Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 612. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. (Königsberg, Pr.) und Kirchenrat Dr. Kroner (Stuttgart). Die Versammlung stimmte diesem Vorschläge zu. Alsdann beantragte der Vorsitzende Dr. Lachmann folgende Drahtung an den Kaiser zu senden: „Ew. Majestät bringen vierhundert Abgesandte deutscher jüdischer Gemeinden aus allen Teilen des Reiches, geeint im „Verbände der Deutschen Juden", welcher zurzeit hier seine Hauptversammlung abhält, alleruntertänigste Huldigung und das Gelöbnis unwandelbarer Treue dar." Die Versammlung stimmte sogleich einstimmig diesem Vorschläge zu. Darauf ist folgende Antwort eingegangen: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen der Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Juden für den Ausdruck treuer Ergebenheit danken. Auf Allerhöchsten Befehl Der Geheime Kabinettsrat v. Lucanus." Zunächst hielt Rabbiner Professor Dr. Mayöaum (Berlin) eine Ansprache. Diese Versammlung bedeute ein lautes und freudiges Bekenntnis zum Judentum. Nicht um Machtfragen, sondern um die Verteidigung der Gerechtigkeit handele es sich hier. Für Religion und Sittlichkeit der Menschheit zu wirken, sei stets die Aufgabe des Judentums gewesen. Mögen auch andere ihnen für Gegenwart und Zukunft diesen Beruf absprechen. Als Juden versammeln wir uns hier und fordern unser Recht, Gerechtigkeit und Wertschätzung. (Lebhafter Beifall.) Die ungerechte Behandlung um unseres Bekenntnisses zum Judentum bedrückt uns. (Zustimmung.) Die Hoffnung unserer Feinde, daß das Judentum aufgesaugt werden würde, hat die mehrtausendjährige Geschichte zunichte gemacht. Schon der Prophet hat dem jüdischen Volke eine ewige Aufgabe zugewiesen. Wohl bedauern wir den Abfall einzelner, andererseits aber wird das ausgewogen durch die Steigerung der Opferwilligkeit und Glaubensstärke. (Stürmischer Beifall.) Redner erteilte der Versammlung, die sich erhoben hatte, zum Schluß den Segen. Sodann sprach Herr Justizrat Dr. Kttgen Auchs-Berlin über Entwicklung und Aufgaben des Verbandes der Deutschen Juden. Die Rot der Zeit habe den Verband geschaffen. Es sei nicht nur notwendig, den Antisemitismus abzuwehren, sondern auch eine Vertretung zu schaffen, die alle Rechte der Juden wahrnehme. Es sei gefragt worden, weshalb mußte eine neue Organisation geschaffen werden? Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der nur aus einzelnen Mitgliedern bestehe und lediglich die Abwehr des Antisemitismus sich zur Aufgabe gemacht habe, könne nicht genügen. Auch der Israelitische Gemeindebund sei nicht zu einem Verbände deutscher Juden auszubauen gewesen. Die Juden werden ni, t bloß von allen öffentlichen Staatsämtern ausgeschlossen, viel schlimmer sei der gewerbliche Boykott. Es gebe aber noch eine ganze Reihe anderer Dinge, wie das Volksschulgesetz, bezüglich deren die Juden ihre Stimme erheben müssen. Wir müssen zeigen, daß die jüdische Religion, die wir von unfern Vätern ererbt, noch ganz modern und ethisch ist. Wir wollen uns nicht deshalb zurücksctzen lassen, weil wir als Juden geboren sind und an der Religion festhalten, für die unsere Väter gestorben sind. Wir wollen mit der Fackel der Wahrheit unsere Rechte verteidigen. (Lebhafter, lang anhaltender Beifall.) Rabbiner Dr. Werner (München) sprach darauf über das Judentum im Lichte moderner Kritik. Er polemisiert zunächst gegen Harnack, Chamberlain und Delitzsch. Die Gegner zeigen einen großen Scharfsinn, aus unseren Redendem Mißverständnis