaubens- und Gewissensfreiheit und Duldung aller Gewissens-Ueberzeugungen", wie das obenerwähnte „Run laßt uns beten" an. Da aber die Herren Auguren sich wieder, ohne sich gegenseitig auszulachen, ansehen wollten, so fügten sie dieser schönen Redewendung die Einschränkung „soweit sie nicht gegen Sitte und Recht verstoßen" hinzu. Gott weiß, was sie sich dabei dachten, da doch männiglich bekannt ist, daß ein jeder von ihnen diese Begriffe sich zurechtdehnt, wie sie ihm passen; genugum, die Harmonie mar wieder hergestellt. Bemerkenswert ist auch der Fußtritt, welchen die undankbaren Jünger ihrem Schöpfer und Meister Stöcker versetzten, vor dessen Geruch sie sich die germanischen Rasen zuhielten. Adieu, armer Stöcker, ob alle Anerkennungsschreiben, welche er von den durch die Hammerstein-„Affaire" Kompromittierten erhielt, ihn, den Menschenkenner, der wohl weiß, was er von all diesen krampfhaften Anstrengungen zu halten hat, dafür entschädigen werden, daß die deutsch-soziale Brut von der christlich-sozialen Henne nichts mehr missen will? Schwerlich! Für uns aber geht aus diesem Schmollen hervor, daß, wenn christlich-sozial und deutsch-sozial verschiedene Begriffe sind, christlich und deutsch sich aft'o nicht decken, man also auch letzteres ohne er st eres sein kann. Ein unfreiwilliges Zugeständnis, das des komischen Beigeschmackes nicht entbehrt, was aber nicht ausschließt, daß die Ehrenmänner, die sich schlagen, sich auch wieder vertragen!- Und so gingen sie von einander; für alle eingebildeten Krankheiten haben sie Mittel gefunden — wenn auch nicht die Patienten, welche von den Gebrechen behaftet sind — nur das eine Mittel nicht, dessen sie am allernötigsten bedurft hätten: das gegen ihre unsterbliche Lächerlichkeit. Dr. M. Aus im ßcrlincr Keiimude. W. Berlin, 28. Oktober. Die Sitzung der Repräsentantenversammlung am 27. d. M. war eine der längsten, der ich jemals beigewohnt, allerdings war auch der Gegenstand der Beratungen, wenn auch teilweise recht geschäftsmäßig, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Zu Eingang der Verhandlungen wurde mitgeteilt, daß in den Rechnungsabschluß des Krankenhauses sich ein Irrtum eingeschlichen, indein die Mehrausgabe pro Kopf nicht 16 Pfennig, wie ursprünglich angegeben, sondern nur 3 Pfennig betragen hat. Für das Geschenk eines Paroches und einer Altardecke seitens des Herrn Justizrats Meyer aus Anlaß seines 25jährigen Amtsjubiläums hat der Vorstand dem ermähnten Herrn schriftlich seinen Dank votiert. Die weitere Beratung zeichnete sich, rein äußerlich betrachtet, dadurch aus, daß fast sämtliche Punkte der Tagesordnung in umgekehrter Reihenfolge verhandelt wurden. Zunächst wurde Punkt 10 vorweg erledigt und zwar statt in geheimer Sitzung in öffentlicher Sitzung. Es handelt sich