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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Jeschrrrrrn. Seite 147. der Nabdiner wäre imstande eine geschlossene und der Zahl nach übersehliche Gemeinde zu erbauen, zu belehren, sortzureißen — ein Wanderprediger, der seine Hörer nicht kennt, bat das zu leistende geleistet^ wenn er „sein Sprüchlein sagt"! Die Kanzelwirksamkeit ist somit erschlagen. Bleibt der Religionsunterricht. lieber diesen — iiifandum dolorem! — in einem besonderen Kapitel. (Ein drittes Kapitel folgt). Wenn der deutsche Reichstag ausschließlich aus Ehrenmännern wie Ahlwardt, Schneidermeister Jakobsköter und verwandter Couleurs zusammengesetzt wäre, dürfte der Streit über die aus dem Reichstagsgebäude anzufügende Inschrift leicht zu erledigen sein, und zwar durch die Anbringung der Worte: „Zur gemischten Gesellschaft." Daß dies aber nicht angeht, lehrt uns ein Wort Bismarcks, welches er einst auf einem Subskriptionsballe gesagt haben soll. Bismarck hatte bei einer solchen Gelegenheit das „Vergnügen" seinem Leibschneider zu begegnen. Aus die leutselige Frage, wie es dem wackern Meister daselbst gefalle? erhielt er die verbliissende Antwort: „Sehr gut, Durchlaucht, allein die Gesellschaft ist etwas gemischt" . . . Der damalige Reichskanzler erwiderte mit seiner bekannten Schlagfertigkeit: „Aber, lieber Meister, wir können doch nicht alle Schneider sein!" . . . Auch im Reichstag sitzen gottlob noch nicht lauter Schneider, weder Hosennoch Rocknoch auch Ehrab-Schneider, aber diejenigen von ihnen, welche dem hoher: Hause angehören, haben die beneidenswerte Gabe, immer auf die Füße zu fallen und den noblen Elementen die unleidliche Deinperatur zurückzulassen, welche die Anwesenheit von Katzen stets als Visitenkarte bezeichnet. Spricht man von: deutschrussischen Handelsvertrag, sind es die Juden, welche billiges Getreide liefern, un: dadurch reich zu werden. Ist die Rede von der Goldwährung, natürlich haben die Juden das teuere Gold zur Herrschaft erhoben, um ihre Taschen mit den: kostbaren Material zu füllen, und kommt gar die Not der dicken Landwirte aufs Tapet, dann fallen sie wieder über die Juden her, welche für das Flehen der „Bauern" Gehör haben und ihnen Gelder zur Verfügung stellen, die sie und ihre Herren Söhne anstatt in die Felder, in Champagner und in zarte Hände stecken; hintennach konunen diese bösen Juden, verlangen ihr Geld zurück und verfahren so, wie jeder christliche Gläubiger nüt seinem Schuldner auch. Es ist ja so angenehm, einen Sündenbock zu habe::, der einen: zu einer engelhaften llnschuldsmiene verhilst, und da es niemals einen bequemer:: gab, als die Juden, so werden die Herren Antt's der verschiedenen Schattierungen demnächst ivohl ein Kirchengebet für die Erhaltung der Juden einlegen, deren Dasein ihrer Heuchelei und Verschwendungssucht zum Deckmantel dient und ihre kleine Gehirnmasse in Thätigkeit erhält. Wie könnten sie sich sonst auch mit Hetzarbeiten ein solch behagliches Dasein verschaffen, wenn sie nicht die drei Hilfsmittel hätten : V e r l e u m d u n g, V e r b r e ch e r st a t i st i k und eine Anzahl mehr oder weniger lächerlicher Anträge gegen Juden, mit denen sie in Volksversammlungen hausieren gehen, den armen Leuten — unter gegenseitigen: sehr unlauter::, ja sehr schmutzigen Wettbewerb — das Entree aus der Tasche locken, und auch das Niveau der Parlamentsdebatten