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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10. JefHrirrrn. Sette 153. Aber Emilie faft da gleich einer 511 Marmor erstarrten Statue. Die seine, sanfte Nöte ihrer Wangen, die ihr sonst so schön stand, war zurückgetreten und an ihrer Stelle erschien jene unheimliche fahle Farbe, wie sie gewöhnlich das Herz bei seiner tiefsten Verwundung zu Tage treten läßt. Die seinen, zarten Umrisse ihres lieblichen Gesichts waren dieselben geblieben, aber der frühere geistsprühende Blick hatte seinen Glanz verloren, er hing unbeweglich an den Lippen Ludwigs. Er begegnete sich dann mit dem seinen und versuchte das Wehe, das in ihm sich barg, in sich aufzunehmen. Ludwig trat an sie heran, ergriff ihre Hand und sprach: „Sie haben, Fräulein Emilie, meine Beichte mit angehört, sagen Sie, ob Sie mir vergeben könnend" „£, ja doch," erwiderte sie mit einem Gleichmute, den man ihr nicht zugetraut, der aber nur ein letztes Aufflackern ihrer früheren Geistesstärke mar — „Sind Sie ja doch unglücklich, sind es wie ich selbst unabsehbar tief — wenn jemals ein Vergehen feine Sühne gefunden, so vollzieht sie sich bier in dein Tieftraurigen unseres gemeinsamen Schicksals" ... „Wann reisen Sie, Herr Neinfeld?" unterbrach der alte Ulrich jcbeu weitern Leidenserguß der beiden. — „Ich denke Vater, daß wir den Zug benutzen, der morgeu Vormittag um zehn Uhr von hier abgeht." „Schoil —" bemerkte nur Frau Ulrich, sonst aber hatte iliemand etwas dabei einzllwenden. Jeder fühlte, daß ein längeres Verweilen im Haufe peinlich fei. — — In Berlin bei Neinfelds, sah man der Rückkehr Ludwigs mit gespannter Erivartung eiltgegen. Er hatte seine Reife nach L. mit kurzen, wenigen Worten verkündet und keinen Einspruch dabei erfahren. Letzteres geschah wohl sicherlich darurll, weil man von dieser Reise die Auflösung des der Familie des Bankiers so peinlichen Verhältllisses zu Ulrichs Schwester erhoffte. Ludwig kam indes von L. zurück, ohne sich im geringsten über das auszulassen, was er dort bewirkt. Sein Aeußeres trug dasselbe düstere Gepräge melancholischer Stinnnung wie vorher. Ebensowenig nahm Eduard bei feinen zeitweiligen Besucheil Gelegenheit sich über ein barauf bezügliches Geschehnis zu äußern. Man legte bei Neinfelds das Schweigest Ludwigs in verschiedener Weise aus, täiischle sich jedenfalls in der Annahme aber, daß ivohl die iveitere Zeit die gewüilfchte Enthüllung bringeil werde. Was aber zu Tage trat, das auu die traurige Wahrnehmung, daß die Zeichen innerer Zerfallen heit bei dem Sohne des Hauses sich täglich mehrten. Es war am christlichen Pfingstfeste. Die Familie Reinfeld oar von einem Ausfluge heimgekehrt. Ludwig war wie in der letzten Zeit immer, ilichl bei der Partie gewesen. Das fiel schließlich gar nicht mehr auf. Die Ernlüdeteu hatten sich bereits zlir Ruhe begeben. — Da trachte plötzlich ein Schuß durch die Nacht und zwar anö nächster Nähe in den Wohnräumen. Der Hausvater war der erste, der hierdurch aus dem Schlafe geriffeil wurde. „Was war das, Lydia?" rief er erschreckt auffahrend. „Hast Du gehört?" — Die Genailnte entwand sich mühsam ben Banden des ersten Schlummers. „Was giebt es" sragte sie, sich im Bette halb aufsevend. „Man hat in unserem Hause hier geschossen." „D du mein Gott, stehen wir nur schnell auf — was kann gescheheil sein?" Dem Wort folgte die That. Mit bebender Hand ergriff Reinfeld das brennende Licht, inn sich nach den Zimmern Ludwigs zu begeben, eine furchtbare Ahnung 'schnürte ihn, die Brust zusammen und faßte ihnl das, was