Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 675 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 675. nionnenen Melodien, chorisch gesetzt und sie bei seinem Probevortrag dem Chore eingeübt. Lichtensteins Debüt war in der Wirkung wie ein elekrischer Funke, er kam, sang und begeisterte die versammelte Gemeinde. Aber die Dämonen, welche jeder Größe gegenüber eifersüchtig in finsteren Schluchten lauern, hatten auch hier ihre teuflischen Krallen ausgestreckt. — Sechs Monate hindurch spielten in: Hintergründe Jntriguanten jeglicher Art ihre traurige Rolle, um das Engagement des Lichtenstein zu verhindern. Ostern 1845 kam Lichtenstein nach Berlin und fungierte abwechselnd mit A. L. Die Periode bis zur Pensionierung des alten Herrn mag hier unberührt bleiben — Kurz vor dem Ableben des A. L. saß ich an seinem Krankenbette. A. L. war sehr trostlos, verstimmt, ja verbittert, und meinte, er werde noch lange leben müssen. Ich frug, warum fürchten Sie? er sprach: ich habe jüdisches Geld erspart und das muß ich, nach einer alten Sage, im Krankenbette verbrauchen.-— Ascher Lion ging, hochbetagt und hochgeehrt von seiner Gemeinde, zu seinen Vätern. (Schluß folgt.) Das Alphabet. Von Dr. Ad. Jelliuek. Der Leser erwarte weder eine linguistische noch eine paläographische Untersuchung; das hebräische Alphabet und seine eigentümliche Geschichte sollen blos als ein Beitrag zur Charakteristik des jüdischen Stammes behandelt werden. Nach Olshausen (über den Ursprung des Alphabetes) und Hitzig (Erfindung des Alphabetes) gebührt die Ehre einer der wichtigsten, einflußreichsten und scharfsinnigsten Erfindungen des Menschengeiffes den Hebräern und nicht den Phöniziern. Der letztere schließt seine Abhandlung mit den Worten: „Gehört der Erfinder dem Volke Israel an, so hätte dasselbe nicht nur durch Erfassung eines geistigen, von der Welt getrennten Gottes zuerst den Geist der Natur überhaupt entnommen, sondern durch eine ähnliche That der Abstraktion denselben auch der Unmittelbarkeit eines reflexionslofen Lebens in der Sprache." Geht man vorn ethnographischen Gesichtspunkte aus, so hätte diese Annahme viel für sich. Das Alphabet ist nämlich aus einer verständigen Vereinfachung der komplizierten egpptischen Hieroglyphen hervor- ,gegangen, und zu dieser Läuterung und Abklärung eines verwickelten Schreibsystems ist der jüdische Stamm vollkommen geeignet. Das Bild wurde zum abstrakten Lautzeichen, und das Zeichen für den Laut auf ein einziges reduziert. Doch lassen wir die Priorität und das Eigentumsrecht der Erfindung auf sich beruhen; der jüdische Stanun hat jedenfalls den frühesten Gebrauch von ihr gemacht, hat dieses wichtige Kulturelement am raschesten sich angeeignet, was ein vollgiltiges Zeugnis seiner Bildungs- und Fortschrittssähigkeit ist. Noch mehr. Ohne das Alphabet, ohne ein einfaches Schristsystem konnte seine Religion nicht realisiert, sein stark agierender Individualismus nicht befriedigt werden. In Egypten gab es keine aus idealer Gleichheit der Menschen ruhende Religion, indem die Priester allein in die religiösen Mysterien eingeweiht wurden; keine Individuen, kein Hervortreten der Persönlichkeit, indem jeglicher nur als Glied seiner Kaste Geltung hatte. Dem entsprachen auch die Hieroglyphen, die nur von Priestern verstanden wurden und im gewöhnlichen . Verkehr des Volkes sich nicht anwenden ließen. Die Religion Israels wandte sich an jeden