Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- Seite 696 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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\, "V. •4irA* Word i Seite 696 Israelitische Wochenschrift. kohlschwarzen Plüschhaar quoll weich über den Kragen der Matinee, die sich über den Brüsten schlaff wölbte. So erschien sie Selig sehr begehrenswert. Die süßliche Wärme des Kellerchens, vom Straßengesumme durchzogen, stieg ihm klammheiß zu Kopf, prickelte ihm in der noch vom Kaffee glühenden Kehle. So eine Pracht von 'nem Hals, wie sie hatte! Solch' leckere Büste! Leise schlich er in das beleuchtete Viereck und tastete bebend mit seiner fleischig-klebrigen Hand unter die Matinee, was sie lachend aufschrecken ließ. „Nu, nu! Aber Selig! . . . Schämen Se sich doch vor die Menschen! . . . Nu, nu, sag' ich. Nu, Selig!." „Lieber Schaatz . . . ." Eng zusammengekniffen durchschnitten die Augen mit den roten Wimperhaaren sein Sommersprossengesicht. Lüstern sah er sie an, nach den feucht schwimmenden Augen, nach dem äußersten Rand des gelben Halsfleisches. Die Kellerglut, der Straßenqualm des heißen August, nachmittags hatten ihn in etwas erregte Stimmung versetzt. Aber Mutters Stimme erklang gedämpft aus dem Hinterzimmer, und Bekkche schlug ihn auf die watschelige Hand und entschlüpfte über die kleine Treppe hinauf in das Hinterzimmer. Selig stützte sich mit den Händen auf die Tonbank, schwang die Füße hoch und kam so neben den Kleiderstapel auf der Tonbankplatte zu sitzen, die Beinchen baumelten vor dem braunen Holzbeschlag herunter. Es war ein heiteres Trällern in ihm. Die fleischige Hand rieb über die holperigroten Augenbrauen und drückte die feuchten Augenlider zusammen. Rote Backenbärtchen umkräuselten seine Sommersprossenwangen. Die Ohren standen weit ab. Er war ein klein-mageres, nicht zu mageres, Sommersprossenjüdchen mit kleinen Gesichtszügen. Zierlich strebte das Stumpfnäschen mit schwarzhaarigen kleinen Nasenlöchern aus, über den glattgeschorenen, dünnen roten Lippen, dem scharf-spitzen kleinen Kinn, das gutmütig glatt zwischen den krausen, roten Backenbärtchen hervortrat, die die Sommersprossenwnngen beim zögernden Treppenlicht zart-orange färbten. Die Mütze verjüngte ihn, verdeckte eine Glatze, und ihr Schirm beschattete tief die Stirn und die holperig-roten Augenbrauen. Es war nichts Listiges an ihm, nichts Abgefeimtes, nichts von dem breiten Geträume der Judenköpfe draußen, nichts von dem Leidenschaftdurchfresienen. Eher rosig sah sein Gesicht aus durch das rote Haar, von der Schirmmütze beschattet, in blöder Verwunderung, als ob eine ganz töricht zufällige Begegnung verlegen kleiner Gesichtszüge um seine Nase herum stattfände — Geniertheit scheuer Bürgersleutchen, die auf Visite gehen, aus eine richtige Visite, und albern strauchelnd über närrisches Benehmen lachen, lachen. Seligs Züge schienen sich in dem Gesicht verirrt zu haben und zögernd den Weg zu suchen. Er hatte ein gleichmäßiges rotes, nichtssagendes Sommersprossenköpfchen, das durch das rotwollig plustrige Backenbärtchen älter aussah. Auch seine Aeuglein waren mattgrau in dem wenigen Weiß, das fast mit dem rötlichen Sommersprossenzuwachs verschmolz. Die Zunge suchte in seinem Mund zwischen den braunen Zahnstümpfchen und schlechten Zähnen nach Krümelchen von dem Kuchen, und seine Gedanken beschäftigten sich mit Bekkches feuchtschimmernden Augen und der Festigkeit ihrer Brüste in der Matinee. Der kleine Keller mit den Kleiderstapeln, den Marineröcken und dem Galarock des Konsuls, der kleine Keller mit dem süßlichmuffigen Geruch entschwand ihm bei der prickelnden Erregtheit, die ihn mit klammer Sinnenlust erfüllte, die aber nicht sehr heftig war, nicht seine Pulse jagen ließ, ihm nur eine ganz leichte Vision des fetten, gelben Halses, der schwimmenden Augen, der sich ausspreitenden Nasenflügel im Licht der Kellertreppe gab. Und dazwischen kehrte die cj>* Erwägung wieder, ob sie nun wohl die Frau sein würde, um ihn von dem verlegenen Schleichen nach dunklen Hintergrachten abzubringen, wo rtzte Laternen neben den Türpfosten lockten . . . nur an Achabbesabenden — sonst war das zu »auker.*) / Von den blauen Treppenstufen rtönte das Gescharre grober Männerfüße. Selig wußte, wer das war — der Mann, der jeden Freitagnachmittag kam, der stoppelgraue Lumpenjude von der Ecke. „Sieh da, Suikerboon" ... 1 Suikerboon trug das alte Päckchen und legte es schweigend auf die Tonbank nieder. Geduldig knüpfte Selig den Knoten los und faltete einen Talles auseinander. Der safrangelbe Shawl mit Schnüren und blauseidenem Rand hing faltig um seine Hände herum. „Was kann ich d'rauf kriegen?" „Was wollen Se haben?" „Haben? . . . Kann ich d'r fünf Gülden drauf kriegen?" „Och, was vor'n Meschuggaas! Fünf Gülden... ein Talles von Kattun!" „Von Kattun? . . . Von Kattun? . . . Kost mich vierzehn Gülden. . . Echte Seide, bei mein un bei Ihr Gesund ..." „Js das Seide? . . . Och! . . . Sehen Se mal bei Tag'! . . . Seide! . . . Wissen viel von Ihr Gesund! . . . Js noch nit mal Halbseid! . . . Wollen Se'n verhandeln? ..." „Montag hol' ich'n m'r wieder . . . Geben Se m'r fünf Gülden drauf. . . kost mich doch vierzehn! . . ." Der Shawl raschelte auf Seligs Hand. Sein Sommersprossengesicht im Abglanz der roten Haare sah blöde-verwundert auf, aber dann trat der energische Zug der Ablehnung darauf. Des Talles befühlend, sprach er hastig, wie in Wut: . .„i. „Montag holt er'n wieder! . . . Das Sef**), womit er das sagt! . . . So'n Chutzpeponem***)! Liegt Ihr Winterrock nich auch noch da, woran ich Geld verlier'? . . . Sind Se gekommen, Ihr' Winterrock wiederzuholen? . . . Und Ihr Pack mit Hosen und Hemden? . . . Solch 'ne Chutzpe! . . . Fünf Gülden! . . . Ein Talles, der noch keine vier hat gekost! . . . . . . Ich nemm' ihn lieber überhaupt nit ..." *) teuer. **) Herz, Mut. ***) Frechling. (Fortsetzung folgt.) Mk. I—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro i/a Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spittelmarkt 8-10. Sonntag, den 4. Dezember 1904, abends 8 Uhr, Singakademie. I. Konzert des Vereins zur Pflege. Musik (Dirigent Albert Kellermann.) Karten zu 5, 4, 3, 2, 1 Mark hei Bote & Bock und an der Abendkasse. Aeraniworltrch für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Schorn», Berlin C,., Paßstraße 3. ^40451