Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608446--0292-9608456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
So t)t in wenigen Jahren eine universelle Wissenschaft im Neuhebräischen entstanden und fast jeder hebräische Schriftsteller hat außer seinen anderen schriftlichen Arbeiten auch über Naturwissenschaften geschrieben. (Ein viertes Kapitel folgt.) Leuilleton. Der Kamps untre bru lrttmi. Eine Jvabel für aroße Kinder ohne lliiterschied der Konfession*). Es war dunkel in der Offizin, die Setzer hatten ihr Tagewerk vollbracht, ihre Werkzeuge niedergelegt und den Saal einer nach dem andern verlassen. Auch in dem angrenzenden Raume waren die Schnellpressen in Ruhestand versetzt worden. Einige Lehrlinge hatten die Ordnung wieder hergestellt, alles Umherliegende aufgeräumt und die Gasrohren zugeschraubt, so daß völlige Finsternis eingetreten. Stunden waren vouibergegangen ohne das mindeste Geräusch, ohne irgend ein Zeichen von Leben. Gegen Mitternacht stand der Vollmond dein Fenster des Setzersaales gegenüber und warf sein silbernes Licht hinein, daß die Lettern in ihrem eigentümlichen Glanze erzitterten. Bei diesen Strahlen kam einige Unruhe in die wohlgeordneten Kästen; viele der erzenen Typen richteten sich aus ihrer liegenden Stellung aus, murmelten mit ihren Nachbaren über die Scheidewände hin, und es geschah sogar, daß einige über diese hinwegkletterten und als Boten von einer Reihe in die andere liefen, bis die Aufregung eine allgemeine geworden. Das Geflüster und Gemurmel erhob sich bis zu mächtigem Geräusch, wie es diese dunkeln, beräucherten Wände wohl lange nicht gehört; denn die Stille ist das oberste Gesetz in den Sälen jeder Druckerei. Was war es nur, das diese so beredten, aber doch stummen Dolmetscher des Geistes, die sonst so schweigsamen und nur in ihrem Schweigen die Welt mit ihren Klängen durchrauschenden Söhne der Sprache in Bewegung und Feuer gebracht? Wie? Sah man hier nicht die feindlichsten Lettern mit einanden konferieren, deutsche und lateinische, große und kleine? Alle verhandelten mit einander ° aufs lebhafteste und schienen ein gemeinsames Unternehmen zu beraten. Tie Blicke aus allen Kästen waren nach einem Punkte gerichtet, und dies verrät uns, wovcm wohl die Rede, wem wohl die Verschwörung gelte, die sich hier anzuzetteln schien. In der Mitte des ganzen Pultes waren einige Kästen mit neuen und darum um so schimmernderen Typen- bis an den Rand gefüllt. Tie Bewegung war vor diesen stehen geblieben; mit ihnen sprach niemand; keiner der Boten und Aufwiegler war zu ihnen gekommen; eine unheiinliche Stille lagerte über ihnen, die mit dein Hellen Glanze, welchen die Mondstrahlen über die blanken Lettern dieser Kästen goß, um so mehr kontrastierte. Es war offenbar, daß der Grimm der ganzen Menge gegen diese gerichtet war, und bald konnte der Lauscher es auch mitten ans dem Geräusche *) Tiefe reizende Allegorie finden wir in einer drei Jahrzehnte alten Ar. des vom entschlafene» Dr. Lndw. Philippson zur Zeit heransgeaebenen Bolksblatt. 