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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
Seite 219 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14. 5 « f 4 u r u n. Seite 219. dem Kreisläufe der Gestirne, sondern Selbständiges, non dieser oder jener Persönlichkeit Vollzogenes, berichteten, lind je weiter der Mensch den Schleier der 'Natur lüstete, desto weiter gedieh auch die Verknöcherung der von den Vätern geschaffenen Mythen, welche ihres ursprünglichen Inhaltes entkleidet, nun den Nahmen abgaben zu religiösen, geschichtlichen und andern Konstruktionen. (Schluß folgt.) Feuilleton. Entgleist! Eine qalizische Erzählung von Wilhelm Feld mann. Nachdruck verbale». IV. Der griechisch-katholische Pfarrer Andreas Lotocki in Malinee, ist ein etwa vierzigjähriger Mann. Klein, breitschultrig und von einer ansehnlichen Wohlbeleibtheit, unterscheidet er sich dem Aeußern nach in nichts von seinen übrigen Amtsbrüdern. Seit zwanzig Jahren haust er in seiner magern Pfarre, seine Obliegenheiten mehr im bürgerlichen, als im kirchlichen Geiste etsüllend. Während dieser Zeitperiode gelang es ihm, sich die Achtung seiner Psarrkinder zu erwerben. Anfänglich waren sie dem, seine Funktionen eines strengen Lehrers der Dorfschule mit Zuhilfenahme seiner „Diaks" (niedere Geistliche) nicht sehr gewogen; aber im Laufe der Zeit erkannten sie an den Früchten die heilsamen Bestrebungen ihres „geistlichen Vaters" und erwiesen sich ihm ans verschiedene Weise dankbar. Dasür aber erfreute sich der Pfarrer in den „Bürgerkreisen" der Umgegend keiner großen Sympathie. Die Ursache hiervon ist erstens die „Bauernmanier" des Probstes, und zweitens gefiel es vielen nicht, daß er ein Nuthene und ein ruthenischer Patriot ist. Dieser sein Patriotismus manifestierte sich in der Leetüre des „Dila" *) und dadurch, daß er in der Dorfschule das Nnthenifche als Uuterrichtsiprache einführte. Aus seinen ruthenisch-patriotischen Ueberzengungen machte übrigens der Probst Andreas gar kein Hehl, und als der Landadel aus der 'Nachbarschaft einst in irgend einer periodischen Zeitschrift den Titel einer von unserem Pfarrer verfaßten Abhandlung ..Nedola naszohs naruda4***) zu lesen bekam, zieh man ihn heimlich des 'Nihilismus. Unser Pfarrer war aber keineswegs ein hartgesottener und verblendeter Chauvinist, wie jene Nuthenen, die das Volk nur aus der Ferne und aus den« Liede kemrend, selbst idealisieren und bis zum Apotheose erheben. P. Andreas war auch in der politischen Litteratur gut bewandert, beherrschte vorzüglich die Sprache, in seinen häuslichen und Amtsgeschäften aber bediente er sich ausschließlich seiner ruthenischen Muttersprache. Des Pfarrers dritte und hauptsächliche Sünde war sein Antisemitismus. Cr war nämlich ein echter Antisemit, d. h. aus zwar irriger, aber, wenn nmit will, ehrlicher Ueberzeugung. Unserem Geistlichen gegenüber war der Adel fast philosemitisch zu nennen. ) Nutheiiil'ches Blatt. '*'*) Die Notlage unsrer Nation. Der Antisemitismus des P. Andreas in Verbindung mit seiner „Bauernmanier" bestand darin, daß er in seinen Predigten die Bauern zur Enthaltsamkeit animierte, was in den Taschen der Schankpächter ein trauriges Echo und in weiterer Reihe, auch in denen der Herren Gutsbesitzer, — von denen jeder es als seine heilige Pflicht erachtet, in seinem Dorfe — keine Schule, sondern eine Brennerei zu errichten — hervorrief. Ferner gründete der (Geistliche im Dorfe ein „christliches Gewölbe", tvas sich auch dem Arrendator nnb dem Händler auf den „Kreuzstraßen" schmerzlich fühlbar niachte und diesem letztern mußte der Gutsherr den Jahreszins ermäßigen. Die in der Schule des Pfarrers herangebildeten Bauern wollteit nicht vor den „Herren" ihren Rücken krümmen und Bücklinge machen, was wiederunt Reibungen verursachte. Jetzt sitzt der Geistliche in seinem niedrigen aber säubern Zimmer und liest aufmerksanr ein „Projekt zur Gründung von Ackerbauvereineu". An der Thüre wird gepocht und auf das „Herein" betritt Klara ganz außer Atem die Schwelle mit dem auf dein Lande üblichen Gruße „slawa Boliu“ *) — „In Ewigkeit, Auren!" — antwortete der Geistliche mit einem Lächeln. — „Ach, Du bist es, nrein Kind .. . Wann wirst Du schon Tein kosmopolitisches „slawa Bohu“ gegen das christliche „Gelobt sei Er" eintauschen?" — Er reichte Klara die Hand, die sie respektvoll und mit einem Grade von Vertraulichkeit küßte. — „Ehrwürden, ich bringe Ihnen ihre Bücher zurück. "— — „Schön, schön. Was hast Du gelesen? Ach, Rohling's „Talmudjuden" und Justus „Judenspiegel". Run, nimm Platz und antworte mir, bitte, was für Einfluß diese Bücher auf Dich ausgeübt haben." — „Einen sehr niederdrückenden — erwiderte Klara niedergeschlagen. — „Haben sie Dich in den Ueberzengungen, welche Dir einzuslößen ich mich bestrebe, bestärkt?" Klara blieb eine Antwort schuldig. — „Denn siehst Du mein Kind, mir ist nicht darum zu thun, Dich auf unsere Seite hinüberzuziehen, daß Du eine schlechte Christin werdest, wie Tu bereits eine schlechte Jüdin bist. Ich will Dich nur überzeugen, will Dir nur beweisen, daß Tu bisher auf einem Irrwege warft ... daß das Judentum der Sammelplatz von Verbrechen, Aberglauben und Albernheiten ist, wovon Dich Dr. Rohling wahrscheinlich bereits überzeugt haben wird." — Aber vielleicht — lispelte Klara — vielleicht schreibt Rohling Unwahrheiten? Vielleicht kommen die Sätze, welche er zitiert, im Talmud gar nicht vor? — „Wie — rief der Geistliche mit nicht fingiertem Befremden — Rohling, ein Geistlicher, Doktor der heiligen Theologie, Professor der uralten Prager Universität, sollte eine Unwahrheit schreiben? Er, der sich anheischig machte, all seine Behauptungen feierlichst unter Eid zu bestätigen, sollte lügen?" Dieses bombastische Argument beseitigte Klara's Skeptizismus. — „In diesem Falle — erwiderte sie — ist das Judentum in der Theorie augenscheinlich noch schrecklicher und widerwärtiger, als in der Praris. — „So ist es, so ist es. Ich sage Dir das immer. Die Juden bellen uns an, betrachten uns „als Hunde, Schweine und Esel", uns, die Bekenner des Cchristentums, — was Wunder also, daß auch wir an Widerstand, an Verteidigung denken? Sie sind hier Eindringlinge, haben bei uns das Gift des Materialismus und Kapitalismus importiert *) Nahm sei Gott-

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