Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hl». 0. Jahrgang rv. llgemerne Berlin, 1. März 1895. ♦ Herausgeber: Ä. <^evin, Aerkin. eftyntnn. Bezugspreis: Vierteljahrs 2 Wk. Grschetnt an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland - Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Tie jüd. Gemeindewahlen in Berlin. Bon M. A. Klausner. Zum Synagogenbau in Berlin W. Bon I. Weinberg. Gemeinde-Haushalts-Gtat. lioiua loeuba. Die Prophetie. Bon Rabb. Dr. Fink. Des Vaters Schuld. Von M. Scherbel. Jerusalem. Von Heinr. Michaelis. Aus meinem Leben. Von M. G. Saphir- Wochen-Chronik. — Lose Blätter. — Kalender. — Anzeigen. W MW» Gkmindmahlk» in Knliu. Von M. A. Klausner. I. Im November dieses Jahres finden die Repräsentantenwahlen für die jüdische Gemeinde in Berlin statt. Es ist hohe Zeit, daß eifrige Beteiligung sich regt, denn schmähliche Versumpfung droht in der größten jüdischen Gemeinde des Reiches alles Leben zu ersticken. Schon sind die Totengräber am Werke, dafür zu sorgen, daß kein frischer Hauch sich erhebe, daß die geschminkten Mumien, die so hübsch dekorativ wirken, am Ruder bleiben, das sie wohl in Händen hallen, aber nicht führen. Ein Comitö hat sich zusammengefunden, das mit dem Namen des Liberalismus sich schmückt und unter dieser bestechenden Bezeichnung darauf ausgeht, ans der Vertretung und Verwaltung unserer jüdischen Gemeinde das jüdische Wesen bis auf den letzten Rest zu verbannen, damit das Judentum, das in Berlin hunderttausend Seelen zählt, „sich nicht zu erkennen gebe." Es wäre vielleicht angegangen, mit dem Appell an das Selbstbewußtsein unserer Glaubensgenossen in Berlin noch zu zögern, bis der Wahltermin nähergerückt ist. Das darf aber nicht sein, da die maskierten Gegner so früh am Platze sind, einen Schlaftrunk zu bereiten, dessen umnebelnde Kraft den Wahn schaffen soll, es sei alles zum besten bestellt, wenn alles beim Alten bliebe. Ihre Arbeit haben sie damit begonnen, daß sie sich selbst als „liberal" verkleideten. Wer möchte sich heutzutage als illiberal bekennen? Niemand! Ist deswegen jedermann wirklich liberal? Keineswegs! Jene „Liberalen" bethätigen ihren „Liberalismus" durch Unduldsamkeit gegen das, was sie nicht verstehen, gegen das, was nicht nach ihrem Schema sich richten mag. Was sie wollen, das sagen sie nicht offen; sie verstecken es unter Redewendungen, unter denen die Unbefangenheit das Entgegengesetzte verstehen kann, ja verstehen Htebaktion und Verlag: Hr. Kamöurgerstr. 21. Anzeige», die Zeile 25 Bst, nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. muß. Die religiöse Entwickelung innerhalb der jüdischen Gemeinde versprechen sie zu fördern, und damit meinen sie die religionslose Entwickelung; die Verwaltung der Gemeinde wollen sie im liberalen Sinne geführt wissen, und der liberale Sinn bedeutet ihnen die Aechtung aller traditionellen Eigenart des Judentums. Sie haben auch ein positives Ziel im Auge: die Reform des Kultus. Das heißt, aus dieser vseudoliberalen Redeweise ins Aufrichtige übersetzt: die Entfernung der hebräischen Gebetssprache aus dem Gottesdienst. Und wenn sie das erreicht, wenn sie für die im Potsdamer Viertel zu erbauende Synagoge die Einführung deutschen Gottesdienstes verlangt haben, dann, meinen sie, habe das Judentum in unserer Gemeinde einen großen, einen „zeitgemäßen" Fortschritt gemacht. „Thalsache sei es, so sagen sie, daß das hebräische Gebetbuch für unsere Frauenwelt und für das junge Geschlecht ein mit mehr als sieben Siegeln verschlossenes Buch und das geringe Quantum Hebräisch, das die Religionsschule bietet, auch nicht eines dieser Siegel zu lösen imstande sei. Damit wäre eigentlich die Bedürfnisfrage erledigt." Ex ore tuo te judico! Die Herren merken nickt, daß sie ein Bekenntnis der schmachvollsten Pflichtverletzung abgelegt haben. Sie fühlen nicht, daß die Kenntnislosigkeit der Frauen und des jungen Geschlechts ein Frevel ist, ibr Frevel, der zum Himmel schreit! Wer anders, als die verbrecherische Gleichgiltigkeit gegen den Religionsunterricht für das Heranwachsende Geschlecht trägt Schuld daran, daß es so weit gekommen! Wir haben nichts gegen deutschen Gottesdienst. Wem eine vernachlässigte Erziehung das Gefühl der Pietät für die Sprache der Propheten nicht hat aufkommen lassen, das Verständnis für sie nicht eröffnet hat, dem gönnen wir mitleidvoll den Ersatz mit dem herzlichen Wunsche, daß er dem Erbauungsbedürfnis voll genüge. Aber die Notwendigkeit, die aus nichtswürdiger Pflichtverletzung geboren, zu einem Ruhmestitel und gerechten Anspruch, sie zur Grundlage und zum maßgebenden Niveau für die der Zukunft dienenden Einrichtungen zu machen, das können und wollen wir nicht billigen, dagegen müssen nur mit lauter Stimme protestieren. Versäumtes nachzuholen ist unsere Aufgabe. Diese Versäumnis bildet eine schwere, eine erdrückende Anklage gegen unsere seitherige Gemeindeverwaltung und diejenigen, die sie zu stützen bereit sind. Und wer sind diese Stützen? Aus Galizien und Mähren stammen ihre Rufer. Ferne von uns, ihnen deshalb Sitz und Stimme im Rate der Gemeinde zu versagen! Aber die Ideale, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht, haben für uns nichts Verführerisches, und wenn sie diese uns aufdrängen r\