8ic in leider! noch immer aktuell. Aeddeutlich vernehmen: „Was wollen diese Eindringlinge, diese Fremden, die uns ans unferm Sitze verdrängten, die uns die Gunst unserer Herren entziehen, was wollen sie unter uns? Seht, sie nehmen uns unser Brot und unsre Ehre. Sie haben sich eingeschlichen und drängen sich vor. Sie wollen uns unterdrücken und den Lohn unserer Arbeiten an sich reißen. Und es sind doch nur erbärmliche Dinger, langweilige und ungestaltene Formen, ohne Schwung, ohne Steigung und Senkung; Knechte, von denen allen nur ein einziger über die Linie sich erhebt. Wie heißen sie denn eigentlich, die zudringlichen Wichte?" — „Hebräer nennt man sie," riesen andere, „schmutzige Kinder des Morgenlandes mit echt orientalischen Physiognomien, krumm- oder gradlinig zum Entsetzen. Und was ihre Armut am meisten bezeugt, alle diese Buchstaben sind nur Mitlauter, weil kein freier und lebendiger Geist in ihnen. Um sich zu helfen, stellen sic für die Vokale Punkte und Strichelchen unter sich, — eine armselige Hilfe. Wir dürfen sie nicht dulden. Unsre vereinten Kräfte werden sic zerschmettern, daß, wenn der Morgen kommt, sie draußen aus den Kehricht geworfen werden." So sollte der Kamps beginnen. Man hatte sich vereinigt und einen Plan entworfen. Die größten und stärksten Lettern sollten die Angrissskolonnen formieren, das kleinere Volk nachstürmen, das alte, ausrnngierte Zeug, das in Nebenkästen gesammelt wird, sollte als Geschoß dienen. Von allen Seiten wollte man mit einem Male gegen das kleine Häuflein anrücken. Der Erfolg schien keinen Augenblick zweifelhaft; die Meyge mußte sie erdrücken, die Schwere ihrer Gegner sie zermalmen. Glücklicher Weise war der Haß und die Kampflust so groß, daß viele die Angriffszeit nicht erwarten konnten und bereits bald hier bald dort die ersten besten Stücke in die Kästen der schlummernden Hebräer hinein schleuderten. Diese erwachten, erhoben sich von ihrem Lager, schauten sich um und gewahrten an den Wunden der Ihrigen und an der Bewegung draußen, was ihrer warte. Hatte doch die Furcht, die trübe Ahnung, der Zweifel an ihrer Sicherheit an ihrem Lager gestanden, daß sie, so unwirsch geweckl, leicht die Vorgänge errieten. Alsbald hielten sie Rat. Schon sah man die Kolonnen der Feinde sich bilden, schon flogen der tötlichen Geschosse immer mehrere herein. Was beginnen? Vor allem drängte es sich aus, daß man sich zum Widerstande rüsteir, daß mail Mut und Ausdauer wenigstens zeigen müsse. Aller Blicke richteten sich aus das ragende Lamed (*?), als den einzigen Buchstaben, desseil Haupt über die Reihen sich hinaushebt. Er sollte der Führer, der Feldherr sein. Aber da hatte man sehlgeschossen; sein kleiner Kops auf dem langen Halse war völlig verwirrt und ratlos; blöde blickte er von seiner Höhe herab, um so erschrockener, je mehr er die Anzahl der hcrnnrückenden Feinde erilnd überblicken konnte. Die unglücklichen Bewohner dieser hochgelegenen Kästen, in welche sie ohne ihre Absicht und ihren Willen gebracht worden, sahen sich ratlos umher, denn darin waren sie stillschweigend einig, daß jle ihren geborenen Führer, das sich fpreiznnde Aleph (x), nicht zum Feldherrn gebrauchen konnten; dazu war er zu beschränkten Geistes im breitgestalteten Körper und machte seinem "Namen „der Stier" zu viel Ehre. Schon wollten sie sich verzweifelnd in ihr Schicksal ergeben, als das kleine stamm- und fußlose Iud (') aus einige große Durchschüsse sprang,^ und seine Brüder mit seiner spitzen, aber durchdringenden Stimme haranguierte: Brüder, verzaget nicht! Höret aus meine Stimme! Ich will euch ansühren, ich will euch in den Kamps leiten und mit euch siegen oder sterben. Ihr kennet nsich.