Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 102 (3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union, Nr. 102. Verweigerung der Zuständigkeit an jüdische Petenten; Ausschliessung jüdischer Gewerbsleute bei Vergebung von communalen Arbeiten zum Nachtheile der Gemeinde. In eclatanter Weise hat sich dies vor Kurzem bei der Vergebung der currenten Arbeiten im jährlichen Betrage von fl. 400.000.—, resp. n. 500.000.— gezeigt. Anstreicher, Spengler, Installateure, Steinzeuglieferanten etc., von welchen manche tüchtige Gewerbsleute in der heutigen Versammlung anwesend sind und die seit einer .Reihe von Jahren die einschlägigen Arbeiten zur Zufriedenheit der Gemeinde ausgeführt haben, wurden nunmehr von solchen Arbeiten und Lieferungen ausgeschlossen; Verweigerung der Baubewilligung für T e m p e 1bauten, selbst wenn diese Kaiser-Jubiläums-Stiftungen sind; Verleihung der Salvatormedaille an Pfister, dagegen Verweigerung des Bürgerrechtes für Sonnenthal, den grössten unter den lebenden deutschen dramatischen Künstlern. So gross auch die Vorzüge sind, die unserem Stamme seit jeher innewohnen, so kommen doch bei uns Fehler vor, die an und für sich nicht bedeutend, dennoch geeignet sind, unseren Feinden als wirksame Angriffsobjecte zu dienen. Wie in früheren Jahren, so muss ich mich auch noch heute gegen Fehler aussprechen, welche unserem Stamme zwar nicht erbeigenthümlich angehören, aber durch die innige Berührung mit unserer Umgebung von dieser auf uns übertragen worden sind. Es gibt für uns Juden keine Conivenz gegen Antisemiten, kein Compromiss mit unseren Todfeinden. Es gibt gewisse Fragen, über die man nicht mit einem Lächeln oder mit einem artigen Händedruck hinwegtänzeln kann. In der vorigen Woche hat einer der glänzendsten jüdischen Redner, ein begnadeter Dichter, GustavKarpeles, in unserem jüdischen Museum einen Vortrag gehalten, der bestimmt ist, einen Markstein im geistigen Leben der Wiener Judenschaft zu bilden. Im Rückblick auf Ereignisse in vorigen Jahrhunderten, die sich zum Staunen und Entsetzen aller Edeldenkenden auch in unseren Tagen und bei einem geistig hochstehenden Volke wiederholen, hat der Redner ausgerufen: „Wehe dem Volke, welches das nationale Ehrgefühl höher stellt als Recht und Gerechtigkeit!" Fünfzig Jahre, nachdem ein ganzes Volk von unwiderstehlichem Drange nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erfasst worden, werden wir schaudernd Zeugen von Scenen, wie sie sich seit zwei Monaten im niederöstereichischen Landtage, seit zwei Jahren im Wiener Rathhause abspielen. Das Recht wird gebeugt, das Gesetz mit Füssen getreten; ein ganzes Volk, das durch seine grosse Vergangenheit Bewunderung verdienen, durch sein 2000jähriges Leiden Theil-