Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9 Der Zionismus. Von Dr. Franz Oppenheime r.*) Der Zionismus im eigentlichen Sinne datiert erst von der Zeit, wo Theodor Herzl ihn als internationale politische Bewegung ins Leben rief und mit Hingabe seiner ganzen, wahrhaft grossen Persönlichkeit organisierte. Aber das hätte selbst dieser echten Herrsehernatur nie gelingen können, wenn nicht schon vor seinem Auftreten ein Massenbedürfnis bestanden hätte, das er hätte ausnutzen können. Das ist ja überhaupt die Aufgabe der sogenannten „Heroen" der Weltgeschichte, dass sie zersplitterte Kräfte, die einem gemeinsamen Ziele zudrängen, zusammenfassen, organisieren und in der einen Richtung leiten; dadurch werden massenhafte, aber in ihrer Zersplitterung ohnmächtige Kräfte erst zu einer vereinten und durch die Vereinigung wirksamen Massenkraft. So gab es denn schon vor Herzl Zionisten in aller Welt. Teder wirklich orthodoxe Jude muss ja gewisse Neigungen und Wünsche haben, die in der Richtung des Zionismus drängen. Die Sehnsucht nach dem Heiligen Lande, dem Lande der Väter, kommt in dem Gebete: „Nächstes Jahr in Jerusalem" alljährlich zum Ausdrucke. Je härter .der Druck des „G-olus" (Exil) und des Pariatums auf den Juden eines bestimmten politischen Bezirkes lastet, um so deutlicher, bewusster und kräftiger muss unter sonst gleichen Umständen die zionistische Stimmung sein. Und so hat sie sich denn auch schon vor Herzl in mancherlei literarischpropagandistischen und praktischen Aeusserungen gezeigt; der Herzl'sche Zionismus hat literarische Vorläufer, die nur deswegen nicht zur Bedeutung gekommen sind, weil die treibende Kraft der grossen Persönlichkeit nicht hinter den Ideen stand und sie mit Leben erfüllte; und manche ältere praktische Siedlungsversuche in Palästina sind heller oder dunkler von dem entscheidenden zionistischen Ideal hervorgerufen worden, Land und Volk, Palästina und Jadenschaft, wieder zusammenzubringen. Dennoch datiert, wie gesagt, der eigentliche Zionismus erst von Herzls Auftreten. Er hatte das Genie, die verschiedenen Quellen in ein Bett zu sammeln, den verschiedenen Richtungen klar zu machen, dass das nächste und doch noch so entfernte Ziel allen gemeinsam sei, dass es durchaus möglich sei, bis zur Erreichung dieses Zieles alle trennenden Wünsche und Ueberzeugungen beiseite zu lassen. Und dadurch allein schuf er die *) Vorstehender Aufsatz des hervorragenden Soziologen ist in der Berliner »GegenwarU erschienen. Er enthält so viel instruktives Material und eine so ehrliche Beurteilung des gegenwärtigen Standes der zionistischen Bewegung, dass dessen Wiederabdruck in der »Monatschrift« auch jenen Lesern willkommen sein wird, die mit dem grundsätzlichen Standpunkte des Verfassers nicht einverstanden sind. (Anm. d. Red.)