Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 248. Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. von Hebel: Der Knabe im Erdbeerschlag. Ein garstiger Bube tut sich an den schönsten Erdbeeren gütlich; da erscheint ein schöner, glanzumflossener Engel und bittet ihn um einige von den süßen Früchten. Barsch weist ihn der Knabe ab. Der Engel entschwindet, aber die Früchte munden dem Knaben nicht mehr, es ist, als wäre aller Segen und alle Süßigkeit aus ihnen gewichen. Willst du dich wirklich an deinem Gut freuen, so mußt du die andern an deinem Glück teilnehmen lassen. Geteilte Freude ist doppelte Freude; das ist die Lehre, die uns das hier ausgelegte Gotteswort zur Beherzigung empsiehlt. Reiscbricfc aus Skandinavien. Von Atvert Aah. V. „Wenn Sie ein einigermaßen klares Bild von dem Leben der Juden in unsrem Lande gewinnen wollen", sagte mir ein Göteborger Freund, als ich mich von ihm verabschiedete, „so müssen Sie auch eine der wenigen kleinen jüdischen Ansiedelungen im Herzen Schwedens besuchen. Ich schlage Ihnen Karlstad vor, das, nördlich am Wennersee auf der Insel Tingvalla gelegen, an und für sich eines Besuches wert ist, und wenn Sie wünschen, bin ich mit Vergnügen bereit. Ihnen an einen meiner dortigen Geschäftsfreunde ein Empfehlungsschreiben mitzugeben." Da der Rat mir aus der Seele gesprochen war, so nahm ich dankend das mir gemachte freundliche Anerbieten an und setzte am folgenden Tag in aller Frühe meine Reise nach der angegebenen Richtung fort. Rach einer Eisenbahnfahrt von ungefähr sechs Stunden traf ich in der ersten Nachmittagsstunde in Karlstad ein. Um nicht unnütz Zeit zu verlieren und möglichst noch den Abendzug nach Stockholm benutzen zu können, begab ich mich, ohne erst ein Hotel aufzusuchen, direkt von der Bahn zu dem Herrn, an den ich die Empfehlung hatte. Er empfing mich mit schwedischer Zuvorkommenheit, lud mich sofort ein, während der Dauer meines Aufenthalts sein Gast zu sein und erklärte sich bereit, mir über alles, was ich zu erfahren wünsche, Auskunft zu geben. Da aber er mein Schwedisch und ich sein Deutsch nicht so recht verstand, so schlug er mir vor, nachdem er mich eine Weile prüfend durch die Brille betrachtete, unsere Unterhaltung, wie er sich ausdrückte, in „Mammeloschen", d. h. im polnischjüdischen Jargon zu führen. Ich bewunderte seinen Scharfblick, und nehme nun keinen Anstand zu erklären, daß er in dieser Mundart sich viel geläufiger und präziser als ich auszudrücken vermochte. Hier nur eine Probe: „Ihr seid", sagte er im Lauf des Gesprächs an mich gewandt, „wie mein Gotenburger Freind in der Recomendacie mir onsogt, a Schreiber, do hot Ihr doch awade (gewiß) den kliegen Russen geleient". Sie meinen wohl, verfiel ich, ihn unterbrechend, in's Hochdeutsche: Nathan der Weise? „Soll sein", meinte er überlegen lächelnd, „Nathan der Weiße. Der Nomen spielt bei mir a knappe Rolle; der Jkker (die Hauptsache) ist doch der Inhalt, der Gang der Machschowes (der Gedanken). Oi, sog ich Eich, hob ich von die Maaße a Nacheß gehabt! Ich hob sie meinen christlichen Fremden, den Stadtverordneten erzählt, denn ohne mir zu rühmen, muß ich Eich sogen, daß ich auch a Stadtverordneter bin, und die hoben sich über dem Inhalt sehr gefreit und sagten mir: Asa (so ein) gutes Werk kann nur a Jüd schreiben. Aber a jüdische Freilein aus Stockholm, die bei mir Buchhalterin ist, meint, der