Einzelnen, sollte von ihm verstanden werden, verlangte von ihm, daß er ihre Gesetze lese und schreibe, bedurfte daher des Alphabets, eines einfachen Schriftsystems, das jedermann leicht begreifen konnte. Es ist auch bezeichnend, daß Muhammed die Juden „die Leute der Schrift" (ahl el-Kitäb) nannte. Der Individualismus, die Blüte der Subjektivität, strebt nach der freien Entfaltung des Ich, die gleichfalls durch die Schrift wesentlich gefördert wird. Wer nicht schreiben kann, verliert ein Stück seiner freien Individualität; es fehlt ihm ein Mittel, feine Gedankenwelt zu beherrschen, zu ordnen, zu konzentrieren, sich selbst gleichsam wiederzufinden. Schön und zugleich charakteristisch ist das Wort der Hagada: „Die zweinndzwanzig Buchstaben des Alphabets glänzen und glühen in feuriger Schrift in der Weltenkrone, welche die Gottheit schmückt" (vrgl. Bet ha-Midrasch 111, 50). — In der hebräischen Sprache ist der Konsonant das stabile, der Vokal das bewegliche Element, der erstere drückt den Begriff, das Wesen, den Kern aus, der letztere bezeichnet die Mancierungen, die seinen Unterschiede, den Ton und die Farbe. Der jüdische Stamm hat daher, seiner Neigung zur Stabilität folgend und von seiner lebhaften Subjektivität getrieben, mit bloßen Zeichen für Konsonanten sich begnügt, die Bezeichnung der Nüaneen durch Vokale der subjektiven Energie und der Verstandesthätigkeit überlassend. — Das hebräische Alphabet hat eine eigentümliche Geschichte, die wir zur Charakteristik des jüdischen Stammes in allgemeinen Umrissen erzählen wollen. Man sagt und schreibt gewöhnlich, daß das Weib in der Mitte des jüdischen Stammes eine niedrige Stellung eingenommen habe, und daß es erst durch eine jüngere Religion in seine Würde eingesetzt worden sei — und doch hat dieser Stamm das älteste Lied vom braven Weibe gedichtet, das den Schluß der Sprüche Salomo's ausmacht! Dieses Lied ist alphabetisch geordnet, d. h. die Buchstaben des Alphabets bilden ihrer Reihenfolge nach den Anfang der Verse. Es geschah dies deswegen, damit man es leichter auswendig lerne, indem das Gedächtnis an der alphabetischen Ordnung eine Stütze erhält — und das ist das älteste mnemonische Hilfsmittel der Juden! Schon zur Zeit des Propheten Jeremias verstand man in Judäa die Dechiffrierkunst, die den Chaldäern unbekannt gewesen sein muß, indem er in einer seiner Reden ans Vorsicht gegen die nordische Macht lbkmi für csdim (casdim, Chaldäer) gebrauchte. Derselbe dichtete seine Lamentationen alphabetisch, damit sich die 'Ration dieselben einpräge. Zu Hillel kam einst ein Heide mit der Bitte, ihn in den Schoß des Judentums aufzunehmen, ohne daß er das mündliche Gesetz, die Tradition, anzuerkennen brauche. Der jüdische Weise lehrte ihn das Alphabet in der gewöhnlichen, am folgenden Tage aber in umgekehrter Ordnung. Darob war der Heide ganz erstaunt. „Das lautet ja ganz anders, als ich es gestern aus Deinen! Munde hörte?" Siehe, erwiderte der kluge Rabbi, Du appellierst an meine gestrige mündliche Belehrung, und sträubst Dich, meine mündliche Erläuterung des Gesetzes anznnehmen! In den jüdischen Kinderschulen, erzählt der Talmud, wurden die Namen des Alphabetes gedeutet uub erklärt - und diese Erklärung ist der kürzeste Katechismus der Wohlthätigkeit, die schon den jüdischen Kindern eingeschärst wurde! R. Simon ben Lakisch, wird berichtet, machte die Bemerkung, daß der Anfang, die Mitte und das Ende des