Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 105 (5.1898)
- Date
- 1898-05-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 105. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. 11 feld, S. Heit, Ignaz Kantor und Landesschulrath Dr. Gustav Kohn und seit Kurzem auch Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Sigmund Zins, einer der Gründer unseres Vereines. Geehrte Versammlung! Wenn Sie die Vorgänge der letzten Zeit verfolgt haben, so werden Sie die Wahrnehmung machen, dass die antisemitische Bewegung ihren stürmischen Siegeslauf bereits wesentlich verlangsamt hat. Weder bei den jüngsten Gemeinderaths wählen noch bei den Wahlen in die Steuer-Schätzungs-Commissionen haben unsere Gegner neue Erfolge zu erringen vermocht, ja es ist vielmehr bei beiden Anlässen die Sache des Fortschrittes, wenn auch nur um Geringes, gestärkt worden. Wir sind weit davon entfernt, an diese Thatsachen übertriebene Erwartungen zu knüpfen. Die Lage ist noch immer ernst genug, aber sie ist nicht mehr hoffnungslos. Ziehen wir noch die Vorgänge in unserem Parlamente in Betracht, so dürfen wir bei dem daselbst herrschenden Chaos mit Zuversicht die Erwartung hegen, dass mit der vollständigen Lahmlegung aller Kräfte durch das excessiv gewordene Princip des Nationalitätenhasses endlich auch das unheilvolle Princip des Racenhasses ad absurdum geführt werden muss. Wir haben uns wohl gehütet, in diese Ereignisse activ einzugreifen, wir haben aber dieselben mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt und glauben, ohne optimistisch zu sein, an dieser Stelle die Hoffnung aussprechen zu dürfen, dass die Segnungen derjenigen Bewegung, die uns im Jahre 1848 die lang ersehnte Freiheit brachte, in nicht allzuferner Zeit uns wieder von jenen Mauern befreien werden, mit welchen man für uns Juden in Oesterreich ein neues sociales Ghetto schaffen wollte. Umso mehr ist es die Pflicht aller unserer Glaubensgenossen, in der Vertheidigung aller verfassungsmässigen Rechte treu und unermüdlich auszuharren, die „Oesterreichisch-israelitische Union" in ihren Bestrebungen mit aller Kraft zu unterstützen und für die Ziele unseres Vereines eifrige Propaganda zu machen. So wollen wir denn, wie jene Gilde aus alter Ghettozeit, als „Harrer auf den Morgen" mit neuem Muthe, mit ungeschwächter Arbeitslust auch in dem neuen Vereinsjahre unserer Aufgabe gerecht werden. * * * Der Rechenschaftsbericht wurde von der Versammlung stellenweise stürmisch acclamirt und zum Schlüsse mit dem vom Vorstandsmitgliede Herrn B. Kanitz verlesenen Cassaberichte genehmigend zur Kenntniss genommen.