Mechaber (Verfasser) dieses Werkes war a Christ. Ist dos emmeß?" Ich gab ihm Aufklärung darüber, erzählte ihm von den innigen Beziehungen zwischen Lessing und Moses Mendelssohn und suchte unser Gespräch auf ein anderes Gebiet .zu lenken, was mir aber, da er die christliche Herkunft des 'Nathan nicht so leicht verschmerzen konnte, erst nach vieler Mühe gelang. Ich erfuhr von ihm, daß unter den 13 000 Einwohnern des Städtchens, das Sitz des Landeshauptmanns und eines Bischofs ist, ca. 30 jüdische Familien wohnen, die, fast sämtlich aus Polen eingewandert, hier eine zweite Heimat gefunden und dank ihrer Rührigkeit und Redlichkeit im Verkehr mit ihren christlichen Mitbürgern sich deren ungeteilter Achtung und eines reellen, von diesen ihnen nicht mißgönnten Wohlstandes zu erfreuen haben. Sie bilden eine eigene Gemeinde, besitzen ein hübsches Gotteshaus und unterhalten einen frommen Landsmann als Beamten, der Religionslehrer, Vorbeier und Schächter ist. Als Kuriosität sei hier mitgeteilt, daß der Beamte von seinen Gemeindemitgliedern nicht, wie bei uns, mit Herr Lehrer, Kantor oder seinem Familiennamen, sondern einfach „Schochet" angeredet wird. Der Bewunderer des „kliegen Nüssen" war nämlich so liebenswürdig, in aller Eile mir zu Ehren in seinem Haus ein kleines schwedisches Diner zu veranstalten und, um mir Gelegenheit zu geben, die Notabeln der Gemeinde kennen zu lernen, diese mit ihrem Beamten einzuladen. Es war eine sehr animierte Gesellschaft, und beim fröhlichen Mahl schwirrte es nur so durch die Luft: „Schochet! Skol! Schochet, wann ist Chanuka? Schochet, erzählt ein Witz. Schochet, sogt oder singt eppes". Mit bewunderungswerter Bereitwilligkeit erfüllte dieser die Wünsche seiner Brotgeber — denn als solche spielten sich diese, gerade wie in den kleinen Gemeinden bei uns in Deutschland, auf —, stärkte sich nach jeder vollbrachten Leistung mit einem sogenannten Gabelbissen, bald dem einen, bald dem anderen ein herzliches „Skol" zurufend, und quittierte den reichen Beifall, den ihm die lustige Tafelrunde für seinen vorzüglichen Gesang und seine noch vorzüglicheren Witze mit polnisch-jüdischer Lebhaftigkeit zollte, mit einem verbindlichen, schwedischen „Tack" *). Doch bald nahm die Unterhaltung eine ernstere Wendung, die allerdings ich unbeabsichtigt selbst heraufbeschworen hatte. Es war mir nämlich aufgefallen, daß trotz der fröhlichen Stimmung, die die Tischgesellschaft beherrschte, der Schochet, so er sich unbeobachtet wähnte, betrübt und in sich gekehrt dasaß. Auf meine vielleicht etwas unschickliche Frage nach der Ursache seiner Niedergeschlagenheit, antwortete er mir: „Ach, lieber Herr! Wie soll ich lustig sein, wenn ich sehe, wie die Feinde unserer Religion sich bemühen, uns durch Verunglimpfung unserer heiligen Gesetze zu kränken und zu demütigen." Was ist denn geschehen? Liegt denn — fragte ich, von diesem Schmerzenserguß gerührt — Karlstad nicht in Schweden, das, so viel ich weiß und, wie kürzlich ein Herr Schmocksens aus Malmö mir versicherte, frei von jeder Engherzigkeit gegen das Judentum sei? „Sie kennen auch unfern Freund Schmocksens aus Malmö!" riefen zu gleicher Zeit einige Herren aus der Gesellschaft. „O, das ist ein kluger Mann, und er hat auch recht: Die Schweden sind keine Antisemiten. Allein auch unser Schochet hat recht, und er mehr als wir alle begründete Ursache niedergeschlagen *) Danke schön.