Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 2 (2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Korrespondenzen. Wien. (Gegen die Errichtung einer jüdischen Kurie.) Aus Prossnitz wird berichtet: Am 26. Jänner fand hier im Deutschen Hause eine ausserordentlich stark besuchte Versammlung von Wählern der hiesigen isiael. Kultusgemeinde statt, die an fünf Sechstel der Prossnitzer Judenschaft repräsentierte. Zu Versammlungsleitern wurden gewählt die Herren Fabrikant Daniel Steinschneider, Advokat Dr. Ludwig Brüll und Redakteur Hatschek. Nach -einem ausgezeichneten Referate des Herrn Dr. H. Schreiber, Vorstandsmitglied der „österr.-ungar. israelitischen Union" in Wien, und den Reden der Herren Dr. Brüll und Leopold Beck sowie den zustimmenden Erklärungen der Vertreter der sozialdemokratischen Partei wurde eine Entschliessung einstimmig angenommen, die sich auf das Entschiedenste gegen die Errichtung einer jüdischen Kurie ausspricht. — Der verstärkte Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Kuttenberg beschloss am 28. v. folgende Protestkundgebung: Wir protestieren entschieden gegen die antisemitischen und zionistischen Bestrebungen, die Juden durch die sogenannte „nationale" Autonomie des Judentums und jüdische nationale Kurien zu separieren. Die nationale Autonomie der Juden ist deshalb unmöglich, weil die Juden, da sie keine lebende Sprache gemeinschaftlich haben, kein besonderes Volk, sondern nur eine Religionsgesellschaft bilden. Deshalb besitzen die Juden nicht einmal die Möglichkeit, sich ein besonderes Volksleben, namentlich aber besonderes Schulwesen, Literatur, wissenschaftliche Anstalten usw. zu schaffen. Jeder auf die sogenannte nationale Autonomie der Juden hinarbeitende Versuch — und diesen Versuchen sind auch die jüdischen nationalen Kurien beizuzählen — verfolgt das Ziel, die Juden von dem übrigen Volke, mit dem sie leben, dessen Teil sie bilden und dem sie angehören, zu trennen, für sie ein neuartiges Ghetto zu errichten und ihnen ihre politischen und kulturellen Rechte vorzuenthalten. Gegen solche Bestrebungen, welche nur die antisemitische Reaktion fördern sollen, verwahren wir uns aufs Entschiedenste. — Gleichzeitig wurde beschlossen, diesen Protest dem Abgeordnetenhause und dem Jungtschechenklub vorzulegen und sich an die übrigen böhmischen Kultusgemeinden in Böhmen mit dem Ersuchen zu wenden, durch ähnliche Petitionen die antisemitischen und zionistischen Bestrebungen zu bekämpfen, zumal die Zionisten sich so gebärden, als ob sich die gesamte Judenschaft nach Errichtung jüdisch-nationaler Kurien sehnte. Krakau. Die hiesige Polizeidirektion hat auf Anordnung der Statthalterei die Auflösung aller zionistischen Vereine mit Ausnahme von zwei Frauen vereinen vorgenommen. Die Lokalitäten wurden versiegelt. Dieser behördliche Akt ist, wie das „Pr. Tgbl." hiezu bemerkt, zweifellos auf Drängen des reichsrätlichen Polenklubs erfolgt, den die von den Zionisten in Galizien sehr rührig betriebene Agitation zur Erzielung der jüdischen Autonomie sehr irritiert, weniger, weil er dadurch etwa acht bisher fest behauptete Mandate verlieren würde, als wegen der Erklärung der Zionisten, dass sie nicht mehr auf Seite der Polen gegen die Ruthenen käpmfen wollen. Graz. Der Führer der Wiener Christlich-Sozialen, Dr. Lueger, hat bei der Feier in Göstling, die dem Stollendurchschlag für die zweite Wiener Hochquellenwasserleitung sralt, bei dem Festmahl nach einem Toast auf den Kaiser eine L o b r e^d e auf den Freiherrn Albert Rothschild gehalten. Namens der Stadt Wien sprach der Bürgermeister „den wärmsten Dank" aus, und zwar „für das chevalereske Benehmen des Herrn Baron, der als Grundbesitzer im Steinbachtal den Stollenbau ermöglicht habe. Dr. Lueger erhöhte diese Dankeshuldigung, indem er hinzufügte: ^Nicht überall hat die Gemeinde Wien ein solches Entgegenkommen gefunden." Es gab Zuhörer, die in diesem Satze eine Spitze gegen das Stift Heiligenkreuz sehen wollten, das in dieser Gegend auch begütert ist. . . . Dann wendete sich Lueger -an den anwesende^ Vertreter Rothschilds, an dessen Güterdirektor Prasch,