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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Yc>. 14. Iaiirgang iv. £t tl t Berkin, 5. ityrif 1895. W^gemerne znmmschkB -«t Herausgeber. A. dft>in, Aertin. Jefchupun. Bezugspreis: vierteljährig 2 WK. Grscheiut an jedem Kreitag. ZSezugspreis für das Ausland: MK. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Verlag: Hr. Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Jette 25 Rf-, nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Zum Peßachfeste. — Oha«l gadja. Der Staatskommissar kommt. Von Dt. A. Klausner. Dürfen die Juden deutsch betend Von M. Scherbel. Tie Qualifikation des jüd. Lehrers. Von L. Weinberg. Mythologie und Religion. Von Dr. (^mil tst. Hirsch. Entgleist. Von Wilhelm Feldmann. Lose Blätter. Wochen-Chronik. — Briefkasten. — Kalender. — Anzeigen. 3um pkßachfrAe. „Haggodo, Seder, Ma-nischtaimo!" — welch geheimnisvoll liebliche Bilder zaubern diese Worte herauf im Geiste derer, welche das Glück gehabt haben, ein Kind frommer jüdischer Eltern zu sein! Und wären sie heute in ihrem Leben schon ganz dem Judentum entfremdet, und wäre die Hälfte, ja Dreiviertel eines Jahrhunderts abgelaufen, seitdem sie am Tische ihres frommen Vaters zum letzten Male einen „Leder" mitgeinacht und die „Ma-nischtanno" gefragt, die Erinnerung an die in altjüdischer Weihe und Gemütlichkeit gefeierten ersten Peßach-Abende wird doch nicht weggewischt sein von den Tafeln ihres Herzens. Alan hat viel von der Poesie des Freitag-Abend im alten Judentum gesprochen, nach dessen Innigkeit und Gemütlichkeit so mancher moderner Jude sich im tiefsten Herzen vergeblich jeijut; auch der Leder-Abend hat denselben Zauber über die Herzen aller derer, die als Kinder gläubig daran teilnahmen, ausgeübt, wie ja auch beide Szenen des jüdischen Familienlebens von Oppenheims Meisterpinsel zur herrlichen Darstellung gelangten. Daß die Poesie des Freitag-Abend jedem unvergeßlich blieb, den sie als Kind umhaucht, ist weniger zum Verwundern, denn der Freitag-Abend kehrt regelmäßig wieder und diese regelmäßige Wiederholung mußte naturgemäß unverwischbare Spuren im Herzen zurücklassen. Anders steht es mit den Seder-Abenden: diese kehren nur einmal im Jahre wieder und bei diesen großen Zwischenräumen sollte wan keinen liefern Eindruck aus das Herz erwarten, als bei den anderen Festen, die jährlich miederkehren und deren Abendseier säst gar keine Spur in der Erinnerung zurückläßt. In der ^hat ist es ein besonderes pädagogisches Element, das dem Leder-Abend innewohnt und ihn mit so tiefen Zügen dem Gedächtnis einprägt, ein beachtenswertes pädagogisches Element zur Anregung der Aufmerksamkeit und des Interesses: Das paradoxe Thun, uni, die Kinder zur Fragestellung auszumuntern. Der Vater wusch die Hände und machte keinerlei Anstalt, ans Essen zu gehen; ein Glas Wein wurde geleert und ein zweites eingeschenkt, ehe noch gegessen war; die vielerlei Vorbereitungen, die vorausgegangen waren, die Seltsamkeiten, die vollständig zu den Gewohnheiten des ganzen Jahres in Widerspruch standen, — das alles mußte die Neugier, das Interesse und die Fragelust des Kindes erwecken, und das war die Absicht, in welcher diese seltsamen Veranstaltungen getrosten wurden. Das Kind sollte die „Ma-nischtanno" fragen! Freilich spricht schon die heilige Schrift davon: „Wenn Dich Dein Sohn fragen wird, was das bedeute"; das Programm des Seder-Abend ist aber darauf berechnet, daß dieser als möglich angenwmmene Fall wirklich und wahrscheinlicherweise eintrete. Die Entwerfer der Haggodo haben auf die Erregung der Fragelust des Kindes großes Gewicht gelegt, und das verrät ihre hohe pädagogische Einsicht. Was hilft euch alle Belehrung, die ihr dem Kinde gebt, wenn das Kind kein Verlangen danach hat, wenn ihm das Interesse dafür fehlte Es wird den Erfolg haben, wie wenn man leiblich dem Magen Nahrung zuführt, ehe der Appetit vorhanden ist. Daraus kann nur Ueberdruß entstehen. Nur wo die Wißbegier, wo das Interesse vorausgeht, wird die Belehrung den Erfolg' der 'Nahrung nach einem gesunden Hunger haben. Auf die Erregung des Interesses wurde daher alle mögliche Mühe und Sorgfalt verwendet. Die Haggodo folgte darin nur dem Beispiele der alten Propheten, die, um ihre Aussprüche, Ermahnungen und Prophezeihungen recht eindringlich zu machen, die seltsamsten und oft recht mühseligen Seltsamkeiten vor den Augen des Volkes übten. So z. B. lag Ezechiel vor einem symbolischen Modell von Jerusalem auf einer Seite 390 Tage und auf der andern 40 Tage, ohne sich in dieser Ze^t umzudrehen und bei absonderlicher 'Nahrung (vgl. Ezechiel 4). Wenn so die Aufmerksamkeit und das Interesse lebhaft erregt war, konnte die daran sich anschließende Belehrung oder Ermahnung des tiefsten Eindrucks gewiß sein. Dasselbe war auch mit den Veranstaltungen des Seder-Abend beabsichtigt und ist auch erreicht worden. Darum verläßt auch die Eriunerung an die ersten beiden am Tische des frommen Vaters verlebten Peßachabende noch den Greis nicht, wenn er auch längst diese alte fromme Sitte nicht mehr geübt hätte. Wir haben darin auch die Lösung für das Rätsel, warum in unserer Zeit diese religiösen Uebungen nicht mehr den tiefen Eindruck auf das Kinderherz machen. In früheren Zeiten war das Kind an die Ueberzeugung gewöhnt, der Vater thue nichts, ohne seine Gründe dafür zu haben. Geschah etwas seltsames, so fragte es. Heute ist den Kindern nichts mehr auffallend: sie wissen, die Eltern thun gar vieles

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