Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 150. Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. ist von bleibendem Wert. Zangwill ist unter die Zionisten gegangen, nachdem er sie verspottet. Dieser Uebergang ist kaum mehr als ein Durchgang. In ihm hat jüdisches Gefühl von Jugend aus gelebt, und die Form, die der Zionismus dem Jüdischen zuweilen giebt, hat auf Zangwill anziehend gewirkt. Jedenfalls darf man den Zionisten nicht verargen, daß sie auf Zangwill stolz sind, der unter ihnen in einsamer Höhe ragt, — darf man ihm nicht verdenken, daß er in dieser Einsamkeit sich jetzt gefällt. GkjMl-OrMisatmen in der Diaspora. (Einblicke in die jüdische Geschichte.) Vortrag von Leon Scheinhaus-Memel. III. Mit dem Beginn der Neuzeit (seit Moses Mendelssohn) hat das geistige jüdische Leben besonders und zuerst in Deutschland neue Bahnen eingeschlagen. Von Berlin, wo innerhalb der Judenheit neues wirtschaftliches Leben kräftig pulsierte, ging ein Lichtstrom über alle Lande aus. In Bezug aus eine einheitliche Eentralorganisation des jüdischen Gemeinwesens aber müssen wir besonders die Judenheit Frankreichs hervoxheben, wo durch einen Jahrzehnte fortgesetzten emsigen Fleiß eine mustergiltige Gesamtordnung ausgestaltet wurde. Seit dem 13. November 1791 sind die Juden in Frankreich dem Gesetz nach vollberechtigte Franzosen, nicht aber in der Praxis. Namentlich im Anfang des 19. Jahrhunderts kam der spießbürgerliche Judenhaß und der bigottkirchliche unduldsame Sinn zur Geltung, der die Juden Frankreichs wieder unter Ausnahmegesetze stellen wollte. Von dem Kaiser Napoleon weiß man auch jetzt nicht recht, wie'er in der That den Juden gesinnt war. Er kam auf den Gedanken, die Juden selbst über ihr Wesen und etwaige Mängel zu befragen; sie sollten selbst durch ihre Vertreter über ihr Geschick entscheiden, aus sich selbst heraus die ihrer Emanzipation noch entgegenstehenden Vorurteile und Bedenklichkeiten beseitigen. Aus Frankreich und dem angeschlostenen Teil Italiens wurden 110 Deputierte französischer, deutscher und italienischer Zunge gewählt, Männer, die von der Größe und Wichtigkeit ihrer Aufgabe durchdrungen waren, darunter erprobte Führer, wie die beiden Berr, Vater und Sohn, Furtado, Rabbiner Sinzheim u. s. w. Am 26. Juli 1806 ist dieses jüdische Parlament in Paris in einem mit passenden Emblemen ausgeschmückten Saal des Rathauses zusammengetreten.^) Die religiösen Gegensätze der Deputierten, wie sie sich im Laus der Zeiten ausgeprägt hatten, die mannigfachen Abstufungen von dem staatsmännischen freisinnigen Furtado bis zu den Rabbinern, die ihr Lebelang nur in der talmudischen Sphäre sich bewegten, — alle waren darin einig, ihren Glauben mit den Pflichten als Franzosen in Uebereinstimmung zu bringen ( Der von der Versammlung gewählte Präsident Abr. Furtado > verstand mit parlamentarischem Takt die Verhandlungen zu leiten. Auch einzelne Deputierte trugen dazu bei, den Geist *0 Jost, Geschichte der Israeliten, Bd. IX p. 123 ff. Grätz Geschichte der Juden, Bd. XI p. 275 ff. der Einmütigkeit rege zu halten; zündend wirkten die Worte des Deputierten Lipmann Cers-Berr: „Vergessen wir, woher wir stammen! Nichts mehr von Elsässer Juden, von Portugiesen, von deutschen Juden! Ueber den Erdboden zerstreut, sind wir doch nur ein einziges Volk, denselben Gott anbetend, und wie unser Gebot es befiehlt, der Macht unterworfen, unter deren Gesetz wir leben." i8) Drei kaiserliche Kommissare legten zwölf Fragen vor, über die die jüdische Notabeln-Versammlung verhandeln und die sie gewissenhaft beantworten sollte. Das gelehrteste Mitglied Rabbiner David Sinzheim war mit der Ausarbeitung der Antworten beauftragt, die von der Versammlung nach eingehenden Debatten genehmigt wurden. Wie einer der hervorragendsten Deputierten Isaak Berr aufrichtig und warm betonte: „Laßt uns schwören, beides zu bleiben: Franzosen, indem wir mit Eifer das von uns geliebte Vaterland verteidigen, und Juden, indem wir den religiösen Gesetzen und dem Glauben unsererVäter treu bleiben",^) so waren alleTeilnehmer von demselben Geist getragen, und in diesem Sinn lauteten die Antworten, die in fünf Sitzungen beraten wurden. Sie konnten sich dabei auf das Judentum berufen, das in seinen drei Phasen (der biblischen, talmudischen und rabbinischen) die Menschenliebe und die Brüderlichkeit an die Spitze stellt. Der Kaiser erkannte aus dem Bericht über diese Tagung den gediegenen Charakter und die Intelligenz der Notabeln, die ihre schwere Ausgabe mit Würde und Takt gelöst hatten. Er ließ ihnen seine Befriedigung aussprechen, und am 18. September erklärte der kaiserliche Kommissar: „Seine Majestät sichert Ihnen die freie Ausübung Ihrer Religion, den Vollgenuß der politischen Rechte zu; aber zum Tausch für diesen hohen Schatz fordert sie eine religiöse Bürgschaft für die volle Verwirklichung der in Ihren Antworten ausgesprochenen Prinzipien".^) Diese Bürgschaft sollte nach Napoleons Wunsch ein nach Paris einzuberusendes großes Synhedrin bieten. Diese mit dem Tempel zugleich untergegangene größte jüdische Körperschaft, der weder die Gesamtorganisation in Babylonien noch die Rabbinersynoden im Mittelalter und die Landtage in Polen sich auch nur im Namen gleichzustellen wagten, wollte der Eroberer neu erstehen lassen. Das Synhedrin sollte die Antworten der Notabeln-Versammlung in bindende Entscheidungen umwandeln, damit sie gleich denen des Talmuds und neben ihnen in den Augen der Juden aller Länder und aller Jahrhunderte das bestmögliche Ansehen erlangten. „Es soll den wahren Geist des Gesetzes zurückrusen, die Gesetze des Judentums zeitgemäß auslegen, die falschen und streitigen ausheben und außerdem eine neue Organisation schaffen."^') Damit dieses erneute Synhedrin den durch die Geschichte geheiligten, ehrwürdigen und imposanten Charakter erhalte, sollte es vollständig nach dem Vorbild des alten gebildet werden, aus 71 Mitgliedern u. s. w. Schon am 20. Oktober i sollte es eröffnet werden. Die Notabeln-Versammlung erließ am 6. Oktober einen begeisterten Ausruf in vier Sprachen (hebräisch, französisch, deutsch und italienisch) an alle Syna- “9 Grätz, ibid. p. 282. i9) und 2°) Ibid. p. 286—290.