sich in Wirklichkeit dort zugetragen. Es ivar inzwischen and) in dem Schlafgemach seiner Töchter lebendig gewordeil; auch hier hatte der Schuß Schreckeil und Entsetzeil hervorgerufeil. Jetzt stand Reinfeld vor bent Zimmer feines Sohnes. Mit zitternder Hand griff er an das Schloß der Thüre, dieselbe öffnete sich und bot dem armen Manne einen Anblick dar, der wohl der schrecklichste war, der jemals einenl Vater geworden. Er sah seinen einzigeil Sohn den Revolver noch in der Haild, allsgestreckt auf bem Sopha liegen. Der gefallene Schuß ivar von feinem andern, als von diesem abgegeben. Der unglückliche Vater näherte sich seinem Sohne, der eben selbstmörderisch Hand an sich gelegt. Er fand ihn bereits als Leiche. Einzelne Blutstropfen lieferten an der Stelle der Brustfeite hervor, an ivelcher das Herz liegt. Während nun der alte Reinfeld wie vom Schlage getroffen dastand, aber noch Kraft geilug besaß, um sich aufrecht zu erhallen, sank seine Gattin, die ihln auf bem Fuße gefolgt, bei dem, was sie gewahrte, bewußtlos zufaininen. Gleicher Schreck und dasselbe Entsetzen bei den bald hierauf erschieneilen Töchtern des Bankiers uild im Bereiche der so schwer heiingesuchteil Fainilie, spielte sich jetzt einer Szene ab, welche widerzugeben die Macht des Wortes nicht ausreicht. Nachdem Elife und Marie vorerst die Mutter wieder zu Bewußtsein gebracht, konnten sie sich dein Schmerze über den Verlust, des geliebtesten der Brüder hingeben. Auf dein Tische lagenzwei verschlossene Briefe, von welchen der eine die Aufschrift „Air meine teuren Eltern" der andere „Air meineil teuren Freund Eduard" trug. Ludwig wurde nun iir die Lage eines ruhig Schlafeirdeir gebracht, und da man von seinem Tode überzeugt war, unterließ man es inmitten der Nacht zur Konstatierung des traurigen Falles einen Arzt rufen zu lassen. Der von Ludwig an die Eltern gerichtete Brief wurde vorerst rroch iricht erbrocheir. Es bedurfte, wie man herausfühlte, zur Entgegennahme seines Inhalts eines KraftaufivalldeS, in dessen Besitz man sich jetzt nicht befand. Alleilt mir selbst finden keinen passenden'Platz für die letzten Aeußerungen des iinglücklichen jungen Mannes, als hier. Der Inhalt des Briefes lautete: Teuerste Eltern! Wenn Ihr diese Zeile zu Gesicht bekommt, ist Euer Ludwig nicht mehr unter den Lebenden. Ich ringe eine halbe Stunde vor meinem Tode nach Worten, die mir Eure Verzeihung er-, wirken, die Euch sagen solleri, daß ich nicht anders konnte, daß ich diese unselige That vollbringen mußte. Ich glaubte mid) stark genug zum Kampfe mit einem widerwärtigen Geschick und auf die Stimme der Vernunft hörend bis zur Resignation gelangen zu können; allein meiile Kraft reichte llicht aus. Ick) spürte bei mir, daß ich bei dieser fortdauernden Dual bem Wahnsinn verfallen würde, was für mich und für Euch sicherlich schrecklicher gewesen wäre als der Tod. Bei dieser Dual! Wenn das (Gleichgewicht in den Seelenkräften sich verloren und jeder neue Gedanke, der geboren, immer wieder über das Gerölle eines zerstörten Erdenglücks seinen Weg nimmt, immer nur in die Erkenntnis sich' verläuft, daß dein Leben kein Lichtschinnner mehr abzugewinnen, so bleibt dem Betroffenen kein Mut noch übrig, weiter in der Arena zu verharren und der letzte Rest der Vernunft zerstiebt an der Klippe der hoffnungslosen Aussicht. Früher oder später muß der Geist dann auf unwegsame Pfade geraten und seinen normalen Z,ustand einbüßen. Jede Regung zum bessern scheint sich von mir losgesagt zu haben. Nirgends

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