B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 4 (4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 103 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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103 Sigmund Freud, dem Schöpfer einer neuen Seelenlehre, dem Mehrer jüdilchen Ansehens in der Welt, dem großen Bruder, seien zu seinem siebzigsten Geburtstagam 6. Mai die folgenden Seiten gewidmet. Gegen jede ungewohnte Idee, ja gegen jeden neuen Menschen leisten wir einen triebhaften Widerstand. Äußere Anlässe, die durch den Rhythmus allgemein menschlichen Schicksals uns bewegen, setzen an die Stelle solchen Widerstandes das Wohlwollen. Unser Orden ist eine große Schule mitmenschlichen Wohlwollens. Wenn auch dieses Wort oft nur in dem Sinne gütiger, fast mitleidiger Nachsicht gebraucht wird, so fühlen wir uns glücklich, an einem großen und seltenen Beispiel zu erfahren, daß Wohlwollen in Wahrheit die Freude ist, über alle persönlichen Sonderanschauungen hinweg mit einem Menschen um seiner Existenz willen verbunden zu sein. Nicht nur Mitleid, auch Bewunderung vereint. Es gibt heute kaum eine Beschäftigung mit Tatsachen des geistigen Lebens, die nicht mehr oder minder von der Kraft der Freudschen Richtungmitbestimmt wäre. Es ist bei Lehren wie bei Menschen: es kommt auf die Richtug, das heißt den Sinn des Ganzen an. nicht auf den Inhalt irgendeines wandelbaren Teiles. Freud hat uns gelehrt, die geistigen Äußerungen und Leistunigen nicht nur daraufhin zu analysieren, wie sie erscheinen, sondern auch was sie „bedeuten", und er hat diese „Bedeutung" in unbewußten Triebregungen erschaut. Das machte den beobachtenden Arzt zum bewunderten Tiefenforscher der Seele. Wenn uns nun überdies das (geheime Band der Ordensgemeinschaft ihm, dem Bruder, menschlich nähern läßt, so möge er es der erhöhten sittlichen Kraft zngute halten, die solche Verbundenheit für uns bedeutet. Als ich ihn um einen Beitragzu diesem Heft ersuchte, schrieb er: „Wenn iSie flbei mir anfragen würden, ob Sie eine Nummer der B'nai B'rith-Monatshefte meinem 70. Geburtstag widmen sollen, würde ich Sie inständig (bitten, von dieser Absicht abzulassen, da mir alles, was an Feierlichkeit streift, schwer erträglich ist." Allein auch im Sinne seiner Lebensanschauung dürfen wir über die Rücksicht auf sein persönliches Empfinden den sittlichen Anspruch der Verbundenheit stellen. Denn die sittliche „Konstitution" des Menschen bedingt das Gleichgewicht des Lebens, und nur sie ist es, die allenthalben Kulturentfaltung ermöglicht. Wir danken ihm für den Beitrag, der diesem Heft besonderen Wert gibt und der — vielleicht zum erstenmal — seine Stellung zu unserem Orden umschreibt. Wir danken auch den hervorragenden Brüdern des Wiener Distriktes, die uns Freud, der eines der Wahrzeichen dieser Zeit ist, in dem vertrauten Rahmen unseres Ordens und in seiner sittlichen Bedeutung zeigen. T.