herabdrücken. lieber das Kapitel Verleumdung, das belebende, weil stets frisch und leicht zu habende Element der Agitation, mit dem auch ihre Blätter überfüllt sind, ließen sich Bände schreiben, ohne den „Charakter" derselben zu erschöpfen; soviel aber muß immer wieder konstatiert :verden, daß die Verleu:ndung bei den Antisemiten die gemeinste Färbung hat, weil sie zu den vornehmlichsten Prinzipien derselben gehört, weder Gegengründen, noch Gegenbeweisen zugänglich ist, und — inuner wieder auf die Füße fällt, d. h. trotz der sonnenklarsten Widerlegung stets aufs neue auftaucht und erfolgreich nach denen fischt, die nicht alle werden. Muley Hassan will sich eben mit Vergnügen einen Schurken schimpfen laffeu, aber einen Dummkops verbittet er sich. — Ad vocem Verleumdung werden wir demnächst in der Lage sein, einen: der „edelsten" und unwissendsten in der ehrenwerten Schar, der mit Scheere und Anmaßung ein ganzes. Buch zusammengekleistert hat, einige Märsche zu blasen mit dem Leitmotiv, daß aus einen groben Klotz ein grober Keil gehöre.— Ein Jude in: asiatischen Rußland, oder in einer fernen Kolonie hat irgend was verbrochen, oder wird auch nur eines Verbrechens beschuldigt, gleich wird aus den: bischen Schmutz ein Wagen voll künstlicher Dünger gemischt und die Spalten der an' diese Nahrung gewohnten Parteipresse aller Formate damit liebevoll gespeist. Ist eigentlich sehr schmeichelhaft für die Juden, daß ein Registrieren aller derartigen Fülle, worin sich besonders „Staatsbürgerztg." und die olle, ehrliche „Kreuzzeitung" auszeichnen, bei ihnen noch möglich ist, und diesem glücklichen Umstand verdanken wir folgende Aufstellungen des kaiserlichen statistischen Amtes: Von den im Jahre 1891 begangenen 391,064 Verbrechen entfielen 3488 aus die Juden, d. h. 8,9 pro tausend Verbrechen, während ihre Kopfzahl 11,0 pro tausend Einwohner beträgt; die Juden sind auch hier hinter der gesetzlich garantierten „Gleichberechtigung" um 2,6 oder rund ein Fünftel der ihnen „zustehenden" Verbrechen zurückgeblieben. Da nun dieses inländische Material nicht ausreichend ist, so wird über galizianische oder französische jüdische Verbrecher, aus alter und neuer Zeit lustig drauf losartikelt, etwas Butter, Pfeffer und Salz hinzugethan, im Handumdrehen ist der vergiftete Höllenbrei fertig und dem entsprechenden Lesepublikum schmunzelnd dargebracht. Neben dieser alltäglichen Praxis ist die irreguläre Kampfesweise, anrüchige Nichtjuden, oder vielmehr Gesinnungsgenossen zu Judenabkömmlingen zu steinpeln und so der Verantwortung sich zu entledigen, geradezu kindisch-albern. Solchen Kampfgegnern lohnt es nicht, einem Sonnnerfeld die verschiedenen, allein im letzten Jahre verurteilten antisemitischen Kassendesraudanten, — einen: jüdischen Wechselschieber den mit Wechseln Bescheid wissenden Rektor aller Dummen (welcher in 287 Jahren die Gerichtskosten, die er in Erinnerung an sein famoses Aktenmaterial über Judenflinten in monatlichen Raten a 3 Mk. abträgt, während er aus jeder Versammlung Hunderte von Mark löset) -- einem Schapiro die „Hüter von Religion, Sitte uud Ordnung", Partitsch, Müller, Harder e tutti quanti - - einem angeblich jüdischen Mädchenhändler aus Oesterreich den arischen Ritter von Münster in Holstein, welcher Kinder verkauft und zu Liliputanern verstümmelt, eine», dem französischen Hasse gegen

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