Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 100 (2.1898)
- Date
- 1898-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 100. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. 3 Aus dem Protokolle der am Samstag den 22. Jänner 1898, stattgefundenen Vereinsversammlung der „Oesterr.-Israel. Union". Vorsitzender: Präsident Wilhelm Änninger. Schriftführer: Secretär Josef Fuchs. Nach Begrüssung der zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste durch den Vorsitzenden, ergriff Herr Landtagsabgeordneter Professor Kick das Wort zu seinem Vortrage: „Die gegenwärtige politische Situation". Redner entwarf zunächst einen Rückblick auf die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Oesterreich und führte dann aus, dass aus Gründen der Unklarheit in der obersten Leitung des Staates seit 1879 Oesterreich in einen Zustand der Unordnung gerathen sei. Eine Arroganz der kleineren Nationen Oesterreichs sei es, ihre Sprache der deutschen als gleichwerthig zu halten. Wir sehen traurige Zustände in Böhmen, die durch Leidenschaft und Verirrung bedingt sind. Die Decemberereignisse in Prag wurden weitaus nicht so geschildert, wie sie thatsächlich stattgefunden haben, sie können nicht als gemeine Pöbelbewegung allein bezeichnet werden. Diese Ereignisse sind ein Ausfluss der Verkennung der thatsächlichen Verhältnisse, ein Ausfluss des Grössenwahns und alten Hasses der Czechen gegen die Deutschen. Als Oesterreicher müsse ihn die schwankende Haltung der Regierung mit Schmerz erfüllen, traurig sei es zu glauben, einer solchen Bewegung durch kleinliche Nachgiebigkeit Herr zu werden. Als Statthalter Koller seinerzeit bei ähnlichen Verhältnissen mit Schiessen drohte, kam es nicht dazu; zu einer solchen Drohung kam es jetzt nicht, dagegen ist viel Blut geflossen. Der Grund hiezu liegt in der Schwäche und Charakterlosigkeit der leitenden Person. Hätte diese den Standpunkt des Rechtes vertreten, wie seinerzeit Koller, es wäre zu keinem Blutvergiessen, zu keiner Plünderung gekommen. Bezeichnend sei es, dass kürzlich die czechische Akademie ~ der Wissenschaften eine Reihe deutscher Gelehrter zu ihren Mitgliedern gewählt habe. Redner bespricht sodann die jüngsten Ereignisse im niederösterreichischen Landtage und bezeichnet die Interpellation des Abgeordneten Schneider, betreffend die Anstellung einiger Juden bei der Polizei, als den Ausdruck eines pöbelhaften Geistes, der einen Menschen wie Schneider vollauf charakterisire. Wie könne man an die Regierung eine solche Fragestellung richten, ohne von derselben gehörig zugedeckt zu werden? Es müsse gesagt werden, dass er kein Recht zu einer solchen Frage habe, da sie eine Gesetzesverletzung bedeute. Redner erwartet,