Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 731 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46 Israelitische Wochenschrift. Seite 731. seinen freundschaftlichen Gefühlen für den Centralverein beeinflußt sei, so scheine der Vorredner von Gefühlen der Feindschaft bestimmt zu werden. Was der Vorredner von Vorstandswahl und Stellungnahme zum obligatorischen Religionsunterricht vorgebracht, seien „olle Kamellen", die wer weiß wie viel Jahre zurückliegen. Ihm, dem Referenten, sei die Sache, um die es sich handle, viel zu hoch und heilig, als daß er sie hinter Personenfragen zurücktreten lassen möchte. Der heroische Verzicht des Herrn Levinson auf Originalität wäre ganz anerkennenswerth, wenn der geehrte Herr rechtzeitig die schicklichen Konsequenzen gezogen hätte. Niemand kann zur Originalität verpflichtet werden. Wer aber — es sei freiwillig oder gezwungen — aus Originalität verzichtet, der sollte nicht verabsäumen, seine Quelle anzugeben, weil er sonst den Verdacht erweckt, als ob er einen ungerechtfertigten Anschein habe Hervorrufen wollen. Im übrigen ist jener Verzicht von Herrn Levinson allzu bescheiden, denn es ist überaus originell, als Referent über die Bedeutung von Gemeindewahlen öffentlich auszutreten, während man weder die Lage der Gesetzgebung noch die thatsächlichen Vorkommnisse aus der jüngsten Vergangenheit der Gemeinde kennt. Herr Levinson, der sich aus der Versammlung entfernte, fand kräftige Unterstützung durch einen Herrn Margoninski, der ungefähr wörtlich sagte: „Wer kennt nicht Herrn Klausner? Wir Alle kennen Herrn Klausner. Wir wissen, was er geleistet hat und wie er dafür in den Versammlungen des Centralvereins gefeiert worden ist. Dann aber har er vor drei Jahren Verwirrung in uns gebracht. Ich sage Ihnen: verwirrt hat er uns, so daß wir unterlegen find bei den vorigen Wahlen. Ganz verwirrt hat er uns, denn ihm sind Viele, sehr Viele gefolgt. Und was er jetzt gesagt hat, das ist gar nichts. Ich habe ihm nicht mein Ohr gegeben, denn ich wollte gar nichts hören, und Sie sollten auch nichts hören, denn Verwirrung bringt er in uns." Nach Herrn Margoninski trat ein Herr Spiewkowski aus, der Gelehrte des Centralvereins, der das Unglück hat, auch einfache Unterscheidungen nicht machen zu können und in Bezug aus thatsächliche Angaben an einer Zerstreutheit zu leiden, die selbst durch wirkliche Gelehrsamkeit nicht entschuldigt würde. Er bestritt, daß in der Repräsentantenversammlung jemals die vom Centralverein ausgestellten Mitglieder 14 Mandate besessen hätten; er leugnete, daß sie den obligatorischen Religionsunterricht bekämpft hätten, behauptete sogar das Gegenteil; der Centralverein zuerst habe diesen Gedanken „in die Massen geworfen" und ihn dann verwirklicht; Herr Klausner sei dem Centralverein nur gefolgt. Es sei ja richtig, daß in der Repräsentantenversammlung die Abstimmungen nicht immer ganz nach Wunsch gegangen seien. Aber Herr Klausner selbst habe bei der Ausstellung der Kandidatenliste mitgewirkt und alle Kandidaten gebilligt. Einen der vor sechs Jahren Gewählten lasse man auch fallen, weil er sich unzuverlässig gezeigt; die Anderen würden diesmal unbedingt ihr Wort halten. Herr Klausner müsse mit ihnen gehen, denn er würde seine ganze Vergangenheit verleugnen, wollte er die andere Partei unterstützen, und eine hinreichend große eigene Partei habe er nicht. Herr Weinberg, der hiernach das Wort nahm, erkannte an, daß Herr Klausner sehr sachlich gesprochen, stellte auch einige der falschen Angaben seiner Freunde richtig, und bat, man solle alle persönlichen Zwistigkeiten vergessen und bei den Wahlen einig vorgehen. Redakteur Klausner wandte sich gegen die Wahrheitsscheu, die sich in manchen Behauptungen bekundet habe. Wer die Vorgänge in der Gemeinde verfolgt habe, müsse seine thatsächlichen Ausführungen bestätigen oder setze sich mit der Wahrheit bewußt in Widerspruch. (Herr Salinger erklärte das von der Mitte der Versammlung aus für eine Beleidigung. Er wurde belehrt, daß man auch im Centralveretn ein Recht aus Debitierung bewußter Unwahrheiten nicht konstruieren dürfe.) Redakteur Klausner fuhr fort: Es beruht auf einer merkwürdigen Verkennung der Größenverhältnisse, wenn man annimmt, daß ich dem Centralverein gefolgt sei. Das Umgekehrte ist richtig. Ich habe 1895 dem Centralverein das Programm gegeben, habe den Centralverein gezwungen, die von mir ausgestellten Forderungen anzunehmen. Ich habe dafür seiner Kandidatenliste ohne Prüfung und vertrauensvoll zugestimmt. Dieses Vertrauen wurde getäuscht, denn die Gewählten haben nicht gehalten, was sie versprochen oder was in ihrem Namen versprochen worden. Aus den Wahlen von 1892 waren 4 konservative Mitglieder in der Versammlung, 1895 kamen 10 hinzu, sodaß ihre Zahl aus 14 stieg. Im Jahr 1898 beteiligte ich mich an der Aufstellung der Kandidatenliste. Die entscheidende Prüfung und Befragung der Kandidaten aber behielten sich die Centralvereinsmänner wider jede Abrede allein vor, und damit war mein Uebereinkommen mit ihnen zerrissen. Ich durfte mich nicht ein zweites Mal sehenden Auges täuschen lassen, sonst wäre ich ca der Täuschung der Wähler mitschuldig geworden. Deshalb <rennte ich mich vom Centralverein, und die Folge war dessen vollständige Niederlage. Herr Spiewkowski hat eben jetzt verraten, daß der Centralveretn die alten Kandidaten mit einer einzigen Ausnahme wieder ausstellen will. Diesmal, meint er, würden diese Männer Stich halten. Diese Zumutung erinnert an den Mann, der von sich selbst erklärte: „Wenn ich wahrhaftig sage, brauchen Sie mir nicht zu glauben, wenn ich aber Weiß Gott sage, können Sie mir wahrhaftig glauben." Ich folge solcher naiven Zumutung nicht. Gerade weil die Sache mir wirklich hochfteht, kann und darf ich sie nicht Personen anvertrauen, die das Vertrauen schon einmal getäuscht haben. Wer anders handelt, der beweist damit, daß er nur die Personen und nicht die Sache im Auge hat. * Am Montag (11. November) fand eine von den Liberalen berufene Versammlung im Case Gärtner statt. Hier referierte Herr Professor Blaschke, der namentlich die Frage des Sonntagsgottesdienftes behandelte. Er betonte nachdrücklichst, daß es sich dabei lediglich um einen Versuch handle, in einer Gemeindesynagoge jeden dritten oder vierten Sonntag eine Andacht zu veranstalten, die in keinem Punkt der sabbatlichen ähnlich sein solle, für die er deshalb sogar auf die Thoravorlesung verzichten wolle. Redakteur Klausner lud die Liberalen dringlichst ein, von einem Beginnen Abstand zu nehmen, das bei einem großen Teil der Gemeinde Anstoß