Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mo. 10. Zatirgang iv. tlgemerne BerNn, 8. Wärr 1895. Herausgeber. A. Levin, ISerlin. Jeschnrun. Bezugspreis: Vierteljahrs 2 WK. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Itedaktion und Vertag: Hr. Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Die Unsterblichen. Die jüd. Gemeindewahlen in Berlin il. Bon M. A. Mansner. Katzennaturen. Bon Dr. M. Rom — schweigt! Haman im Sprichwort. Bon Dr. Ad. Jellinet. Die Prophetie. Bon Rabb. Dr. Fink. Des Vaters Schuld. Bon M. Scherbe!. Zu Purim. Von I. Mansbacher. Wochen-Chronik. — Anzeigen. Die UnSerblichk«. Die Völkersage erzählt von dem ewigen Inden Ahasver, die (beschichte der Inden von dem ewigen Ham an. Ruhelos wandert der ewige Jude seit mehr als 1800 Jahren auf Erden. Sein Auge flieht der Schlaf, fein Fuß wird nicht müde. Er taucht an verschiedenen Orten der Erde auf und, obwohl eine einzige Person, wollen ihn doch viele gleichzeitig im Osten und Westen gesehen haben. Er redet die Sprachen der Volker, in deren Mitte er erscheint, ist Vorbote und Zeuge großer welthistorischer Umwälzungen und Ereignisse. Der Volksmund hat sich seiner bemächtigt und einen reichen Sagenkranz um sein Haupt gewunden, die Dichter haben ihn zum Mittelpunkte ihrer Dichtungen gemacht. Der ewige Haman ist leider kein e legende, sondern die pure, traurige, tragische Wahrheit. Wohl erzählt das Buch Esther, daß Haman an einem hohen Pfahl sein Leben endete. Allein sein böser Geist lebt fort auf Erden, lebt bald in diesem, bald in jenem menschlichen Körper und setzt seine feindselige Thätigkeit gegen die Juden fort. Wie Ahasver wandert er voii Land zu Land, wird bald hier, bald dort sichtbar, redet verschiedene Idiome, wiederholt aber immer dieselben Worte, die er zum ersten Male in Schuschan zur Verleumdung der Juden gebraucht hat. Sein Lebenselement sind Anklagen und Beschuldigungen, Verdächtigungen und Denunziationen gegen die Bekenner des Judentums. Er nennt sie ein unveränderliches, unverbesserliches Volk, das trotz seiner Zerstreuung eine geheime Organisation besitzt, durch welche es zusammenhängt und ein Ganzes bildet. Seine Gesetze — io behauptet er — unterscheiden sich von denen der übrigen Rationen, verhindern, daß es sich den Völkern aufrichtig und innig anschließe und sind die Ursache, daß ihm wahrer Patriotismus und aufrichtige Unterwerfung unter die politischen, moralischen und sozialen Normen der Völker mangeln. Nichts, so-schließt dieser ewige Staatsanwalt gegen die Juden, ist imstande sie zu bessern, ihr Naturell zu ändern und sie zu loyalen Staatsbürgern zu machen: Oenseo, Israel delendum esse, Israel muß vernichtet werden. Der ewige Haman erschien in Alexandrien im Philosophenmantel, in der Gestalt Apion's, häufte Lüge auf Lüge gegen die Juden, wie einst in Schuschan. Er wurde in Frankreich und in Spanien gesehen, trug dort ein Priestergewand, redete in salbungsvollem Tone und stiftete großes Unheil an. Jedes Land, wo Juden sich niederließen, lockte ihn an. Er kam, sah und setzte sein verleumderisches, versolgungssüchtigeö Treiben fort. Während Ahasver, der ewige Jude, sich mit dem mündlichen Worte begnügt, führt der ewige Haman auch die Feder, und zahlreich sind die Werke, die er in den verschiedenen Völkersprachen verfaßt hat. Sic sind aber mehr Uebersetzungen als Originalschriften, da der ewige Haman in der einen Sprache wiederholt, was er bereits in einer anderen gegen die Juden produziert hatte. In neuerer Zeit gebraucht er mit besonderer Vorliebe die Sprache der Germanen in ihren verschiedenen Dialekten. Er spricht und schreibt den berliner, leipziger und wiener Dialekt mit besonderer Virtuosität, so daß man ihn für einen geborenen Berliner, Leipziger und Wiener halten könnte. In Schuschan war er Minister, aus seinen hundertjährigen Wanderungen bekleidet er verschiedene Aemter und Würden. Man trifft ihn unter Professoren, Regierungs¬ und Hofräten, unter Abgeordneten, Theologen, Gymnasiallehrern, Journalisten und Juristen. In jeder Transsiguration ist und bleibt er derselbe: — der ewige Haman, der unermüdliche Verleumder der Juden, der fanatische Hetzer und Schürer gegen dieselben. — Zum Glücke lebt er nicht allein fort Jahrhunderte hindurch, sondern neben ihm erscheint immer ein anderer, der seine Machinationen vereitelt und seine boshaften Entwürfe zum Scheitern bringt: er heißt Mordechai. Das ist unser ewiger Jude, ein wahrhafter und wachsamer Jude, der nicht nach Orden und Titeln strebt, sondern seine höchste Befriedigung in der Verteidigung und in der Beschützung seines Volkes findet. Hoffen wir, daß die Zeit endlich anbrechen wird, in welcher der ewige Haman seine Transfigurationen aufgeben und ewige, ungestörte Ruhe im Grabe der Geschichte finden wird. Bis dahin aber möge es uns nie an wackeren, ausdauernden, glaubensstarken, weisen Mordechais fehlen, welche HamanS Sinnen und Trachten, Reden und Schriften mit Erfolg entgegentreten.