Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 722 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607122--9778-9607140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 722. Israelitische Wochenschrift. Nr. 61 Und die Wnudermelodien Tieses Chores klingen mir Ueberall, Wo ich wall'. Lange noch im Geist und ziehen Ihn zum UUicht hin von hier. P. K. Feuilleton. Der Auswanderer. Von Linum Nosenberg. (Schluß.) Die Judenerzeffe waren ausgebrochen! Der blutdürstende Pöbel hatte alles zerstört und vernichtet, Weib und Kind geschändet und gemordet! Da hatte kein Widerstand des Sohnes zu helfen vermocht, kein Flehen und Jammern der verzweifelten Weiber, kein Schreien des erschreckten Kindes... da mußte einmal jüdisch Blut nach Herzenslust vergossen, jüdisch Gut nach Herzenslust geraubt werden. Noch heute sieht er seinen einzigen Sohn blutüberströmt zu Boden stürzen, als wäre es jetzt geschehen. Noch heute klingt ihm der gellende Schrei der Schwiegertochter im. Ohr, ihr Kind fest an die eigene Brust gepreßt, über die Leiche des geliebten Gatten fallend. — Dann sah er nichts mehr, dann hörte er auch nichts mehr. Und doch mußte dann noch so vieles geschehen sein... Wie von einem bösen Traum war er am nächsten Tage erwacht. Er glaubte, seinen Augen kaum trauen zu können. In der von schwüler Luft erfüllten Stube sah er eine Anzahl Nachbarn versammelt — er hörte sie Thilem sagen — am Tische flackerten zwei große Kerzen. — Galt dies alles ihm? Hatte er also nicht geträumt, war dies alles und die Erinnerung an das Weh, das man ihm und den Seinen gestern zugefügt haben sollte, nicht die Vision eines überspannten Hirns? Dieses Gebet der Nachbarn! Hatten sie die Wiederkehr seiner Besinnung dadurch zu erflehen gesucht? Jetzt hatte er sie doch wieder, die Besinnung . . . Und als er dort ins zweite Bett hinüberblickte, da wurde ihm mit einem Male alles klar. Dort lag Chane in unheimlich weiße Linnen gehüllt, starren Auges und fahlen Gesichts, aus dem alles Leben gewichen war. So hatte das Thilem- Gebet der Nachbarn ihr gegolten! Und als er sich über sie gebeugt hatte, da wußte er auch, daß hier kein Trost mehr zu suchen war. Für sie gab es nur eine Rettung — die Erlösung. Und ihm war es da, als dürste sie nicht gehen, als müßte ein Wunder geschehen und ihm Chane, sein geliebtes treues Weib erhalten. — Sie konnte, sie durfte nicht gehen. Doch Wunder geschehen nicht mehr. — Noch einmal hatte Chane die Augen aufgeschlagen. Mit matter bewegter Stimme hatte sie ihn gebeten, nicht zu verzagen, die Allmacht hätte es so gewollt, daß sie das Opfer des Judenhasses würden. — Jetzt aber solle er auswandern, er der einzig Ueberlebende, die Stätte ihres zerstörten Familienglückes verlassen. Auswandern solle er. Und auf ewig hatten sich dann die müden Augen geschlossen und sein Gelöbnis, ihren letzten Wunsch zu erfüllen, mit sich genommen. So hatte er denn auch nur die sieben Tage der tiefen Trauer um sie und um die anderen verstreichen lassen. Dann war er ausgewandert. Und wie hatte sich der alte Tauvie verändert, seitdem das Unglück über ihn hereingebrochen war. Er war nicht mehr jener kräftige Greis, der sich trotz des hohen Alters eines so scharfen Geistes erfreute. — Was die Natur nicht vermocht, hatte das Unglück vollbracht. Tauvie ist ein Kind geworden mit kindischen Gedanken und fantastischen Vorsätzen und Plänen. Hier in Krakau will er sich nur vorübergehend aufhalten, seinem müden Körper nur einige Tage Rast und Ruhe gönnen. Niemandem will er zur Last fallen, keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Er hat ja in feinem Bündel noch drei reine Hemden, in seiner Tasche noch vier ganze Rubel. Und die Bratkartoffeln, die jene alte Jüdin im Vorhof des Bet-ha-Midrasch verkauft, — sind nicht teuer. . . Wenn er dann seine Kräfte gesammelt haben wird, dann will er weiter wandern. Nach Palästina, ins heilige Land will er gehen, der siebzigjährige Tauvie, das Leben, das ihm noch bleibt, der Trauer und dem Gebet für feine Teuren widmen. Unterdessen hat der mürrische Schames die Lampen des Bet-ha-Midrasch bis auf zwei kurze Keizenstumpen verlöscht. Dem Fremden hat er pslicht- und gewohnheitsgemäß Ruhe geboten und unbekümmert um ihn, seinen hageren Körper der Länge nach auf die nächste Bank ausgestreckt. Die beiden Stumpen dort am Tisch werfen noch eine Weile ihren matten Schein auf die nächste Umgebung, dann verlöschen auch sie, zischend und einen üblen Geruch verbreitend. Nun ist es ruhig und finster. Nur das Schnarchen des Schames unterbricht die Ruhe. Der Greis kann nicht schlafen. Diese Ruhe, diese Finsternis wirken tief auf sein Gemüt. Wieder steigen alle die schauerlichen Erlebnisse der letzten Wochen vor seinem Auge auf. Wie es wohl den Anderen gehen mag. Sollte sich denn Gott nicht erbarmen wollen und Hilfe schicken? Was soll aus den vielen geplagten und gehetzten Juden werden? Unwillkürlich denkt Tauvie an die Knechtschaft der Juden in Aegypten. Wie da der Allmächtige erst das Maß voll werden ließ. Wie er dann Moses geschickt hat, wie er Pharao und sein Volk mit Plagen gestraft und die Juden aus der Knechtschaft befreit hat. — Mit welcher Inbrunst hatte er doch jedes Jahr am Pessachfest das alles gelesen. Auch jetzt geht er im Geist den Inhalt der Hagada durch. — Da plötzlich verklärt sich das fahle Gesicht des Greises, für einen Augenblick hellt sich das starre Auge auf, Freude scheint sich durch das traurige Gemüt zu stehlen, Tränen der Freude, der hellen Zuversicht rinnen in den grauen Bart. . . „Bechol Daur Wodaur aumdim olenu lechalosenu; Wehakodausch-Boruchhu mazilenu mijodom". — In jedem Zeitalter stand man wider uns auf, uns zu verderben; und der hochgelobte Heilige befreite uns aus ihrer Gewalt. Dieser Spruch — diese Verheißung steht ja dort in der Hagada. Tauvie hat nun Trost bei Gott gefunden und der wird die Juden nicht verlassen, wenn er sie auch jetzt leiden läßt. - Wie anders erscheint ihm doch jetzt seine Lage und die seiner Brüder. . . Das erhitzte Gesicht des Greises glüht, als wollten sich die alten Züge verjüngen, das Auge starrt in die Ferne. . . Es sucht die Finsternis des Bet-ha-Midrasch zu durchbohren. . Weit — weit von hier sieht es die Brüder wandeln, es sieht, wie sich die finstern Mienen klären, wie sie frei sind, wie sie leben, wie sie lachen . . . „Bechol Daur Wodaur" lallen verzückt die Lippen — die Röte macht allmählich einer Totenblässe Platz —• „Bechol Daur Wodaur" . . und lautlos gleitet der Körper zur Erde.