herauszulesen. Deshalb muß gerade schon oft Gesagtes auch hier wiederholt werden. Unter jeder Kritik aber erachte ich es, darzulegen, daß wir, die wir der Welt den Dekalog gegeben, Kannibalen und Betrüger von Religionswegen seien. Hoch steht uns die politische^und persönliche Ehre, am höchsten aber die religiöse Ehre. In früheren Zeiten waren es orthodoxe christliche Geistliche, die mit einem gewissen Fanatismus unsere Religion bekämpften. Heute erkennen diese Kreise in Ehrfurcht an, daß unsere Religion die Mutter der Religionen und des Gottesgedankens ist. Aber heute sind es gerade bedeutende liberale Gelehrte anderer Konfessionen, welche uns die Existenzberechtigung absprechen. Dazu wendet man zwei Methoden an. Die eine Methode spricht uns die Mutterschaft ab. Wir erkennen in voller Ehrfurcht das Christentum an, aber wir wenden uns dagegen, daß man zur Würdigung einer anderen Religion unsere Religion demütigt und herabsetzt. (Stürm. Beifall.) Weshalb jubelt man heute der Assyriologie zu? Weil sie sich gegen das Judentum richtet! Daß die Bibel nicht auf einer einsamen Insel entstanden ist, und daß mit Babel eine Verbindung vorhanden war, weiß jedes Kind. Wir geben Babel, was Babels ist, verlangen aber für die Bibel, was der Bibel gehört. (Beifall.) Hier wird uns die tendenzlose, vorurteilslose Forschung zu Hilfe kommen. Dann die andere Methode! In den Schriften von Harnack und anderen will man uns unsere Daseinsberechtigung und Ehre rauben. Man sagt: Nachdem die Mutter ein Kind geboren, sei sie im Wochenbett gestorben. Wir haben niemals behauptet, die alleinseligmachende Religion zu besitzen. Daß die Sittengesetze nicht immer gehalten werden, spricht noch nicht gegen sie. Daß die Religion der Feindesliebe nicht immer befolgt wird, dafür sind wir Juden ein lebendes Beispiel. Spricht man doch heute auch viel von einem praktischen Christentum. Hat uns die?Affyriologie die grauen Haare, die moderne liberale Theologie die schwarzen Haare aus dem Schädel gerissen,^so kommt nun auch noch die Rassentheorie und behauptet: auch der kahl gewordene Schädel taugt nichts. Und so kommen die Chamberlain und andere und wollen diesen Schädel zertrümmern. (Heiterkeit.) Redner schließt: Wir wollen deutsche und freie Staatsbürger sein. Der Jude ist ein sozialer Segen, wenn er seine Freiheit und Rechte hat. Es wird einst der Tag kommen, wo die Welt sagen wird: Von dir, Israel, ist das Licht der Welt ausgegangen. (Anhaltender stürm. Beifall.) Justizrat Mrestauer-Berlin sprach hierauf über die staatliche Lage der Juden in Deutschland. Er wies darauf hin, daß die Juden von fast allen Staatsämtern ausgeschloffen seien. Der Jude könnne noch so viel leisten, noch so viel zur Förderung der Wissenschaft tun, er erhalte dennoch keine ordentliche Professur. Am Reichsgericht sei kein Jude. Kein Jude sei Präsident oder Oberlandesgerichtsrat. Der einzige Ausnahmefall brauche in dieser Versammlung nicht weiter erörtert zu werden. Vorsitzender einer Strafkammer werde kein Jude. Man ernenne die jüdischen Rechtsanwälte zu Justizräten, weil es schön aussehe und nichts koste; vom Notariat suche man aber Juden auszuschließen. Ja, es gebe ganze deutsche Gebietsteile, in denen die Juden von dem Geschworenen- und Schöffenamt ausgeschlossen seien. Höchst bedauerlich sei es, daß, wenn man einen Juden befördern wolle, ihm nahelege, sich taufen zu lassen. Sehe man denn nicht ein, daß der Staat sich auf Leute, die äußerer Vorteile wegen ihre Religion wechseln, nicht verlassen kann. Hat der katholische