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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46 · p. Seite 724

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
Date
1901-11-15
Page
Seite 724 (sequence 4)
Language
German
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Seite 724. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Gottesdienstes, noch aber die Einführung eines Sonntagsgottesdienstes für statthaft halten. Er hat auch in Aussicht gestellt, später, wenn es nötig sein sollte, die Gründe, die gegen jene sprechen, darzulegen. Das ist seither geschehen*) ohne daß die liberalen Repräsentanten jenen Gründen irgendwelche Beachtung geschenkt hätten, und obwohl bei den letzten Wahlen für die Kandidatenliste des Herrn G. Levinftein nur etwa ein Fünftel der Wähler gestimmt hatte, haben sämtliche liberale Repräsentanten ihre Absicht kundgegeben, im Fall sie die Mehrheit erlangen, in einer unserer Synagogen einen feierlichen Sonntagsgottesdienst einzusühren. Angesichts dieser Thatsachen und bei der Methode, mit deren Hilfe jene Einrichtung geschaffen werden soll, ist es die unabweisbare Pflicht auch derer, die die Freiheit des religiösen Denkens hochhallen, aber die Heiligtünler der Synagoge zu wahren suchen, gegenüber dieser Forderung an die Gesamtheit der Wähler sich zu wenden. Wir erachten es für die Pflicht eines jeden Gemeindemitgliedes, das den Wunsch hegt, daß unsere Gemeinde den Ueberlieserungen unserer Gemeinschaft treu bleibe, gegen die Stellung zu nehmen, die einen jüdischen Sonntagsgottesdienst einsühren wollen. Ein solcher Gottesdienst stellt eine Religionsmischung dar, die den Bestand unserer Religion zu schädigen geeignet ist. Es ist unsere Ausgabe, die Eigenart unseres religiösen Denkens und Lebens zu wahren. Diese Einrichtung ist aber ein Angriff aus die Selbständigkeit des jüdischen religiösen Bewußtseins. Diese Einrichtung würde auch in einigen Jahrzehnten in weiten Kreisen die vollständige Vernichtung des Sabbats zur Folge haben. Dies mögen die Vertreter der liberalen Partei leugnen und die Absicht, solches herbeizusühren, von sich weisen, die Konsequenzen der Einrichtung werden sich stärker erweisen, als die Absicht derer, die sie einsühren. Der Geist des Synkretismus, die tötliche Krankheit einer jeden Religion, wird sich nicht aushalten lassen. Das Beispiel der jüdischen Reformgemeinde beweist dies. Ursprünglich wurde in ihrem „Gotteshaus" am Sabbat und am Sonntag ein Gottesdienst abgehalten, bis der am Sabbat überflüssig geworden war. Es ist eine Unverfrorenheit, zu behaupten, daß ein Sonntagsgottesdienst mit dem jüdischen Religionsgesetz nicht im Widerspruch steht. Der Mischnatraktat Aboda sara und die beiden Talmude dazu kämpfen gegen das Eindringen heidnischer Elemente in das Judentum. Es liegt uns fern, das Christentum mit irgend einer heidnischen Religion auf eine Stufe zu stellen, aber ein fremdes Element würde eine solche Einrichtung unbedingt darsteüen, die Uebernahme fremder religiöser Einrichtungen ist aber unter allen Umständen untersagt. Das Beginnen derer, die solches thun, steht auf derselben Stufe mit dem Thun derer, die wünschen würden, daß in unseren Synagogen die Bildsäulen von Propheten und Gefttzeslehrern ausgestellt, oder daß neben der Thora und den Propheten auch aus heiligen Schriften anderer Religionen Vorlegungen gehalten werden. Und doch sagt hier auch das Empfinden des Laien, daß im religiösen Leben nur das von unseren Vätern Ererbte Platz habe, daß die Säule, aus der unser *) In der Israelitischen Wochenschrift 1900 Nr. 44. Bestand beruht, die Ueberlieferung, die historische Bestimmtheit unseres religiösen Bewußtseins ist. Es muß auch mit allem Nachdruck hervorgehoben werden, daß die Behauptung vom angeblichen oder wirklichen religiösen Bedürfnis, das nur durch Gesang und Predigt sich befriedigt fühlt, unberechtigt ist. Gesang und Predigt sind wohl wichtige Momente im Leben der Gemeinde, aber wer den Willen zum jüdisch-religiösen Leben hat und am öffentlichen Gottesdienst nicht teilnehmen kann, wird im Kämmerlein auch Erhebung finden, und es wird deshalb nicht notwendig sein, unsere Institutionen zu verändern. Wer eine Bibel und ein jüdisches Geschichtswerk im Haus hat, bei dem werden sie zur Erhaltung des Judentums in seinem Haus mehr beitragen, als die „inhaltsleeren Stimmungen", nach denen mit einem Mal eine solche Sehnsucht sich offenbart. „Das Judentum beruht auf der Arbeit des Einzelnen, sich selbst zum Juden zu machen." Diese Erkenntnis kann nicht nachdrücklich genug unseren Glaubensgenossen eingeschärft werden. Man wird gegen diese Ausführungen einwenden, daß die griechisch-arabische Philosophie, mit der sich unsere Philosophen auseinandergesetzt haben, und der Neuplatonismus, der die Kabbala beeinflußt hat, auch etwas ursprünglich dem Judentum Fremdes waren. Dabei wird aber übersehen, daß die jüdischen Denker in der griechischen Philosophie objektive Wahrheit, eine Erkenntnis der wirklichen Welt gesucht und zu finden geglaubt haben, und daß sie der jüdischen Lehre dem Geist nach widersprechende Anschauungen zurückzuweisen gewußt haben. Auch mancher nichtjüdische Brauch von untergeordneter Bedeutung ist im Laus der Jahrhunderte in das jüdische Leben eingedrungen. Aber seit wann erkennen wir es als einen Grundsatz an, daß wir den unbewußt begangenen Jrrtümern der Vergangenheit zu folgen haben? Ist die religionsgeschichtliche Einsicht, die unsere Lehrer seit Mendelssohn errungen haben, dazu vorhanden, daß wir die unbewußten Verirrungen der Vergangenheit durch neue mit Bewußtsein vermehren, oder haben wir nicht vielmehr die Pflicht, dem großen Zug unserer Vergangenheit folgend, das Fremde abzulehnen? Es darf auch nicht übersehen werden, daß keineswegs ausschließlich der Zwang des wirtschaftlichen Lebens die Mitglieder unserer Gemeinschaft von der Synagoge fernhält. In früheren Zeiten haben Juden mit ganz anderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, sie wurden auch vielfach zur Sonntagsruhe gezwungen, ohne daß diese Umstände die Sabbatseier beeinträchtigt hätten. Irrtümliche Ansichten über die Lehre des Judentums und über die Forderungen des jüdischen Lebens sind es in erster Reihe, die die Entfremdung vom jüdischen Leben verursachen. Diese Ursachen werden aber durch den Sonntagsgottesdienst nicht beseitigt. Zu behaupten, daß nur die die Synagoge nicht besuchen, die durch ihre wirtschaftlichen Verhältnisse daran gehindert werden, ist Heuchelei. Durch die Einführung eines Sonntagsgottesdienftes würde unsere Gemeinde die Bahnen verlassen, auf denen sie im abgelausenen Jahrhundert von Leopold Zunz und Abraham Geiger geführt worden ist, und sie würde die Wege des Resormjudentums betreten.

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